»Klar, auch daran habe ich gedacht, aber mit der Zeit hat sich etwas anderes herausgestellt. Sei’s drum, das Mädchen braucht uns. Es wird uns keine Probleme machen, keine größeren zumindest als ich.«
»Tja also, wenn du’s so siehst...«
»Sie ist jähzornig bis zur Zerstörungswut«, sagte Achmed gereizt.
Rhapsodys Miene verdüsterte sich. Sie warf einen Blick zurück auf die Höhle, um sich zu vergewissern, dass Jo nicht mithören konnte.
»Mit Verlaub«, entgegnete sie frostig, »das ließe sich uns gelegentlich auch vorwerfen.«
»Sprich für dich selbst«, sagte Grunthor.
»Das tue ich. Jo braucht mich, sie braucht uns. Und ich brauche sie. Ich übernehme Verantwortung für sie. Wenn ihr uns nicht länger bei euch haben wollt, müssen sich unsere Wege eben trennen. Jedenfalls werde ich sie nicht allein lassen.«
Verärgert stieß Achmed einen Schwall Luft aus. »Also gut, von mir aus soll sie mitkommen. Allerdings sollte ihr von Anfang an klar sein, dass wir uns voll und ganz auf sie verlassen können müssen. Wohin wir gehen, darf sie wissen; aber verrate ihr lieber nichts von unserer Vergangenheit. Einverstanden?«
Rhapsody warf sich ihm um den Hals, so stürmisch, dass er das Gleichgewicht verlor. »Ja. Danke.«
Dann ließ sie schnell wieder von ihm ab und brachte seinen verrutschten Umhang in Ordnung. »Und jetzt beeil dich. Sei vorsichtig und lass dir vom Herzog auch Medikamente mitgeben.«
Über eine Woche harrte die seltsame Gruppe, auf Achmed wartend, in der Höhle aus. Kraft ihrer Feuerkunde konnte Rhapsody die Felsen erhitzen, sodass sie es warm hatten wie in einem Haus mit bullerndem Kamin.
Zu essen gab es genug. Grunthor hatte Proviant für mehrere Wochen bei sich, und was er selbst an einem Tag an Nahrung brauchte, machte alle Kinder satt. Weil es nicht nötig war, Feuer zu machen, blieb die Luft in der Höhle sauber und frisch, und es stieg auch kein Rauch auf, der auf sie aufmerksam gemacht hätte.
Weil der Mangel an Licht den Kindern zu schaffen machte, zog Rhapsody ihre Tagessternfanfare und rammte die Schwertspitze in den weichen Boden der Höhle. Die Flammen, die, ohne Rauch zu entwickeln, der Klinge entsprangen, füllten den Raum mit warmem Licht. Noch wohliger wurde die Stimmung durch die Lieder, die Rhapsody zur allgemeinen Unterhaltung leise vortrug. Mit Hilfe der Kräuter aus ihrem Gepäck versorgte sie die Wunden der Kinder und stellte sie ruhig, damit kein Laut nach draußen drang, der sie verraten würde.
Wie gewohnt, hielt sie morgens und abends ihre Andacht ab. Wenn sie dann ihre Lieder anstimmte, tauchten die Gesichter ihrer jüngst adoptierten Enkelkinder Gwydion und Melisande vor ihrem geistigen Auge auf, lächelnd wie während ihres letzten Beisammenseins. Der Kontrast zu den bleichen, ängstlichen Gesichtern, die jetzt auf sie gerichtet waren, hätte nicht größer sein können und machte ihr Angst um alle Kinder von Navarne.
Selbst wenn sie schliefen, entspannten sich die Mienen der Kleinen nicht, die bis in die Träume hinein von ihren Nöten verfolgt zu werden schienen. Rhapsody dachte an Analise zurück, an jenes von Michael spöttisch Petunia genannte Mädchen, das sie vor diesem Unhold gerettet hatte.
Unter dem Schutz von Nanas Wachen war sie mit Analise in die Weiten Marschen geflohen, in die große offene Ebene, die Ostend im Norden, Westen und Süden umschloss. Dort hatten sie die Anführerin der Liringlas aufgesucht, die ihnen bereitwillig Unterschlupf gewährt hatte. Das Kind war herzlich aufgenommen worden, und als Rhapsody schließlich Abschied von ihm genommen hatte, hatte sie es in guten Händen gewusst. Analise, hoch zu Ross im Sattel vor der Lirinfürstin sitzend, lachend und winkend – dieses Bild war Rhapsody nach wie vor in lieber Erinnerung.
