Выбрать главу

Sie nickte, brachte aber keinen Ton heraus.

»Und das hier ist das Werkzeug, womit dieses Ziel erreicht werden soll.« Mit dem Zeigefinger fuhr er die rote Spirale entlang, die sich von der Mitte der Scheibe bis an ihren Rand schlängelte. »Was damit dargestellt ist, wirst du jetzt erahnen, zumal du einen kleinen Teil davon schon mit eigenen Augen gesehen hast.«

Ihre Antwort war ein Flüstern, kaum zu vernehmen vor dem Hintergrund der nicht abreißenden Harfentöne. »Der Wyrm.«

»Genau. Immerhin scheint es so, dass dein Schlaflied gewirkt hat. Serendair ist von vulkanischem Feuer zerstört worden, allerdings durch das Schlafende Kind und nicht, wie geplant, durch den Wyrm. Aber vergiss nicht, es war der Aufschlag dieses Sterns, der die F’dor aus dem Innern der Erde hervorgelockt hat. Es kann also durchaus sein, dass der eine oder andere von ihnen die Katastrophe und den Untergang der Insel überlebt hat. Und wenn nur ein Einziger am Leben geblieben wäre, würde er sich daran machen, das Ziel seines Volkes zu verwirklichen. Und er würde auch wissen, wie.«

»Was redest du da?« Mit fahrigen Handbewegungen versuchte Rhapsody, das Haar wieder zusammenzubinden.

Achmed lehnte sich zurück und presste die Fingerkuppen beider Hände aneinander.

»Fangen wir noch einmal von vorn an. In der Vorzeit, als sie aus dem Feuer geboren wurden, waren die F’dor dämonische Geistwesen von neidischer, niederträchtiger Natur, die danach trachteten, die Welt zu verzehren und darin dem Element Feuer zu entsprechen, dem sie entsprungen waren. Ihr Geburtsort war der Feuerkranz, jener Ring aus fünf aktiven Vulkanen, die im Meer versunken sind. Und auch darin sind sie dem Feuer ähnlich, dass sie selbst keine feste Gestalt haben. Sie schmarotzen von anderen Lebewesen, so wie Feuer seine Nahrung aus Brennstoffen bezieht, die es im Zuge der Verbrennung aufzehrt. Wie das zweite Element, das Feuer, sind die F’dor als das zweite Volk zur Welt gekommen. Den Ur-Seren, die ihnen vorausgingen, waren sie an Macht unterlegen, nicht so den nachfolgenden Völkern. Wie das Feuer lebten sie meist im Verborgenen und traten nur sporadisch in Erscheinung. Wenn sie aber in Erscheinung traten, brachten sie unweigerlich Zerstörung mit sich. Das Feuer selbst zog sich ins Innere der Erde zurück, um dort in seiner reinsten Form zu brennen. Die F’dor aber haben eine solche Läuterung nie durchgemacht. Im Gegenteil, sie verkommen mehr und mehr und leben dadurch auf, dass sie Täuschung und Betrug üben. Wie Parasiten nehmen sie Menschen – oder Lirin oder Nain als Wirte in Beschlag, ernähren sich von ihnen und machen sie sich gefügig. Am Ende sind beide Seiten, die menschliche und die dämonische, nicht mehr voneinander zu unterscheiden, selbst für die betreffende Person nicht mehr. Vielleicht verstehst du jetzt ein bisschen besser, warum es mir nicht recht ist, dass du ständig irgendwelche Kinder adoptieren möchtest. Denn womöglich bist du selbst, ohne dass es dir bewusst wäre, von einem solchen Dämon besessen oder stehst unter seinem Einfluss. Auszuschließen ist das nicht.«

»Woher weißt du das alles?«, platzte es aus Rhapsody heraus. »Wie kommst du an solche Informationen, die nur den größten Benennern vorbehalten sind?«

Achmed legte den Kopf in den Nacken und blickte zu den Sternen auf, die zwischen Wolkenlücken zum Vorschein kamen. Von unten stiegen Nebelschleier auf, als wollten sie sich mit ihren Geschwistern am Himmel zusammenschließen.

»Ich stand in den Diensten eines F’dor. Daher weiß ich das alles.«

»Der Dämon, der Gewalt über dich hatte, war ein F’dor?«

»Ja. Er hatte meinen Namen, hielt mich gefangen und machte mich gefügig. Er selbst hieß Tsoltan. Vielleicht hast du schon von ihm gehört.« Er warf einen Blick auf die Harfe, die immer noch schrille Klänge hervorbrachte.

