»Ich fürchte, wir schaffen’s nicht«, sagte sie. »In den Wäldern und bei dem Schnee haben wir mit den Kindern kaum eine Chance. Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe sie uns eingeholt haben.«
»Ich weiß.«
»Wenn wir einen sicheren Unterschlupf finden, könnte sich einer von uns allein durchzuschlagen versuchen.«
»Nich weit von hier gibt’s ’ne verlassene Bärenhöhle, im Nordwesten, ungefähr anderthalb Wegstunden entfernt«, sagte Grunthor. »Die war groß genug und ist außerdem trocken.«
Nach einem kurzen Moment der Verwirrung leuchtete ihr Gesicht im Feuerschein auf. »Oh, ja natürlich! Fast hätte ich ihn vergessen: deinen besonderen Sinn für die Erde. Tut mir Leid, Grunthor.«
Sie dachte zurück an die Szene im Haus der Erinnerung, an die Zerstörung, die der Mann in Grau angerichtet hatte. »Dieses Miststück versteht sich aufs Feuer, und das nicht zu knapp.«
»Allerdings«, pflichtete ihr Achmed bei.
»Und seine Männer warn verflixt gut ausgebildet«, fügte Grunthor hinzu, »nich bloß irgendwelche dahergelaufenen Banditen, sondern regelrechte Profis.«
»Auch das ist mir nicht entgangen.«
»Ich nehme an, er ist die Person, auf die der Vertrag Bezug nimmt, der Rakshas«, sagte Rhapsody nachdenklich. Das Feuer war heruntergebrannt und knisterte leise, wie um sich ihrer Stimmung anzupassen.
»Wie kommst du darauf?«
»Nun, zum einen hat er das Haus als das seine bezeichnet, und im Vertrag steht, dass der Rakshas nunmehr Herr dieses Hauses ist. Dass dieser Kerl außerdem von dämonischer Art ist, war mir sofort klar. Das Feuer, mit dem er uns beworfen hat, fühlte sich verquer und böse an.«
»Und nicht nur das«, sagte Achmed. »Mir ist ein ganz ähnliches Gefühl aufgestoßen, als ich ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekam dank dieser sonderbaren Gabe, die mich auch das Haus hat sehen lassen. Übrigens, das Feuer war schwarz. Hast du jemals schwarzes Feuer gesehen, Grunthor?«
Der Bolg gab keine Antwort; er starrte zu Boden und schüttelte nur den Kopf. Rhapsody blickte von dem einen Gefährten zum anderen.
»Was? Was ist?«, fragte sie nervös.
»Wir können deinen Verdacht nur bestätigen«, antwortete Achmed. »Es deutet alles darauf hin, dass dieser Kerl, den wir den Rakshas nennen, zur Unterwelt gehört. Als ich ihn sah, wurde mir schlecht – doch erst in dem Augenblick, da ich ihm ins Gesicht schaute, nicht vorher. Wäre er ein Dämon, hätte ich viel früher Notiz von ihm genommen. Trotzdem steht er irgendwie mit dämonischen Kräften im Bunde, ich weiß nur noch nicht, wie. Um eine Antwort darauf zu finden, müsste ich ihn noch einmal sehen.«
»Lieber nich«, meinte Grunthor. »Wir sollten ihm aus dem Weg gehen.« Achmed nickte.
»Aber wie lässt sich verhindern, dass er seine Verbrechen wiederholt?« Rhapsody tätschelte das Kind auf ihrem Schoß, das im Schlaf zu stöhnen angefangen hatte.
»Jedenfalls nicht durch uns. Das überlassen wir besser Herzog Stephen und seinen Soldaten. Immerhin können wir ihnen jetzt sagen, wonach sie suchen müssen.«
Die überrascht aufblickenden grünen Augen funkelten im Feuerschein wie Edelsteine. »Könnten wir ihn denn nicht aufzutreiben versuchen?«
»Das habe ich ja schon getan. Aber Fehlanzeige. Er hat keine Spur hinterlassen, der ich hätte folgen können. Also, selbst wenn wir es versuchten, würden wir ihn nicht finden. Außerdem haben wir fünfzehn Kinder bei uns. Willst du mit denen Jagd auf ihn machen?«
Rhapsody schwieg. Sie starrte in die Flammen und dachte an das, was die Kinder durchgemacht hatten und wovor sie jetzt durch ihr Eingreifen bewahrt blieben. Doch für wie lange? Gleichwohl, Achmed hatte Recht. Im Augenblick gab es nur eines für sie zu tun. Sie mussten die Kinder nach Hause zurückführen, zumindest nach Navarne, wo sich Stephen um sie kümmern würde.
Achmed reichte das Tagebuch an Rhapsody weiter, denn er wollte wissen, was sie davon hielt. Während sie darin las, streichelte sie über das Haar des Kindes, das, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, dicht neben ihr kauerte. Schließlich blickte sie auf.
