»Stimmt irgendetwas nicht?«, fragte Rhapsody besorgt. Der Händler schüttelte den Kopf. »Du hast wirklich sehr schöne Sachen zum Verkauf. Aber ich wollte sie mir einfach nur ansehen«, sagte sie und schickte sich an zu gehen.
»Junge Frau?«, hakte er in drängendem Tonfall nach.
Rhapsody seufzte, ließ sich aber ihren Unmut nicht anmerken und schaute zurück. Das Gesicht des Händlers war rot angelaufen, und seine Hände zitterten.
»Ist dir nicht wohl?«, fragte sie alarmiert und langte nach ihrem Wasserschlauch, um ihm zu trinken zu geben. Doch der Mann schüttelte den Kopf, zog ein Taschentuch hervor und betupfte sich die Stirn.
»Nein, danke. Aber bleib doch noch. Wäre da vielleicht ein Stück, das dir besonders gut gefällt?«
»Wie gesagt, ich wollte nur ...«
Der Mann nahm zwei goldene Ohrringe aus seinem Sortiment und hielt sie ihr hin. »Die passen ganz vorzüglich zu deinem Medaillon. Steck sie doch ruhig einmal an.«
Rhapsody musterte die dargebotenen Schmuckstücke, die ihr schon als besonders hübsch aufgefallen waren. In ihrer schlichten, aber eleganten Form passten sie tatsächlich sehr gut zu dem goldenen Anhänger, den sie immer trug. Zweifellos kosteten sie weit mehr, als ihr an Geld zur Verfügung stand. Beim Anblick der blinkenden Schmuckstücke schlug ihr das Herz höher, obwohl sie der Verstand mahnend daran erinnerte, dass Straßenhändlern gegenüber, die allzu vollmundig für ihre Ware Reklame machten, Vorsicht angesagt war. Und weil sie sich meist schwer tat, wenn es darum ging, Verzicht zu üben, hatte sie um den Diebesmarkt, wie der Bazar in Ostend genannt wurde, in der Regel einen großen Bogen gemacht.
»Greif zu, junge Frau. Sie sind wie für dich gemacht. Steck sie dir doch mal ans Ohr. Tu mir den Gefallen.« Seine Hartnäckigkeit hätte selbst den naivsten Kunden argwöhnisch gemacht.
»Sei’s drum«, sagte Rhapsody entnervt. »Aber eins muss klar sein: Kaufen werde ich sie auf keinen Fall.« Sie nahm die Ohrringe aus der Hand des Juweliers entgegen und warf die Kapuze in den Nacken zurück, um sie anzustecken.
Das Gold war von besonderer Güte, was ihr sofort auffiel, als sie den Schmuck in der Hand hielt. Sie erinnerte sich an den stolzen Ausdruck im Gesicht ihrer Mutter, als sie, Rhapsody, das Medaillon ausgepackt hatte, für das die Mutter, wie ihr schon damals bewusst gewesen war, sehr viel Geld ausgegeben hatte. Im Vergleich zu den Ohrringen wirkte es weniger kostbar, war ihnen aber in der handwerklichen Verarbeitung durchaus ebenbürtig. Im Hintergrund wurde plötzlich ein ohrenbetäubendes Kreischen laut, gefolgt von einem Krachen und Splittern von Holz. Rhapsody fuhr vor Schreck zusammen.
Sie warf die Ohrringe auf den Tisch zurück und drehte sich um. Wenige Schritte hinter ihr waren zwei Ochsengespanne frontal zusammengestoßen; der erste Karren hatte Schlagseite und drohte auf den Stand des Juweliers zu kippen.
Die Zugtiere schnaubten und brüllten in Panik, als die Kutscher wie wild an den Zügeln zerrten. Kurz entschlossen tauchte Rhapsody unter den Tisch und hievte ihn auf dem Rücken aus der Gefahrenzone, ohne dass dabei auch nur ein einziges Schmuckstück verrückt oder gar verloren gegangen wäre. Der Juwelier stand wie gelähmt daneben.
Inzwischen hatten die Kutscher die Situation wieder halbwegs im Griff und manövrierten unter lautstarken Flüchen die ineinander verhakten Karren auseinander. Rhapsody machte sich sogleich daran, den Stand zurück an seinen Platz zu rücken. Der Juwelier schien immer noch unter Schock zu stehen, und so reichte sie ihm ihren Wasserschlauch. Er trank daraus, ohne die weit aufgesperrten Augen von ihr zu lassen.
Bald war der Stand wieder da, wo er hingehörte, und nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass keines der Schmuckstücke fehlte, klopfte sie dem Mann den aufgewirbelten Staub aus den Kleidern und zog behutsam den Schlauch aus seinen starren Händen.
