Diese versuchte, den in Lumpen gekleideten Jungen zu trösten, streichelte ihm die Wangen und fragte, ob alles in Ordnung sei. Der Kleine nickte und starrte sie mit offenem Mund an.
Rhapsody warf einen Blick über die Schulter zurück auf den Vater und fragte: »Wie heißt du?«
Auf einen Ellbogen gestützt, richtete der Mann sich auf und bedeckte die blutende Nase mit der Hand.
»Styles Nielsen«, hauchte er kaum vernehmlich.
»Hör mir gut zu, Styles Nielsen«, sagte sie mit tiefer, melodischer Stimme, und obwohl Achmed einige Schritte weit entfernt war, konnte er hören, dass sie ihre Kunst als Benennerin anwandte.
»Es ist von nun an dein Lebensauftrag, dieses Kind zu beschützen, liebevoll aufzuziehen und seinen Bedürfnissen zu entsprechen. Wenn du diesem Auftrag nachkommst, wird es dir gut gehen. Solltest du aber dem Kind Schmerz zufügen, wirst du das Zehnfache an Schmerzen erleiden. Und wenn du es mit Worten misshandelst, wirst du das Gefühl haben, als stünde deine Haut in Flammen. Hast du mich verstanden?« Der Mann nickte und starrte ihr mit dem gleichen Ausdruck ins Gesicht wie kurz zuvor sein Sohn.
Von den Reitern weiter oben auf der Straße abgelenkt, sah Achmed die beiden Wachsoldaten einen Augenblick zu spät. Schon hatte einer von ihnen Rhapsody beim Arm gepackt und auf die Straße gezerrt, während der andere ihr die Kapuze vom Kopf riss. Achmed rannte hinzu.
Plötzlich ging alles drunter und drüber. Die Reiter sprengten herbei, ohne Rücksicht auf die Menge der Passanten, die wie aufgescheuchte Hühner auseinander stieben. Die Gaffer rings um Rhapsody rückten nun vor und drängten sich in ihre Nähe. Achmed fuhr dazwischen. Er hatte sie fast erreicht. Ihr glänzendes Haar löste sich aus der schwarzen Schleife und fiel über die Schultern herab. Die Menge kreischte auf und streckte die Hände nach ihr aus. Achmed sah Rhapsody im Gewoge der Arme und Leiber verschwinden.
Jetzt waren auch die Reiter zur Stelle. Mit einem Knüppel bewaffnet, stieg einer von ihnen aus dem Sattel.
Achmed hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben und nicht umgerissen zu werden. Rhapsodys wildem Herzschlag folgend, drängte er durch das Gewimmel. Doch kaum hatte er sie bei ihrem schlanken Handgelenk gepackt, war auch schon der Soldat bei ihr, um sie zu ergreifen.
Da ertönte ein den beiden wohl bekanntes Brüllen, und plötzlich erhob sich ein Gezeter, Schreckensschreie, die sich vom Rand der Menge zur Mitte hin fortsetzten. Sogar die Pferde wieherten schrill und bäumten sich auf. In panischer Angst rannte alles auseinander. Achmed zog Rhapsody hinter sich her, heraus aus dem Gewühl und dem Ausgang des Dorfes entgegen. Im vollen Lauf zog er ihr die Kapuze über den Kopf und warf einen Blick zurück.
Die Panik schien sich halbwegs gelegt zu haben. Die Dörfler blickten in die Runde, offenbar auf der Suche nach der Frau mit den glänzenden Haaren. Für die Soldaten galt es, die Pferde zu beruhigen und zu verhindern, dass sie andere mit ihren Hufen nieder trampelten.
Achmed und Rhapsody hatten sich inzwischen so weit abgesetzt, dass sie es wagen konnten, anzuhalten und nach Luft zu schnappen. Sie starrte zurück, immer noch ganz benommen, wie es schien.
»Komm«, sagte er und zog sie an der Hand. Wortlos eilten sie weiter, so schnell und unauffällig wie möglich, weg von dem Aufruhr, den sie ausgelöst hatten.
Sie marschierten noch immer, als die Dämmerung einsetzte und sich über die Felder der orlandischen Ebene legte. Achmed hatte kurz angehalten, um Rhapsody Gelegenheit zu geben, ihre Andacht abzuhalten, und es entging ihm nicht, dass sie in ihren Liedern eine ähnliche melancholische Note anstimmte wie an dem Morgen nach ihrem Abschied von Llauron. Die traurige Musik half ihm jedoch, die bruchstückhaft in seinem Kopf umherschwirrenden Gedanken zu ordnen, und er hörte sie die Namen von Stephens Kindern flüstern.
