»Die ... Basilika ist ein Haus des Schöpfers und insofern einmalig, als sie einem seiner fünf Kinder geweiht ist, nämlich dem Element des Feuers. Die Flamme in dieser Pfanne stammt direkt aus dem Herzen der Erde.«
Rhapsody lächelte, mied es allerdings, ins Feuer zu blicken, denn sie hatte Angst, in Tränen auszubrechen oder angesichts der tanzenden Farben in Trance zu versinken. Stattdessen nickte sie Achmed zu, der sich gerade in der Nähe aufhielt.
»Das ist mein Begleiter«, sagte sie und winkte den Dhrakier herbei. »Er wird bestimmt gern mit anhören, was du zu sagen hast.«
Mit gütigem Lächeln, das inzwischen zur Maske gefroren war, drehte sich der Geistliche um, um Achmed zu begrüßen. Der lüftete den Schleier vor seinem Gesicht und grinste. Gerade noch rechtzeitig hielt Rhapsody ihren Nebenmann am Arm gepackt, der mit verdrehten Augen in Ohnmacht zu fallen drohte.
Der Todesengel war offenbar nicht allein gekommen.
»Das ist mein Begleiter«, sagte die Erscheinung mit sanfter Stimme. »Er wird bestimmt gern mit anhören, was du zu sagen hast.«
Simon hatte sich aufs Schlimmste gefasst gemacht und damit gerechnet, wiederum eines übernatürlichen Wesens ansichtig zu werden, womöglich einem Feuergeist niederer Ordnung. Dann aber sah er sich einem Gesicht gegenüber, das, vom Licht der flackernden Flammen beschienen, die Ausgeburt eines schrecklichen Albtraums zu sein schien. Die Augen stachen, als wollten sie seine Seele aufspießen; der Mund, diese krumme Falte in pockennarbiger Haut, zeigte zur Begrüßung ein höhnisches Grinsen.
Als ihm schwarz vor Augen wurde, wähnte sich Simon schon am Abgrund der ewigen Verdammnis. Falls er denn nun scheitern sollte, würde er, anstatt in den Armen der holden Feuerfee zur Glückseligkeit aufzusteigen, diesem Unhold der Unterwelt ausgeliefert sein, der nichts als Hohn und Spott für ihn übrig hätte. Es schien, als würden Gut und Böse hier und jetzt um seine Seele streiten. Sein letzter klarer Gedanke war ein Seufzer des Bedauerns darüber, dass er den alten Mythen, die schon lange nicht mehr zum Dogma gehörten, nur so wenig Beachtung geschenkt hatte. Simon fing heftig zu zittern an und stürzte vornüber, als ihm das Blut aus dem Kopf sackte.
Eine kräftige, warme Hand hielt ihn gepackt und richtete ihn wieder auf. Als Simon den Kopf hob, stieg ihm von den Haaren der Feuerfee ein feiner Duft in die Nase, und er sah die grünen, unwiderstehlichen Augen auf sich gerichtet.
»Bruder?« Sie lächelte ihm aufmunternd zu, und er fasste neuen Mut. Vielleicht hatte er sie mit seinen Antworten ja doch halbwegs zufrieden gestellt.
Sie beugte sich näher, was ihn schwindeln machte. »Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben«, flüsterte sie. Oh, welch ein Segen, dachte Simon dankbar; die Gottgesandte will mich schonen.
»Es geht mir schon wieder besser. Verzeihung. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, natürlich. Die Gemeinde der Gläubigen unserer Diözese feiert hier ihre Gottesdienste und nutzt dieses Geschenk des Schöpfers zur Reinigung der Gedanken, damit ihre Gebete der Übermittlung durch den Patriarchen würdig sind.«
Die Feuerfee nickte. »Und was hat es damit auf sich?« Sie streckte den Arm aus und zeigte auf die kunstvollen Wandfresken der Basilika.
Simon sammelte all seine Kraft, um ohne Hilfe auf den Beinen zu bleiben. Dann deutete er auf einen Bildausschnitt an der Nordseite des inneren Ringes, der einen jungen Mann mit rotem Gewand und gehörnter Mitra darstellte.
»Das ist das Porträt Seiner Gnaden Ian Steward, des Segners von Canderre-Yarim. Er ist der Seligpreiser unserer Diözese.«
»Tristans Bruder?«, wollte der Dämon wissen. Seine Stimme war so trocken wie schwarzes Feuer und hatte einen überheblichen Unterton.
