Als er mit Grunthor bei ihren Streifzügen durch Avonderre erstmals einen dieser unerklärlichen Gewaltausbrüche beobachtet hatte, war ihm, Achmed, der Gedanke gekommen, dass dabei die Gewalt womöglich nicht eines bestimmten Zieles wegen, sondern um ihrer selbst willen ausgeübt wurde. Tsoltan seinerseits war zwar ein Stratege, der auf lange Sicht plante, doch was da jetzt zu Chaos und sinnloser Vernichtung anstachelte, brauchte offenbar weder Plan noch Ziel. Vielleicht ging es ihm nur um die Kraft, um die in den Kämpfen erzeugte Reibung, aus der es Leben und Energie sog. Achmed wurde in seinen Überlegungen durch Geräusche im Hintergrund gestört. Er durchquerte den weiten Höhlenraum, hütete sich dabei, aus dem Schatten hervorzutreten, und erreichte eine Tunnelöffnung, vor der er stehen blieb und tief Luft holte, während er seinen Spürsinn durch die Gänge vorauseilen ließ, um der Schallquelle auf den Grund zu gehen.
Die war schnell ausgemacht. Nicht weit entfernt schlugen etliche Bolg mit zum Teil zerbrochenen Schwertern und Speeren aufeinander ein. Offenbar gehörten sie zu rivalisierenden Klans, denn die einen trugen ein Brandmal im Gesicht, die anderen eines auf den Unterarmen. Von zwei Kerlen in Schach gehalten, lag schreiend eine Frau am Boden, die offenbar der Preis für den Sieger sein sollte. Achmed nahm die Cwellan von der Schulter.
Die Nachtpiraten standen kurz davor, den Sieg davonzutragen, als plötzlich ein helles Sirren im Tunnel laut wurde und unmittelbar darauf die Anführer beider Banden zu Boden gingen. Die Bolg standen wie versteinert da und starrten auf die Gefallenen, die, beide von den Flugscheiben am Hals getroffen und mit halb abgetrennten Köpfen, in ihrem Blut lagen. Und dann trat eine Gestalt aus dem Dunkel des Stollens, fast lautlos, gehüllt in einen Umhang mit Kapuze, aus der zwei ungleiche Augen schrecklich hervorstachen.
Einer der Räuber hatte davon gehört, was sich unlängst in der Schlachthalle zugetragen hatte.
»Nachtmann!«, platzte es entsetzt aus ihm heraus.
Die Meute wich nach beiden Seiten auseinander, als der Nachtmann einen Schritt vortrat und ein zerbrochenes Schwert vom Boden aufhob, das er der Frau zuwarf.
»Lauft«, sagte er, den anderen zugewandt, und selbst der tumbeste Bolg hörte in der farblosen Stimme den Tod flüstern.
In heilloser Panik hasteten sie stolpernd davon. Nur die Frau zögerte noch, und so war allein sie es, die unter der Kapuze ein Schmunzeln erkannte. Dann machte auch sie kehrt, lief den Stammesbrüdern nach und floh vor dem Nachtmann, den nun wieder Dunkelheit umhüllte.
Später in der Nacht machten die vier Gefährten sich auf den Weg zur Schlachthalle. Achmed hatte einen Weg über einen Pass gewählt, der zwar ein bisschen länger war, aber die Tunnelverbindungen im Berg weitestgehend aussparte. Jo konnte nämlich im Dunkeln kaum sehen, und auch Rhapsody fühlte sich nicht wohl unter Tage, obwohl sie sich während der endlos langen Reise entlang der Wurzel daran gewöhnt hatte, mit nur wenig Licht zurechtzukommen.
Zweimal wurden sie unterwegs angefallen.
»Zweimal zu viel«, sagte Rhapsody, als sie die Höhle betraten, »Von mir aus hätt’s auch zweimal häufiger sein können«, meinte Grunthor und wischte seinen Langdolch ab. »Diese Jungs auf Vordermann zu bringen wird wohl noch ganz schön Zeit kosten.«
»Also denen da ist gar nicht mehr zu helfen«, sagte Jo mit Blick auf die gescheiterten Angreifer, die am Boden lagen.
Achmed hob die Hand, worauf die anderen drei verstummten. Sie folgten ihm durch enge, gewundene Stollen, die über kurz oder lang einzustürzen drohten. Rhapsody fröstelte. Der Verfall war nahezu greifbar. Sie meinte ihn in der Luft spüren zu können.
