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Diejenigen, die in Gwylliams Bergen hausten, waren ein wilder Haufen Vertriebener, die Stärkeren das Feld hatten räumen müssen, von schlechtem Wetter verjagt worden waren oder einfach nicht mehr allein zu Rande kamen. Gemein war ihnen allen eine extrem harsche Weltsicht. Mit ihnen aneinander zu geraten war wahrlich unangenehm.

Gwylliam hatte derzeit mehrere Versuche unternommen, die Bolg auszutilgen. Er hatte ihnen Fallen gestellt und Truppen auf den Hals gehetzt, was aber nur einer Auslese der Dummen und Schwachen gleichgekommen war. Der Gattung der Bolg war damit – so die Einschätzung Grunthors – im Grunde nur gedient gewesen. Sie war gewissermaßen durch Gwylliams Schmiede gegangen und veredelt worden. Als Waffe gegen Anwyn aber hatte er nicht mehr auf sie setzen können.

Die Gefährten lagerten nunmehr seit einem Tag in einer verschütteten Röhre der Canrifer Sielen, als tief in den Bergen eine Gruppe von Bolg-Jägern einen Wolf gestellt hatte, und zwar an jener Stelle, die, gemeinhin Schlachthalle genannt, seit langer Zeit das Ziel von Treibjagden war. Größeres Wild oder menschliche Eindringlinge, die das Pech hatten, von den Firbolg als Beute angesehen zu werden, wurden dort in die Enge getrieben und zur Strecke gebracht.

In dieser großen, weitläufigen Höhle hatten ursprünglich cymrische Entdecker Quartier bezogen, ehe sie von den Bolg vertrieben worden waren. Dort hinein lockten oder trieben die Jäger nun ihre Beute, was ihnen allerdings nicht immer das gewünschte Resultat bescherte.

Auch diesmal wollte die Rechnung nicht aufgehen. Der Wolf war seinen Jägern überlegen, denn es handelte sich um ein Exemplar der Höhlenwölfe, jener urwüchsigen Art, deren Vertreter so groß wie ausgewachsene Bären, ungemein kräftig und listig und mit einem unvergleichlichen Sehvermögen ausgestattet waren. In den tiefen Bergstollen hatten sie ihr Revier.

Dieser Wolf hatte einen der Jäger schon zerfleischt und den zweiten gerissen, als der dunkle Mann auftauchte. Er war unbemerkt gekommen, genau in dem Augenblick, da die Jäger ihren Fehler erkannten und fliehen wollten.

Mit seinen schwarzen Kleidern war er in der Dunkelheit kaum auszumachen. Erst als er einen Laut von sich gab, wurden sie auf ihn aufmerksam.

»Auf den Boden mit euch!«, knurrte er mit rauer Reibeisenstimme und in einem Dialekt, den sie als eine veraltete Form ihrer eigenen Sprache erkannten.

Die Bolg reagierten wie vom Donner gerührt. Einer warf sich sofort der Länge nach hin, die anderen wirbelten herum und erstarrten vor Schreck, sodass sie der Aufforderung gar nicht nachkommen konnten.

Dem Mann glitt die Kapuze vom Kopf, als er ein langes, gerades Schwert hinter der Schulter hervorzog. Sein Gesicht war selbst für die Bolg ein fürchterlicher Anblick, und doch erkannten sie Züge darin, die unmissverständlich auf eine Artverwandtschaft hindeuteten, was die bolgschen Jäger noch mehr aus der Fassung brachte.

Die fremde Schreckensgestalt setzte sich urplötzlich und blitzschnell in Bewegung. Das schlanke Schwert schwirrte durch die Luft und durchbohrte den Hals des rasenden Ungeheuers, das, hinter einem seiner Opfer kauernd, zum Sprung angesetzt hatte. Das Feuer glühte noch in seinen Augen, als es winselnd in sich zusammensackte.

Kaum weniger schnell als die geschleuderte Waffe war der dunkle Mann zur Stelle, um sie zu bergen. Er befand sich nun mitten unter den Jägern, die alle bewaffnet waren, doch sie wagten es kaum zu atmen, als er sich anschickte, sein Schwert aus dem Hals des Wolfs zu ziehen.

In just diesem Moment schlug der Bolg, der sich auf den Boden geworfen hatte, mit einer hakenförmigen Hiebwaffe aus, die an der Innenseite messerscharf geschliffen war. Doch noch ehe er Schaden damit anrichten konnte, hatte der dunkle Mann ihm das Handgelenk zerschmettert und gleich darauf mit gezieltem Tritt den Hals gebrochen. Für eine Weile war es totenstill; dann hörte man nur mehr das leise Wispern der Schwertklinge, als sie durch die Wolfsschwarte glitt.

»Waidmanns Heil.« Der Mann im schwarzen Umhang drehte sich um und verschwand in dem Nichts, aus dem er gekommen war.

Flackernder Feuerschein spiegelte sich in Frints fahlen Augen. Er hatte das Bauchfleisch und den Schenkel des Wolfs noch nicht angerührt, die ihm als demjenigen, der die Beute ins Lager gebracht hatte, der Sitte nach zustanden.