Erst sehr viel später sollte sich der Verlustschmerz einstellen, ein Schmerz, der sich auch nicht durch das Wissen darum lindern ließ, dass sie für das Waisenkind das einzig Richtige getan hatte. Sie vermisste Analise und fragte sich, ob das Kind nach seinen schrecklichen Erfahrungen mit Michael jemals wieder glücklich geworden war. Rhapsody hatte damals gelobt, sich jedem Missbrauch von Kindern entschieden und mit aller Macht Zur Wehr zu setzen, zu welchem Preis auch immer. Sie streichelte die kleinen Hände im Dunkeln und drängte die Erinnerungen zurück. Mehrere Tage lang tobte ein heftiger Sturm und heulte wie ein Rudel Wölfe über dem Einstieg der Höhle. Rhapsody tröstete sich mit dem Gedanken, dass der Wind und das Schneetreiben ihre Spuren verwischt haben würden; dennoch machte sie das unablässige Heulen beklommen.
Als draußen ein Baum umgerissen wurde, schrien die Kinder vor Angst auf und suchten Trost in Rhapsodys Armen. Manche waren so verschreckt, dass sie sogar ihre Scheu vor Grunthor ablegten und seinen Schutz erbaten. Er lenkte sie mit seinen Scherzen ab und brachte sie zum Lachen, auch wenn es über ihnen noch so sehr tobte und das Donnergrollen Lehm und Steine von den Höhlenwänden bröckeln ließ. Endlich legte sich der Sturm; die Kinder aber rückten von ihrem neu gewonnenen Freund, dem Riesen, nicht mehr ab.
Grunthor hielt tagsüber Wache, legte sich dann nach dem Abendessen aufs Ohr und schlief bis Mitternacht, um anschließend wieder seinen Posten zu beziehen. Rhapsody und Jo wachten, so lange er schlief. Doch da war niemand, der ihrem Versteck nahe kam, nicht einmal die Tiere des Waldes. Längst war alles Wild geflohen vor dem Bösen, das den Wald verpestet hatte.
Die beiden, Rhapsody und Jo, lernten sich in dieser Zeit besser kennen und fanden Zuneigung zueinander. Doch immer noch weigerte sich das Mädchen, Auskunft über seinen vollen Namen zu geben. Die beiden hatten einen ganz ähnlichen Sinn für Humor und mussten sich häufig zurückhalten, um nicht lauthals und ausgelassen loszulachen, was die anderen und vor allem Grunthor womöglich irritiert hätte.
Wenn sie Jo beobachtete, fühlte sich Rhapsody oft an die eigene Kindheit erinnert, und das stimmte sie traurig. Unglückliche Umstände hatten das Mädchen zu einem Leben auf der Straße verurteilt, und ganz ähnlich war es Rhapsody in jungen Jahren ergangen. Jo war ohne Familie; Rhapsody hatte die ihre und alle Freunde und Bekannten verlassen. Sie alle, die ihr lieb und teuer waren, lebten nun schon längst nicht mehr; sie hatten nie erfahren, was aus ihr, Rhapsody, geworden war. Die Träume, die solchen Erinnerungen folgten, waren so qualvoll, dass sie ihr wie eine Strafe für all ihre Verfehlungen vorkamen. Rhapsody ertappte sich immer häufiger bei dem Wunschgedanken, das Mädchen anstatt ins Land der Bolg nach Navarne zurückführen zu können. Schließlich vertraute sie sich Jo an, die sie mit einer Kopfbewegung in Richtung auf die schlafenden Kinder daran erinnerte, wie wichtig es war, vorsichtig zu bleiben und sich nicht etwa in Sicherheit zu wiegen.
Endlich, nach gut einer Woche, kehrte Achmed mit Verstärkung zurück. Der lärmende Tross kündigte sich schon in der Ferne an; Grunthor war durch seinen scharfen, übernatürlichen Sinn für das Erdreich sogar noch früher auf sie aufmerksam worden.
Taumelnd stieg Rhapsody auf in schmerzhaft blendendes Tageslicht, schirmte die Augen mit den Händen ab und spähte durch das mit Raureif überzogene Dickicht den Rettern entgegen.
Sie hörte Hufgetrappel und das Knarren von Pferdewagen, die sich langsam auf dem Fuhrweg durch den Wald näherten, derselben Straße, die Rhapsody vor Tagen mit Achmed und Grunthor in Richtung auf das Haus der Erinnerung eingeschlagen hatte.
Es dauerte fast noch eine ganze Stunde, ehe die Soldaten in Sicht kamen, insgesamt mehr als vierzig Männer, angeführt von Achmed und Stephen zu Pferde. Als die beiden in Sichtweite waren, richtete sie sich auf und winkte, worauf sich auf dem Gesicht des Herzogs ein Lächeln zeigte. Stephen sprang aus dem Sattel, eilte herbei und begrüßte sie mit stürmischer Umarmung.
»Allmächtiger, ist alles in Ordnung mit dir? Welche Sorgen habe ich mir seit Achmeds Ankunft um dich gemacht!« Er rückte um Armeslänge von ihr ab und musterte sie mit aufmerksamen Blicken. Dann räusperte er sich, verlegen darüber, dass er errötete.