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Das Feuer war bis auf ein paar kleine Flammen heruntergebrannt und warf ein spärliches Licht auf die schlafenden Gefährten, die einzigen Freunde, die sie in dieser Welt hatte. Sie seufzte tief betrübt, setzte ihre Wache fort und vermied es, den Blick unter das dunkle, endlose Himmelsgewölbe zu richten.

Mit dem Morgengrauen zog Nebel auf. Noch schlaftrunken und grummelnd standen die Gefährten auf. Rhapsody langte mit der Hand über das Feuer und sagte: »Slypka!«, worauf die Flammen plötzlich wie ausgeblasen waren und statt ihrer eine dünne Rauchfahne aufstieg, die sich dann aber schnell auflöste. Sie hatte dieses Wort, das sich mit verlösche übersetzen ließ, schon zu Anfang ihrer Ausbildung als Benennerin gelernt. Es ließ Flammen und Rauch in kürzester Zeit spurlos verschwinden. Oft hatte sie sich gewünscht, dieses Wort auch auf anderes anwenden zu können, zum Beispiel auf schlechte Träume oder quälende Erinnerungen.

Als sie am frühen Morgen ihren Weg fortsetzten, fing es wieder zu schneien an. Der Winter kehrte zurück, was die Reise erschwerte und auch die Stimmung niederdrückte. Der heulende Wind war Fluch und Segen zugleich. Er trug zwar häufig dazu bei, dass sie ihrem Ärger Luft machten mussten, schluckte aber die bösen Worte, die dann fielen, ohne Schaden anzurichten.

Nach vier Tagen strapaziösen Marsches hatten sie die als orlandisches Plateau bezeichnete Ebene hinter sich gelassen und eine hügelige, steinige Steppenlandschaft erreicht, die den Ausläufern der Zahnfelsen vorgelagert war.

Es dauerte noch über eine Woche, ehe die Berge mit ihrer scharf gezackten Silhouette in der Ferne sichtbar wurden. Ursprünglich hatte Gwylliam dieses Felsmassiv zu Ehren seiner Frau und seinen Schwägerinnen die Manteiden genannt, was ›Propheten‹ hieß. Doch mit der Zeit war dieser Name in Vergessenheit geraten; der zutreffendere hatte sich durchgesetzt.

Was von weitem wie ein dunkler, bräunlicher Wall ausgesehen hatte, stellte sich, je näher sie heranrückten, in einer Fülle von Schattierungen und bizarren Formen dar, grandios und Ehrfurcht gebietend, stummen Wächtern gleich, postiert zwischen der Welt der Menschen und dem Verborgenen Reich der Firbolg.

Das Gelände wurde immer steiler und felsiger, das Weiterkommen immer beschwerlicher. Dann, nach weiteren fünf Tagen, war endlich den Fuß der Berge erreicht, wo sie auf einer Anhöhe Rast machten.

Unter ihnen lag, von Schnee bedeckt, ein riesiges Amphitheater, von der Zeit und den Naturgewalten in den Fels gehauen; vielleicht war auch die Arbeit von Menschen daran beteiligt gewesen. Die Ränge, in konzentrischen Halbkreisen angelegt, stiegen stufenförmig gegen eine Front hoher Klippen hin an. Auf der Freifläche davor hatte sich Schutt aus Jahrhunderten der Vernachlässigung angehäuft. Rhapsody erkannte die Anlage sofort als diejenige, von der in dem gefundenen Notizbuch die Rede gewesen war.

»Das ist Gwylliams Großer Gerichtshof«, erklärte sie mit lauter Stimme, die von den Felswänden widerhallte. »Die Cymrer haben sich, wenn sie in Not waren oder Anlass zum Feiern hatten, an solchen Stätten zusammengefunden; da passte die gesamte Bevölkerung hinein. Hier hatten Gwylliam und Anwyn auch Hof gehalten und ihren Untergebenen Audienz gewährt.«

»Das ist ein Cwm«, sagte Grunthor und nannte damit ein Wort aus der alten Welt, das einen durch einen Vulkan oder Gletscher geformten Krater bezeichnete. Mit geschlossenen Augen inhalierte er die frostige Luft. Schnee rieselte, was die Sicht erschwerte. Mehr noch als auf der Wurzel fühlte er sich hier und jetzt fest mit der Erde verwachsen. Er stand auf geschichtsträchtigem Boden, und die Erde flüsterte ihm Geheimnisse ins stille Herz.

Das große natürliche Amphitheater war in grauer Vorzeit von einer Gletscherzunge ins Gestein des damals noch jungen Gebirges gegraben worden. In dem vom Eis Ausgefrästen Becken hatte sich dann, als es wärmer geworden war, das Schmelzwasser gesammelt und ein See aufgestaut. Schließlich war unter der immer heißer stechenden Sonne das Wasser verdunstet.