»Mann wie Nacht«, flüsterte er in die Runde. Die Kinder, die, hinter ihren Müttern kauernd, die Ohren spitzten, wurden zurückgestoßen, kamen aber sogleich wieder angekrochen, um nur ja alles mitzubekommen, was der große Jäger zu erzählen hatte. »Kam ungesehn.«

»Um was zu tun?«, verlangte Nug-Klaue, der Sippenälteste, zu wissen.

Frint schüttelte den Kopf. »Nichts. Tötet Wolf. Und Ranik. Der hatte angegriffen. Mann trat ihn aus wie Feuerfunken.« Er erschauderte, und die Kinder schreckten ein Stück zurück.

»Wollte kein Fleisch?«, fragte Nug. Frint schüttelte den Kopf. »Hat nichts gesagt?«

Frint überlegte kurz. »Doch. Waidmanns Heil.«

Nug machte große Augen. »Und?«

»Harn dann später noch zwei Ziegen und eine Ratte aufgetrieben.«

Es wurde unruhig in der Runde. Nugs Frau meldete sich zu Wort.

»Nachtmann ist vielleicht Gott«, sagte sie und duckte den Kopf, als Nug mit der Hand nach ihr ausschlug.

»Nein. Nug ist Stamm-Gott. Aber wir müssen uns vor Nachtmann in Acht nehmen. Müssen alle Ylorc warnen.«

Frint flatterte mit den Augenlidern. »Vielleicht ist Nachtmann Gott aller Bolg.«

Nicht weit hinter Nug zog sich Achmed grinsend aus seinem Versteck zurück und verschwand lautlos in der Dunkelheit.

Unter den bröckelnden Wänden der labyrinthischen Stollen von Canrif hatte sich im Laufe der Zeit viel Schutt aufgehäuft und festgetreten, weshalb Achmed nur langsam vorankam. Doch darum tat es ihm weniger Leid als um den so bedauerlichen Zustand dieser offenbar einstmals überaus prächtigen Festung. In der Blütezeit Canrifs waren diese Tunnel breiter und mit ihren polierten Basaltplatten noch aufwändiger gepflastert gewesen als die prächtigsten Straßen anderer Städte. Zahllose Öllampen an den Wänden hatten dieses so raffiniert ausgeklügelte Tunnelsystem hell erleuchtet. Jetzt waren von diesen Lampen nur noch hier und da ein paar abgebrochene Halterungen zu sehen.

Dass sein Herz vor Begeisterung pochte, ließ ihm bewusst werden, mit wie viel heimlichem Vergnügen er seiner Mission nachkam. Er fühlte sich zurückversetzt in die Jahre seiner Ausbildung, in jene Zeit, da das Volk der F’dor Krieg gegen die Dhrakier geführt hatte mit dem Ziel, sie zu vernichten.

Wie hatte er seine Reisen als fahrender Geselle genossen, ehe er die Cwellan erfand und in die Reihen der weitbesten Meuchelmörder aufstieg! Damals hatte er sich noch mit jedem Mordauftrag aufs Neue bewähren müssen, hatte seinen Namen nach vorn in den Wind gerufen und als Gütesiegel hinterlassen. Der Tunnel, durch den er schlich, öffnete sich in einen großen weiten Raum, der einst als Quartier für Soldaten gedient haben mochte, worauf die verrotteten Pritschen am Boden und die zerschlagenen Waffenregale an den Wänden schließen ließen. Selbst auf die Ausstattung solcher Unterkünfte war damals offenbar viel Wert gelegt worden. Davon zeugten die Fresken des Deckengewölbes, die, obwohl zu großen Teilen abgeblättert, immer noch erkennbar waren als Darstellung historischer Schlachten.

Den Kopf in den Nacken zurückgelegt, betrachtete Achmed die Kampfszenen unter der Decke und sinnierte. In den Bildern kam eine Kampftechnik zum Ausdruck, die im direkten Kontakt und zähem Festhalten am Gegner die Entscheidung suchte.

Ob diese Technik nur zufällig der Vorgehensweise der F’dor entsprach oder tatsächlich von ihnen abgeguckt war, ließ sich im Nachhinein nicht mehr klären. Jedenfalls hielten auch die dämonischen Geister unbeirrbar an ihren Opfern fest; sie konnten gar nicht anders, das war ihre Bestimmung. Kein Wunder, dass sie die Dhrakier so sehr hassten, denn im Unterschied zu Kämpfern anderer Herkunft setzten die Dhrakier nicht auf Kontakt, sondern auf Distanz. Der Abstand zum Gegner ermöglichte einen genaueren Blick auf dessen Schwachstellen. Eine Lücke im Harnisch, ein einziger Fehltritt des Gegners genügte, um ihm den tödlichen Stoß zu versetzen. Gerade wegen dieser Kampfhaltung waren die Dhrakier den F’dor, die aus einer naturgegebenen Notwendigkeit heraus am Gegner festhalten mussten, von jeher ein Dorn im Auge gewesen.