Armer Kerl, dachte Rhapsody. Der Schreck ist ihm in die Gliedergefahren. »Geht’s wieder?«, fragte sie und erhielt zur Antwort ein benommenes Nicken. Es überraschte sie, dass er so lange brauchte, um sich zu erholen. Nach ihrer Erfahrung waren die Händler auf einem Markt meist sehr viel robuster. Ein Zwischenfall dieser Art hätte den wenigsten so sehr zugesetzt. Aber was wusste sie auch schon über Land und Leute in dieser für sie noch so fremden Welt? Außerdem war der Juwelier schon fortgeschrittenen Alters. Sie hatte sich bereits umgedreht, um weiterzugehen, als ihr der Mann hinterher rief:
»Junge Frau?«
Seufzend drehte sich Rhapsody um – ein letztes Mal, wie sie hoffte. Nana hatte ihr beizubringen versucht, wie man sich möglichst höflich aus dem Staub machte, was ihr, Rhapsody, aber nie so recht gelingen wollte. »Ja?«
Der Juwelier hielt ihr die Ohrringe hin. »Nimm sie, und vielen Dank auch.«
»Nein, das kann ich nicht annehmen.«
»Du musst«, sagte er eine Spur lauter als beabsichtigt. »Bitte«, fügte er in gemäßigterem Tonfall hinzu.
Er sah sie so flehentlich an, dass Rhapsody fürchtete, seine Gefühle zu verletzen. »Vielen Dank«, sagte sie schließlich und nahm das Geschenk aus seinen zitternden Händen entgegen. Sie steckte die Ohrringe an, stellte sich in Pose und fragte: »Na, wie sehen sie aus?«
Dem Mann klappte die Kinnlade herunter. »Oh, fantastisch«, stammelte er.
Rhapsody langte in die Tasche und zog ihre Börse daraus hervor, doch der Juwelier winkte ab. »Nein, ich schenke sie dir. Behalte sie bitte an.«
»Also gut, vielen Dank«, sagte sie lächelnd. »Ich hoffe, es geht dir wieder besser.« Sie zog die Kapuze über den Kopf und ging unter den staunenden Augen des Händlers, der Kutscher und Zeugen der Szene davon.
41
Ashe beobachtete die Szene von der anderen Straßenseite aus, verwundert zunächst, dann amüsiert. Offenbar war der Händler von dem, was sich ihm unter der grauen Kapuze als Anblick bot, über die Maßen angetan – was der Frau indes gar nicht aufzufallen schien. Er stand da und gaffte, während sie seine Ware musterte.
Schon drängte sich Ashe ein schlimmer Verdacht auf, was diese junge Frau anging, doch konnte er aus der Entfernung auch mit seinen scharfen Drachensinnen keinen Makel an ihr erkennen. Er musste näher heran, um Genaueres feststellen zu können.
Obwohl er sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, fuhr Ashe vor Schreck zusammen, als die beiden Ochsenkarren mit lautem Getöse aufeinander stießen. Was ihm, Ashe, noch verborgen war, schien die Kutscher buchstäblich aus der Bahn geworfen zu haben: Die Frau hatte kurz zuvor die Kapuze vom Kopf genommen.
Bei allen Rätseln, die sie aufgab, zeigte sich nun doch ganz deutlich, dass sie enorm schnell auf den Beinen war. Blitzschnell war sie unter dem Tisch und rückte ihn mitsamt dem Händler, der dahinter stand, in Sicherheit. Als wenig später die Gefahr vorbei war, half sie ihm noch, den Verkaufsstand wieder in Ordnung zu bringen, ehe sie ihrer Wege ging.
Sie schlenderte die Straße entlang und schien gar nicht zu bemerken, dass alle, an denen sie vorbeikam, staunend stehen blieben und sich den Hals nach ihr verrenkten.
Ashe legte wie zufällig die Hand auf das Heft seines Schwertes und folgte ihr. Doch so sehr er sich auch bemühte, konnte er doch nicht mehr von ihr erhaschen als einen Schimmer goldenen Haares und...
Da durchfuhr ihn ein jäher Schmerz, ausgehend von seinem Hodensack, der, gequetscht und mit Wucht zur Seite gezerrt wurde, was dermaßen wehtat, dass sich ihm der Magen umzudrehen drohte. Der erste Schock war noch nicht verwunden, da hatte er schon zugegriffen und die Hand gepackt, die ihm da so schamlos und brutal zusetzte. Er drückte mit aller Gewalt zu und spürte die fremde Handwurzel unter seinen Fingern knirschen, bis sie schließlich von ihm ablassen musste. Das Mädchen, wohl eine Taschendiebin, war an die sechzehn Jahre alt und hatte allem Anschein nach seine Hoden mit einem Geldbeutel verwechselt und aus der Tasche zu reißen versucht.
Von solchen Anschlägen blieb Ashe sonst ausgenommen, denn dank seiner Drachensinne, seiner Schnelligkeit und seines Nebelmantels, der ihn fast unsichtbar machte, kam er für Diebe als Opfer gar nicht erst in Betracht. Doch er war so sehr abgelenkt gewesen von den sonderbaren Schwingungen der in Grau gehüllten Frau, dass er nun zum ersten Mal angreifbar gewesen war.