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»Aber Llauron hat doch erzählt, dass Gwylliam von Anwyn ermordet worden sei«, erinnerte sich Rhapsody, sichtlich irritiert.

»Vielleicht weiß er ja weniger, als er vorgibt. Würde mich nicht wundern. Ich traue ihm nämlich nicht.«

»Du traust doch niemandem«, sagte Jo in Gedanken. »Darf ich mal die Krone in die Hand nehmen?«

»Augenblick, Herzchen«, bremste sie Grunthor. »Vorher wolln wir uns noch ’n bisschen umsehn, oder?«

Einen weiten Bogen um die Leichen schlagend, ging Rhapsody um den Tisch herum und musterte die Halbkugel in der Mitte, deren Scheitelpunkt über ihre eigene Körpergröße hinaus aufragte. Trotz der Staubschicht, die sich darauf angesammelt hatte, war der hohe Grad an Handwerkskunst, die in ihr steckte, unverkennbar.

Allem Anschein nach war die Halbkugel aus einem einzigen, fein geschliffenen Edelstein gearbeitet worden. Sie wölbte sich über einem labyrinthischen Relief, das mit großer Sorgfalt in den Stein der Tischplatte eingemeißelt worden war.

»Was hältst du davon, Achmed?«

Der Dhrakier stellte sich an ihre Seite und untersuchte den fraglichen Gegenstand mit blitzschnell hin und her springenden Blicken. Nach einer Weile streckte er den Arm aus und berührte die Halbkugel mit den Fingerspitzen, worauf der Stein und ein Teil des vermeintlichen Labyrinths schwach zu glühen anfingen.

Achmed schmunzelte. »Sehr viel.«

»Wie bitte?«

»Es setzt mir die Krone auf.«

45

»Alles, was wir brauchen, um uns die Bolg Untertan zu machen, steckt da drin. Es ist jetzt nur noch eine Frage weniger Wochen, dass sie sich zu einem vereinigten Königreich zusammenschließen, wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Und dann werden sie zur größten Macht aufsteigen, die es hier seit der cymrischen Invasion vor 1400 Jahren gegeben hat.«

Rhapsody sah den Freund schief von der Seite an. So überschwänglich hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie freute sich über seine gute Laune, verstand aber den Anlass nicht.

»Würdest du uns freundlicherweise in deine Pläne einweihen?«

Achmed zeigte auf den Tisch. »Ich habe ein solches Instrument schon früher einmal gesehen. In unserer alten Welt. Es gehörte dem Seren-König, der damit Truppenbewegungen und Migrationsströme lenken konnte. Es wundert mich nicht, dass auch Gwylliam Gebrauch davon gemacht hat. Ein sehr nützliches Instrument, findest du nicht auch?«, fragte er mit Blick auf Rhapsody, die ihn mit rätselnder Miene betrachtete.

»Tag für Tag lerne ich mehr von dir kennen, Achmed. Wir haben nun schon vierzehn Jahrhunderte miteinander verbracht, aber dass du in königlichen Kreisen verkehrt hast, ist mir neu. Wie kommt’s? Was hat dich in die Nähe des Hochadels geführt?«

»Er war immerhin ein Meuchelmörder«, schaltete sich Grun-thor ein. »Was glaubst du, von wem er die meisten Aufträge hatte?!«

Jo staunte nicht schlecht. »Du warst ein berufsmäßiger Mörder?«

Er achtete nicht auf das Mädchen und sagte, an Rhapsody gewandt: »Dieses Instrument wird uns zeigen, wo sich die größten Gruppen der Bolg aufhalten und auf welchen Wegen sie umherziehen. Für den Anfang nehmen wir einen kleinen nomadischen Stamm ins Visier, aus dem sich eine Eliteeinheit machen ließe. Wenn wir damit erst einmal ein paar Siege errungen haben, wird sich sehr schnell herumsprechen, dass es sich allen anderen empfiehlt, möglichst schnell auf unsere Seite überzuwechseln.«

»Siege? Das hört sich bei dir so einfach und sauber an. Es geht doch um Schlachten, oder?«

Achmed schnaubte. »Wohl kaum. Um kleine Scharmützel, wenn’s hochkommt. All diese kleinen Stämme, die seit Jahrhunderten isoliert sind, werden gar nicht imstande sein, ernst zu nehmende Gegenwehr zu leisten. Als ich mich in Bethe Corbair umgesehen habe, ist mir zu Ohren gekommen, dass die in Bethania stationierten Streitkräfte von Roland alljährlich unter der Parole ›Frühjahrsputz‹ zu brutalen Einsätzen ausrücken. Sie überfallen grenznahe Firbolg-Siedlungen, brennen ihre Hütten nieder und töten alle, die ihnen dabei in die Quere kommen, auch Frauen und Kinder.« Er ignorierte das Entsetzen in Rhapsodys Gesicht. »Was glaubst du, durch welche typische Eigenschaft der Bolg diese Überfälle begünstigt werden?«

