»Weil man mich da als Diebin sucht, und ich will nicht, dass man mir die Hand abhackt.«
Rhapsody war sichtlich erstaunt. »Die Hand abhackt? Hast du je erlebt, dass in Navarne einem Dieb die Hand abgehakt worden ist?«
Das Straßenmädchen presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. »Nein, aber es weiß doch jedermann, dass das die Strafe ist.«
Die Sängerin lächelte. »Verstehe, unser guter alter Jedermann weiß wieder einmal alles. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass unter Herzog Stephen solche Strafen tatsächlich verhängt werden.«
»O doch. Er ist ein mieser Klotzkopf.«
Diesmal lachten alle drei. »Ein zweifellos sehr scharfsinniges Urteil von dir, bedenkt man, wie eng befreundet ihr seid«, erwiderte Rhapsody. Als sie aber die Panik im Gesicht des Mädchens sah, wurde sie ernst. Jo hatte Angst, und die war nicht gespielt.
»Ich mache dir einen Vorschlag. Wie wär’s, wenn ich dich dem Herzog als meine Schwester vorstelle? Ich habe bei seinen Kindern und so auch bei ihm einen Stein im Brett, und deshalb wird er wohl, was dich betrifft, ein Auge zudrücken.«
Das Mädchen starrte sie an. »Das würdest du für mich tun?«
»Ja, aber es muss der Wahrheit entsprechen, denn zu lügen ist mir unmöglich. Das verträgt sich nicht mit meinem Beruf.«
Jo zog die Stirn kraus. »Was soll das denn heißen?«
»Ich werde dich, wenn du einverstanden bist, als Schwester adoptieren. Dann brauche ich nicht zu lügen, und der Herzog wird über deine Vergehen hinwegsehen.«
»Gütiger Himmel«, murmelte Achmed.
»Ist das ’ne Angewohnheit von dir, die du uns bislang unterschlagen hast?«, wollte Grunthor wissen.
»So könnte man’s auch nennen«, antwortete Rhapsody mit breitem Grinsen. »Seid froh, dass ich euch beide adoptiert habe. Von anderen als meinen Brüdern würde ich mir so viele Unverschämtheiten nicht gefallen lassen.«
»Nun, die äußerlichen Ähnlichkeiten sind ja nich zu übersehen, besonders die zwischen uns beiden, nicht wahr, Euer Liebden?«
»Was meinst du, Jo?«, fragte Rhapsody. »Willst du meine Schwester sein? Ich habe mir schon immer eine gewünscht. Wir sehen uns sogar ein bisschen ähnlich.«
Jo schnaubte. »Du machst Witze.«
»Aber nein.« Die Sängerin schüttelte den Kopf. »Wir haben beide blonde Haare und helle Augen.«
»Ihr könntet glatt als Zwillinge durchgehn«, kicherte Grunthor.
»Halt’s Maul«, zischte Jo, was Grunthor nicht daran hinderte, ihr ein freundliches Lächeln zu schenken.
»Tatsächlich hast du einiges mit unsrer Gräfin hier gemein. Das vorlaute Mundwerk zum Beispiel. Ich rate dir, den Vorschlag der Gräfin anzunehmen, sonst seh ich schwarz für dich in Navarne.«
»Hallo, Schwesterherz«, beeilte sich Jo zu sagen.
Rhapsody klatschte vor Vergnügen in die Hände. »Prima. Aber ich glaube, es macht sich besser, wenn du mich einfach Rhapsody nennst. Wie heißt du?«
Das Mädchen sah sie an wie einen Schwachsinnigen. »Das weißt du doch. Jo.«
»Ist Jo nicht eine Kurzform? Wofür? Und hast du auch einen Nachnamen?«
Das Mädchen verschränkte die Arme vor der Brust. »Leck mich.«
»Jo Leck-mich. Ein seltsamer Name.«
»Immerhin passt er zu dir«, meinte Achmed, worauf sich die trotzige Miene des Mädchens unwillkürlich in ein Schmunzeln auflöste.
»Na bitte«, sagte Grunthor. »Du hast ja Humor. Den hast du in unsrer Gesellschaft auch nötig.«
Am Morgen fanden sie die von Grunthor in Aussicht gestellte Bärenhöhle, ein zwischen dichtem Gestrüpp verstecktes Loch, das in einen erstaunlich großen Hohlraum unter der Erde führte. Achmed hatte sich als Erster hineingewagt und feststellen können, dass der Bau unbewohnt und sicher war. Rhapsody kam mit den Kindern nach und bereitete sie auf eine Zeit des Wartens vor.