»Das ist ein über vierhundert Jahre alter Bericht aus der Zeit nach der Vertreibung aus Canrif durch die Firbolg gegen Ende des Cymrischen Krieges.«
»Ja.«
Die glitzernden grünen Augen schauten ihn fragend an. »Und?«, fragte sie und kniff die Brauen zusammen. Anstatt zu antworten, stand Achmed auf und stocherte im Feuer herum.
»Was ist los, Achmed?« Als er immer noch nichts sagte, dämmerte ihr die Antwort. »Oh, nein. Du willst doch nicht etwa dorthin?«
Er begegnete ihrem Blick. »Das war doch wohl von Anfang an klar, oder?«
»Zugegeben«, sagte sie. »Aber jetzt, da wir wissen, dass diese Leute dieselbe Karte und denselben Plan haben, stellt sich die Sache ganz anders dar.«
»Ach, du warst doch immer schon dagegen. Aber denk einmal scharf nach. Diese Hunde sind nicht in Canrif; sie sind hier ...«
»Wer sagt denn, dass sie nicht mehr in Canrif sind?«, fiel sie ihm ins Wort.
»... und im Unterschied zu uns handelt es sich bei denen nicht etwa um Bolg.«
»Sprich für dich. Ich bin keiner.«
»Darum bist du überall willkommen. Für uns aber gibt es nur einen Ort, an dem wir leben können, und das ist Canrif. Wir, Grunthor und ich, haben es satt, uns im Land der Menschen immer bedeckt halten und leise treten zu müssen. Bei den Bolg bist du eher gelitten als unsereins bei euch.«
»Klar«, entgegnete Rhapsody, »als Fleischmahlzeit.«
Achmed verlor allmählich die Geduld. »Hast du denn ein besseres Ziel vor Augen? Ich habe dir angeboten, dich nach Tyrian zu bringen, ins Land der Lirin, aber du wolltest ja unbedingt mit uns kommen. Steht dir der Sinn jetzt nach was anderem? Wenn ja, zeig ich dir den Weg, und du kannst mit den Gören abziehen. Bring sie her, Grunthor.«
Rhapsody machte große Augen; sie hatte die letzte Bemerkung nicht verstanden. Der Riese sprang auf, eilte davon und kehrte wenig später zurück, ein sich windendes Bündel unter den Arm geklemmt. Es war das Mädchen, das Jo genannt wurde. Es hatte davonzulaufen versucht und fluchte nun aufs Deftigste. Die Sängerin war schockiert und beeindruckt zugleich, hatte sie doch in Jos Alter ganz ähnliche Gassenausdrücke parat gehabt. Das Mädchen schien tatsächlich auf der Straße groß geworden zu sein; nur so war sein Verhalten zu erklären.
Grunthor ließ Jo in den Schnee fallen und musterte sie mit amüsierter Miene. »Na, dann verrat uns doch mal, wohin du so eilig wolltest. Auf den Prinzenball vielleicht?«
Das Mädchen versuchte aufzustehen, wurde aber von der Hand des Riesen, die sich ihr auf den Kopf gelegt hatte, daran gehindert. »Dahin bringen mich keine zehn Pferde zurück«, zischte es und schlug auf Grunthors Hand ein.
»Wovon sprichst du, Jo?«, fragte Rhapsody.
»Von Navarne. Ich habe euch belauscht. Dahin will ich auf keinen Fall zurück. Lass mich aufstehen.«
Rhapsody löste sich vorsichtig von den schlafenden Kindern und sorgte dafür, dass sie warm zugedeckt waren. Dann stand sie auf und trat vor Grunthor hin, der das aufsässige Mädchen weiterhin in Schach hielt.
Rhapsody musterte das Mädchen. Es war lang aufgeschossen, um eine Handbreit größer als sie selbst, dünn und schlaksig. Die Augen waren wässrig blau, aber sehr ausdrucksstark. Rhapsody hatte den Eindruck, auf ihr um viele Jahre verjüngtes Ebenbild zu blicken, und dachte zurück an ihr unglückliches Lebens auf der Straße. Ein ungemein starkes Gefühl von Zärtlichkeit und Mitgefühl für das Mädchen überkam sie.
»Du hast keine Eltern mehr?«
»Nein«, antwortete das Mädchen trotzig. »Lass mich aufstehen, du dicker, hässlicher Ochse.«
Grunthor lachte laut auf und schlug sich vor die Brust. »Oh, du tust mir weh mit deinen Worten«, klagte er gespielt.
»Lass sie aufstehen und mach dich nicht über sie lustig«, sagte Rhapsody. Kaum war Jo frei, richtete sie ihren stechenden Blick auf die Sängerin. Doch dann entspannte sich ihre Miene.
Rhapsody ging neben Jo in die Hocke und fragte: »Warum willst du nicht zurück nach Navarne?«