Выбрать главу

Die lang bewimperten Lider schlugen wieder auf.

»Ja?«, fragte sie. Der Drache hatte seine Erkundungen inzwischen abgeschlossen.

»Wie wär’s, wenn wir zu dritt zu Mittag essen?«, schlug er vor. »Nachdem der Streit nun geschlichtet ist. Oder gibt’s noch irgendwelche unguten Gefühle?«

»In dem Fall wäre die Verletzung doch schwerer als angenommen, es sei denn, ich hätte es an Fingerspitzengefühl mangeln lassen«, antwortete sie neckisch.

Er lachte. »Ich dachte, wegen der Bezahlung vielleicht.«

Die schöne Frau sperrte überrascht die Augen auf. Dann kniff sie die Brauen zusammen und fragte:

»Wie bitte? Was soll das heißen?«

Ashe wusste sofort, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. »Nichts ... Verzeihung, das sollte nur ein Scherz gewesen sein. Ich glaube, dass du als Kurtisane sehr viel Erfolg haben könntest«, stammelte er unbeholfen.

»Du hältst mich für eine Kurtisane?«

»Nein, ganz und gar nicht, ich ...«

»Unverschämtheit. Komm, Jo.«

»Wartet doch. Es tut mir Leid, bitte, geht nicht einfach so.«

»Aus dem Weg!«

»Versteh mich nicht falsch.«

»Aus dem Weg!« Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu und führte das Mädchen auf den Platz zurück. Verzweifelt schaute er den beiden nach. Seine Sorge, dass sie womöglich mit einem Dämon im Bunde stünde, war nun gänzlich verflogen. Er erinnerte sich, dass sie auf Humor ansprach, und unternahm einen letzten Versuch.

»Soll das heißen, dass aus dem gemeinsamen Mittagessen nichts wird?«

Sie wirbelte auf dem Absatz herum. »In Anbetracht der bescheidenen Größe deines Geldbeutels bezweifle ich, dass du uns beide freihalten kannst. Sei froh, wenn es für dich selbst reicht.« Dann machte sie wieder kehrt und verschwand mit dem Mädchen in der Menge.

Ashe lachte laut auf, was die Leute in seiner Nähe vor Schreck zusammenfahren ließ, denn bislang hatte keiner Notiz von ihm genommen.

42

»Sag jetzt nichts. Ich weiß schon. Es tut mir Leid.« »Bist du von allen guten Geistern verlassen? Damit, dass man dir die Hand abhackt, wärst du noch gut bedient gewesen. Du hast mit deinem Leben gespielt.«

Jo seufzte. »Ich weiß.«

Rhapsody blieb abrupt stehen. »Warum, Jo? Du hast Geld von mir bekommen. Brauchst du mehr?«

»Nein.« Jo langte in die Tasche, holte die Münzen hervor, die ihr Rhapsody geschenkt hatte, und wollte sie zurückgeben.

Rhapsody starrte auf die offene Hand und sagte: »Erklär’s mir bitte, Jo.«

Betreten blickte das Mädchen zur Seite. »Ich weiß selbst nicht, warum.«

Rhapsody nahm Jos Gesicht in beide Hände und schaute ihr in die Augen. Die blickten trotzig drein, doch erkannte Rhapsody in ihnen auch eine tief steckende Furcht, die ihr zu Herzen ging. Es war der Blick des Straßenkindes, das nun fürchten musste, bei der einzigen Person, die an seinem Schicksal Anteil nahm, in Misskredit geraten zu sein.

»Na, nur gut, dass dir nichts passiert ist. Komm, wir sind mit Achmed zum Mittagessen verabredet.«

Jos Miene heiterte auf. »Das war alles? Du schreist mich nicht an?«, fragte sie verwundert. Rhapsody schmunzelte. »Willst du, dass ich das tue? Ich bin doch nicht deine Mutter. Ich bin deine Schwester und habe, als ich so alt war wie du jetzt, selbst jede Menge Dummheiten gemacht.«

»Ist das wirklich wahr? Was für Dummheiten?«

»Hat Achmed nicht erzählt, was in Bethania passiert ist? Komm.« Sie nahm Jo bei der Hand und führte sie zurück auf den Marktplatz.

Achmed wartete schon ungeduldig vor der Basilika von Bethe Corbair. Wenige Minuten zuvor war die Sonne durch ihren Zenit gegangen, doch die beiden Frauen ließen sich immer noch nicht blicken. In der alten Welt hätte er ihren Herzschlägen nachgespürt, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging. Doch diese Möglichkeit blieb ihm hier und jetzt versagt.

