Выбрать главу

Sie erinnerte sich, was dazu geführt hatte, dass sie dem Mann ans Gemächt gegangen war. Scheint alles in Ordnung zu sein. Die Empfindung kommt wieder zurück, nicht wahr?

Die war nie weg. Nur die Art der Empfindung hat sich verändert. Ich glaube, wir sollten die Behandlung fortsetzen.

Sie hatte gelacht, sich bei ihm entschuldigt und war dann mit Jo gegangen.

So warte!

Ja? Sie hatte ein Kribbeln auf der Haut gespürt, ein Gefühl, das ihr Vater früher, als sie noch ein Kind gewesen war, oft mit den Worten kommentiert hatte, dass eine Gans über ihr Grab gewatschelt sei. Der seltsame Fremde hatte sie zum Essen eingeladen und sie, Rhapsody, beleidigt mit der Unterstellung, eine Kurtisane zu sein.

»Nichts Besonderes. Er hat zu flirten versucht, Achmed, was ihm nicht so recht gelingen wollte. Trotzdem fand ich seine Gesellschaft nicht unangenehm – im Unterschied zu dir. Du scheinst dich ja sehr an ihm gestört zu haben.«

»Verdankst du ihm diese Ohrringe?«

Rhapsody errötete. An den Schmuck hatte sie schon gar nicht mehr gedacht. »Nein, die hat mir ein Juwelier geschenkt, weil ich ihm geholfen habe, als sein Verkaufsstand um ein Haar in den Unfall zweier Ochsengespanne verwickelt worden wäre.«

»Hmmm. Na schön, lassen wir’s dabei bewenden. Es bleiben uns noch ein paar Stunden, bis wir wieder mit Grunthor zusammentreffen. Wir könnten die Zeit nutzen und uns weiterhin in der Stadt umsehen. Vielleicht lernen wir auf diesem Weg auch schon ein bisschen von Canrif kennen, denn es heißt ja, dass ein Großteil von Bethe Corbair zum Schutz vor drohenden Angriffen der Firbolg gebaut worden sei.«

»Ich dachte, die Cymrer hätten Bethe Corbair aufgebaut«, entgegnete Rhapsody und faltete ihre Serviette zusammen. »Wenn Stephen Navarne Recht hat, waren sie die Bauherren der Basilika.«

»Ja, und auch der eigentlichen Stadt. Aber wenn du genauer hinsiehst, wird dir auffallen, dass Bethe Corbair – im Unterschied zu den anderen größeren Ortschaften Rolands, die wir gesehen haben – aus einer Innenstadt mit prächtigen, kunstvollen Bauwerken besteht und einem später dazugekommenen Ring aus einfach gemauerten Häusern, die von Soldaten entworfen worden sind und von Anfang an als bewohnter Schutzwall gedacht waren. Im weiteren Umkreis sind sonst kaum Bauernhöfe oder Siedlungen von Landarbeitern zu finden, und die wenigen Gehöfte, die es gibt, liegen gleich hinter der Stadtmauer. In den Außenbezirken der Stadt werden wir bestimmt ein paar interessante Dinge erfahren können.«

»Das ist sehr gut möglich. Bin gleich wieder da....« Rhapsody stand auf. »Bevor wir gehen, möchte ich noch einen Blick auf den Glockenturm werfen.« Sie tätschelte Jos Schulter und überquerte die Straße in Richtung Basilika.

Jo schaute ihr nach und wandte sich dann an Achmed. »Ich will dir was verraten: Die Ursache für den Unfall war niemand anders als sie«, sagte sie.

Er kniff die Brauen zusammen. »Wovon redest du da?«

»Von den beiden Ochsenkarren, die zusammengekracht sind. Ich war ganz in der Nähe, als es passiert ist. Schon den ganzen Morgen über haben sich alle Leute die Augen nach ihr aus dem Kopf geguckt, trotz der Kapuze. Als sie die dann abnahm, um die Ohrringe anzustecken, haben die beiden Fuhrwerker nicht mehr auf den Weg geachtet, sondern nur noch auf sie. An anderer Stelle haben einige Kerle ihr Blumen auf den Weg gestreut, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie hat die Blumen aufgehoben und ihnen zurückgegeben, weil sie dachte, dass die Idioten sie aus Versehen fallen gelassen hätten. Wirklich seltsam.«

Achmed nickte. Er hatte seit dem gemeinsamen Aufstieg aus der Wurzel viele ähnliche Szenen erlebt.

»Und sie hat keine Ahnung«, sagte Jo.

»Tja, ich glaube, sie wird auch nie dahinter kommen.«

Über den brach liegenden Feldern am Stadtrand von Bethe Corbair ging die Sonne unter, als die drei zur verabredeten Stunde mit Grunthor zusammentrafen. Sie tauschten Ergebnisse und Eindrücke ihrer Erkundigungen aus und nahmen Bestand von ihren Vorräten auf, die sie in der Stadt aufgestockt hatten.

