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»Was soll das heißen?«

»Komm jetzt endlich. Sobald wir außerhalb der Stadtmauern sind, werde ich dir’s sagen.« Er nahm sie bei der Hand und eilte mit ihr nach draußen, wo die beiden in der Menge der Passanten auf den Straßen untertauchten.

Simon kämpfte gegen seine Ohnmacht an und verlor. In den wenigen Wachmomenten nahm er den bezaubernden Duft der Feuerfee wahr und spürte ihre warmen Hände, die ihn im Nacken abstützten. Er hatte seinen Tod kommen sehen und war von der Feuerfee bei der Hand genommen worden. Vielen Dank, hatte sie gesagt; es ist jetzt ftir uns Zeit zu gehen. Sie hatte ihn erwählt. Das heißt, er war erlöst und nicht etwa 4er Verdammung durch den Dämon mit dem grässlichen Antlitz anheim gestellt. Schwärze umfing ihn.

Doch dann spürte er ihre Hand ein weiteres Mal, und es rann ihm flüssiges Feuer durch die Kehle, wogegen er sich zunächst zu wehren versuchte. Doch dann gewahrte er eine wohlige Wärme, die ihn beruhigt einschlafen ließ, befreit von aller Angst und Not.

Vorläufig jedenfalls, bis ihn der Abt aufwecken würde.

37

»Beeilung!«, murmelte Achmed. Er stand unter dem Giebel eines Harfenbauers und wartete darauf, dass Rhapsody wieder nach draußen kam.

Die Freudentöne, die sie beim Anblick des Ladens von sich gegeben hatte, waren so überschwänglich wie sonst nur bei Kindern, und Achmed hatte es nicht über sich gebracht, ihr den Eintritt zu verwehren.

Ich möchte meinen Enkeln ein paar Geschenke zukommen lassen und brauche selbst eine neue Harfe, hatte sie gesagt.

Allerdings ließ sie sich recht lange Zeit mit der Auswahl. Der Straßenlärm und die Schwingungen der über das Pflaster polternden Karren bereiteten ihm üble Kopfschmerzen. Er wollte schon in den Laden gehen und sie herausholen, als sie endlich in der Tür erschien, aufgelöst und sichtlich verärgert.

»Widerling«, zischte sie und reichte ihm ein Instrument mit drei Saiten.

»Wie bitte?«

»Du bist nicht gemeint«, spuckte sie aus, deutete kurz hinter sich und ordnete dann das Haar unter der Kapuze.

»Was ist passiert?«

»Der Kerl da drin zupft offenbar nicht nur gern an seinen Harfen«, sagte sie erbost, als die beiden den Laden hinter sich ließen und im Strom der Passanten Zuflucht nahmen.

Achmed kicherte vor sich hin und gab ihr das Instrument zurück. »Wie hast du auf ihn reagiert?«

»Ich habe mir vorgestellt, was Grunthor getan hätte, und ihn so gut wie möglich nachzuahmen versucht«, antwortete sie und versteckte das Instrument unter ihrem Umhang. »Aber während er mit der Spitze seines Dolches zugestoßen hätte, hab ich mit dem stumpfen Ende Vorlieb genommen. Und jetzt kann dieses Miststück zur Orgel seine Sopranstimme erklingen lassen.«

»Stammt wahrscheinlich von den Cymrern ab«, meinte Achmed.

Rhapsodys Laune hatte sich schon wieder um einiges gebessert. »Ich habe in der alten Heimat wahrhaftig so manche Typen kennen gelernt, die mit Miststück noch freundlich tituliert gewesen wären.«

»Was hast du gekauft?«, fragte Achmed.

»Eine Heilharfe. Sie soll sich besonders gut eignen als Begleitinstrument für Lieder mit Heilwirkung. Khaddyr hat auch eine, weiß aber nicht richtig damit umzugehen. Sie hat nur drei Seiten. Ich habe selbst noch nie darauf gespielt und werde wohl eine Weile üben müssen. Überhaupt sind die Instrumente dieser Gegend ganz anders es diejenigen, die ich von zu Hause her kenne.«

Er legte ihr seinen Arm um die Schultern, um sie von einem Trupp Soldaten wegzusteuern, die in der Nähe des Südosttors an einer Straßenecke standen und sich lachend miteinander unterhielten.

»Rhapsody, verzeih, wenn ich dich immer wieder darauf aufmerksam mache, aber dein Zuhause ist jetzt hier.«

Im Weitergehen starrte sie zu Boden, wie in Gedanken versunken. Erst als sie das Tor passiert hatten, blickte sie kurz auf.

»Für dich vielleicht«, sagte sie und stierte wieder vor sich hin.

Sie hatten die Stadt schon weit hinter sich gelassen und eine der vorgelagerten Ortschaften erreicht, als Rhapsody plötzlich stehen blieb und Achmeds Arm ergriff.

