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Der Mann im grauen Mantel verbeugte sich steif und nahm dann die Kapuze vom Kopf. Ein keckes Grinsen verzog das Gesicht; die blauen Augen strahlten heiter.

»Wir haben das Haus verloren«, sagte er in munterem Tonfall.

Die Luft in dem kleinen Raum wurde plötzlich wärmer. Gittelson atmete möglichst flach, um nur ja nicht entdeckt zu werden.

Die rot geränderten Augen seines Herrn blieben unverwandt auf den Rakshas gerichtet. Die Stimme, mit der er nun zu sprechen anhob, klang ruhig und gefasst; doch es schwang unverkennbar ein drohender Unterton mit.

»Dir dürfte doch wohl trotz deiner beschränkten Auffassungsgabe klar sein, dass uns das leider weit zurückwirft, oder?«, fragte er trocken. Der Rakshas nickte, und seine rötlich goldenen Locken glänzten im Licht. »Und warum grinst du dann so idiotisch?«

Der Rakshas ließ sich in einen Sessel fallen und warf beide Beine über die Armlehne. »Ich lache über die, an die wir es verloren haben.«

»Mach keine Spielchen mit mir. Von wem sprichst du?«

»Keine Ahnung.« Der Rakshas beugte sich plötzlich vor; seine kristallblauen Augen blitzten tückisch auf. »Jedenfalls waren sie zu dritt.«

Gittelson fuhr unwillkürlich zusammen, als sein Meister aufsprang.

»Was redest du da?« Die eben noch so kultivierte Stimme war jetzt nicht mehr als ein drohendes Zischen.

Der Rakshas blieb anscheinend unbeeindruckt. »Vielleicht bin ich ja wirklich nicht der Gescheiteste, aber selbst ich kann zählen. Sie waren zu dritt, eine Frau und zwei Männer, glaube ich. Ich habe nur einen der beiden aus der Nähe gesehen. Hässlich wie sonst nichts. Sie haben uns aus dem Haus vertrieben und alle meine Männer niedergemacht. Und es sieht ganz danach aus, dass wenigstens einer von ihnen so wie ich Macht über das Feuer hat.«

»Unmöglich.«

Der Rakshas zuckte mit den Achseln. »Wie Ihr meint.«

»Wo sind die drei jetzt?«

»Weiß ich nicht.« Der Rakshas faltete die Hände hinterm Kopf und reckte sich. »Sie sind in östliche Richtung abgezogen, auf die Krevensfelder zu.«

»Canrif,« hauchte der andere in einer Tonlage, die Gittelson, versteckt in seiner Ecke, erschaudern ließ. »Sie wollen nach Canrif.«

»Vielleicht.«

Urplötzlich richteten sich die rot geränderten Augen auf Gittelson, der ganz deutlich spürte, wie ihm das Blut aus dem Kopf sackte.

»Gittelson, es kann sein, dass ich deine Dienste bald in Anspruch nehmen werde.«

39

Sie saßen noch lange schweigend beieinander, lauschten dem Wind in der Ferne und blickten zum dunkler werdenden Himmel empor. Schließlich richtete Achmed seine Augen auf Rhapsody. Seine Miene war ruhig, verriet aber trotzdem Besorgnis.

»Kannst du auf deinem neuen Instrument so spielen, dass es unser Gespräch übertönt und seine Schwingungen nicht mit dem Wind davongetragen werden?«

Sie nickte, nahm die Heilharfe zur Hand und löste die Riemen, mit denen sie das Gerät unter dem Umhang befestigt hatte. Dann zog sie die Hülle ab und fuhr mit den Fingern über die Saiten.

»Hattest du an ein bestimmtes Lied gedacht?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Es soll nur den Wind ablenken, damit er nicht mit sich trägt, worüber wir uns unterhalten.«

Rhapsody dachte kurz nach. Dann machte sie sich daran, der Harfe eine Folge von abstrakten, misstönenden Klängen zu entlocken. Da war keine erkennbare Melodie, kein Muster, das sich wiederholte oder variiert wurde. Sie spielte noch eine Weile weiter und lehnte das Instrument dann neben sich an den Stamm.

»Samoht«, sagte sie.

Achmed schmunzelte, als die kleine Harfe das unschöne Lied von sich aus fortsetzte. Wahrscheinlich, so dachte er, war ihr die Ironie ihres Tuns selbst nicht klar.

Er begegnete wieder ihrem Blick und hielt ihn fest. Ihre Augen spiegelten erwartungsvolle Neugier und auch Vertrauen, etwas, das er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und es lag nichts von der Abneigung darin, die ihm sonst ständig entgegengebracht wurde.