»Ich bin jetzt mehr denn je überzeugt davon, dass es sich lohnen wird, Canrif aufzusuchen«, sagte Achmed während des gemeinsamen Abendessens. »Canrif scheint ein sehr wichtiger Ort zu sein, voller Möglichkeiten, aber offenbar schlecht verwaltet. Was fehlt, ist eine tüchtige Führung, und wenn mich nicht alles täuscht, ist das für uns die Gelegenheit.«

»Was soll das heißen?«, fragte Rhapsody und wischte sich den Mund mit ihrer Serviette ab. Achmed blickte zum dunkler werdenden Himmel empor. »Die Bolg sind fällig; sie brauchen einen König, der was aus ihnen macht, und ich kenne da jemanden, der diesen Job übernehmen würde.«

»Willst du etwa dieser Jemand sein?« Rhapsody machte aus ihrer Skepsis kein Hehl.

Achmed sah ihr in die Augen. »Was hättest du gegen mich einzuwenden?«, entgegnete er in gespielter Entrüstung.

»Ich wusste noch gar nicht, dass königliches Blut in deinen Adern fließt.«

Die beiden Firbolg lachten. »An diesen Quatsch vom Gottesgnadentum der Könige können auch nur die Menschenvölker glauben«, sagte Achmed. »Unter uns Bolg gibt es keine Klassenunterschiede. Es herrschen diejenigen, die dazu in der Lage sind, entweder ihrer Stärke oder ihrer Genialität wegen. Ich habe beides zu bieten.«

Rhapsody schaute ins Lagerfeuer und sagte eine Weile nichts. Seine Worte ergaben durchaus Sinn, waren aber unvereinbar mit dem, was sie in dieser Frage für gut und angemessen halten konnte und was nicht. Allerdings waren auch diese Vorstellungen längst auf den Kopf gestellt. Llauron hatte sie ein Bauernmädchen genannt und trotzdem mit dem Herzog bekannt gemacht.

»Wir werden uns schon gut einfügen«, sagte Achmed, »selbst ihr zwei als Nicht-Bolg, die ihr seid.«

»Der Meinung bin ich auch«, brummte Grunthor, der an einer Schweinehaxe knabberte.

»Wo rein? In die Gesellschaft der Firbolg?«, wollte Jo wissen. Sie verhielt sich wieder ganz so, wie man es von ihr kannte. »Nie und nimmer werde ich mich auf diese Ungeheuer einlassen können.«

»Wart’s ab«, sagte Rhapsody mit Blick auf die beiden Gefährten aus der alten Welt. »Was man sich so über die Bolg erzählt, ist zum großen Teil stark übertrieben. Für mich sind es jedenfalls keine Ungeheuer. Wer weiß, vielleicht werden wir sie am Ende noch gern haben.«

Achmed und Grunthor schmunzelten vor sich hin und aßen weiter.

43

Sie kampierten in dieser Nacht am äußersten Nordrand der Krevensfelder, jener ausgedehnten Ebene, die sich, so weit das Auge reichte, zwischen Bethe Corbair und den Zahnfelsen erstreckte, die, einem natürlichen Bollwerk gleich, die Grenze zu den Bolgländern bildeten.

Die vier marschierten zunächst nach Osten, bis Bethe Corbair und die umliegenden Siedlungen nicht mehr zu sehen waren. Als es Nacht wurde, spannte sich ein schwarzer, von einigen wenigen Sternen besprenkelter Himmel über dem weiten Ödland auf, was ihnen das Gefühl vermittelte, ganz allein auf dieser Welt zu sein. Um nicht dem Trübsinn zu verfallen, hockten sie noch lange dicht beieinander und unterhielten sich.

Rhapsody dachte an die Einsamkeit während der endlos langen Reise über die Wurzel zurück. Damals hatte sie ständig gegen ein Gefühl von Panik ankämpfen müssen, das sie zu überwältigen drohte; jetzt wähnte sie sich ganz und gar allein gelassen und verwundbar.

Sie zog den Umhang enger und rief im Geiste ihre Enkel zu sich, wie so oft, wenn sie sich einsam fühlte. Ob Gwydion und Melisande wohl auch in Sicherheit waren hinter den Festungsmauern aus rosig-braunen Ziegeln, geschützt von den Truppen ihres Vaters? Aller Reichtum und alle Privilegien hatten sie nicht vor dem schrecklichen Verlust bewahren können, an dem sie immer noch krankten. Davor war niemand gefeit. Rhapsody streckte die Hand aus und strich Jo eine Strähne aus der Stirn. Nein, nichts.