»Du kannst die Vorräte getrost aufbrauchen«, sagte Achmed. »Ich bin sicher, Stephen wird uns genügend Proviant mit auf den Weg geben, wenn wir zurückkommen, um euch zu holen.«
Rhapsody sah sich nervös im stillen Wald um. Mit dem Untergang der Sonne war es kälter geworden. Die Oberfläche des Schnees gefror zu einer harten Kruste, und die Kinder fingen an zu frieren. »Beeilt euch bitte«, sagte sie, obwohl ihr bewusst war, dass sie sich diese Mahnung hätte ersparen können. »Ich will nicht, dass wir sie gerettet haben, nur um sie wenig später erfrieren zu lassen.«
»Das ist wohl weniger zu befürchten«, erwiderte Achmed schmunzelnd. »Ich bin sicher, dir wird schon noch einfallen, wie du sie vor der Kälte schützen kannst. Gefährlicher ist etwas anderes, vor allem ein gewisser Kerl in Grau. Bleib mit den Kindern also immer in Deckung. Ich lege ein paar Spuren, die ihn, falls er hier aufkreuzen sollte, ablenken werden. Außerdem ist Grunthor da, der Wache hält.«
Rhapsody schaute Achmed ins Gesicht und lächelte. »Ich weiß. Sei vorsichtig.« Sie umarmte ihn und wandte sich dann ab, um zurück in die Höhle zu klettern.
»Rhapsody?«
»Ja?«
»Wenn ich wieder zurück bin, sollten wir uns über dieses Mädchen unterhalten.«
Rhapsody drehte sich zu ihm um. »Warum nicht jetzt gleich?«
Der Dhrakier schüttelte den Kopf. »Dazu fehlt die Zeit. Ich will so schnell wie möglich bei Stephen sein.«
»Dann gibt es nichts zu bereden«, entgegnete Rhapsody. »Ich weiß, was du sagen willst... dass ich sie nicht hätte adoptieren sollen, dass ihr nicht zu trauen ist.«
Achmed nickte. »So ist es.«
»Na schön. Ich habe meine Wahl getroffen, jetzt musst du dich entscheiden. Jo und ich gehören zusammen. Wenn du uns los sein willst, werden wir nach deiner Rückkehr auf getrennten Wegen weiterziehen.«
Achmed schnappte nach Luft und versuchte seine Wut zu zügeln. »Es wäre nett gewesen, du hättest uns vorher zu Rate gezogen.«
»Ich weiß«, antwortete Rhapsody leise. »Du hast Recht, und es tut mir Leid. Der Entschluss kam ganz spontan. Er schien mir genau das Richtige zu sein.«
»Was ist ›das Richtige‹ für dich? Du hast unsere Überlebens-Chancen aufs Spiel gesetzt, Rhapsody. Ist dir das überhaupt klar?«
»Wie kannst du so etwas sagen, nach dem, was wir in diesem Haus gesehen haben?«, empörte sich Rhapsody. »Ausgerechnet du, der es schafft, ein ganzes Heer von Soldaten im Alleingang aufzureiben. Sie ist noch ein Kind, Achmed. Und im Unterschied zu den anderen armen Kindern, die wenigstens noch ein Zuhause haben, steht Jo mutterseelenallein da. Wir hätten sie ja vielleicht zurücklassen sollen, damit sie ohne uns die besseren Überlebenschancen hat.«
»Und wie kommt es verdammt noch mal, dass du dich ausgerechnet für sie verantwortlich fühlst?«
Rhapsodys Stimme senkte sich zu einem bedrohlichen Wispern. »Ich habe mich dazu entschieden. Ob du es mir nun glaubst oder nicht, ich bin tatsächlich in der Lage, meine eigenen Entscheidungen zu fällen. Dass du mich immer zu bevormunden versuchst, ändert daran nichts. Und dies ist eine meiner Entscheidungen. Entweder sie bleibt oder wir trennen uns von euch. Ich werde sie auf keinen Fall im Stich lassen.«
»Wenn’s denn interessiert: Ich find die Kleine ganz nett«, schaltete sich Grunthor ein. Seine Miene war ernst.
Der Dhrakier wandte sich dem Freund zu und schien angestrengt nachzudenken.
»Bist du denn bereit, Verantwortung für sie mit zu übernehmen?«
»Sicher doch, warum nich? Es hat schließlich auch bei unserer Gräfin funktioniert.«
»Das ist nicht zu vergleichen.«
»Warum nicht?«, fragte Rhapsody. »Worin liegt der Unterschied? Ihr wolltet mir helfen; jetzt bin ich es, die ihr helfen will.«
Achmed rang sich ein Lächeln ab. »Du glaubst, wir wollten dir helfen?«
Rhapsody schlug die Augen auf. »Ja, zu Anfang jedenfalls, und das gegen meinen Willen. Ich wollte nämlich gar nicht weg von der Insel.«
»Und dir ist nicht in den Sinn gekommen, dass wir dich nur deshalb mitgenommen haben, weil wir dich als eine Art Rückversicherung ganz gut gebrauchen konnten?«
»Oder als letzte Reserve, wenn es sonst nichts mehr zu futtern gegeben hätte«, warf Grunthor ein.