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»Dass Gwylliam sich auch für Musik interessiert hat, ist mir neu.«

»Mich überrascht das nicht, war er doch, wie gesagt, unter anderem Mathematiker, und Musik ist, wenn man so will, ebenfalls ein mathematisches System.« Rhapsody zog einen Pfeil aus ihrem Köcher, knickte die Spitze ab und steckte den Schaft in dasjenige Loch, das mit dem Anfangsbuchstaben von Cyme, also mit dem C korrespondierte.

In der dicken Steinplatte war daraufhin ein schwaches Klicken zu vernehmen, dann ein mahlendes Geräusch, das eine Weile andauerte und schließlich verstummte. Rhapsody wurde ganz zappelig.

»Immer mit der Ruhe, lass dir Zeit«, mahnte Achmed, der aber selbst vor Aufregung kaum an sich halten konnte. »Wenn du dich vertust, legt sich der Riegel vielleicht für immer quer.«

»Pssst«, zischte sich, und ihre Augen glühten. Konzentriert zählte sie die Buchstaben durch und drückte den Schaft in das entsprechende Loch. Sie hatte das vorletzte Wort des Satzes erreicht, als Jo plötzlich hinter ihr auftauchte.

»Da kommt wer, eine ganze Meute.«

»Lass dich nicht aufhalten«, sagte Achmed, an Rhapsody gewandt. »Ich werde Grunthor helfen. Nur keine Hektik.«

Rhapsody nickte und gab, kaum dass Achmed fort war, den nächsten Buchstaben ein, was wiederum wie zur Bestätigung mit der inzwischen vertrauten Lautfolge beantwortet wurde.

»Was machst du da?«, fragte Jo, die zurückgeblieben war und ihr über die Schulter schaute.

»Still!«, flüsterte Rhapsody. »Du wirst es gleich wissen.«

Im hinteren Teil des Tunnels wurden jenseits der Biegung Kampfgeräusche laut. Jo wirbelte herum und wollte gerade losrennen, wurde aber von Rhapsody, die blitzschnell mit der Hand nach ihr langte, zurückgehalten.

»Hier geblieben!«

Jo riss sich los. »Bist du nicht ganz bei Trost? Die beiden haben’s da mit einem Dutzend Bolg zu tun.«

»Mit einem Dutzend nur? Damit werden Achmed und Grunthor im Handumdrehen fertig. Warte lieber und halte mir den Rücken frei. Ich muss mich auf das Schloss konzentrieren.«

Seufzend gab Jo klein bei. »Nicht mal den kleinsten Spaß gönnst du mir.«

Rhapsody wandte sich wieder der Tür zu und schmunzelte. »Hab ich dich nicht unterwegs im Gebirge kämpfen lassen?«

»Pah, gegen nachtblinde und mit stumpfen Steinäxten bewaffnete Halbaffen«, entgegnete das Mädchen. »Das war doch erbärmlich.«

»Wart’s ab. Du wirst dich sicher noch häufiger schlagen müssen, als dir lieb ist. Und kannst gleich mit mir anfangen, wenn du nicht sofort still bist.«

Ausgerechnet das letzte Loch steckte voller Dreck. Rhapsody pulte mit dem kleinen Finger darin herum, bis es frei war, und steckte dann den Pfeilschaft hinein, worauf aus dem Mechanismus nun ein Klingen wie von einer Zimbel ertönte.

»Geh und hol Achmed, sobald die Luft rein ist. Wenn noch gekämpft wird, bleib in Deckung«, sagte Rhapsody zu Jo, die sich in ihrer Erregung kaum bremsen konnte und nur wenige Augenblicke, nachdem sie losgelaufen war, mit beiden Firbolg wieder zurückkam.

»Hast du sie aufgekriegt?«, rief Achmed schon von weitem und wischte im Eilschritt das Schwert an seinem Umhang ab.

»Ich glaube ja«, antwortete Rhapsody mit Blick auf die Tür. »Zumindest hat es sich so angehört. Aber ich wollte euch natürlich nicht vorgreifen und habe sie deshalb noch nicht aufgezogen.«

»Das müsste für dich doch ein Leichtes sein, Dicker«, sagte Jo und meinte Grunthor, der von oben auf sie herabgrinste. Achmed nickte. Rhapsody nahm ihren Bogen zur Hand und legte einen Pfeil auf die Sehne, fürchtete sie doch, dass hinter der schweren Tür möglicherweise eine unangenehme Überraschung auf sie wartete.

Ihre Sorge erwies sich einen Augenblick später als durchaus berechtigt. Als Grunthor die Tür aufschwang, schlug ihnen ein Schwall staubiger Luft entgegen, die so abgestanden und faulig stank, dass Jo zu würgen anfing.