Die Schatten wurden länger, und sie gelangten auf eine kleine von Bäumen und Büschen bewachsene Anhöhe. Grunthor hatte diesen Hain als möglichen Rastplatz empfohlen, weil er im Windschatten lag und geschützt war. Achmed schaute sich um und kam zu demselben Ergebnis wie der Freund: Dies war der Ort.
Er führte Rhapsody in die Deckung der Bäume und wischte einen umgestürzten Stamm frei von Schnee. »Setz dich«, sagte er. »Wir müssen miteinander reden.«
Rhapsody seufzte und setzte eine verzweifelte Miene auf. »Verschon mich bitte und erspare mir deine Schelte. Dass ich mich dumm verhalten habe, weiß ich selbst. Aber ich konnte nicht anders, ich konnte nicht tatenlos mit ansehen ...«
»Darum geht es gar nicht«, unterbrach Achmed sie mit leiser Stimme. »Man hat dir heute etwas Falsches beigebracht, eine uralte Geschichte voller Lügen. Ich will dir dabei helfen, sie zu läutern.«
Verwundert sperrte sie die Augen auf. »Wie bitte?«
Achmed nahm ihr gegenüber Platz, stemmte die Ellbogen auf die Knie und legte die Hände vor seinen Lippen zusammen.
»Warten wir, bis es Nacht geworden ist«, sagte er und schaute auf den Horizont, hinter dem die Sonne untergegangen war. »Im Dunkeln haben wir es leichter.«
38
Gerald Owen kam zur Tür der Bibliothek von Haguefort hereingepoltert.
»Eure Hoheit...«
»Ich seh’s, Owen.« Stephen Navarne stand vor dem Ostfenster und schaute auf das im ersten Morgenlicht erwachende Panorama.
An der neu errichteten Befestigungsanlage wimmelte es von bewaffneten Kämpfern, die in mörderischem Gefecht miteinander lagen. Schwarzer Rauch stieg wie eine gespenstische Fahne hinter der hohen Mauer auf.
Von den Baugerüsten vor den Wachtürmen hingen aufgeknüpfte Leichen, die in dem vom Kampf aufgerührten Wind hin und her baumelten. Der Herzog sah mit versteinerter Miene zu, wie ein Soldat von den Zinnen stürzte, im Fallen mit einem der Erhängten zusammenprallte und diesen gegen die Ziegelwand schleuderte.
»Was, im Namen des Schöpfers, geht da nur vor sich?«
Owen knickte in der Hüfte ein und verbeugte sich tief. Vor lauter Angst und Hektik war sein Kopf rot angelaufen.
»Wir werden angegriffen«, keuchte er. »Noch vor dem Morgengrauen sind sie über drei benachbarte Dörfer und den Vorposten im Osten hergefallen. Auch über die Ställe.«
»Und die Soldaten? Die Kasernen im Osten?«
Das gerötete Gesicht des Dieners wurde bleich. »In Flammen, Eure Hoheit. Soweit wir wissen, hat keiner überlebt.«
»Gütiger Allgott!« Stephen Navarne wechselte von der Bibliothek ins Speisezimmer und trat ans Fenster, das nach Süden wies, wo sich ihm ein ähnliches Bild bot. Allerdings schien es hier um die Verteidigung ein wenig besser bestellt zu sein. Er warf einen Blick über die Schulter zurück auf das an der Wand hängende Gemälde der Familie und wandte sich dann wieder Gerald Owen zu.
»Hör mir genau zu. Ich will, dass du meine ganze Leibgarde zum Schutz von Melisande und Gwydion abstellst und die beiden an einen sicheren Ort bringst. Flieht durch den Tunnel, der durch den Weinkeller zu den Ställen im Westen hinführt. Nimm auch Rosella mit und sorg dafür, dass sich die Kinder nicht allzu sehr ängstigen. Wende dich an Llauron und gib Anborn Bescheid.« Owen nickte kurz und setzte sich in Bewegung.
Der Herzog lehnte die Stirn an den Unterarm. Er konnte den Anblick des Gemetzels nicht länger ertragen.
»Owen?«
»Ja, Eure Hoheit?«
»Ein Letztes noch. Ruf den Quartiermeister und sag ihm, dass er mein Pferd satteln und zu mir bringen soll. Da uns unsere Soldaten aus den Kasernen im Osten nicht mehr helfen können, muss ich versuchen, die Dörfler für unsere Verteidigung zu mobilisieren.«
Owen war sichtlich um Fassung bemüht. »Eure Hoheit, es sind ja doch die Dörfler, die uns da angreifen.«
»Aha, hältst du es endlich für angebracht, mir Bericht zu erstatten?«
Gittelson lehnte sich zurück. Er war gespannt auf das bevorstehende Gespräch, musste sich aber in Acht nehmen, um keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Es war gefährlich genug, alleiniger Zeuge zu sein.