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Aus der Kohlenpfanne loderte eine ungemein helle Flamme auf, die in den Farben Rot und Orange changierte und wie von blauen, flatternden Bändern durchwirkt zu sein schien. Ihre Wärme und Strahlen riefen Erinnerungen wach, Erinnerungen an jede Feuerwand, durch die sie, Rhapsody und ihre beiden Gefährten, vor langer Zeit und auf der anderen Seite der Zeit hindurchgegangen waren. Unwillkürlich stiegen Rhapsody Tränen in die Augen, als sie an die Umarmung durch die Flammen und das Gefühl der alles verzehrenden Akzeptanz zurückdachte, das im Herzen der Erde über sie gekommen war.

Sie hätte noch lange Zeit bleiben und auf die Flamme in der Kohlenpfanne starren mögen, doch wurde sie in ihrem andächtigen Staunen gestört, als sich Achmeds dünne, kräftige Finger um ihren Oberarm legten.

»Komm endlich«, flüsterte Achmed. »Der da sieht aus wie ein geeigneter Kandidat.«

Mit einer knappen Kopfbewegung machte er auf einen der Kirchendiener aufmerksam, einen Mann in mittleren Jahren mit kahlem Kopf. Er trug ein braunes Gewand, auf dessen Brust eine stilisierte Sonne prangte, die mit ihrer roten Spirale in der Mitte jenem Amulett auffallend ähnlich war, das Rhapsody auf dem Porträt des Segners von Canderre-Yarim im cymrischen Museum gesehen hatte.

Rhapsody spannte die Oberarmmuskeln an, um Achmed zu signalisieren, dass sie verstanden hatte. Die beiden waren übereingekommen, dass sie sich möglichst gründlich über die Basilika und die Geschichten informieren sollte, die von den Gläubigen erzählt wurden, während Achmed solche Winkel auskundschaften würde, die weniger leicht zugänglich waren.

Rhapsody ging auf den Geistlichen zu und machte in respektvollem Abstand vor ihm Halt. Der Mann kauerte auf den Knien und polierte ein Messinggeländer, das zwischen der ersten und zweiten Sitzreihe verlief. Ohne aufzublicken, versuchte er, sie mit wegwerfender Handbewegung zu vertreiben.

»Dem Gesinde ist der letzte Ring vorbehalten«, schnaufte der Kahlköpfige und setzte seine offenbar anstrengende Tätigkeit fort.

Rhapsody warf einen Blick zurück auf Achmed, der sich schon um einiges entfernt hatte. Er signalisierte ihr, die Kapuze vom Kopf zu nehmen, was sie denn auch tat und sich wieder dem Geistlichen zuwandte.

»Bruder?«

Der Mann setzte sich auf seine Hacken und blickte zu ihr auf. Sofort nahm sein Gesicht einen anderen Ausdruck an. Die Kinnlade fiel ihm herunter, und die Augen gingen sperrangelweit auf.

»Liebster Schöpfer! Ist es so weit?«, stammelte er und ließ das Poliertuch fallen.

Simon war schon den ganzen Morgen über mit Putzarbeiten beschäftigt, um das Gotteshaus für die Seligpreisermesse am Hochtag der Woche vorzubereiten. Trotz der winterlichen Kälte war er schwer ins Schwitzen gekommen.

Übe dich in Demut, schärfte er sich immer wieder im Stillen ein, denn Demut war eine der sieben Tugenden der Ordensbruderschaft, und zum vierten Mal an diesem Morgen sprach er sein Gebet. Doch trotz aller eifrig absolvierten Demutsexerzitien ließ ihn sein an Wut grenzender Neid nicht los, ja, er troff ihm gleichsam wie Schweiß aus den Poren und bereitete ihm großen Ekel. Tatsächlich fühlte er sich schon seit dem Aufstehen krank und matt.

Wieder einmal hatte der Abt nicht ihn, sondern Bruder Datralen für den Pflegedienst im Hospital vorgesehen, als die verwundeten Soldaten eingetroffen waren. Und obwohl Simon der ältere und sehr viel erfahrenere Krankenpfleger war, musste er – wieder einmal – in den sauren Apfel beißen und den Putzdienst verrichten, der in frommer Sprache »die Riten der Vorbereitung« genannt wurde. Er war tief in Gedanken versunken und versuchte seinen Ärger zu bekämpfen, als dieses Bauernmädchen auf ihn zukam. Er verwies sie auf den ihm gebührenden Platz, nämlich in den äußeren Ring, doch sie schien ihn nicht verstanden zu haben.

»Bruder?« Die Stimme war weich und so warm wie der Hauch des ewigen Feuers.

Als er aufblickte, sprang ihm das Herz bis in den Hals.

