»Na, was ham wir denn da?«, fragte der Sergeant.
Er langte mit der mächtigen Pranke zu und zog den kleinen Dolch hinter dem Rücken des Mädchens hervor. Jo war von der Schnelligkeit des Riesen sichtlich überrascht und zitterte vor Angst, da sie beim Stehlen und Lügen ertappt worden war. Ihr nervöser Blick huschte zur Tür, wohl, wie Achmed vermutete, in der Hoffnung auf Hilfe in Gestalt von Rhapsody.
»Sieht ganz nach einem Messer aus«, antwortete sie.
»Und was hat ein Mädchen wie du damit vor?«, fragte Grunthor mit gespielt grimmiger Miene und zog aus seinem Arsenal eine lange, gefährlich aussehende Klinge. »Wenn du eine Waffe zur Hand nimmst, sieh zu, dass sie was taugt. Das hier ist ein Dolch, der sich zu tragen lohnt.« Er reichte ihr den Dolch, den sie zögernd und sichtlich überrascht entgegennahm.
»Der hat ’ne wirklich gute Schneide. Und siehst du den bronzenen Grat? Damit lassen sich die Attacken des Gegners besonders gut parieren. Und wenn dir so eine Parade gelingt, kannst du im Handumdrehn zum Gegenangriff ansetzen. Siehst du?«
»Ja«, sagte das Mädchen und lächelte zaghaft.
»Dann üben wir das jetzt mal. Abwehr und Gegenstoß, verstanden?« Grunthor machte ihr die Aktion mit dem kleinen Dolch vor und sah sich plötzlich von Achmed mit missbilligenden Blicken bedacht.
»Was hast du?«, fragte Grunthor irritiert. Der Dhrakier nickte auf das Mädchen, worauf Grunthor mit den Achseln zuckte. »Na und? Schadet doch nichts.«
Kopfschüttelnd setzte Achmed seine Lektüre fort. In diesem Augenblick kam Rhapsody ins Zimmer zurückgeeilt. Sie war außer Atem und sichtlich alarmiert.
»Da nähert sich ein Trupp Reiter«, sagte sie.
34
»Sie sind schnell, sie sind schon fast an der Pforte.« »Was?« Achmed stand die Überraschung ins frostige Gesicht geschrieben. Er eilte durch die Tür der Bibliothek in den Flur hinaus. Vom Fenster aus sah er zehn Männer in den Garten eindringen und vorsichtig durch den blutbefleckten Schnee stapfen.
An der Spitze ging ein Mann in schwerem grauem Kapuzenmantel, flankiert von weißen Wölfen. Als er den Baum in der Mitte des Gartens erreichte, blieb er stehen, schaute ins Geäst auf und ging dann interessiert um den Stamm herum.
Beim Anblick dieses Mannes drang ein schwaches Summen an Achmeds inneres Ohr, ein Summen, das er weniger zu hören als zu fühlen meinte. Er wich vom Fenster zurück, schwang mit einer einzigen Bewegung der Schulter die Cwellan vom Rücken und fing sie mit den Händen auf.
Selbst durch die dicken Mauern des Turms hindurch spürte er die Schwingungen, die von dem Mann in Grau ausgingen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, und das Summen wurde immer lauter. Achmed kehrte in die Bibliothek zurück und warf die Tür ins Schloss.
»Haben sie dich gesehen?«, fragte er Rhapsody.
»Nein«, sagte Rhapsody, »ich glaube nicht. Kaum dass ich einen Blick von ihnen erhascht habe, bin ich hier herauf gerannt, um euch zu warnen. Hast du eine Ahnung, was sie wollen? Ob sie mit Cifiona im Bunde sind? Oder sind sie der Kinder wegen gekommen?«
»Jedenfalls nicht, um ihnen zu helfen«, sagte Achmed. »Ihr Anführer löst das gleiche Ekelgefühl in mir aus wie der Anblick des Hauses.«
»Prächtig«, sagte Grunthor und zückte seinen Langdolch. »Zu dumm, dass ich mein Stangenbeil draußen zurückgelassen habe.«
»In den engen Räumen hier kannst du sowieso nichts damit anfangen«, entgegnete Rhapsody.
»Darum geht’s mir nich, Herzchen. Aber wenn es den Mistkerlen ins Auge fällt, wissen sie, dass wir hier sind.«
»Na prima«, stöhnte Achmed. »Rhapsody, bring die Kinder nach oben. Grunthor, verbarrikadiere die Tür hier, sobald ich draußen bin.«
»Du wirst doch wohl nicht allein nach draußen gehen?«, sagte Rhapsody, die einem Jungen, der zu schluchzen angefangen hatte, einen Arm um die Schultern legte.