Simon erschauderte. Auf gar keinen Fall wollte er die Verdammung Seiner Hoheit mit zu verantworten haben. Allerdings wunderte es ihn nicht, dass der Dämon mit dem Fürsten bekannt war. Simon sah sich um und suchte nach Brentel, dem Ordensbruder, der ebenfalls zum Putzdienst eingeteilt war, sich aber offenbar verzogen hatte. Vielleicht war er im Reliquiar oder in der Sakristei. Er richtete den Blick zurück auf die Feuerfee, die ebenfalls auf eine Antwort von ihm zu warten schien.
»J ... ja«, stotterte er. Der Engel nickte und zeigte sich zufrieden. Erleichtert wandte er sich den anderen Fresken zu.
»Das sind die künstlerischen Darstellungen von der Geburt des Feuers«, sagte der Ordensbruder und wischte sich nervös den Schweiß von der Stirn.
Rhapsody folgte seinem Fingerzeig und blickte auf eine Reihe von Mosaiken, die die übrigen Flächen des inneren Ringes der Basilika schmückten. Auf der Ostseite waren die Sonne und eine Sternschnuppe auf schwarzen Kacheln abgebildet, die das Nichts des Universums darstellen sollten. An der Oberfläche der Sonnenkugel tanzten hell leuchtende Flammen.
»Die Erde ist aus einem Bruchstück unserer Sonne entstanden, das durch das Nichts streunte, bis es schließlich in der Umlaufbahn seiner Mutter zur Ruhe gekommen ist«, referierte der Geistliche und suchte nach Zustimmung in Rhapsodys Miene. Weshalb er das tat, war ihr rätselhaft, doch sie lächelte und nickte mit dem Kopf. Erleichtert wandte er sich der Südseite zu.
»Feuerstürme fegten über die Erde, die sich dann aber legten, weil ihnen der ewige Zündstoff fehlte. Das Feuer verzog sich ins Innere, wo es den Kern ausbildete und bis heute in seiner reinsten Form weiterbrennt.« In zehntausenden winziger Mosaikstücke war die erloschene Erde dargestellt, durch die sich eine rote Spirale bis ins glühende Zentrum zog.
Von Simon dazu angeregt, richteten Achmed und Rhapsody nun ihr Augenmerk auf das letzte Bildnis, eine stilisierte Darstellung der Sonne mit roter Spirale, ähnlich dem Zeichen, das er als Amulett um den Hals trug.
»Das ist das Symbol der F’dor, der Kinder des Feuers, also jenes inzwischen ausgestorbenen Urvolkes, das bereits lange vor der Menschheit existierte. Sie zähmten das Feuer, soweit dies überhaupt möglich war, und schenkten es den Menschen, damit sie es nutzten, um ihre Wohnungen im Winter zu wärmen und Waffen zu schmieden. Die F’dor waren die Väter der Schmiedekunst und überhaupt jeglicher Nutzanwendung dieses heiligen, mächtigen Elements, das uns der Allgott als erstes Geschenk gemacht hat.«
Achmeds düstere Miene brachte Simon ins Stocken. Schnell richtete er den Blick auf Rhapsody, die nach wie vor lächelte.
Sie streckte die Hand aus, die der Ordensbruder beherzt ergriff und schüttelte.
»Vielen Dank, es ist jetzt für uns Zeit zu gehen.«
Ohnmächtig sank der Mönch zu Boden. Rhapsody konnte nur noch verhindern, dass sein Kopf auf den harten Fliesen aufschlug.
»Was, um alles in der Welt, ist bloß los mit ihm?«, fragte sie, als sie den Bewusstlosen mit Achmeds Hilfe unter dem Symbol der F’dor mit dem Rücken an die Wand lehnte.
»Nichts«, antwortete Achmed und warf einen Blick auf das Mosaik darüber. Es ist irgendetwas in der Erde, dachte er.
Rhapsody zog den Korken aus ihrer kleinen Schnapsflasche, führte sie an Simons Lippen und träufelte ihm ein Quäntchen in den Mund. Der Mönch hustete, spuckte und bekleckerte sein Gewand, kam aber immer noch nicht zu sich. Sie flößte ihm noch einen Schluck ein und verkorkte dann die Flasche.
»Hoffentlich hilft’s«, sagte sie.
»Fürs Erste vielleicht«, grinste Achmed. »Ordensbrüder, die das Feuer hüten, sprechen für gewöhnlich aus nahe liegenden Gründen dem Alkohol zu. Ich schätze, er wird ganz schön in Verlegenheit kommen, wenn er erklären muss, warum seine Kutte nach Weinbrand stinkt.«
Als er sah, dass wachsende Besorgnis Rhapsodys Blick verdunkelte, drängte er sie zum Aufbruch.
»Keine Bange, er steht gleich wieder auf den Beinen und wird sich zu seiner Entschuldigung schon das Passende einfallen lassen. Diese Leute verstehen sich auf die Kunst der Selbsttäuschung fast so gut wie du.« Er half ihr beim Aufstehen.