Vor ihm stand, in braunes Sackleinen gehüllt, die Schönheit in Person, eine Frau mit Augen, so tief und grün wie das Meer, und mit Haaren, die wie die Wintersonne glänzten. Dabei strahlte sie eine geradezu magische Wärme aus, die trotz der heiligen Flamme, in deren Nähe er sich aufhielt, deutlich zu spüren war. Das muss der Feuergeist sein, dachte er, der Todesbote, wie er in den alten Sagen beschrieben wird; er ist gekommen, um dich zu holen. Hatte er sich bei den Riten der Vorbereitung so sehr verausgabt?

Ausgerechnet in dem Augenblick, da dieser Engel vor ihm erschien, war er voller neidischer, überheblicher Gedanken gewesen. Ihm sank der Mut. Er war verdammt.

»Liebster Schöpfer! Ist es so weit?«, fragte er mit zitternder Stimme.

Die schöne Erscheinung blinzelte mit den Augen. »Geht es dir nicht gut?«

Simon raffte sich auf. »Oh, vergib mir. Ich... ich habe dich mit jemandem verwechselt.« Er schloss die Augen und betete inständig, dass er im Jenseits nicht auch noch dafür bestraft würde, dass er den Feuergeist mit einem Bauernmädchen verwechselt hatte.

Die Erscheinung verbeugte sich ehrerbietig. »Ich wollte dich bitten, mir etwas über die Geschichte dieser Basilika zu erzählen. Ich komme von weit her.«

Simon zitterte am ganzen Leib. Oje, dachte er und sah sich nach allen Seiten um, in Sorge darüber, dass andere Zeuge seiner Not waren. Jetzt werde ich auch noch geprüft. Es saßen nur wenige Gläubige im Rund, und die waren im Gebet oder in Meditation vertieft. Allerdings wandelte da noch ein Bauer, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, durch die Basilika, bestaunte die Fresken und Mosaiken an den Wänden und auf dem Boden.

Jetzt also soll sich entscheiden, wie mein Leben im Jenseits aussehen wird, dachte er. Mein Verhalten und Wissen als Geistlicher stehen auf dem Prüf stand. Ich werde mich dann wohl anstrengen müssen und mein Bestes geben.

»Es ist mir ein Vergnügen.« Er rang sich ein Lächeln ab und würgte an seinem Herzen, das ihm bis zum Halse schlug. »Hier entlang, bitte.«

»Danke«, sagte Rhapsody und faltete die Hände unter den Ärmeln ihrer Kutte, wie es sich geziemte. Dass ihrem Wunsch so prompt entsprochen wurde, hatte sie gar nicht zu hoffen gewagt, vor allem nicht nach der anfänglichen Reaktion des Geistlichen, der, als er sie erblickte, dermaßen entsetzt zu sein schien, dass ihr selbst kalte Schauer über den Rücken liefen.

Ähnliche Reaktionen auf sie waren ihr schon bei anderer Gelegenheit aufgefallen, so unter Stephens Bediensteten etwa, den Wachposten vor dem Haus der Erinnerung oder den Anhängern von Llauron. Den bislang treffendsten Ausdruck dafür hatte wohl Anborn gefunden, der große cymrische General.

Ah, jetzt weiß ich, wer du bist. Du bist Rhapsody, nicht wahr?

Was macht dich so sicher?

Eine solche Missgeburt wie dich kann es nur einmal geben.

Selbst Khaddyr, der als Heiler den Anblick schrecklich entstellter Patienten gewöhnt war, hatte sie fassungslos angestarrt.

Ich dachte, Ihr könntet Euch für sie interessieren. Mir ist sie ein Rätsel. Eine solche Lirin ist mir noch nie zu Gesicht gekommen.

Was es war, das andere bei ihrem Anblick immer wieder aus der Fassung brachte, blieb ihr unerklärlich. War es ihr Äußeres als Liringlas oder irgendetwas, das sie sich beim Gang durchs Feuer zugezogen hatte?

Manchmal registrierte sie auch Reaktionen, die wie Bewunderung anmuteten, ein Gefühl, das ihr früher in anderer Form im Bordell häufig entgegengebracht worden war. Wie auch immer, sie würde sich damit abfinden müssen. Vielleicht sollte sie Achmeds Beispiel folgen und sich verhüllen. Rhapsody zog die Kapuze wieder über den Kopf und folgte dem schwitzenden Ordensbruder.

Er führte sie als Erstes vor die Kohlenpfanne.

»Das ist die heilige Flammenquelle von Vrackna, dem all-einen Feuergott«, sagte er betont vorsichtig. Plötzlich wieder an den cymrischen Missbrauch dieses Gottesnamens erinnert, der ja eigentlich einen bösen Feuergeist bezeichnete, wurde Rhapsody ganz bleich im Gesicht, was den nervösen Mann an ihrer Seite zusätzlich irritierte. Er musste um Selbstbeherrschung ringen.