Was Bethe Corbair einzigartig machte, war die Musik. Rhapsody schlenderte wie verzaubert durch die Straßen und lauschte den melodischen Klängen der Glocken im Turm der Basilika, Klängen, die der Willkür des Windes entsprangen und ein Gefühl von ungestümer Freiheit wachriefen, was Rhapsodys Herz höher schlagen ließ.
Die Städter gingen ihren Geschäften nach, ohne der Musik Beachtung zu schenken. Die übte aber dennoch ihre Wirkung auf sie aus, vor allem wenn die Glocken in besonders hellen Tönen läuteten; dann hörten die Händler zu feilschen auf, Fischweiber zeterten nicht mehr so schrill, und streitende Kinder schlössen wieder Frieden.
Jo zappelte vor Ungeduld. »Das ist langweilig«, nörgelte sie, als Rhapsody vor dem Verkaufstisch eines Tuchhändlers stehen blieb. »Ich halt’s nicht mehr aus. Viel lieber würde ich auf eigene Faust umherziehen.«
»Tu das«, antwortete Rhapsody nach kurzem Zögern. »Wir treffen uns dann zur verabredeten Zeit vor der Basilika. Wenn du mich nicht findest, sieh dich nach Achmed um. Und denk daran: Lass nur ja nichts heimlich mitgehen. Ich will nicht, dass man dir die Hand abschlägt.« Sie grinste über die Grimasse, die das Mädchen in Reaktion auf ihre Warnung schnitt. Gleich darauf war Jo in der Menge verschwunden.
Ashe sah sich auf dem Wochenmarkt in der Stadtmitte um. Er war, von den Krevensfeldern kommend, durch das Südtor in die Stadt gelangt. Das fremde Etwas, dessen Kraft er spürte, hielt sich aber irgendwo im Osten auf. Jedenfalls tat dies zumindest ein Teil von ihm; ein anderer Teil schien sich abgespalten zu haben und am Rand der Reichweite seiner Drachensinne in der Stadt zu kreisen. Es hatte andere Eigenschaften als der andere Teil und war so gleichmäßig in seinen Bewegungen, dass er nicht zu unterscheiden vermochte, ob es sich um ein Lebewesen handelte oder womöglich um einen Gegenstand auf einem fahrenden Karren.
Dass er die Kraft nicht identifizieren konnte, machte Ashe nervös. Gewöhnlich tat er sich in solchen Dingen sehr viel leichter. Doch aus irgendeinem Grund blieb ihm diese Kraft in der von ihr angenommenen Gestalt verborgen. Der Drache in ihm wand sich vor Ungeduld. Nur den zahllosen Ablenkungen, die der Markt zu bieten hatte, verdankte es Ashe, ihn unter Kontrolle zu halten. Er trat einen Schritt zur Seite, als ihm ein Trunkenbold entgegenwankte, dem offenbar ein Übermaß an Schnaps und das willkommene Tauwetter zu Kopf gestiegen waren. Er taumelte so unberechenbar hin und her, dass Ashe genau Acht geben musste, um einem drohenden Zusammenstoß vorzubeugen. Dadurch war seine Aufmerksamkeit einen Moment lang abgelenkt.
Als er seine Sinne zurück auf die Quelle der ominösen Kraft richtete, schien sie sich wiederum aufgeteilt zu haben. Zu einem der Aspekte fühlte er sich besonders stark hingezogen; es war der, der in der Nähe weilte und eine unwiderstehliche Wärme ausstrahlte.
Ashe war alarmiert, wusste er doch, dass die Diener des Feuers seine gefährlichsten Jäger waren. Nur weil er stets und überall ihren Fallen hatte ausweichen können, war er noch am Leben. Wie auch immer, das Unheil hielt sich in der Nähe auf; früher oder später würde es auf den Marktplatz kommen. Er beschloss, darauf zu warten.
Derweil musste er sich mit seinem Drachen auseinander setzen. Einer der Gründe dafür, dass er Städte mied – vor allem solche, die wie Bethe Corbair an einer bedeutenden Handelsroute lagen –, war die Faszination des Drachen für alle möglichen Handelsgüter. Er geriet geradezu außer sich, als sie an einem Stand vorbeikamen, der, von einer Glasscheibe abgedeckt, Edelsteine ausstellte.
Wie wunderschön, flüsterte es in seiner Seele. Das will ich berühren.
Kommt gar nicht in Frage, antwortete Ashe entschieden.