Rhapsody suchte in ihrer Erinnerung nach einer Antwort und fand sie auch wenig später. »Llauron sprach davon, dass der Feind des Königs zurzeit des Großen Krieges, der nach unserem Weggang von der Insel ausgebrochen war, eben diesen Namen trug. Ist es dieser Tsoltan?«

Achmed nickte. »Und ausgerechnet in dem Augenblick, als er von ihm erzählte, musstest du ihn mit einer Belanglosigkeit unterbrechen. Nun ja, damals hattest du ja auch noch keine Ahnung.«

»Hättest du mich doch bloß früher in dein Geheimnis eingeweiht.«

»Wann denn? Wäre es dir etwa recht gewesen, wenn ich seinen Namen in der Erde unter Tage ausgesprochen hätte? Du als Benennerin weißt sehr wohl, was dann womöglich passiert wäre.« Der Ärger schwand aus seinen Augen wie ausgebrannte Glut, und sie nickte.

Mit freundlicher Stimme fuhr er fort: »Dass ich von den F’dor weiß, hat noch einen Grund. Ich bin zur Hälfte Dhrakier. Wir, die Dhrakier, verabscheuen die F’dor mit jeder Faser unseres Wesens. Das liegt wohl, wie ich vermute, vor allem daran, dass sie nicht zu erkennen sind. Für unsereins, die wir auch die feinsten Schwingungen wahrnehmen können, ist es unerträglich zu wissen, dass Dämonen umherspuken, aber einfach nicht aufzuspüren sind. Die Geschichte der Dhrakier ist eine Geschichte der Kriege gegen die F’dor. Sie im Ganzen nachzuerzählen würde, auch wenn ich mich kurz fasste, viel zu lange dauern. Ich will stattdessen nur von einem Ausschnitt daraus berichten. Nach der Zeitendämmerung, also während jener Phase, die auch als ›Tag der Götter‹ bezeichnet wurde, hatten die Ur-Stämme, von denen soeben die Rede war, ihre ganz eigenen Schwierigkeiten mit den F’dor. Um ihre Schlagkraft zu verbessern, schlössen Ur-Seren, Mythlin und Kith ein Bündnis. Nur die Drachen blieben außen vor. Dieses Bündnis war letztlich der Grund dafür, dass sich die F’dor ins Erdinnere zurückzogen, wo sie blieben, bis ein Zufall sie wieder an die Oberfläche lockte. Jahrtausende später, nämlich in der Mitte des Zweiten Zeitalters, traf das Schlafende Kind – ein Meteor – auf die Erde und riss ein großes Loch, durch das ein Teil der F’dor an die Oberfläche entfliehen konnte. Ich glaube, dass es einer von denen war, der dann in Tsoltan gefahren ist. Tsoltan war schon vorher durch und durch böse, ein Priester der Gottheit des Nichts, des Allesverschlingers. Einen besseren Wirt hätte dieser F’dor gar nicht finden können.«

»Ich kann dir nicht mehr folgen.«

»Verzeihung, ich schweife ab. Im Ersten Zeitalter waren es die Kith, unsere direkten Vorfahren, die die F’dor mit den Mitteln der Schwingung in Schach halten konnten. Als Meuchelmörder hatten sie gelernt, was zu tun war, um sowohl den Wirt als auch den Dämon zu töten, und gaben diese Fähigkeit an ihre Nachfolger, die Dhrakier, weiter.

Die Dhrakier zählen zu den ältesten Völkern überhaupt; sie sind älter als die Menschheit. Aus Gründen, die zu komplex sind, als dass ich sie jetzt im Einzelnen darlegen könnte, haben es sich die Dhrakier zur Lebensaufgabe gemacht, die F’dor mit Stumpf und Stil auszurotten. Die Möglichkeiten dazu haben wir auch heute noch. Sie gehören gewissermaßen zu unseren stammesspezifischen Talenten, zu unserem Kulturgut. Gerade das macht den Umstand, dass ich in Tsoltans Bann stand und Mörder in seinem Auftrag war, umso widerwärtiger und verdammenswürdiger.

Lange Rede, kurzer Sinn: Unsere Welt, das heißt die Welt, die wir kennen, gibt es nicht mehr. Ich muss nun herausfinden, ob Tsoltan mit ihr untergegangen ist oder nicht. Vielleicht hat MacQuieth ihm den Garaus gemacht; vielleicht ist er auch wie all die anderen der großen Katastrophe zum Opfer gefallen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die F’dor im Großen Krieg umgekommen. MacQuieth war der einzige Nicht-Dhrakier, dem es möglich gewesen wäre, Mensch und Dämon zu töten. Ob es ihm auch gelungen ist, wissen wir nicht mit Bestimmtheit. Allerdings können wir wohl ausschließen, dass der Wyrm befreit wurde. Denn wenn dem so wäre, säßen wir jetzt nicht hier in lausig kalter Winternacht, weit weg von Serendair, und würden uns den Hintern abfrieren.