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Das Mädchen schrie vor Schmerzen auf, als er noch fester zupackte und es vom Boden aufhob, um es an der Flucht zu hindern.

Sie war groß und dünn, hatte langes, ungekämmtes Haar in einer Farbe wie Winterstroh, und unwillkürlich sah Ashe wie bei allen blonden Wesen weiblichen Geschlechts auch bei ihr genauer hin. Ihre Augen, die ihm voller Schreck entgegenstarrten, waren wässrig blau und ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Nein, da hatte er doch etwas anderes zu sehen erhofft.

Mit einem gespenstisch kehligen Grunzen machte er seiner Wut und den Schmerzen Luft. In den hellen, weit aufgesperrten Augen stand heillose Angst geschrieben. Ashe kämpfte gegen den Impuls an, die Metze auf der Stelle totzuschlagen, und biss die Zähne aufeinander. Und während er noch um Selbstbeherrschung rang, spürte er plötzlich eine andere Hand auf seiner Faust, mit der er das Mädchen umklammert hielt.

»Lass bitte meine Schwester los, ich müsste dir sonst Gewalt antun.«

Dass er sich zu weit aus der Deckung gewagt hatte, musste Ashe nun schon zum zweiten Mal an diesem Morgen büßen, was ihn verblüffte und zugleich in Wut versetzte. So etwas passierte ihm sonst nie. Doch immer noch benommen von den Schmerzen zwischen den Beinen, war ihm gar nicht aufgefallen, dass sich eine Dolchklinge auf sein Handgelenk gelegt hatte, mit der die zweite Metze ihren Worten unmissverständlich Nachdruck verlieh.

Als er sich ihr zuwandte, erging es ihm ebenso wie all den anderen Leuten, denen, wie er hatte beobachten können, beim Anblick der Frau in Grau die Kinnlade heruntergeklappt war.

Sein verschwommener Blick traf auf das wohl schönste Antlitz, das er je gesehen hatte. Das Erstaunlichste daran waren die smaragdgrünen Augen, die mit ihrem Funkeln eine Wut zum Ausdruck brachten, vor der die eigene gleichsam verpuffte. Ihr Haar leuchtete wie Gold im Tiegel, und wäre es nicht von der Kapuze verhüllt gewesen, hätte es wohl die Wintersonne überstrahlt.

Das Drachenblut in ihm geriet in Wallung.

Ich will sie berühren. Bitte, lass mich an sie heran.

Um Selbstbeherrschung ringend, biss Ashe erneut die Zähne aufeinander und war nur froh darüber, den tarnenden Mantel zu tragen, der ihm nicht nur ein Fluch war, sondern eben auch ein Segen, vor allem in Situationen wie dieser.

Dass sie sein Gesicht erkennen konnte, stimmte ihn ein wenig zuversichtlich, und so setzte er eine freundlichere Miene auf und holte tief Luft. Dabei nahm er ihren Duft wahr, der so betörend war, dass ihm schwindlig wurde. Angestrengt darauf bedacht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, räusperte er sich und sagte:

»Was blaffst du mich an. Ich habe nichts getan.«

»Du tust meiner Schwester weh, und wenn du sie nicht augenblicklich freigibst, zahl ich dir’s heim.«

Die Klinge drückte fester zu, schnitt aber immer noch nicht ins Fleisch.

Die weiß mit dem Ding umzugehen, dachte er und ließ das Mädchen los, das ihn immer noch mit großen Augen ansah. Er rückte von ihm ab und ein Stück näher auf die schöne Frau zu, die nun den Dolch zurückzog und ihn mit spöttischem Blick taxierte.

»Hast du nichts Besseres zu tun, als junge Mädchen zu belästigen, und das auch noch auf offener Straße?«

Schon wieder klappte ihm der Unterkiefer herunter. »Wie bitte?«

Der Metze zugewandt, fragte sie: »Alles in Ordnung, Jo?« Die ließ den Mann nicht aus den Augen und nickte nur. Rhapsody richtete ihren Blick wieder auf Ashe. »Du kannst von Glück reden, dass ihr nichts geschehen ist.«

Ashe traute seinen Ohren kaum. So gründlich war ihm nie zuvor in seinem Leben die Kontrolle über eine Situation entzogen worden, und nur mit Mühe schaffte er es, einen auch nur halbwegs zusammenhängenden Gedanken zu fassen.

»Deine Schwester... deine Freundin oder wer sie auch immer ist... wollte mich bestehlen.«

Die wunderschöne Frau sah das Mädchen an, sagte aber nichts.

