»So ist es«, bestätigte Achmed. »Und Sorbold, das Königreich auf der anderen Seite, wird von den Zahnfelsen wirksam geschützt. Es scheint demnach, dass die Bolg weniger auf äußere Feinde Jagd machen als vielmehr untereinander.«
Wieder erschauderte Rhapsody. »Prächtig. Und da wollt ihr leben?« Achmed schmunzelte. »Warum nicht?«
Zwischen den Felsen war an manchen Stellen Schnee zusammengetrieben worden, der sich immer weiter verdichtet und schließlich eisige Stufen ausgebildet hatte, die sehr tückisch waren. Jo war schon etliche Male darauf ausgerutscht und hätte sich einmal fast zu Tode gestürzt.
»Wie weit noch?«, brüllte Rhapsody gegen den heulenden Wind an und starrte zurück auf das verschneite Tal, das sich in einer Tiefe von über hundert Klaftern unter ihr ausbreitete.
»Wir haben’s gleich geschafft«, rief Achmed. Und tatsächlich hatte er den oberen Klippenabsatz erreicht und hievte sich über die Kante, wo er, platt auf dem Bauch liegend, die Hand nach Rhapsody ausstreckte und ihr nach oben half.
Unmittelbar darauf und ebenfalls mit Hilfe von Achmed folgte Jo, die vor Erschöpfung und Kälte am ganzen Leib zitterte. Rhapsody warf ihr den eigenen Mantel über, konzentrierte sich auf ihr inneres Feuer und versuchte, einen Teil der Wärme auf die Schwester abzuleiten.
Schließlich tauchte auch der Pickel von Grunthors Helm auf. Dem Riesen war es anscheinend ein Leichtes, sich über den Rand zu schwingen. »Na, das hat doch Spaß gemacht, oder?«, sagte er. »Alles in Ordnung, Euer Liebden? Und bei dir auch, junge Frau?«
»Schnell, machen wir, dass wir aus dem Wind rauskommen«, sagte Rhapsody mit klappernden Zähnen. Finger und Nasenspitze waren schon wie abgestorben.
Achmed nickte. »Gleich. Aber vorher solltest du dich einmal umschauen und sehen, was unsere serenschen Brüder und Schwestern hier zuerst aufgebaut und dann zerstört haben.«
Rhapsody hob den Blick und sah hinter einem Vorhang aus wirbelnden Schneeflocken ein riesiges Kastell in Erscheinung treten, das aus dem Berg selbst herausgebrochen zu sein schien und sich schwarz vor dem Himmel abzeichnete. Da türmten sich Mauern aus glatt behauenem Fels zu einem so gigantischen Komplex auf, dass selbst die größten Kathedralen und Paläste, die Rhapsody unterwegs gesehen hatte, kümmerlich klein im Vergleich dazu erschienen.
Kein Wunder, dass die Bevölkerung diesen Gwylliam für eine Art Gott gehalten hat, dachte sie. Es war fast so, als hätte der Schöpfer persönlich Hand an diesen Berg angelegt und all die zahllosen Türme, Wälle, Brücken und Bollwerke aus der weiten Felsfront herausgemeißelt. Das war ein Ort für die Riesen unter den Riesen, für Titanen, die nur in diesem Hochgebirge Deckung finden konnten. Canrif.
»Ob es da wohl einen Tunnel gibt, in den wir uns verkriechen können?«, rief Rhapsody. »Jo friert.«
»Kannst du gehen?«
»Ja.«
»Also los, Grunthor schnappt sich Jo, und du kommst mit mir. Nicht weit von hier ist eine Höhle. Vor dem Zugang liegt zwar ein schwerer Felsblock, aber ich bin sicher, Grunthor wird’s schaffen, ihn beiseite zu wuchten. Die Einheimischen kommen da nicht hin. Halt einen Zipfel meines Umhangs gepackt, damit du mir im Dunkeln nicht verloren gehst.«
Rhapsody nickte und folgte Achmed hinaus in den Sturm.
Im Tunnel angekommen, waren sie zwar vor dem heulenden Wind geschützt, dafür aber rieselte eine Kaskade aus feinem Schutt und Staub auf sie herab, als Grunthor den Felsblock wieder vor den Einstieg rollte.
Hustend und keuchend klopfte Rhapsody die Kleider aus und half auch Jo beim Entstauben, die von der beängstigenden und strapaziösen Kletterei im Fels noch immer ganz benommen war.
»Was glaubst du, wo dieser Ort ist?«, fragte sie.
Achmed spähte in die Dunkelheit des langen Tunnels, der ringsum ganz sorgfältig und geometrisch exakt mit glatten, quadratischen Steinplatten gekachelt war. Auf beiden Seiten des Ganges verliefen schmale Gräben, die offenbar als Abflussrinnen dienten. Im Gewölbe darüber waren in regelmäßigen Abständen Löcher zu erkennen, die aber längst von Geröll und Schutt verstopft waren.
