»Und ich werde dann mit ihr gehen«, sagte Rhapsody, um Fassung bemüht, was ihr noch schwerer fiel, als sie der Schwester ins Gesicht blickte und sah, wie ihr trotz der tapferen Miene, die sie aufgesetzt hatte, Tränen in den Augen standen. »Und bitte lass Jo so lange in Frieden. Ich möchte nicht, dass du weiter auf ihr herumhackst.«
Achmed zeigte sich ungerührt. »Du willst dich von uns trennen? Ihr zuliebe?«
»Wenn es denn sein muss.«
»Warum?«
Rhapsody blickte von dem zitternden Mädchen in Achmeds ausdrucksloses Gesicht. »Weil sie mich nötiger hat.«
»Nun mal halblang«, mischte sich Grunthor ein. »Es wird wohl noch ’n bisschen dauern, bis sie sich an unsere Gesellschaft gewöhnt hat und daran, dass sie nich mehr auf der Straße ist. Hab ich Recht, Herzchen? Ich verbürge mich für sie; sie wird das nich noch mal tun. Stimmt’s, Jo?«
»Und wir könnten sie außerdem von der Bibliothek fern halten. Sie wird dann so lange das Lager hüten müssen«, schlug Rhapsody vor.
»Es tut mir Leid«, flüsterte Jo und lenkte die erstaunten Blicke der anderen auf sich, die ihren Ohren kaum trauen mochten.
»Und? Geben wir ihr noch eine Chance, Achmed?«
»Ich bin wohl überstimmt. Also gut. Vielleicht ist es ein Fehler, aber diesmal will ich noch ein Auge zudrücken. Du bist mir allzu unbesonnen und ziemlich eigensinnig, Jo. Aber das liegt wohl in der Familie.« Er warf einen Blick auf Rhapsody, die schmunzelnd auf ihre Schuhspitzen blickte. »Und damit eines ganz klar ist: Noch mal lasse ich mich nicht rumkriegen. Wenn du nicht mit uns am selben Strang ziehen willst, bist du draußen. Ich habe keine Lust, deiner albernen Alleingänge wegen mein Leben aufs Spiel zu setzen – oder das von Grunthor oder Rhapsody. Das bist du nicht wert.«
»Jetzt reicht’s aber«, sagte Rhapsody. »Sie hat’s verstanden.«
Achmed sah die Sängerin an und sagte auf Bolgisch: »Denk an meine Worte. Wir werden’s noch bereuen.«
»Seltsame Worte von jemandem, der möchte, dass ich ihm helfe, vier Leute gegen ein ganzes Heer von Bergungeheuern ins Feld zu schicken«, entgegnete Rhapsody, legte dem Mädchen einen beschützenden Arm um die Schulter und führte sie zu einem Stuhl. »Alles in Ordnung mit dir?«
Jo nickte. Sie hatte die Zähne so fest aufeinander gebissen, dass die Kiefermuskeln bebten.
»Setz dich und halt dich für eine Weile zurück. Achmed kann sehr ruppig sein, aber er versucht nur, unser Überleben zu sichern.«
»Das sehe ich ja ein«, murmelte Jo. »Aber im Augenblick gehst du mir auf die Nerven. Bitte, lass mich allein.«
Gekränkt kehrte Rhapsody zu den beiden Firbolg zurück, die sich vor dem steinernen Tisch berieten.
»Die Gruft muss da drunter sein«, sagte Grunthor und zeigte auf die Mitte des Tisches.
»Aber wie verrücken wir den?«
»Darüber können wir uns später Gedanken machen. Aufgepasst!« Achmed legte seine Hand auf die gläserne Kuppel, und wieder fing der Kristall zu glühen an. Auf dem Tisch darunter flammten, mal hier, mal da, einzelne Lichtflecken auf. Was Rhapsody ein großes Rätsel war, schien Achmed und Grunthor bekannt zu sein, ja, sie fachsimpelten darüber.
Rhapsody warf einen Blick zurück auf Jo, die mit verschränkten Armen dahockte und vor sich auf den Boden starrte. Als sie sich wieder den beiden Bolg zuwandte, hatten diese allem Anschein nach eine Entscheidung getroffen.