Bald gelangten sie an eine Öffnung in der Stollenwand, von der ein Felssims in eine hohe Grotte führte. Als Antwort auf Rhapsodys fragenden Blick nickte Achmed mit dem Kopf.
Vorsichtig trat sie durch die Öffnung auf den Sims und tauchte in einen riesigen Saal ein, durch den ein böiger Wind blies, der jedoch alles andere als frisch war und Unmengen Staub aufwirbelte. Sie versuchte ihre Augen zu schützen und blickte ins Dunkle hinab.
In der Tiefe unter ihr breitete sich eine weitläufige, dunkle Ruinenstadt aus, die mit ihren Straßen und verfallenden Häusern bis an die Grenzen des Blickfelds reichte. Da waren noch Reste von Brunnen und Gärten zu erkennen, die, obwohl seit langem ausgetrocknet, immer noch von einstiger Schönheit und Größe zeugten – wie auch die gesamte Anlage der Stadt, die in ihren besten Tagen wohl weit bedeutender gewesen sein mochte als Bethania oder Navarne in der Jetztzeit. Nun aber prägten Melancholie und Verfall das Bild.
Gwylliams großes Meisterwerk, dachte Rhapsody betrübt. Canrif, der Name, der Jahrhundert bedeutet. Allein dafür, die riesige Wölbung der Höhle auszugraben, die bis in die Spitzen der Zahnfelsen reichte, waren gewiss tausende von Männern nötig gewesen, die bis ans Ende ihres Lebens daran gearbeitet hatten. Jetzt waren die Ruinen nur mehr hohles Zeugnis der eitlen Vision eines hoffärtig verschwendeten Genies und boten Unterschlupf für verwahrloste Halbmenschen, die keine Ahnung hatten von der einstigen Pracht dieser Stadt.
Achmed tippte an ihre Schulter und sagte: »Bis zur Schlachthalle ist es nicht mehr weit.«
In der letzten Kurve vor einer langen Geraden angekommen, blieb Achmed stehen und forderte Grunthor und Jo auf, zurückzubleiben und den Stollen zu bewachen. Dann ging er mit Rhapsody weiter den Gang entlang, an dessen Ende sie vor eine schwere steinerne Tür gelangten.
»Ich vermute, dahinter liegt Gwylliams Bibliothek«, flüsterte Achmed. Rhapsody nickte. In dem Buch, das sie im Haus der Erinnerung gefunden hatten, waren zwar weder Pläne noch irgendwelche Skizzen von Canrif zu finden gewesen, wohl aber eine exakte Beschreibung eben dieses Eingangs. Tief in die Steinplatte eingemeißelt, stand Gwylliams Ausspruch zu lesen: Cyme we inne frið, fram the grip of deaþ to lif inne ðis smylte land
In Schulterhöhe steckte eine verrostete Klinke in der Tür. In die Blende darunter waren mehrere Löcher gebohrt, dick wie ein Pfeilschaft und symmetrisch angeordnet.
»Das scheint eine Art Schloss zu sein«, sagt Achmed und fuhr mit seinen knochigen Händen über die Löcher. Rostflocken bröselten von dem eisernen Schild. »Ich wette, dieses alberne Motto hat irgendwas mit dem Schlüssel zu tun.«
»Das glaube ich auch«, sagte Rhapsody. »Als Ingenieur und Mathematiker, der er war, hat Gwylliam den Text wahrscheinlich so aufgeschlüsselt, dass er eine Anleitung zum Öffnen der Tür enthält. Aber wie könnten diese Löcher und das Alphabet der alten Cymrersprache zusammenhängen?«
»Vielleicht muss man den Text erst in eine andere Sprache übersetzen. In Nain oder Lirin?«
Rhapsody zuckte mit den Achseln. »Schon möglich, doch das glaube ich eher nicht, denn Gwylliam wird wahrscheinlich vermieden haben, den Anschein zu erwecken, dass er die eine oder die andere Sprache bevorzugt.«
Zum wiederholten Mal zählte sie nach: In sechs Reihen waren jeweils fünf Löcher in das Türschild und den Stein gebohrt. Sie kniff die Brauen zusammen und dachte nach. Plötzlich ging ein Lächeln über ihr Gesicht.
»Natürlich! Es wird ein Notenschlüssel sein. Die Cymrer kamen in ihrer Musik damals mit nur sechs Noten aus, im Unterschied zu uns Lirin-Sängern, die wir immer schon eine achtstufige Tonleiter hatten – was heute übrigens Standard ist, wie ich von Llauron erfahren habe.«