Ich will’s berühren.
Nein. Er wandte sich ab und ging. Die Händlerin hatte seine Nähe anscheinend irgendwie gespürt und kurz aufgeblickt, sich aber, als sie niemanden sah, wieder der Auslage gewidmet. Auch der nächste Stand mit seinem Angebot feinster Gewürze gefiel dem Drachen. Pfefferkörner. Die will ich zählen, flüsterte er erregt und notierte jedes einzelne Körnchen, jede Bohne, jede Flocke und jedes Tröpfchen. Ashe gebot ihm Einhalt. Nein. Er hielt nach der Kraftquelle Ausschau. Parfüm und Amber; das stammt aus dem Erbrochenen eines Leviathan, der siebzehn Makrelen gegessen hat und hundertsiebzig ...«
Schluss jetzt!
Sieh nur, die Stoffe da. Heute gibt’s keine Seide, nur Leinen, Samt und Wolltücher in dreizehn verschiedenen Webarten, dunkelblau, hellblau, violett, indigoblau...«
Gib Ruhe! Ashe drehte sich um. Es war ganz nahe. Mit Nachdruck brachte er den Drachen zum Schweigen und versuchte, klar zu sehen.
Auf der anderen Straßenseite gab es Streit. Auslöser schien eine junge Frau zu sein, in Grau gekleidet wie er. Von der fremden Kraft angelockt, rückte er näher.
Auch Rhapsody wurde geplagt von den Begehrlichkeiten ihres ganz persönlichen Drachentiers, dem Wunsch, mit der Hand über die herrlichen Stoffe zu fahren, die vor ihr ausgebreitet waren. Ganz besonders hatte es ihr der cremefarbene Samt angetan, der aber viel zu teuer für sie war. Seufzend schlenderte sie weiter, von einem Marktstand zum anderen.
Am Ende der Straße fiel ihr Blick auf einen Tisch voll funkelnder Gegenstände, die sich wie Sonnenglanz auf fließendem Wasser zu bewegen schienen. Neugierig eilte sie darauf zu.
Vor dem Tisch des Händlers angekommen, erkannte sie in den vermeintlichen Lichtspielen prunkvolles Geschmeide, vornehmlich Ohrringe, viel Protz, aber auch ein paar wertvolle und besonders edle Stücke. Rhapsody hatte eine Schwäche für schöne Dinge, was sie aber ihren Bolg-Gefährten gegenüber niemals eingestehen würde. In deren Abwesenheit jedoch gestattete sie sich nun das Vergnügen, den schillernden Plunder nach Lust und Laune zu bestaunen.
Der Händler hatte gerade einen anderen Kunden verabschiedet und nahm argwöhnisch Bestand von seiner Ware auf, ehe er zu Rhapsody aufblickte, der er offenbar zutraute, dass sie lange Finger machte. Wegen ihres lirinschen Aussehens solchen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein war sie schon von Ostend her gewohnt. Verstehen konnte sie diesen Argwohn nicht. Lirin legten nämlich keinen Wert auf materiellen Besitz, schon gar nicht auf so nutzlose Dinge wie Ohrringe oder Halsketten. Deshalb war für sie auch überhaupt nicht nachzuvollziehen, warum ihr alle Händler und Kaufleute gleichsam reflexhaft unterstellten, diebische Absichten zu hegen. Und obwohl sie sich vorgenommen hatte, solche Zumutungen nicht weiter ernst zu nehmen, geriet ihr Blut doch immer wieder in Wallung. Sie schluckte, trotzte ihrer Verdrossenheit eine freundliche Miene ab und machte auf dem Absatz kehrt.
»Junge Frau?« In der Stimme des Händlers schwang ein Ton der Klage mit. Unwillkürlich hob Rhapsody die geöffneten Hände in der Annahme, des Diebstahls bezichtigt zu werden.
»Ja?«, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
»Bitte, bleib doch noch. Wie gefällt dir mein Angebot?«
Rhapsody drehte sich wieder um. Der Händler zeigte jetzt ein ganz anderes Gesicht als vorhin, als er einem kahlköpfigen Kunden zu einem bereits gekauften Ring noch eine passende Krawattennadel aufzuschwatzen versucht hatte. Seine Augen waren weit aufgesperrt, als wunderte er sich über etwas, und er klammerte sich derart krampfhaft an der Theke fest, dass die Knöchel der Hand weiß angelaufen waren.