»Der Mann von vorhin.« Jo errötete; ob aus Scham oder vor Aufregung, war kaum zu unterscheiden. Rhapsody erhob sich und setzte eine schroffe Miene auf. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Achmed dem Mann den Rücken zugekehrt hatte, zu ihr aufblickte und seinen Dolch zog, womit er ihr offenbar kundtun wollte, dass er auf der Hut war. Sie nickte ihm kaum merklich zu, wie es Grunthor getan hätte. Die wortlose Verständigung zwischen ihnen klappte immer besser.
»Was willst du?«, fragte sie den Mann.
»Mit Verlaub«, antwortete er in einer angenehm dunklen Stimme, in der eine interessante, trockene Note mitschwang. »Ich wollte mich noch für mein grobes Verhalten entschuldigen.«
»Das hast du bereits getan. Und jetzt entschuldige uns bitte.«
»Es wäre mir lieb, wenn ich Wiedergutmachung leisten und euch beiden ein Mittagessen spendieren könnte.« Und mit einem Seitenblick auf Achmed fügte er hinzu: »Eurem Freund natürlich auch.«
Achmed sagte nichts. Er behielt Rhapsody im Auge und schien auf ein Stichwort zu warten. Sie dachte nach und richtete den Blick auf Jo, die sichtlich nervös geworden war. Achmed sah, wie Rhapsody die Stirn in Falten legte, als sie ihre neue Schwester musterte und sich dann wieder dem Mann zuwandte, der hinter Achmed stand.
Schließlich senkte sie den Blick auf Achmed und fragte: »Was meinst du?«
»Wenn er unverschämt war, schick ihn weg«, sagte er ruhig. »Es könnte sein, dass er dich wieder belästigt, und dann müsste ich ihn umbringen. Ich habe allerdings keine Lust, noch vor dem Mittagessen deine Ehre verteidigen zu müssen. Darunter hätte nicht zuletzt meine Verdauung zu leiden.«
Der Mann hinter ihm kicherte, was Achmed als gutes Zeichen wertete. Auch Rhapsody schmunzelte.
»Ich finde, wir können’s riskieren«, sagte sie und wandte sich wieder an Jo. »Was meinst du?«
»Ja, sicher«, antwortete Jo spontan.
»Also dann.« Rhapsody zeigte auf den leeren Platz neben Achmed. »Warum setzt du dich nicht?«
»Wie heißt du?«, fragte Jo und rutschte aufgeregt hin und her.
»Ashe«, antwortete der Fremde. Er warf einen Blick auf den Eingang der Taverne, als gerade der Wirt daraus hervortrat. »Und wie ist dein Name?«
Das Mädchen ließ mit der Antwort nicht lange auf sich warten. »Jo. Und das ist Rhapsody, und das ist... au!« Weiter kam sie nicht, weil die Schwester ihr einen Knuff versetzt hatte.
»Es ist mir eine Ehre, deine Bekanntschaft zu machen, Jo«, sagte der Kapuzenmann und wandte sich an Rhapsody, die ihren Blick immer noch auf das Mädchen gerichtet hielt. »Rhapsody. Was für ein schöner Name. Bist du Musikerin?«
»Ja, sie ist... autsch! Hör auf damit«, maulte Jo und rückte ein Stück zur Seite.
Der Mann hüstelte in die vorgehaltene Hand. Achmed glaubte, ein Lächeln unter der Kapuze ausmachen zu können. »Ist Jo eine Abkürzung? Wofür? Joanna? Joella?«
Das Mädchen wurde rot bis unter die Haarwurzeln. »Josephine«, antwortete sie im Flüsterton. Rhapsody staunte nicht schlecht. Sie selbst hatte der neu adoptierten Schwester nicht entlocken können, was diese nun dem Fremden freimütig anvertraute.
»Auch ein sehr hübscher Name.« Und an Achmed gewandt: »Darf ich fragen, wie Er heißt?«
Es war das erste Mal, dass Achmed nun den Blick auf ihn richtete, doch er sah nicht viel mehr als sie Spitzen eines zerzausten Bartes. »Nenn mich einfach ›Herr‹«.
»Sei doch nicht so unhöflich, Achmed«, empörte sich Jo, die aber rasch zur Besinnung kam, als sie sich seinem strafenden Blick ausgesetzt sah, und erkannte, dass es nun besser war, den Mund zu halten. Zum Glück kam in diesem Augenblick der Wirt an den Tisch und fragte nach den Wünschen seiner Gäste.
Jo bestellte Hammelbraten, Rhapsody Brot und Käse. Achmed und Ashe verlangten gleichzeitig nach Eintopf, was die beiden selbst überraschte. Sie sahen einander an und schienen ihre Wahl noch einmal zu überdenken. Der Wirt war, als er Ashes Stimme hörte, vor Schreck zusammengezuckt, hatte er diesen grauen Gast doch völlig übersehen.