»Doch. Ganz auf mich gestellt bin ich am besten. Und jetzt bring sie bitte nach oben.«
Achmed öffnete die Tür. Die Wachsoldaten hatten den Flur, in dem die Kinder eingesperrt gewesen waren, noch nicht betreten. Schnell schlüpfte er durch die Tür, die von Grunthor gleich darauf geschlossen wurde. Nachdem der Riese sie auch noch mit dem Querbalken verriegelt hatte, machte er sich daran, die Lesepulte der Bibliothek zu einer Barrikade zusammenzustellen.
Rhapsody führte die Kinder über die Treppe nach oben. Nicht so sehr die Miene, wohl aber ihre Stimme verriet, dass sie sich große Sorgen machte.
Wie eine Katze schlich Achmed durch die Schatten, unbemerkt von den Banditen, die in den langen Flur eindrangen, noch ehe er ihn vollständig durchquert hatte. Sie bewegten sich wie gut ausgebildete Kämpfer und waren schwer bewaffnet. Bis auf den Anführer hatten sich alle mit Kettenhemden gepanzert. Manche trugen eine Armbrust.
Ungesehen in einer Ecke kauernd, schloss Achmed die Augen und lauschte. Er zählte fünfzehn Kämpfer, ausgenommen den Anführer und jene neun, die vor der Pforte Posten bezogen hatten. Es fuchste ihn, dass Rhapsody und die Kinder im Turm eingesperrt waren, doch hatte sich keine bessere Möglichkeit ergeben. Immerhin war Grunthor bei ihnen, der die Angreifer aufhalten würde, bis er, Achmed, einen nach dem anderen von hinten unschädlich gemacht hätte.
Genau damit würde er nun beginnen. Er schlüpfte durch die Tür, die Grunthor aus den Angeln gebrochen hatte, und huschte in den langen, blutverschmierten Gang hinaus zu. Die neun Männer vor der Pforte starben, ehe ihr Anführer den Garten verlassen hatte.
In der Bibliothek wartete Grunthor hinter der behelfsmäßigen Barrikade aus Lesepulten geduldig ab. Er hatte einen Pfeil auf die Sehne seines Langbogens gelegt und die Spitze des Langdolchs griffbereit vor sich ins Holz gerammt. Eine Weile später hörte er ein Rütteln an der Tür, gefolgt von wuchtigen Stößen. Da versuchte jemand mit Gewalt einzudringen.
Grunthor schmunzelte. Ohne die Hilfe eines Rammbocks wäre es selbst ihm kaum möglich gewesen, die massive Tür niederzureißen. Plötzlich riss der Ansturm ab; stattdessen klopfte es an der Tür.
»Hallo? Ist da jemand?«, meldete sich eine freundliche, angenehme Stimme mit schalkhaftem Unterton. »Dass ihr mich aus meinem eigenen Hause aussperrt, ist wirklich nicht nett. Seien wir doch vernünftig, ja? Lasst mich rein. Ich weiß, dass ihr da drin seid.«
»VERZIEHT EUCH!«, röhrte Grunthor.
Plötzlich flog mit lautem Krachen die Tür auf. Qualmende Holzsplitter schössen durch den Raum, schwarze Flammen loderten auf, und die Luft füllte sich mit Rauch.
Sechs oder sieben Männer stürmten herbei. Grunthor ließ einen Pfeil nach dem anderen von der Sehne schnellen. Er hörte Armbrustbolzen dicht neben sich in das Eichenholz der Lesepulte einschlagen und erwiderte den Beschluss. Einer der Angreifer stürzte getroffen zu Boden. Zwei andere hatten in Deckung gehen können.
Von größerer Gefahr als diese beiden waren jedoch drei Schwertkämpfer, die mit gezogenen Klingen über ihn herzufallen versuchten. Einen brachte er mit einem Pfeil in den Schenkel zu Fall, ehe die beiden anderen auf die Barrikade sprangen. Weitere Männer drangen durch die Tür. Den ersten wehrte Grunthor mit einem Pfeil ab, den er ihm von Hand durch die Brust stieß. Den zweiten stoppte er mit seiner gewaltigen Faust. Als er sich von den übrigen vier Kämpfern rechts und links der Barrikade eingezingelt sah, griff er zum Langdolch. Er musste auf die Knie gehen, um den Bolzengeschossen der Armbrust auszuweichen, die in die Treppenstufen und die Holzpulte vor ihm einschlugen. Mit einem schnellen, gezielten Hieb erdolchte er den ersten, doch ihm schwante, von den anderen bald überwältigt zu werden.
Er parierte deren Attacken so gut es ging und bemerkte plötzlich, dass einer der Angreifer mit einer rauchenden Wunde in der Stirn zu Boden ging.