Rhapsody sprang dem Mädchen zur Seite und hielt seine Stirn gefasst, während Achmed über die Schwelle trat. Grunthor blieb zurück, um Deckung zu bieten für den Fall, dass weitere Bolg hinter ihnen im Tunnel aufkreuzten. Jo hatte sich schnell erholt und bestand darauf, an der Erkundung des riesigen Raums hinter der Tür teilnehmen zu dürfen.

Gwylliams Bibliothek schien von der Zeit völlig unberührt geblieben zu sein. Sie war von gewaltigen Ausmaßen und voll von Dokumenten, Pergamentrollen oder gebundenen Folianten, Landkarten, Globen und Grafiken, und das alles in einer so großen Anzahl, dass wohl ein ganzes Heer von Schreibern und Gelehrten über Jahrhunderte daran gearbeitet hatte. Da reihten sich zahllose Regale von enormer Höhe, in denen das gesammelte Wissen der cymrischen Zivilisation lagerte, als stummes Zeugnis ihrer einstigen Blüte.

Rhapsody sah sich staunend um. Das hohe, glatt geschliffene Steingewölbe war kobaldblau eingefärbt und mit silbernen Sternen übersät, genau in der Konstellation, wie sie sich am Himmel über diesem Land zeigte. Maßstabsgerechte und detaillierte Abbildungen der Kontinente, beschriftet mit den Namen, wie sie damals gültig waren, schmückten die Wände ringsum.

Das heutige Roland und Sorbold waren ausgewiesen als die cymrischen Länder, während Tyrian als Realmalir – das Reich der Lirin – bezeichnet wurde. Auch die anderen Teile der Welt waren kartografiert, nicht zuletzt die Versunkene Insel, der Ursprungsort der Cymrer; auf ihre Darstellung schien besonders viel Wert gelegt worden zu sein.

Fast über die gesamte Fläche der riesigen Kuppel mit ihren Sternen erstreckte sich das Bild eines mächtigen Drachen mit rot-goldener Haut, Schuppe für Schuppe liebevoll ausgemalt. Seine silbern glänzenden Krallen wölbten sich über den Ländern im Westen. Die Augen waren klare Edelsteine, zu Prismen geschliffen, die im Dunkeln zu glühen schienen. Aus dem Maul schlugen Flammenfresken in Rot und Orange.

In der Mitte des Raums befand sich ein großer runder Tisch, aus schwarzem Marmor gehauen. Darauf wölbte sich eine kristallene Halbkugel. Ringsum standen mehrere verschiedenartige Apparaturen auf dem Boden; von der Decke darüber hing eine sonderbare Vorrichtung. Das Metall, aus dem sie geschmiedet war, zeigte keinerlei Spuren von Rost oder Verschmutzung, obwohl seit ihrem letzten Gebrauch Jahrhunderte vergangen sein mochten. Rhapsody hätte gern einen genaueren Blick darauf geworfen, wurde aber abgeschreckt von dem, was auf dem Tisch zu sehen war.

Auf der Platte ausgestreckt und über die Kante hinaus hängend, lag eine mumifizierte Leiche auf dem Rücken, vollständig angezogen, mit einer klaffenden Wunde in der Brust. Eine schlichte Goldkrone war ihr offenbar vom Kopf gerutscht und lag, auf die Seite gekippt, daneben. Als Achmed darauf zuging, geriet die Krone in Bewegung und rollte vom Tisch.

Dort, wo sie hinfiel, lag eine weitere Knochengestalt mit pergamentener Haut und gebrochenem Hals. Sie trug als Panzerung ein langes Kettenhemd, das ihr das grausame Schicksal offenbar nicht hatte ersparen können.

Grunthor zog die Tür bis auf einen Spaltbreit hinter sich zu, nachdem er ein paar Steine als Abstandhalter zurechtgelegt und sich vergewissert hatte, dass sie auch von innen geöffnet werden konnte. Dann warf er einen Blick auf Achmed, der mit verschränkten Armen über den Leichen stand und in seinem ansonsten ernsten Gesicht den Anflug eines Lächelns zeigte.

»Nun, wenn mich nicht alles täuscht, ist das der große und mächtige Gwylliam.«

Rhapsody und Jo rückten vorsichtig näher.

»Und wer ist der andere?«, fragte die Sängerin.

Achmed blickte auf das zweite Gerippe. »Vermutlich ein Wächter. Seltsam, man sollte meinen, dass sie immer mindestens zu zweit auftreten. So jedenfalls war es unter den königlichen Gardisten der Seren üblich.«

»Woher weißt du das?«, wollte Rhapsody wissen.

Achmed ignorierte ihre Frage. »Ich wage außerdem zu behaupten, dass Gwylliam diesen Wächter hier eigenhändig getötet hat.« Grunthor stimmte ihm kopfnickend zu; er hatte den Fall des Getöteten im Geiste rekonstruiert und war zu demselben Schluss gekommen.