»Weißt du irgendwas über die Erstgeborenen?«, fragte er.
Rhapsody zögerte. Achmed schien Kenntnisse von Dingen zu besitzen, über die eigentlich nur die ganz großen Benenner hätten Bescheid wissen dürfen. »Nicht viel«, antwortete sie. »Die Altertumskunde gehört zu den letzten Dingen, die ein Benenner lernt. Ich hatte gerade erst mit dem Studium dieses Fachs angefangen, als mein Mentor Heiles verschwand.«
Achmed richtete sich so plötzlich auf, dass sie vor Schreck fast von ihrem Baumstamm gefallen wäre.
»Denk nach. Du musst dich so genau wie möglich an diesen Zeitpunkt erinnern. Was konntest du noch vor seinem Verschwinden über die Erstgeborenen in Erfahrung bringen?«
»Es ist zwar nicht viel, woran ich mich erinnere, aber immerhin mehr, als die meisten anderen darüber wissen. Lange bevor die Völker der Lirin und der Menschen, also die Nain und dergleichen, nach Serendair kamen, lebten dort schon sehr viel ältere, urwüchsige Stämme, die den Elementen selbst entsprungen waren und noch einiges von den Eigenschaften dieser Elemente verkörperten. Diese Stämme werden die Erstgeborenen genannt. Die aus dem Äther Geborenen waren die Ur-Seren, hoch gewachsene Wesen mit golden schimmernder Haut und goldenen Augen. Sie hatten eine überaus lange Lebensspanne und waren entsprechend weitsichtig und geduldig. Dank ihrer Beziehung zum Stoff der Sterne waren sie auf die Rhythmen der Natur besonders gut eingestellt. Ihr Stammesname, der sich mit Stern übersetzen lässt, war auch der Name jenes hellen Himmelskörpers, der Jahrein, jahraus über der Insel stand. Serendair, was so viel wie Sternenland heißt, war ihre Angestammte Heimat und gilt deshalb als einer der fünf Geburtsorte der Zeit.«
Achmed nickte. »Und was ist aus den Ur-Seren geworden?«
»Sie sind ausgestorben oder wieder in die Erde zurückgekehrt, wo sie sich während der Völkerkriege des Zweiten Zeitalters versteckt gehalten haben.«
»Und die Völker, die von den anderen Elementen abstammen? Weißt du irgendetwas über sie?«
Rhapsody schluckte und suchte in der Erinnerung nach den Resten dessen, was sie von ihren Studien behalten hatte. »Da waren zum einen die Mythlin, das Volk, das in den Weltmeeren lebte, wovon kaum ein Landbewohner jemals Notiz genommen hat. Sie hatten wie die Ur-Seren stets lange Zeiträume im Blick, aber überhaupt kein Interesse an dem, was jenseits ihrer Domäne geschah. Es heißt, dass die Menschen aus den Mythlin hervorgegangen seien, dass sich der menschliche Körper im Zuge der Evolution aus Salzwasser und durchsichtigen Membranen gebildet habe, also aus Grundstoffen mythlinschen Lebens. Das würde auch erklären, warum es Menschen immer wieder zum Meer hin zieht und warum ihre Tränen und ihr Blut so salzig sind.«
Achmed grinste. »Wie hat Stephen den Namen Abbat Mythlinis noch gleich übersetzt? ›Gott-König der Meere‹ oder so ähnlich, nicht wahr?«
Rhapsody lachte laut auf. »Und ich dachte, du hättest gar nicht zugehört. Wenn ich mich recht erinnere, hat er ihn den ›Herrn der Ozeane‹ genannt.«
Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Dhrakiers. »Da sieht man wieder, wie schnell sich Fehler in diese Geschichten einschleichen können. Sehr wahrscheinlich haben die Cym-rer vieles dazu erfunden oder umgedeutet und den Urtext verfälscht.«
»Aber das tut doch jeder, Achmed. Legenden und Mythen, die aus langer Überlieferung stammen, haben unzählige Veränderungen durchgemacht. Darum gibt es uns Sänger und Benenner: dass wir mit unserer Kunst dieser Tendenz entgegenwirken und versuchen, die Geschichten möglichst unverändert weiterzuerzählen. Um Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.«
»So sollte es sein. Zurück zum Thema. Was kannst du mir von den anderen Völkern erzählen?«
Rhapsody fuhr sich mit den Fingern durch das schimmernde Haar. »Ich wüsste da noch etwas von den Kith. Sie glaubten, Abkömmlinge des Windes zu sein, Wesen mit einem angeborenen Wissen von den Luftströmungen und Schwingungen der Welt. Die Kith suchten am Himmel nach Weisung und Rat. Auf ihren alten Lehren gründen übrigens unsere modernen Wissenschaften der Astronomie und Meteorologie.
Die Kith waren auch die Schöpfer der Musik und die Ahnen des lirinschen Volkes. Nebenbei bemerkt: Lirin ist das Wort der Ur-Seren für Sänger.