»Durch ihre Dummheit?«

»Ganz und gar nicht. Die Bolg sind nämlich in Wirklichkeit ziemlich clever. Sie opfern einige wenige Schwache und Kranke aus ihren Reihen, um das orlandische Heer davon abzuhalten, tiefer in ihr Land vorzudringen – das die Bolg übrigens ›Ylorc‹ nennen. Jahr für Jahr bauen sie die verwüsteten Ortschaften wieder auf, in denen dann einige Unglückliche ihren Kopf hinhalten müssen. Die starken Männer von Roland kommen pünktlich jedes Jahr herbeigeritten, metzeln wehrlose Opfer nieder und reiten als tüchtige, siegreiche Krieger, für die sie sich halten, wieder heim.«

»Und dem willst du ein Ende setzen, wenn ich dich recht verstehe«, folgerte Rhapsody.

»Natürlich.«

»Diese Schweine«, murmelte Jo. »Ihr könnt mit mir rechnen. Es wird mir ein Vergnügen sein, diesen Miststücken das Fell über die Ohren zu ziehen.«

»Papperlapapp«, fuhr ihr Rhapsody in die Parade. »Achmed, wenn ich dich so reden höre, muss ich annehmen, dass du davon ausgehst, wir vier könnten uns hunderttausend Bolg Untertan machen.«

»Exakt.«

»Falsch, denn die Chancen stehen noch schlechter, nämlich drei zu hunderttausend, weil Jo dabei nicht mitmachen wird.«

»Wer hat dich denn gefragt?«, blaffte Jo. Ihr Gesicht war rot vor Wut. »Dieses verfluchte Bemuttern muss aufhören, Rhaps. Ich bin auf der Straße groß geworden und kein Kind mehr. Besten Dank auch, aber ich kann auf mich selbst aufpassen. Und jetzt hör mit dem Geglucke auf, sonst steck ich noch dein Haar in Brand.«

»Damit kannst du ihr nich dröhn«, erwiderte Grunthor. »Du weißt doch, mit Feuer kommt sie bestens klar. Aber ich könnte mir was Besseres für dich einfallen lassen, wenn sie keine Ruhe gibt.« Und mit verschmitztem Blick auf Rhapsody: »Lass gut sein, Euer Liebden. Sie hat verblüffend viel Ähnlichkeit mit ’nem anderen kleinen Mädchen, das ich mal kannte«, sagte er augenzwinkernd. Rhapsody konnte nicht anders und lachte.

»Na schön«, gab sie klein bei und nahm Jo in den Arm. »Du machst ja am Ende doch, was du willst. Wie soll’s jetzt weitergehen?«

»Zuerst einmal wird Jo die Krone rausrücken und alles andere, was sie sich heimlich in die Tasche gesteckt hat.«

»Was?« Rhapsody trat einen Schritt zurück und schaute ihr in die Augen, die trotzig und verlegen zugleich dreinblickten. Tatsächlich war die Krone, die soeben noch auf dem Tisch gelegen hatte, verschwunden, und auch der Leiche fehlte inzwischen alles, was irgendwie von Wert war.

Grunthor streckte die offene Riesenpranke aus und mimte auf ernst. Dass ihm das nicht recht gelingen wollte, fiel nur Rhapsody auf, nicht aber dem Mädchen, das mit zu Boden gesenktem Blick die Krone herausgab.

»Und jetzt noch den Rest, junge Frau«, sagte der Firbolg. Zögernd langte Jo in ihre Tasche und brachte eine Hand voll Schmuckstücke daraus zum Vorschein.

»Ist das wirklich alles?«

Das Mädchen nickte.

»Von wegen.« Achmeds Hand schnellte nach vorn und riss Jo die Tasche von der Weste, die Rhapsody ihr in Bethe Corbair gekauft hatte. Rhapsody wollte gerade wütenden Protest erheben, doch als sie einen Goldring aus der Tasche zu Boden fallen sah, wo er klirrend in immer kleiner werdenden Kreisen ausrollte, verschlug es ihr die Sprache.

Achmed bückte sich, um den Ring aufzuheben.

»Du kannst schlecht rechnen, Josephine«, sagte er und sprach den ihr verhassten Namen aus. »Dafür hättest du dir in Bethe Corbair ein gutes Pferd oder zwei Morgen Land kaufen können. Aber jetzt kostet es dich weit mehr. Denn du hast um den Preis meines Vertrauens gelogen. Niemand macht dir hier irgendetwas streitig, aber alle Sachen, die wir hier finden, sind erst einmal Indizien, aus denen wir schlau werden müssen, wenn wir denn überleben wollen. Schön, dass du für dich selbst sorgen kannst, aber es macht dich zu einer Gefahr für die Gruppe. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass ich riskieren könnte, ein ungezogenes Gör bei mir zu haben, das sich nicht an die Regeln halten will. Morgen wirst du eines der Pferde nehmen und nach Bethe Corbair zurückreiten.«