Dann sah er Rhapsodys schlanke Gestalt durch sein Blickfeld huschen und über den nächsten Eindringling herfallen. Schmunzelnd wandte sich Grunthor demjenigen zu, der ihm zu nahe rückte, und staunte nicht schlecht, als dieser seinen Hieb abzuwehren vermochte, ohne dass ihm das Schwert aus der Hand gerissen wurde. Grunthor setzte nach, stach und schlug mit dem Langdolch zu, musste aber selbst eine tiefe Fleischwunde im Unterarm hinnehmen, ehe es ihm endlich gelang, den gut trainierten Gegner außer Gefecht zu setzen.
»Tüchtig, tüchtig«, sagte er anerkennend mit Blick auf den toten Kämpfer.
Dann eilte er Rhapsody zu Hilfe, gerade noch rechtzeitig, denn sie wurde soeben mit einem Tritt in die Knie von den Beinen geholt. Er erschlug ihren Widersacher mit einem gewaltigen Hieb und half ihr vom Boden auf.
»Schön, dich zu sehn, Herzchen.«
Rhapsody lächelte. »Das beruht auf Gegenseitigkeit«, antwortete sie.
Kaum hatten sie sich in Erwartung weiterer Angriffe dem Eingang zugewandt, explodierte abermals dunkles Feuer, das die beiden zu Boden schleuderte und die vielen Bücherregale in Flammen aufgehen ließ.
Achmed ging hinter dem Altar im Garten in Deckung und sah, wie der Mann mit den Wölfen die Hand hob. Ein Blitzstrahl aus schwarzen Flammen sprang aus seinem Handteller und zertrümmerte die schwere Pforte zum Turm, die gleich darauf von Teilen seiner Mannschaft gestürmt wurde. Achmed legte seine Cwellan an und nahm seine Ziele ins Visier. Als Erste fielen jene beiden Posten, die vor den Türen zum Garten Wache standen. Der nächste Schuss galt dem Mann im grauen Mantel. Der drehte sich um, als die Silberscheiben auf seinen Kopf zusausten, ihr Ziel jedoch verfehlten. Stattdessen flackerten sie plötzlich auf und verglühten dicht vor den Augen des Mannes. Lachend hob er die Hand, aus der ein schwarzer Flammenball fuhr, durch die Luft flog und vor dem Sockel des steinernen Altars explodierte. Der Untergrund bebte merklich, die Holzgestelle, an denen die toten Kinder hingen, krachte zu Boden, und der Altar zerbrach, doch konnte Achmed in letzter Sekunde unbeschadet zurückweichen.
Als er hörte, dass etliche Kämpfer in den Garten gelaufen kamen, trat er sofort wieder in Aktion und ließ einen tödlichen Hagel seiner Scheibengeschosse auf die Banditen hereinprasseln. Deren Anführer aber war außerhalb der Schusslinie. Ein Wall aus dunklen Flammen versperrte den Weg zur Eingangshalle. Fluchend eilte Achmed auf das Haupttor zu, dem, soweit er wusste, einzigen anderen Zugang zum Turm. Dass die Flammen schwarz waren, bestürzte ihn zutiefst. Offenbar hatte das Wissen um diese dunkle Kraft den Untergang der Insel überlebt.
Grunthor und Rhapsody sprangen vom Boden auf, als die Flammen und ätzender Rauch um sich griffen. Im Türausschnitt sahen sie die Silhouette eines Mannes. Grunthor langte nach einem der Beile, die in seinem Waffengurt steckten, und schleuderte es auf die Gestalt zu. Doch ehe die Waffe ihr Ziel fand, verschwand sie in einer dunklen Feuerzunge.
»Gebt euch geschlagen«, tönte eine Stimme. »Ihr steckt in der Falle. Legt die Waffen ab, und ich werde die Flammen zurücknehmen. Weigert ihr euch, bin ich gezwungen, euch zu Asche zu verbrennen.«
Die Stimme, die aus dem dunklen Feuer tönte, klang voll und süß wie Honig an einem warmen Tag. Rhapsody fühlte sich durch sie an die Zeit unmittelbar nach dem Aufstieg aus der Wurzel erinnert.
Und dann wäre da das Feuer.
Was soll damit sein?
Komm her. Leg das Schwert ab und lass es hier.
Sei’s drum. Und nun?
Und jetzt sieh dir das Feuer an.
Ich sehe es.
So. Und nun geh langsam darauf zu Himmel, wie ist das möglich?
Die Ursache bist du. Siehst du, wenn du dich nicht schnell wieder beruhigst, geht unser hübsches kleines Nest noch in Flammen auf und womöglich der ganze Wald.
