Rhapsody tätschelte ihm die Schulter. »Es geht uns allen gut, Hoheit, und das verdanken wir Euch. Die Kinder sind mit Grunthor in der Höhle.«
»So hol sie doch her; ich will sehen, wen wir da haben«, sagte er und beugte sich über den Einstieg zur Höhle.
Als er Stephen erblickte, rief Grunthor seine Schützlinge zusammen. »Hopp, hopp, nehmt Aufstellung, schön in Reih und Glied«, befahl er ihnen, und die Kinder gehorchten. Endlich konnten sie wieder unbeschwert miteinander plappern und lachen.
Grunthor reichte ein Kind nach dem anderen durch den Ausstieg nach oben, wo sie von Rhapsody und dem Herzog in Empfang genommen wurden. Er sprach ihnen Mut zu. Manche von ihnen erkannte er wieder, befragte das eine oder andere Kind, und schließlich waren alle vierzehn der Höhle entstiegen und in die Obhut der Soldaten gestellt. Ganz zum Schluss trat Jo in Erscheinung, von Grunthor mit einem kräftigen Schubs in Bewegung gesetzt. Rhapsody ergriff ihre bleiche, zitternde Hand.
»Eure Hoheit, darf ich Euch meine Schwester Jo vorstellen?« Sie lächelte dem Mädchen aufmunternd zu und richtete dann ihren Blick wieder auf den Herzog von Navarne.
Stephen starrte Jo einen Moment lang an, ehe er sich Rhapsody zuwandte, deren Lächeln merklich strahlender geworden war. »Wie geht’s, Jo?«, fragte er schließlich. »Es ist mir eine Ehre, ein weiteres Mitglied aus Rhapsodys Familie kennen zu lernen. Bedauerlich, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind.«
»Find ich nicht«, murmelte Jo vor sich hin.
»Sind das alle Kinder?«, fragte der Herzog.
Das Lächeln verschwand aus Rhapsodys Gesicht. »Ja«, sagte sie mit trauriger Stimme. »Ich wünschte, es wären mehr. Wir haben das ganze Haus der Erinnerung durchsucht, aber keine weiteren Kinder gefunden.« Jedenfalls keine lebenden, fügte sie im Stillen hinzu.
Stephen nahm sie liebevoll bei den Schultern. »Ich bin dir und deinen Freunden sehr dankbar für alles, was ihr getan habt«, sagte er. »Wenn wir am Wochenende zurück sind, werden viele trauernde Eltern und Anverwandte überglücklich sein.«
»Ach, wenn es doch nur mehr wären«, entgegnete sie in Gedanken an die kleinen, leblosen Körper, die auf so grausige Weise geopfert worden waren. »Ich hoffe nur, Eure Soldaten haben starke Nerven und keine eigenen Kinder.« Sie warf einen Blick auf Grunthor, der den Kindern auf den Wagen half, und wandte sich erneut mit ernstem Blick dem jungen Herzog zu.
»Ich empfehle Euch, gemeinsam mit den Kindern umzukehren«, sagte sie. »Ihr habt genug gelitten, Hoheit. Überlasst die Aufräumarbeiten am Haus lieber anderen.«
Der Herzog senkte den Blick. »Nenn mich doch einfach Stephen«, sagte er. »Ich will der Empfehlung folgen.«
»Wie sind so weit, Eure Hoheit«, rief der Hauptmann der Truppe. Rhapsody und der Herzog sahen einander noch eine Weile in die Augen. Widerstrebend nahm Stephen die Hände von ihren Schultern. Rhapsody ging an den Wagen, verabschiedete sich von den Kindern und warf ihnen Kusshände zu. Die kleinen Gesichter waren ihr zugewandt, manche ernst, andere lächelnd. Es würde noch lange dauern, ehe sie von ihrem Trauma geheilt wären. Der Kutscher brachte die Pferde in Bewegung, und, flankiert von berittenen Soldaten, rollte der Wagen in Entgegengesetzter Richtung auf dem Fuhrweg davon.
Stephen stieg über einen am Boden liegenden Baumstamm hinweg, trat auf die beiden Bolg zu und gab ihnen die Hand.
»Vielen Dank«, sagte er. »Navarne und meine Familie stehen für immer in eurer Schuld. Ich habe vier Pferde für euch bereitstellen lassen und ein Empfehlungsschreiben mit meiner Unterschrift aufgesetzt, das euch weiterhelfen wird, falls ihr auf Schwierigkeiten stoßen solltet. Und denkt daran, dass ihr in meinem Hause stets willkommen seid.«
»Nett von Euch«, sagte Grunthor und schüttelte mit der ihm eigenen Herzlichkeit die Hand des jungen Mannes.
»Was sind eure Pläne?«, fragte der Herzog und richtete sich dabei an Achmed.