»Erzähl mir die Geschichte von den Uralt-Weisheiten, so viel wie eben möglich.«

Rhapsody war verdutzt. »Wovon sprichst du?«

»Wir haben heute einen kurzen Ausschnitt aus der Geschichte der Entstehung der Erde gehört.«

»Ja.«

»Ich will, dass du für eine Weile vergisst, was dieser minderbegabte Mönch erzählt hat, und dass du dich stattdessen an deine Studien zurückerinnerst. Dein Mentor war bestimmt eine sehr viel verlässlichere Wissensquelle.«

»Ja.« Rhapsodys Augen verrieten einen Anflug von Irritation.

»Wie kennst du diese Geschichte? Erzähl sie mir vom Standpunkt einer Benennerin, Rhapsody. Und gib dir Mühe. Glaub mir, du hast in deinem ganzen Berufsleben nie etwas Wichtigeres getan, nichts, was von größerer Tragweite gewesen wäre.«

»Wovon soll ich dir erzählen? Von der Geburt der Elemente?«

»Ja.« Achmed lehnte sich an den Stamm eines der schlanken Bäume zurück.

»Die eigentliche Geschichte ist auf Alt-Serenne überliefert, und diese Sprache beherrsche ich nicht besonders gut. Ich habe den Urtext übersetzen müssen. Vielleicht sind mir dabei ein paar Fehler unterlaufen, was aber der Geschichte selbst wohl keinen Abbruch tut.«

»Gib sie mir möglichst genau wieder.«

Sie holte tief Luft, machte ihren Kopf frei und konzentrierte sich auf den Moment in ihrer Erinnerung, da sie erfahren hatte, was Achmed jetzt von ihr hören wollte. Als sie einen festen Zugriff darauf gefunden hatte, hob sie zu erzählen an.

»Die fünf Elemente kamen in der Vorzeit zur Welt, und zwar gewissermaßen als Werkzeuge, mit denen der Schöpfergott seinen Kosmos aufgebaut hat. Sie werden von manchen auch die Kinder des Allgottes genannt oder die Fünf Geschenke, denn sie waren das, was er ganz zu Anfang erschaffen hat. Als Erstes kam der Äther ins Sein, der Stoff, aus dem die Sterne sind. Es heißt, dass er die Essenz der Zeit, des Lebens und jener Kraft enthält, die manche mit dem Wort Magie bezeichnen. Den Äther gab es schon vor der Geburt der Welt, und darum enthält er auch alle Geheimnisse, die unserem irdischen Wissen vorausgehen. Das Feuer wurde als das zweite Elemente geboren; mit ihm setzte sich die Erde vom Rest des Universums ab und bildete eine eigenständige Einheit. In den Mythen heißt es, dass die Erde, von einem Stern abgebrochen, durchs All geirrt sei, bis sie in der Umlaufbahn der Sonne, ihrer Mutter, ihr Ziel gefunden habe. Das an der Oberfläche brennende Feuer verlosch schließlich, weil es von seiner ätherischen Nahrung abgeschnitten war. Ihm blieb nur noch der Rückzug ins Innere der Erde, womit sich das Feuer aber auf Dauer nicht zufrieden geben kann, weshalb es immer wieder einmal in vulkanischen Eruptionen und lavaspeiend zu entfliehen versucht.«

Achmed grinste breit, hielt aber die Augen geschlossen. »Dieses kleine Detail hat unser Freund, der Mönch, ausgelassen«, bemerkte er.

Dass es sie störte, unterbrochen zu werden, war Rhapsodys grünen Augen deutlich anzumerken. »Soll ich fortfahren?«

»Ich bitte darum.«

»Dann sei still. Ich muss mich konzentrieren. Als sich das Feuer zurückzog, wurde die Erde von Wasser überschwemmt, dem an dritter Stelle geborenen Element. Ihm waren sowohl heilende als auch zerstörerische Kräfte eigen. Als die Erdoberfläche des Wassers wegen abkühlte, kamen starke Winde auf, und darum wird der Luft in der Rangordnung der Elemente der vierte Platz zugewiesen. Die über den Globus brausenden Winde drängten das Wasser zurück und legten die Erde darunter frei. Dieses letzte und jüngste Element war im Unterschied zu den anderen von großer Festigkeit und Dauer, und darin lag auch seine Kraft. So wie die Sterne das Wissen und die Weisheit der Vorzeit hüteten, war die Erde Trägerin ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart.« Sie atmete tief durch.

»So, jetzt weißt du, was ich weiß.«

Achmed kicherte. »Tatsächlich weiß ich sehr viel mehr als du. Aber dazu kommen wir später.« Er öffnete die Augen und beugte sich vor.