Der Ausdruck auf Achmeds Gesicht verdunkelte sich. »Auch die Dhrakier stammen von ihnen ab. Daher rührt auch unser scharfer Sinn für Schwingungen.«
»Tatsächlich?« Rhapsody war sichtlich überrascht. »Das wusste ich nicht.«
»Woher auch? Hast du denn vor unserem Zusammentreffen jemals etwas von uns Dhrakiern gehört?«
»Nein.«
Achmed vermummte sich in seinem Umhang, als wäre ihm kalt geworden. »Es gibt einiges, wovon du nichts weißt, Rhapsody, wovon überhaupt nur die allerwenigsten wissen«, sagte er mit auffallend weicher Stimme. »Doch dass über Dhrakier kaum etwas bekannt ist, kann nicht heißen, dass es uns nicht gibt. Wie steht’s um die Abkömmlinge der Erde?«
»Das sind die Drachen. Wir wissen nur Bruchstücke über sie aus jüngerer Zeit, dem Ersten und Zweiten Zeitalter, aber nichts aus der Zeit davor.«
Achmed nickte. »Und nun zum Schluss: Was ist mit dem Feuer?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur das, was ich heute darüber erfahren habe. Du hast dich nach Heiles erkundigt. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass wir am Anfang eben dieser Lektion standen, als er davonging. Er hatte alle entsprechenden Materialien schon zurechtgelegt. Das weiß ich, weil ich ihm am Abend zuvor dabei geholfen hatte.«
Achmed bedachte sie mit kalten, bohrenden Blicken. »Was waren das für Materialien? Erinnerst du dich?«
Rhapsody schüttelte den Kopf. »Nur noch ganz vage. Eine Kohlenpfanne, glaube ich. Verschiedene Kräuter und Wurzeln; das eine oder andere Elixier. Er ist nicht mehr dazu gekommen, mir zu erklären, worum es sich bei diesen Dingen im Einzelnen handelte. Und da war noch diese Schriftrolle, aus der er auch in all den anderen Unterrichtsstunden zitiert hatte.«
»Ihr habt also noch diese Vorbereitungen getroffen, und am nächsten Tag war er verschwunden.«
»Ja. Er schickte mich los, um ein paar seltene Manuskripte und Noten zu besorgen. Ich sah ihn nie wieder. An die ausgefallene Lektion habe ich dann nicht mehr gedacht, erst heute wieder, als der Mönch von den F’dor erzählte.«
Achmed langte unter seinen Umhang und holte ein kleines gefaltetes Tuch zum Vorschein, das er ihr auf den Schoß warf. Vorsichtig öffnete Rhapsody es an denen Zipfeln. Es war ein Altartuch, wie es zum Reinigen von geweihten Kelchen oder kleinen Reliquien und dergleichen benutzt wurde: ein weißer Lappen, bestickt mit jenem stilisierten Sonnenmuster, das sie auch im Tempel von Bethania gesehen hatte. Anerkennend stieß sie einen Pfiff aus.
»Das nenn ich dreist. Stiehlst bei helllichtem Tag solche Sachen aus einer Basilika.«
»Was, meinst du, soll dieses Symbol bedeuten?«, fragte Achmed.
Rhapsody warf ihm das Tuch zurück und machte aus ihrer Irritation kein Hehl. »Was soll die Frage? Ich bin doch nicht taub. Ich habe gehört, was er gesagt hat. Es ist das Symbol der F’dor.«
Er kroch ihr fast ins Gesicht. »Ich will die Frage anders formulieren. Wofür steht das Symbol? Was glaubst du?« Seine Stimme war scharf und schneidend.
Rhapsody geriet ins Frösteln und schauderte. »Die Sonne?«
Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf. »Das glaubst du, weil es alle glauben. Aber ich versichere dir, dass dem nicht so ist. Jedenfalls war dem nicht so in der alten Welt.«
Obwohl sie sich mit aller Macht zu beherrschen versuchte, zitterte sie am ganzen Körper wie ein welkes Blatt an einem kahlen Baum im Winter. »Was ist es dann?«
Achmed schlug das Tuch auf. Vorsichtig, fast liebevoll fuhr er mit knochigem Finger um den Rand der goldenen Scheibe.
»Die Cymrer haben beim Anblick dieses alten Symbols offenbar an die Sonne gedacht. Die Vermutung liegt ja auch nahe. Doch dies hier«, er tippte ins Zentrum der Scheibe, »ist die Erde. Die vermeintlichen Strahlen sollen in Wirklichkeit Flammen darstellen. Die Erde in Flammen. Aber nicht etwa so, wie sie in der Vorzeit ausgesehen haben mag, als das Feuer geboren wurde. Nein, so wird sie aussehen, wenn die F’dor erreichen, was sie als ihr Ziel, ihre Bestimmung erachten. Verstehst du, was ich dir sagen will, Rhapsody?«