Im Altertum hatten sich Menschen daran gemacht, das, was hier von der Natur geschaffen worden war, weiter zu bearbeiten und als Versammlungsort auszubauen, den sie in der Folgezeit auf so günstige Weise genutzt hatten, dass er mit Fug und Recht als Wiege einer großen Zivilisation bezeichnet werden konnte.

Darauf folgte die so genannte Zeit des Tiefschlafs, in der das Amphitheater in Vergessenheit geriet und unter einer dicken Decke aus Schnee und Eis begraben lag. Diese Phase dauerte immer noch an. Nichtsdestotrotz war die magische Kraft sehr wohl zu spüren, die von diesem Ort ausging. Grunthor öffnete die Augen, kehrte aus seiner Träumerei zurück und schaute sich nach den anderen um.

Achmed suchte nach einer günstigen Route, auf der sie ihren Weg fortsetzen konnten. Er ließ seinen Spürsinn über die Landschaft schweifen und entdeckte eine Reihe von Gebirgspässen, die, größer als Ziegenpfade, aber kleiner als Straßen, von einem Bergsattel zum nächsten führten, durch tiefe Schluchten und über hunderte von Brücken, immer tiefer in das Verborgene Reich hinein. Manche dieser Pässe, die selbst unwegsamste Regionen erschlossen hatten, wurden nach wie vor häufig bereist, andere waren vergessen und von der Natur zurückerobert worden. Das gesamte System der Verbindungswege war eine bestaunenswerte Meisterleistung der hier ansässigen Bevölkerung, der Nain, die sich schon im Altertum einen Namen als tüchtige Bergarbeiter gemacht hatten. Gwylliams Handwerker, dachte Achmed.

Er konnte sie mit seinem geistigen Auge, das über die Berge wanderte, gut ausmachen: kleine Gestalten, schwarz im Morgenlicht, wie sie sich auf den Pfaden bewegten, Stammesgenossen, denen er noch völlig fremd war und doch eines Tages als Regent Voranstehen wollte.

»Das ist das Land, das Gwylliam Canrif genannt hat«, sagte er. »Firbolg streifen dort überall umher, schlecht organisiert, wenn überhaupt.«

»Nichts anderes hast du doch gehofft, sei ehrlich«, sagte Rhapsody. »Ich zitiere sinngemäß: Sie sind fällig, sie brauchen einen König... Stimmt’s?«

Achmed schmunzelte. »Ja.«

Dass die Firbolg, die den Tiefen der Erde entstammten, äußerst ungern nachts im Freien unterwegs waren, war Außenstehenden ein Rätsel. In sicherer Entfernung lagen die vier Gefährten auf der Lauer und registrierten das Verhalten und die Anzahl der Einheimischen, die ihnen zwischen den Felsen der Berge zu Gesicht kamen. Als es dann dunkel wurde, zeigten sich immer weniger Bolg, bis schließlich kein Einziger mehr zu sehen war.

»Nachtblind«, sagte Achmed, und Grunthor nickte.

»Seltsam«, murmelte Rhapsody. »Man sollte doch meinen, dass sie als Höhlenbewohner besonders gut im Dunkeln sehen können.«

»Das können sie auch, tief unter Tage, wo’s überhaupt kein Licht gibt, nicht einmal ein schwaches Glimmen, wie wir’s von der Wurzel her kennen. Aber in der Dunkelheit unter freiem Himmel können sie kaum die Hand vor Augen erkennen.« Achmed warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass Jo nicht mithörte.

Erschaudernd dachte Rhapsody zurück an die Axis Mundi und starrte ins dunkle Tal hinab. »Gelbe Wurzeln und grünes Gemüse.«

Grunthor warf ihr einen irritierten Blick zu. »He?«

»Die helfen bei Nachtblindheit. Eine der Legenden, die man während der Ausbildung zum Sänger zu hören bekommt, erzählt von einem Heer lirinscher Soldaten, die unbesiegbar wurden, weil sie ihre Ernährung umstellten und plötzlich auch bei völliger Dunkelheit sehen konnten. Ihre Feinde aber waren nachtblind und nächtlichen Angriffen schutzlos ausgeliefert.«

Achmed nickte. »Und da helfen nur Wurzeln und Gemüse? Sonst nichts?«

»Doch, Leber«, antwortete Rhapsody, was Jo mit theatralischen Würgelauten kommentierte.

»Aber dann warn die Bolg womöglich gar nich nachtblind«, meinte Grunthor. »Wenn sie ihre Feinde aufessen, ist auch immer ’n Stück Leber dabei.«

»Welche Feinde?«, fragte Rhapsody, ohne sich von der kannibalistischen Anspielung provozieren zu lassen. »Bethe Corbair ist der nächste Nachbar, und mit dem hat es seit Generationen keinen Streit mehr gegeben.«