Oder? Jo zu finden war ihm tatsächlich nicht gegeben. Rhapsody aber stammte aus der alten Welt; ihren Herzschlag konnte er immer noch hören. Dazu musste er nur einen geschützten Ort aufsuchen und sich konzentrieren.

Achmed sah sich um und entdeckte eine kleine Taverne in der Nähe. Auf dem Gehweg davor standen ein paar Holztische, die vom Schmelzwasser des abgetauten Schnees noch ganz nass waren. Er ging darauf zu, zog eine Bank unter einem der Tische hervor, trocknete die Sitzfläche ein wenig ab und nahm darauf Platz.

Dann schloss er die Augen, versuchte, alle Geräusche der Straße auszublenden, insbesondere auch das Läuten der Glocken, die vom Wind auf immer neue, völlig unvorhersehbare Weise zum Klingen gebracht wurden.

Achmed öffnete die Lippen einen Spaltbreit, sog die kalte Luft ein und stieß sie pfeifend wieder aus. Die Hände hatte er auf die Tischplatte gelegt. Als wollte er prüfen, woher der Wind wehte, hob er den Zeigefinger der rechten Hand an und wiederholte damit in stark verkürzter Form jene Methode, mit deren Hilfe er damals, in der alten Welt, als Meuchelmörder seinen Opfern auf die Spur gekommen war.

Seiner dhrakischen Abstammung verdankte er eine vergrößerte Stirnhöhle und überlange Schilddrüse, mit denen er feinste Schwingungen zu empfangen und zu unterscheiden vermochte. Er erkannte Rhapsodys Pulsschlag auf Anhieb, hatte er doch – wenn man der Zeitrechnung glauben konnte – nunmehr seit Jahrhunderten an ihrer Seite gewacht, geruht und gekämpft.

Ein feinster Lufthauch reichte, um ihm ihren Rhythmus mitzuteilen.

Sie war in der Nähe. Er hatte ihren Herzschlag gefunden und spürte sie näher kommen. Schon wollte er die Suche abschließen, als er plötzlich einen scheußlichen Geschmack auf der Zunge wahrnahm, mehr sauer als gallig und ekliger noch als Erbrochenes. Es schmeckte faulig und nach Verwesung, ganz nach der Würze des Bösen. Ja, Achmed glaubte fast sicher zu sein, die Witterung des F’dor aufgenommen zu haben.

Er riss die Augen auf und sah Rhapsody mit Jo von links herbeieilen, aus dem Südwesten der Stadt. Der Pesthauch hingegen kam aus nördlicher Richtung, wovon er sich noch einmal mit geschlossenen Augen zu überzeugen versuchte.

Die Sonne verschwand gerade hinter dem Turm der Basilika. Im Schatten, der auf den Vorplatz fiel, war eine dunkle Gestalt aufgetaucht, die sich von den Konturen der behauenen Mauer dahinter nur vage abhob. Wieder ließ Achmed die Luft durch Mund und Nase streichen, und wieder nahm er den Geruch des Bösen wahr.

»Entschuldige die Verspätung«, sagte Rhapsody und rückte die Bank auf der anderen Tischseite zurecht. »Jo, setz dich. Bist du schon bedient worden, Achmed?«

Mit seiner Konzentration war es vorbei. Wie benommen blickte er zu ihr auf. Die Sonne trat wieder zum Vorschein und ließ eine Locke aufleuchten, die aus Rhapsodys Kapuze hervorlugte.

Als sich Achmed der fraglichen Gestalt auf dem Vorplatz zuwandte, entdeckte er, wenngleich an anderer Stelle und erst bei genauerem Hinsehen, einen ganz und gar unauffälligen Mann, der den Blick auf sie gerichtet hatte.

Sofort stellten sich ihm sämtliche Nackenhaare auf. Zwar konnte er keine Witterung von diesem Mann aufnehmen, doch sprach alles dafür, dass er und die soeben entdeckte Schattengestalt identisch waren. Der Mann trug einen Umhang und verbarg sein Gesicht. Als dann die Sonne auf ihn fiel, schien es, als dampfte er, als umhüllte ihn ein Nebelschleier. Zu Achmeds Verwunderung und Ärger kam der Mann nun auf sie zu.

Der Wirt trat mit einem Tablett voller Speisen vor die Tür und trug sie den Gästen auf, die an einem der anderen Tische Platz genommen hatten. Achmed roch Hammelfleisch. Er verabscheute Hammelfleisch und verzog das Gesicht.

»Ist was?«, fragte Rhapsody besorgt.

Jo rückte näher. »Da ist er wieder. Er kommt her.«

»Wer?« Rhapsody reckte den Hals und warf einen Blick über die Schulter zurück.