Der musterte mit seinen ungleichen Augen das Gesicht seines adeligen Gegenübers und sagte schließlich: »Unser nächstes Ziel ist Canrif. Es wäre mir lieb, wenn Ihr diese Information für Euch behalten würdet.«
»Selbstverständlich. Ich schlage vor, ihr reist in nördlicher Richtung bis auf das orlandische Plateau und folgt dann der Hauptstraße über Bethania nach Bethe Corbair, der äußersten Provinz von Roland an der Grenze zu den Bolgländern.« Achmed nickte. Das war auch die Route, die der entsprechende Eintrag im Notizbuch empfahl.
»Wenn ihr in der Provinz von Bethe Corbair die Ebene der Krevensfelder erreicht habt, auf die die Hügel im Westen auslaufen, solltet ihr nach Südosten weiterziehen und euch der Stadt von Süden her nähern. Das ist der sicherere Weg. Falls es trotzdem Probleme geben sollte, wendet euch an den Herzog Quentin Baldasarre oder, wenn der nicht zu erreichen ist, an Lanacan Orlando, den dort amtierenden Seligpreiser. Er ist ein sehr gütiger Mann. Zeigt ihm mein Schreiben, und ich bin sicher, dass er euch helfen wird.«
Rhapsody hatte sich mit Jo den beiden hinzugesellt. »Vielen Dank«, sagte sie. »Und erlaubt mir, dass ich Euch bitte, Eure Soldaten, die das Haus der Erinnerung durchsuchen werden, anzuweisen, alle Gegenstände, die für Euch von Wert sein können, zu konfiszieren. Denn der Urheber dieser Verbrechen behauptet, Eigentümer des Hauses zu sein, und wird womöglich zurückkehren.« Stephen nickte.
»Ich habe ihn schon darauf hingewiesen, Rhapsody«, sagte Achmed. »Wir müssen uns jetzt auf den Weg machen. Die Zeit drängt, und es wird nicht mehr lange hell sein.«
»Lebt wohl, Stephen«, verabschiedete sich Rhapsody vom Herzog. »Grüßt meine Enkel aufs Herzlichste.« Er nahm ihre Hand, drückte einen Kuss auf den Handrücken und versuchte die gleiche Geste dann bei Jo anzubringen, die aber ihre Hand energisch zurückzog und ihn feindselig anblitzte. Grunthor und Achmed begleiteten den Herzog zu seinem Pferd und verabschiedeten sich, als er in den Sattel stieg. Dann schaute er sich noch einmal um und ritt davon.
»Diese Pferdchen sind nich zu verachten », sagte Grunthor, an Rhapsody gewandt, die Stephen immer noch nachblickte, obwohl er schon verschwunden war. »Wer kriegt das große?«
Rhapsody wandte sich um, dem Riesen zu. Drei der vier Pferde waren rassige Reittiere, das vierte ein für den Kriegseinsatz gezüchteter Kaltblüter.
»Mir scheint, für dich ist diese Stute dort gedacht«, sagte Rhapsody und zeigte auf das zierlichste der vier Pferde.
Grunthor wollte gerade eine launige Antwort geben, als ein klägliches Krächzen laut wurde.
»Ich kann nicht reiten«, jammerte Jo mit erstickter Stimme.
Rhapsody nahm sie bei der Hand. »Dass du noch nie auf einem Pferd gesessen hast, muss nicht heißen, dass du nicht reiten kannst. Wie wär’s, steigst du zu mir in den Sattel?«
Achmed nickte. »Das trifft sich gut. Das vierte Pferd schleppt dann das schwere Gepäck. So kommen wir schneller voran.«
Gesagt, getan. Während Achmed und Grunthor die Gepäckstücke umluden, versuchte Rhapsody, das Mädchen mit gutem Zureden zu beruhigen. Schließlich stiegen sie in die Sättel und machten sich auf den Weg, der sie in nordöstlicher Richtung durch die Provinzen von Navarne und nach Bethania führen würde, später über Bethe Corbair und dann südöstlich durch die Ebene der Krevensfelder dem Tor zum dunklen Reich der Firbolg entgegen.
36
»Was soll das heißen, ich darf nicht in die Stadt hinein? Hab ich eine Woche auf diesem verfluchten Gaul gesessen, um mir dann sagen zu lassen, dass ich draußen bleiben muss? Du bist ein Sausack, Achmed. Ich wünsch dir die Pest an den Hals, auch wenn du sowieso schon hässlich genug bist.«
Achmed warf Rhapsody einen Blick zu, die sich schnell wegdrehte, um ihr Grinsen zu verbergen. Seufzend stieg er aus dem Sattel.
»Erklär mir doch bitte noch einmal, warum ich es zulasse, dass du mit ihr unser Brot teilst«, sagte er und warf die Zügel über den Pferderücken, ohne einen einzigen Blick auf Jo zu verschwenden.