Ich will sie berühren, und du willst es auch.
Ihr Lächeln war atemberaubend. »Schön, dass du wieder scherzen kannst. Alles andere wird sich dann wie von selbst einstellen. Im Übrigen möchte ich im Namen meiner Schwester um Entschuldigung bitten. Sei unbesorgt, wir werden jetzt gehen und dir nie wieder über den Weg laufen. Komm, Jo.« Sie legte dem jüngeren, wenn auch größeren Mädchen einen Arm um die Schulter und führte sie davon.
»So warte!«, platzte es aus ihm heraus.
Sie drehte sich um. Dabei fiel ein Lichtstrahl auf ihr Haar, das selbst noch unter der Kapuze, die sie trug, golden glänzte. Sie zwinkerte mit den Lidern, deren lange schwarze Wimpern an den Grund ihrer tiefgrünen Augen erinnerten. Gegen seinen Willen drängte der Drache nach vorn.
Ich will sie berühren.
Sie könnte eine Dienerin des Dämons sein, dachte Ashe. Sein Widerstand nahm ab.
Ich will sie berühren.
Ja, dachte er im Stillen und gab klein bei.
Ihm war, als finge sein Magen zu kochen an. Er spürte, wie ihm das Blut unter die Haut schoss, registrierte, dass er immer schneller nach Luft schnappte. Dann meinte er ein Bersten in seinem Kopf zu vernehmen, wie wenn Kristall zerschlägt. Der Verstand und alle Sinne ließen ihn im Stich. Die Pupillen weiteten sich, und wie unter Spannung gesetzt, oszillierte seine Haut. Das Blut rauschte, die Muskeln krampften unter dem unwiderstehlichen Eindruck dessen, was sich da als zweite Natur in den Vordergrund drängte.
Der Drache kannte kein Halten mehr und nahm ihm die Zügel aus der Hand. Geboren aus den Elementen, aus denen das Universum zusammengesetzt war, trieb er sein überaus feines Sensorium bis an seine Leistungsgrenzen und nahm Bestand auf von allen Dingen ringsum, und waren sie noch so klein. Die genaue Anzahl der Facetten in den Augen sämtlicher Ameisen, die in den Ritzen der Straße krochen, war ihm ebenso offenbar wie das Zusammenwirken aller Witterungseinflüsse. Und diese geballte Wahrnehmungskraft richtete er nun auf sie, die Frau, und auf sonst nichts.
Zunächst versuchte der Drache den Zauber zu ergründen, der sie umgab. Es ging eine Musik von ihr aus, die ihn, den Drachen, zutiefst bewegte, ein Lied, das in allen Dingen widerhallte. Sie musste eine besonders begnadete Sängerin sein, womöglich im Rang einer Benennerin. Zwar hatte er nur wenig Ahnung von Musik und allen verwandten Künsten, war sich aber über die Kraft, die in ihr lag, durchaus im Klaren. Umso mehr sehnte er sich danach, die Frau zu berühren, von ihr zu lernen, ja, sich ihre Kunst zu Eigen zu machen.
Was da noch so sehr an ihr bestach, war eine ganz ungewöhnliche, aber sehr harmonische Beimischung aus anderen Elementen. Er spürte, dass sie einer anderen Zeit, einer anderen Welt angehörte, wusste aber nicht, was das zu bedeuten hatte. Diese Aspekte faszinierten den Drachen besonders. War sie womöglich hellsichtig, konnte sie in die Zukunft blicken? Es sprach vieles dafür, dass sie cymrischer Abstammung war. Möglich auch, dachte er, dass sie irgendwie mit dem Feuer in Verbindung stand, dem einzigen Element, das ihm fremd blieb.
Ihre Gestalt war ein Fest der Wahrnehmung. Er tastete sie mit den Ausläufern seiner Sinne ab und saugte unverfroren alles in sich auf, was er an Informationen bekommen konnte. Der schwere Umhang, mit dem sie ihren Körper verhüllte, war ihm dabei kein Hindernis, genauso wenig wie ihre Kleider.
Sie war kerngesund, voller Leben und Energie und überraschend muskulös, wirkte aber dennoch zierlich, auch für lirinsche Verhältnisse, und größer, als sie in Wirklichkeit war. Die Proportionen hätten kaum besser verteilt sein können. Sie hatte schmale Schultern, grazile Arme und lange, wohl geformte Beine, die selbst in der weiten Wollhose zur Geltung kamen.
Und erst dieser geschmeidige Rumpf, der schlanke Hals! Er hatte seinen Blick darauf fixiert und stellte sich vor, ihn mit warmen, schwelgerischen Küssen zu bedecken.