»Ich vermute, der Tunnel hier ist Teil eines Aquädukts, vielleicht eine Art Drainage. In Canrif gab es Dutzende solcher Systeme, die frisches Gebirgswasser in die Stadt umleiteten und Abwasser abführten. Die Pläne im Cymrer-Museum waren sehr detailliert.«
Rhapsody kramte in ihrem Gepäck und zog das im Haus der Erinnerung gefundene Notizbuch daraus hervor.
Nachdem sie eine Weile darin herumgeblättert hatte, sagte sie: »Da steht nichts, was uns weiterhelfen könnte. Ich wünschte, ich hätte mir die Ausstellung des Museums genauer angesehen.«
Achmed grinste. »Du hast offenbar eine völlig falsche Vorstellung von der Größe dieses Ortes, Rhapsody. Canrif war nicht bloß irgendeine Zitadelle oder Ortschaft, sondern ein Staat für sich. Die Festung am Berg ist nur ein sehr kleiner Teil davon. Jenseits der Schlucht und der Verdorrten Heide liegt alles andere: die Wälder und Weingärten, die Bergwerke und Dörfer, Städte, Tempel und Universitäten oder was sonst noch in den cymrischen Tagen dazu gehörte. Die Bolg haben wahrscheinlich vieles davon verkommen lassen. Wie auch immer, ich habe mir nur einen Bruchteil der Pläne angesehen, Pläne eben dieser Wasserleitungen, der Belüftung und solche von großen Schmiedewerkstätten inmitten des Berges, deren Öfen auch für die Heizung von Wohnräumen genutzt wurden. Gwylliam war ein Genie, jemand, der aus dem, was er vorfand, eine funktionierende Welt entwerfen und aufbauen konnte. Auch wenn wir mehrere Monate in dem Museum zugebracht hätten, wäre uns jetzt beileibe nicht alles bekannt.«
Vor einem Schutthaufen, der sich erst kürzlich dort gebildet hatte, ging Rhapsody in die Hocke. Sie legte die Hände darauf, schürte ihr inneres Feuer und ließ die Wärme auf die Steinbrocken übergehen.
»Wie soll’s jetzt weitergehen?«, fragte sie, als die Steine zu glühen anfingen.
Achmed holte Proviant aus seinem Gepäck. »Jetzt essen wir erst mal was. Danach sehe ich mich ein bisschen um. Grunthor, du bleibst mit den beiden hier. Wenn ich in spätestens zwei Tagen nicht wieder da sein sollte, geh mit ihnen zurück nach Bethe Corbair.«
»Ist dir eigentlich noch nicht in den Sinn gekommen, dass wir, wenn es um uns geht, auch ein Wörtchen mitzureden haben?«, empörte sich Rhapsody.
Achmed zwinkerte mit den Augen. »Na schön, wohin möchtet ihr also gebracht werden, wenn ich nicht zurückkomme?«
Rhapsody und Jo sahen einander an. »Nach Bethe Corbair vielleicht.«
Der Dhrakier lachte. »Und da sage mir noch einer, die Bolg wären an Streitsucht nicht zu übertreffen. Keine Sorge, ich komme zurück. Ich will bloß meinen zukünftigen Untertanen einen kleinen Besuch abstatten.«
44
Anders als in den Legenden der Cymrer beschrieben, hatten die Bolg tatsächlich schon lange, bevor Gwylliams Krieg zu Ende ging, Teile der Berge besiedelt. Der König war viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, als dass er bemerkt hätte, wie ein Haufen lausiger Höhlenbewohner über die Steppen im Osten zog und bis in die älteren Abschnitte seines riesigen Labyrinths vordrang. Umgekehrt aber nahmen die Bolg sehr genau von ihm Notiz und öffneten still und leise eine Hintertür zu Gwylliams Reich. Meldungen über verschwundene Grenzpatrouillen oder geplünderte Waffenlager blieben unbeachtet, weil es von den Kämpfen gegen Anwyn weit Spektakuläreres zu berichten gab. Die Bolg waren keine Soldaten, geschweige denn heroische Kämpfer, aber äußerst brutal und kannibalisch. Sie hatten das Feuer geraubt, und obwohl sie nur wenig vom Hausbau verstanden, konnten sie auf jedem Gelände und in jeder Klimazone überleben.
Jahrhunderte zuvor hatte sich ein fremder Kriegsherr mehrere Bolg-Stämme Untertan und – indem er sie mit ausreichend Nahrung versorgte – auch gefügig gemacht. Nach seinem Tod aber hatten sie seinen Besitz verwüstet und waren in ein anderes Land gezogen. Seine Hinterbliebenen spekulierten, dass sie ihm nur deshalb, Wölfen gleich, ergeben gewesen waren, weil sie ihn selbst für einen Wolf gehalten hätten. Alle anderen menschlichen Wesen sahen sie als Beute an und nicht etwa als mögliche Partner.