»Und hat daneben gegriffen«, erklärte er mit übertrieben starker Betonung. »Hat statt meines Geldbeutels was anderes zu fassen gekriegt und es mit aller Kraft aus der Hose zu zerren versucht.«

Seine Ohren liefen puterrot an; er konnte selbst kaum glauben, was er da von sich gab, zumal einer völlig fremden Frau gegenüber. Deren überirdische Schönheit hatte ihm offenbar die Zunge gelockert, die nun wie eine Fahne im Wind flappte.

Die Frau räusperte sich, und als sie die Hand vom Mund nahm, war noch der Rest eines Lächelns darauf zu erkennen.

»Es war also nicht der Geldbeutel.«

»Nein«, maulte er.

Wieder wandte sie sich dem Mädchen zu, das, wie es schien, in Grund und Boden zu versinken drohte. Den Blick gesenkt, ließ nun die Schönheit ein Seufzen vernehmen, das wie Musik klang und zur Folge hatte, dass sich Ashe die Haare im Nacken aufrichteten.

»Tut mir Leid«, sagte sie und blinzelte mit den smaragdenen Augen, die es offenbar nicht leicht hatten, ernst zu bleiben. »Ich hoffe, der Schaden hält sich in Grenzen.«

»Das wird sich erst zeigen«, entgegnete er zerknirscht und nahm erleichtert zur Kenntnis, dass der Schmerz und die Übelkeit ein wenig zurückgingen.

»Ach was«, sagte sie und war blitzschnell mit der Hand unter seinen Mantel gefahren, um der beklagten Angelegenheit auf den Grund zu gehen.

Ashe war wie vom Donner gerührt. Normalerweise hätte er ein solches Ansinnen unterbunden, noch ehe es überhaupt als Möglichkeit in Betracht gekommen wäre, war ihm doch in seinen 154 Lebensjahren noch niemand begegnet, der es an Schnelligkeit mit ihm hätte aufnehmen können. Doch nun stand da dieses bezaubernde Wesen grinsend vor ihm und hielt seine Datteln in der Hand, noch ehe er ein zweites Mal Luft geholt hatte.

Ihre Berührung ließ ihn am ganzen Körper erbeben und rührte frenetisch lustvolle Schauder auf. Er hoffte inständig, dass es ihr tatsächlich nur um eine Diagnose ging, als sie mit ernster Miene sein Gehänge in der offenen Handfläche hin und her schaukelte.

Ihm war bewusst, dass er ihr in aller Entschiedenheit Einhalt gebieten sollte. Mit jedem und jeder anderen, die sich ihm gegenüber eine solche Unverfrorenheit erlaubt hätte, hätte er kurzen Prozess gemacht. Doch er rührte sich nicht, was zum einen daran lag, dass er sich von seinem Schock immer noch nicht erholt hatte; zum anderen wollte er nicht, dass sie aufhörte.

Erst als ihre Behandlung Wirkung zeigte, ließ sie von ihm ab. »Scheint alles in Ordnung zu sein«, sagte sie und lächelte verschmitzt. »Die Empfindung kommt wieder zurück, nicht wahr?«

»Die war nie weg«, antwortete er, darum bemüht, ihrem launigen Tonfall zu entsprechen. »Nur die Art der Empfindung hat sich verändert.«

Seine Erregung ließ sich kaum mehr verbergen, was ihn hier, auf offener Straße, in arge Verlegenheit brachte. Noch peinlicher für ihn aber war seine so hilflose, kindische Reaktion auf diese Frau. Und plötzlich kamen Worte über seine Lippen, die sich ein anderer ausgedacht haben musste, denn sie konnten unmöglich seinem Kopf entsprungen sei.

»Ich glaube, wir sollten die Behandlung fortsetzen.«

Die schöne Frau lachte, und ihr Lachen klang wie ein Windspiel. Wieder meldete sich der Drache, drängend, ungestüm.

Ich will sie berühren, lass mich an sie heran.

Ashe versuchte nun, ihn zu unterdrücken, was aber nicht so recht gelingen wollte, da er ja das Gleiche wollte wie sein Drache.

Kalter Schweiß brach ihm aus. Er wusste, dass der Drache aufgrund seiner Unberechenbarkeit und seines Heißhungers in diesem Moment eine große Gefahr darstellte. Wenn er nun die Beherrschung verlöre und hier und jetzt über die schöne Frau herfiele, würde es um sie beide geschehen sein. Dass ihn diese fatale Aussicht nicht wirklich schrecken konnte, machte alles nur noch gefährlicher. Er wollte sie umfangen, sie mit allen seinen Sinnen spüren und auskosten, ehe ihr Herz den nächsten Schlag täte. Und es deutete sich an, dass er davon nicht mehr abzubringen war. Zwar kämpfte er noch dagegen an, doch der Zwilling in ihm übernahm nun das Kommando.