Der Hals verjüngte sich zu einem Ausschnitt zwischen Brüsten, die schöner gar nicht hätten geformt sein können. Nur gut, dass er sie lediglich erahnte; ihr Anblick hätte ihn in die Knie gezwungen. Die Taille war so schmal, dass er sie leicht mit beiden Händen hätte umschließen können. Typisch Lirin waren auch ihre schlanken Hüften. Ehe seine Sinne weiter ausholen konnten, brach er die Musterung ihrer äußeren Qualitäten widerstrebend ab, fürchtete er doch, einer Fortsetzung nervlich nicht gewachsen zu sein. Allzu sehr schon brannten seine Lippen, die sich danach verzehrten, den Nacken zu küssen, und der zurückgehaltene Wunsch, ihre Haut zu streicheln, wurde zur Qual. Und der Drache würde nie mehr Ruhe geben, bliebe ihm versagt, sie zu berühren, wie er sich das vorgestellt hatte. Anscheinend kam er ganz gut an bei ihr, was ihn zusätzlich anstachelte, obwohl ihm schwante, dass der Verzicht immer schwerer werden würde. Und so brach er seine Begutachtung an dieser Stelle ab, ehe er sich den schimmernden Haaren unter der Kapuze zuwandte. Er hatte schon genug davon gesehen, um zu wissen, wie hilflos er sein würde, wenn er es nur zuließe, auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.
Um sich aus ihrer Verzauberung zu lösen, suchte der Drache nach Schönheitsfehlern, nach irgendwelchen Unvollkommenheiten, die sie als reales Wesen überführten. Ashe fand einen solchen Makel an ihren Fingern. Die waren zwar feingliedrig und weich, hatten aber an den Kuppen eine spröde Hornhaut ausgebildet, die von jahrelangem Harfespielen herrühren mochte. Einen anderen Fehler fand er nicht.
Der Mensch, der sich freiwillig dem Drachen in ihm untergeordnet hatte, zitterte, als der Drache seine Sinnesexkursionen fortsetzte.
Ihr Gesicht war wie das Meisterwerk eines Bildhauers, der daran ein ganzes Leben lang gearbeitet hatte, um es schließlich der Menschheit zu schenken. Alle Züge waren aufs Vortrefflichste aufeinander abgestimmt, mit Ausnahme der Augen vielleicht, die um eine Idee zu groß zu sein schienen. Die dichten schwarzen Wimpern und das dunkle Grün der Iris standen im scharfen Kontrast zum Weiß der Augäpfel. Als wären sie selbst Lichtquellen, so funkelten diese Augen. Sie wirkten hypnotisierend, und sogar der Drache hatte Schwierigkeiten, sich ihrem Bann zu entziehen.
Sie ist vollkommen, urteilte er in hellen Tönen, die nur Ashe hören konnte. Ich will sie haben. Doch hinter der Faszination des Drachen stand auch ein menschliches Interesse. Was ihn an ihr so reizte, war etwas ganz anderes. Sie fühlte sich zwar anscheinend durchaus wohl in ihrer Haut, ließ aber mit keiner Miene erkennen, dass sie sich ihrer außergewöhnlichen Schönheit bewusst war. Ihre Augen waren voller Zärtlichkeit, zeugten aber auch von Schmerz, dessen Tiefe unergründlich schien. Er wünschte zu wissen, was sie so betrübte, und würde ungebeten bis ans Ende der Welt gehen, um Abhilfe zu schaffen. Wenn sie lachte, waren es vor allem die Augen, die lachten, und wenn sie verärgert war, zeigte sich auch das zuerst an ihnen. Er, der einsam und im Verborgenen lebte, beneidete sie für die Offenheit, die sie ausstrahlte.
Sie ist unberührt, eine Jungfrau, flüsterte der Drache aufgeregt. Vollkommen. Doch trotz seiner eingeschränkten Wahrnehmung spürte der Mensch eine Sinnlichkeit von ihr ausgehen, ein Wissen um die Verlockungen des Fleisches, das ihn ganz und gar verwirrte. Eine Jungfrau mit den Reizen einer Kurtisane. Was für ein betörendes Paradox! Er wollte mehr von ihr wissen und schweifte mit seinen Gedanken in die Vorstellung ab.
So deutlich, wie er sie hier in ihrem grauen Umhang vor Augen sah, erblickte er sie im Hochzeitkleid mit Blumen im Haar, und das Lächeln auf dem Gesicht galt ihm. Er ließ seiner Phantasie freien Lauf, stellte sie sich vor im durchschimmernden Gewand der Hochzeitsnacht und spürte, wie ihm klamm und heiß zugleich wurde. Er sah sie das gemeinsame Kind wiegen, dann das Enkelkind. Das Alter setzte zwar, wie er es sich ausmalte, auch ihr zu, doch sie blieb ungebeugt und schön. Es trieb ihm fast die Tränen in die Augen, als er sie schließlich in ihr Leichentuch gewickelt sah, die bezaubernden Augen für immer geschlossen, von zarter, weißer Gaze bedeckt.