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»Weil du sie gern hast«, antwortete Rhapsody, und ihre grünen Augen strahlten.

»Hmmm. Tja, vielleicht solltest du noch einmal unsere Pläne mit ihr durchsprechen. Bring ihr bei, dass es zu riskant wäre, wenn sie sich in aller Öffentlichkeit zeigte. Womöglich würde sie entführt und als Gesellschaftsdame für das Mädchenpensionat verpflichtet.«

Rhapsody zog die Satteltasche von ihrem Pferd und trug sie in den kleinen Hain, in dem Grunthor ein Lager aufgeschlagen hatte. Jo folgte ihr dichtauf und schimpfte in einem fort, bis sich Rhapsody schließlich umdrehte und sagte:

»Hör zu. Achmed und ich werden uns kurz in Bethania umschauen. Bethania ist die Hauptstadt von Roland, darin wimmelt es von Soldaten und Gardisten, noch mehr als in Navarne.« Die Worte taten ihre Wirkung: Jo wurde plötzlich kreideweiß im Gesicht, worüber sich Rhapsody im Stillen amüsierte.

»Wir wollen möglichst schnell wieder heraus aus der Stadt. Für unsere nächste Station bleibt uns etwas mehr Zeit. Das wäre die Hauptstadt von Bethe Corbair, wo wir Proviant einkaufen und uns ausführlicher umsehen werden. Dort wirst du uns begleiten können, wenn du dich denn benimmst.«

»Na schön«, schmollte Jo.

»Tut mir Leid, wenn wir dir kein so interessantes und aufregendes Leben bieten können, wie du es von der Straße her gewöhnt bist. Aber glaube mir, es ist sicherer so«, sagte Rhapsody und versuchte, das struppige blonde Haar des Mädchens ein wenig zu entwirren.

»Nich unbedingt«, schaltete sich Grunthor ein. Er hatte sich unter einem kahlen Baum rücklings auf den Boden gelegt und die Hände hinterm Kopf zusammengefaltet. »Wenn du willst, dass die kleine Kratzbürste nach deiner Rückkehr noch zur Stelle ist, sieh zu, dass genügend zu essen hier bleibt.«

»Das höre ich nun schon zum x-ten Mal«, entgegnete Jo. »Aber wann hast du das letzte Mal tatsächlich jemanden verspeist?«

»Tot oder lebendig?«

Rhapsody verdrehte die Augen. »Also gut, wir gehen jetzt. Auf Wiedersehen, Jo.« Sie breitete die Arme aus, doch das Mädchen nickte ihr nur kurz zu. Als sich die Sängerin aber dem Firbolg-Riesen zuwandte, sprang der auf die Füße und nahm sie überschwänglich in den Arm.

»Sei vorsichtig«, warnte er, nachdem er sie wieder auf dem Boden abgesetzt hatte.

»Morgen werden wir wieder zurück sein«, versprach Achmed. Es war so kalt, dass seine Worte in der Luft zu gefrieren schienen. »Es könnte allerdings auch ein bisschen länger dauern. Falls wir nach drei Tagen noch nicht zurück sein sollten, musst du mit Jo ohne uns weiterziehen.« Er schulterte sein Gepäck und zwinkerte dem Freund zu.

»Und das täte mir wirklich herzlich Leid für dich.«

Nach Rhapsodys Einschätzung war Bethania rund zwei- oder dreimal so groß wie Ostend und jenseits der Stadtmauern von einem großen Kranz aus Siedlungen und Dörfern umgeben. Aus der Ferne sah die Stadt wie eine riesige Kuppel aus. Die höchsten Gebäude standen in der Mitte; zu den Rändern hin wurden sie in Abstufungen immer niedriger. Der große Ringwall war nach allen Seiten hin mit trutzigen Befestigungsanlagen gesichert, so wie es sich für diese wichtige, in der Mitte der Provinz und im Herzen Rolands gelegene Stadt empfahl. Während ihrer ersten Erkundung waren Rhapsody und Achmed in respektvollem Abstand einmal um die Mauern der Stadt herumgeritten, wobei sie die Anzahl der Wachposten und die Beschaffenheit der Sicherheitsanlagen ausgekundschaftet hatten. Beide waren aufgrund ihrer Beobachtungen zu dem Schluss gekommen, dass es für sie nur einen Weg ins Stadtinnere gab, nämlich zu Fuß und als einfache Bauern getarnt.

So standen sie nun in den schlichten Kleidern, die Llauron ihnen mitgegeben hatte, vor dem Südosttor, einem der insgesamt acht Zugänge zur Stadt.