Von Achmeds überdeutlichen Blicken endlich zur Räson gebracht, sagte Jo während der gesamten Mahlzeit kein einziges Wort mehr. Rhapsody gab sich redlich Mühe, die Spannungen am Tisch ein wenig aufzulockern, plauderte und scherzte mit dem Fremden, der am Ende beide Frauen zum Lachen brachte. Achmed hörte aufmerksam zu. Ashes lockere Art zu reden ging ihm zwar auf die Nerven, doch an dem, was er sagte, war kein Anstoß zu nehmen. Viel mehr machte ihm der Geruch von Jos Hammelbraten zu schaffen. Ihm wurde fast schlecht davon, und er konnte es kaum abwarten, endlich vom Tisch aufzustehen.
Als die Teller geleert waren, hatten sich Ashe und die Frauen über das Wetter, die Glocken der Basilika und über Qualität und Auswahl der Waren auf dem Markt unterhalten. Nichts von Belang. Achmed stand auf und stieß die Bank zurück, die er sich mit dem Fremden teilte. Der reagierte erstaunlich schnell und war aufgesprungen, ehe die Bank unter ihm wegrutschte.
»Wohin des Wegs?«, fragte Jo den Fremden, als dieser eine übergroße Geldbörse aus den Falten seines Umhangs zog und Rhapsody Gelegenheit bot, sich ein Bild von dieser Börse zu machen. Rhapsody lachte, während Jo vor Verlegenheit wieder rot anlief.
Ashe warf zwei Silbermünzen auf den Tisch, womit das Essen großzügig beglichen war. »Nach Süden. Und ihr?«
Noch ehe Rhapsody ihr ins Wort fallen konnte, sprudelte es aus Jo heraus: »Wir ziehen nach Canrif und wollen uns da niederlassen.«
Der Fremde war, wie Achmed bemerkte, sichtlich bestürzt. »Warum?«
»Nun, ob wir uns da wirklich niederlassen, ist noch längst nicht entschieden«, korrigierte Rhapsody.
»Wir wollen uns dort erst einmal nur umschauen. Es soll ein interessanter Ort sein.«
»So kann man’s auch ausdrücken«, erwiderte Ashe trocken. »Wollt ihr euch über längere Zeit dort aufhalten?«
»Sie hat doch eben erst gesagt, dass wir das noch nicht wissen«, blaffte Achmed.
»Wieso interessiert dich das?«, beeilte sich Rhapsody zu fragen.
»Ich werde mich in gut zwei Monaten auch wieder einmal in der Gegend um Canrif aufhalten. Wenn ihr dann noch da seid, könnte ich auf einen Sprung bei euch vorbeischauen.«
»Ja, warum nicht«, freute sich Jo, doch die Blicke von Rhapsody und Achmed brachten sie zum Schweigen.
»Vielleicht sind wir dann noch da. Wer weiß?« Rhapsody erhob sich von der Bank. »Wenn ja, bist du uns natürlich willkommen.«
»Es würde mich freuen, euch wieder zu sehen. Alles Gute. Und eine angenehme Reise. Guten Tag.«
Ashe verbeugte sich vor den Frauen, nickte Achmed kurz zu und ging in Richtung Marktplatz davon. Nach ein paar Schritten blieb er noch einmal stehen, drehte sich um und sagte mit Blick auf Rhapsody:
»Ich hoffe, mein ungebührliches Betragen ist verziehen.«
»Das ist es«, erwiderte Rhapsody lächelnd. »Schon vergessen.« Der Fremde verbeugte sich noch einmal und war wenig später verschwunden.
An Jo gewandt, sagte Rhapsody schmunzelnd: »Siehst du, so schnell kann sich das Blatt wenden. War doch gut, dass dir die Börse nicht in die Hände gefallen ist, oder? Sonst hätten wir für unser Mittagessen selbst zahlen müssen.«
Achmed hatte sich wieder auf die Bank gesetzt und forderte die beiden auf, ebenfalls Platz zu nehmen.
»Aber es wäre vielleicht noch genug übrig geblieben, um festen Zwirn zu kaufen, mit dem sich geschwätzige Mäuler zusammennähen lassen.«
»Ach, stell dich nicht so an«, entrüstete sich Rhapsody, denn das Mädchen reagierte sichtlich betroffen auf Achmeds Worte.
»Na schön. Allerdings würde ich doch gern erfahren, wer das war und warum er euch gefolgt ist.«
Die beiden setzten sich. Rhapsody legte die Stirn in Falten und antwortete: »Da bin ich überfragt. Er ist uns auf dem Marktplatz begegnet und hat uns zum Mittagessen eingeladen.«
»Was hat er getan? Was hat es mit diesem ungebührlichen Betragen‹ auf sich?«
Rhapsody sah Jo an, die offenbar mit den Tränen kämpfte. Sie suchte unter der Tischplatte nach der Hand des Mädchens, streichelte sie tröstend und legte sich, die Szene auf dem Marktplatz vor Augen, eine Antwort für Achmed zurecht.