»Werden wir etwa verfolgt?«

Der Dhrakier nickte und ging weiter. Die beiden kamen an einem Räucherschuppen vorbei, aus dem beißender Rauch quoll. Kreischende Kinder liefen umher. Von dem Gesinde, das hier seiner Arbeit nachging, wäre wohl niemandem erlaubt worden, über die vornehmen Straßen Bethanias zu gehen. Um sich im Lärm der geschäftigen Menge ringsum verständlich zu machen, musste er fast schreien.

»Es ist Grunthor. Er folgt uns schon seit einer Weile.«

»Warum? Und wo ist Jo?« Rhapsody reckte den Hals auf der Suche nach dem riesigen Freund, doch der war nirgends auszumachen.

»In seiner Begleitung vermutlich. Ich habe ihn gebeten, uns im Auge zu behalten.«

Plötzlich schrillte ein Schrei aus dem allgemeinen Trubel, anscheinend von einem Kind, das in Not war. Rhapsody drehte sich um und sah einen kleinen Jungen zusammengerollt am Boden kauern, die Arme um den Kopf geschlungen, um sich vor den derben Tritten eines Mannes mit struppigem schwarzem Bart zu schützen.

Rhapsody wollte sogleich zu Hilfe eilen, wurde aber von Achmed daran gehindert einzugreifen.

»Misch dich nicht ein«, sagte er und registrierte, wie sich die Wut in ihrem Gesicht mit Empörung über seine Worte mischte. »Das ist hier so Sitte. Sieh dich doch um.«

Tatsächlich achtete niemand auf die Misshandlung des Kindes. Alles schaute weg oder nahm nicht mal Notiz davon. Rhapsody versuchte sich loszureißen, doch Achmed ließ nicht locker.

»Wenn du ihm jetzt hilfst, wird dieser Junge später nur umso mehr geprügelt, Rhapsody. Und du kannst nicht noch ein Kind adoptieren. Falls du es doch tun solltest, lass ich dich und Jo hier in Bethania zurück.« Der Junge schrie herzergreifend, doch der Bärtige trat erbarmungslos weiter auf ihn ein.

»Loslassen!«, knurrte sie und geriet in Rage.

Widerwillig gab Achmed sie frei und zog sich zurück. Den Rumpf vornüber gebeugt und mit hoch gezogenen Schultern, rannte sie über die Straße und nahm die Kampfhaltung an, die Grunthor ihr unter der Bezeichnung »Rammbock« beigebracht hatte. Die Sache nahm ihren wilden Verlauf. Achmed blieb nichts anderes übrig, als zuzusehen.

Sie traf den tobenden Mann gleich unterhalb der Brust so wuchtig, dass es ihn von den Beinen riss. Gemeinsam gingen sie zwischen einer Reihe von Fässern und Holzscheiten zu Boden.

Noch im Fallen zertrümmerte Rhapsody ihm mit der Handwurzel das Nasenbein. Blut spritzte in den Dreck der Gosse.

Nach anfänglichem Schock riss der Mann die Augen auf und langte mit beiden Händen hastig nach ihrer Gurgel.

»Hündin, du«, röchelte er, mit den Armen fuchtelnd. »Was ...«

Achmed sah Rhapsody rittlings auf dem Mann am Boden sitzen und mit der rechten Faust zuschlagen, auf die blutige Nase und so kräftig, dass der Hinterkopf mit dumpfem Aufprall zurück aufs Pflaster schlug.

Der Mann streckte alle viere von sich. Rhapsody stand auf und wischte sich die Blutspritzer von der Stirn. Hatten sich die Anwohner um den geprügelten Jungen nicht gekümmert, blieben sie jetzt stehen und hielten Maulaffen feil.

»Wie kommst du dazu, auf ein Kind einzutreten?«, keuchte Rhapsody.

Der Mann blinzelte ins helle Gegenlicht und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

»Er ... ist mein Sohn«, antwortete er mit erstickter Stimme.

»Ach, ja? Das ist also der Grund? Gut zu wissen«, entgegnete sie gallig und trat ihm mit voller Wucht zwischen die Beine, worauf er dieselbe Haltung annahm wie das Kind. Von den Gaffern, die in der Nähe standen, wandten sich einige mit Entsetzen ab.

»So, damit du nicht noch einmal Vater wirst. Denn dazu taugst du nicht!« Sie trat an die Seite des kleinen Jungen, der noch am Boden kauerte, und beugte sich über ihn.

In diesem Moment tauchte am anderen Ende der Straße eine Reitergruppe auf. Achmed sah, wie sich ein Soldat aus dieser Gruppe einem Passanten zuwandte, der mit ausgestrecktem Arm auf Rhapsodys deutete.