Im Unterschied zur ländlich idyllischen Provinz von Navarne war Bethania von Anfang an ein kulturelles Zentrum und die Krone eines großen Zeitalters gewesen, das längst vergangen war. Sogar in den Außenbezirken waren die Straßen gepflastert. Es mangelte weder an Geschäften noch Herbergen oder Gasthöfen, und in den großen Wohnhäusern hatten jeweils mehrere Familien Platz. In der Innenstadt waren die Straßen mit Laternen beleuchtet: Öllampen, umschirmt von einer Glaskugel auf blank polierten Messingständern. Überall gab es Pferdetränken und Pfosten zum Anbinden der Pferde.

Nach einer streng beachteten Ordnungsvorschrift durften Rinder und anderes Nutzvieh nur durch einige wenige Tore in die Stadt getrieben werden. Märkte gab es nur in den östlichen und westlichen Bezirken. Die Museen und öffentlichen Gärten befanden sich im Norden und Süden. Im Herzen der Stadt erhoben sich die beiden höchsten und prächtigsten Bauwerke: die Feuerbasilika und die Burg von Tristan Steward, dem Prinzen von Bethania. Die Kasernen der Garnison waren dagegen über die gesamte Stadt verteilt.

Dass die dem Element Feuer geweihte Basilika genau in der Mitte der Stadt errichtet worden war, erschien durchaus angemessen als ein Verweis auf das Feuer im Erdinnern. Schon aus weiter Entfernung hatte Rhapsody den Springborn spüren können, eine pulsierende Flamme, die das eigene Feuer in ihr wachrief. Obwohl diese Quelle nur ein Schatten war im Vergleich zu der Feuersbrunst, durch die sich Rhapsody und ihre Gefährten hatten durchschlagen müssen, ließ sie doch keinen Zweifel daran, dass sie demselben Inferno entstammte; sie war echt, ein reiner elementarer Urquell.

»Lass die Kapuze auf und senk den Kopf«, riet Achmed leise, als sie eine Gruppe von Wachposten passierten. »Geh einfach immer weiter auf das Feuer zu. Ich bin dir dicht auf den Fersen. Du brauchst dich also nicht nach mir umzudrehen.«

Rhapsody nickte und konzentrierte sich auf das Lied der Flamme in der Ferne. Alle unguten Gefühle, die sich ihr aufdrängten, schob sie beiseite. Bethania schien trotz all ihrer Pracht eine Stadt ohne Mitgefühl und Humor zu sein. Die kunstvoll angelegten Gärten wirkten allzu perfekt, die Gebäude allzu elegant oder imposant. Arme Leute oder gar Bettler waren weit und breit nicht zu sehen, dafür aber umso mehr Soldaten. Nun ja, dachte sie bei sich, es ist halt die Hauptstadt. Dass hier mehr Wert auf Sicherheit gelegt wurde, verstand sich von selbst.

Von zahllosen Hinweisen unfehlbar auf den richtigen Weg geführt, pilgerten sie auf die Basilika zu. In einer Straße waren die Pflastersteine mit Goldblatt belegt und zu einem Flammenmuster mit Ausrichtung nach Osten geordnet. Je weiter sie sich dem Tempel näherten, desto häufiger wiederholten sich diese und ähnliche Muster. Rhapsody blieb stehen, um Achmed aufschließen zu lassen.

»Erinnerst du dich an die Tuschezeichnungen in Stephens Museum?«, flüsterte sie.

Achmed drängte sie zum Weitergehen, denn ihm war aufgefallen, dass ein Wachposten Notiz von ihnen genommen hatte. »Ja«, antwortete er leise und ohne die Lippen zu bewegen.

»Der Vorplatz der Basilika war als ein großes flammenfarbenes Mosaik dargestellt, und dieses Muster hier sieht genauso aus. Offenbar sind wir schon ziemlich nahe dran.«

Rhapsody hatte Recht mit ihrer Vermutung. Als die beiden um die nächste Ecke bogen, tauchte die Basilika vor ihnen auf. Sie war ein Rundbau, hoch aufragend und mächtig, aus poliertem weißem, golden geädertem Marmor gebaut.

Die Freifläche ringsum war ein einziges großes Mosaik, begrenzt von gepflegten, flammenförmig beschnittenen Buchsbaumhecken. Die in nuancenreichen Rot- und Gelbtönen gefärbten Mosaiksteine waren in ihrer Anordnung den Strahlen der Sonne nachempfunden. Lapislazuli und andere kostbare Steine brachten, wenn vom Sonnenlicht beschienen, den ganzen Platz zum Funkeln. Zwischen der Basilika und dem Palast im Norden erstreckten sich weitere Gärten, die jetzt zur Winterszeit öde und welk dalagen.

Die Basilika selbst war aus mehreren großen, konzentrischen Ringen aufgebaut, mit aufsteigenden marmornen Sitzreihen, die auf das Zentrum ausgerichtet waren, wo eine riesige goldene Kohlenpfanne stand. Vereinzelt saßen oder knieten einige wenige Gläubige in den Sitzreihen, betend oder meditierend, während zwei Kirchendiener umhergingen und nach dem Rechten schauten.