Rhapsody schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Sie richtete all ihre Konzentration auf das Feuer.
»Gib Frieden«, sagte sie.
Die Flammen reagierten sofort. Das von Büchern und Schriftrollen gespeiste Feuer ging zurück und verlosch.
Als ein wütendes Fluchen von der Tür aus laut wurde, ließ sie in ihrer Konzentration nach, worauf das Feuer wieder aufflammte.
Sie geriet in Panik, und die Flammen loderten noch höher auf als zuvor. Dass sie einsah, einen Fehler gemacht zu haben, ließ das Feuer wieder zurückgehen. Gleichzeitig spürte sie, wie eine fremde Kraft gegen ihren Willen ankämpfte. Sie umklammerte das Heft ihres Schwertes und versuchte, ihre Gedanken und Gefühle von der Klinge ableiten zu lassen. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Das Feuer ging aus, was von der Tür her mit einem wütenden Aufheulen quittiert wurde. Rhapsody trat vor die Barrikade und stellte sich dem Feind, der das schwarze Feuer hervorgerufen hatte. Vor lauter Rauch konnte sie ihn nur in Umrissen erkennen. Er blieb eine Weile vor ihr stehen und war dann plötzlich verschwunden. Dass er sie deutlicher gesehen hatte als sie ihn, war nicht anzunehmen, obwohl ihre Kapuze zurückgefallen war und das Gesicht und die im Licht des verlöschenden Feuers schimmernden Haare freigelegt hatte. Wahrscheinlich, so vermutete sie, hatte ihn der Anblick ihres Schwertes in die Flucht geschlagen. Zusammen mit Grunthor eilte sie zur Tür, doch die Schattengestalt war schon nicht mehr zu sehen. Im Obergeschoss hörte sie die Kinder jammern.
Achmed hatte gerade die lange Eingangshalle durchquert, als er den grau bemäntelten Mann auf sich zuhasten sah. In der Linken hielt er ein Langschwert, auf dessen schwarzer Klinge ein dünner weißer Streifen verlief. Von der Waffe strahlte eine Kraft aus, die Achmed als ein Prickeln auf der Haut wahrnahm. Die Gestalt selbst machte ihn ekeln.
Der Mann blieb kurz stehen und bedachte den Dhrakier mit flüchtigem Blick. Achmed konnte nicht viel von ihm erkennen, sah aber hinter dem Visier des Kriegshelms erstaunlich blaue Augen grinsen. Achmed warf seine Cwellan über die Schulter und zog blitzschnell das lange dünne Schwert, auf das er nur in den seltensten Fällen zurückgriff, nämlich als letztes Mittel, wenn er mit der Cwellan nichts mehr auszurichten vermochte. Der Anführer der getöteten Kämpfer grinste breit, nickte kurz mit dem Kopf und sprang durchs Fenster nach draußen.
Ihm nachsetzend, ließ der Dhrakier das Schwert fallen, brachte die Cwellan wieder in Anschlag und spähte durch die zerborstene Scheibe. Der Flüchtende hatte sich nach harter Landung schon wieder aufgerafft, als Achmed auf ihn anlegte. Doch zum Schuss kam er nicht, denn plötzlich tauchten die weißen Wölfe in der Halle auf und zwangen ihn zur Selbstverteidigung. Sie hetzten auf ihn zu, doch ehe sie über ihn herfallen konnten, hatte er sie mit der Waffe seiner eigenen Erfindung zur Strecke gebracht.
Als er sich wieder dem Fenster zuwandte, war der Mann in dem langen grauen Mantel verschwunden.
35
Schweigend hockten die drei Gefährten vor einem niedrig brennenden Lagerfeuer und warteten darauf, dass die Kinder einschliefen. Sie hatten beschlossen, die Nacht im Freien zu verbringen, denn es stand zu befürchten, dass der Mann in Grau mit Verstärkung zum Haus zurückkehren würde.
Nachdem Wolldecken aufgetrieben und die Kinder darin eingepackt worden waren, hatte sich die seltsame Truppe unverzüglich auf den Weg zurück nach Haguefort gemacht, dem Schloss von Stephen Navarne.
Es war schon längst dunkel geworden, als die Erwachsenen schließlich einsehen mussten, dass sich die jüngeren Kinder nicht länger auf den Beinen halten konnten. Sie schlugen daraufhin ihr Lager auf und gruppierten sich um zwei kleine, von Rhapsody eingerichtete Feuerstellen. Müde und erschöpft, wie sie waren, nickten die Kinder bald ein; nicht weniger als fünf von ihnen hatten sich dicht an Rhapsody geschmiegt.
Als sie sicher sein konnte, dass die Kleinen eingeschlafen waren, blickte sie zu Achmed auf.