»Wir müssen noch ein paar Untersuchungen anstellen«, sagte Achmed und zog seine Handschuhe über. »Ich schlage vor, ihr, du und Jo, wartet hier und seht euch in der Bibliothek ein bisschen um. Vielleicht findet ihr das eine oder andere Manuskript, das uns weiterhelfen könnte. Die Bolg haben diese Tür nie geöffnet; wenn wir sie nur anlehnen, wird wahrscheinlich niemand merken, dass sie offen ist.«
»Und wenn doch? Was, wenn sie kommen und wir hier in der Falle stecken?«
»Nun, du hast ein hübsches Schwert, und unser Backfisch brennt doch geradezu darauf, sich zu schlagen. Ihr werdet euch schon zu wehren wissen.«
»Du bist ja rührend um uns besorgt«, antwortete Rhapsody spöttisch und sah sich wieder nach dem Mädchen um.
»Wir werden nicht allzu lange weg sein. Grunthor hat sich schon davon überzeugt, dass die Tür auch von innen zu öffnen ist. Wenn wir aber in ein oder zwei Tagen immer noch nicht wieder...«
»In ein oder zwei Tagen?«
» ... da sein sollten, kehrt nach Bethe Corbair zurück. Es wird euch an nichts mangeln. Da gibt’s doch diesen großen Markt, wo ihr euch nach Herzenslust bedienen könnt.«
»Du bist ein Ekel«, entgegnete Rhapsody und sah aus den Augenwinkeln Grunthor schmunzeln. Der Riese ging auf das Mädchen zu, das immer noch starr und steif auf dem Stuhl hockte.
»Halt die Ohren steif, junge Frau, und sieh dich gründlich um. Vielleicht findest du was, das wir gebrauchen könnten.«
»Ja, ja«, antwortete Jo. Grunthor tätschelte ihr den Kopf und verabschiedete sich von Rhapsody mit herzlicher Umarmung.
»Bis bald, Gräfin«, sagte er und folgte dem Schatten, der schon lautlos durch die große Steintür nach draußen geschlüpft war.
Geflüster in uralten Gängen.
»Nachtmann. Hat Brax-Auge und Klauen-Grak mit Himmelsfeuer tot gemacht.«
»Und hat Frau von Grak ein Schlitzeisen gegeben. Jetzt trägt sie sein Kind.«
Die Bolg sahen sich hektisch um, ängstlich, auf das Schlimmste gefasst.
»Vielleicht ist er hier. Das Blut von Nachtmann ist Dunkelheit.« »Nachtmann kommt, um Bolg zu töten?« »Nein, Nachtmann ist Bolg. Vielleicht Bolg-Gott.« »Vielleicht will er Feuerauge stürzen. Und den Geist.« Es blieb eine Weile still. Dann wurde ein Gedanke ausgesprochen, dem alle beieinander kauernden Bolg kopfnickend beipflichteten. »Viel Blut wird fließen.«
Als die beiden fort waren, machten sich Rhapsody und schließlich auch Jo daran, die Bestände der Bibliothek zu sichten. Als Erstes sahen sie das Kartenmaterial und die Fahrtenbücher durch, die Gwylliam während seiner Reise von der Versunkenen Insel in die neue Welt angelegt hatte. Rhapsody las Auszüge daraus vor und übersetzte aus dem Alt-Cymrischen.
Beim Abschreiten der Regale wurde ihnen das Ordnungssystem deutlich, das dem Grundriss entsprach und der Überzeugung Gwylliams folgte, wonach das Sechseck die Stabilste aller architektonischen Formen sei. Außerdem fanden sie eine zweite Tür. Ihre Bedenken waren schnell zerstreut, und so beschlossen sie, nicht erst auf Achmed und Grunthor zu warten, sondern den Raum dahinter auf eigene Faust zu erkunden.
Unter Aufbietung aller Kräfte wuchteten sie die schwere Steinplatte auf und traten in einen Tunnel, der über eine Treppe hinab in eine Höhle führte, die voller rostiger Maschinen stand; Maschinen mit großen Schwung- und Getrieberädern, langem Gestänge und endlosen Rohrleitungen, und das in einer Menge und Vielfalt, dass der ganze Marktplatz von Bethe Corbair damit hätte gefüllt werden können.
»Wozu soll das wohl gut sein?«, flüsterte Jo. »Was meinst du?«
»Das weiß ich auch nicht genau«, antwortete Rhapsody und blätterte durch ein Manuskript, das sie aus der Bibliothek mitgenommen hatte. »Aber ich glaube, dies hier war die zentrale Belüftungsanlage.«
Jo war schon über ein paar Steinstufen vorausgegangen und bestaunte ein riesiges Zahnrad, dessen einzelne Zacken größer waren als ihre Hand. »Die was?«
»Wenn mich nicht alles täuscht, war das die Anlage, mit der die Atemluft im Berg umgewälzt wurde. Und es scheint, dass sie schon eine Weile außer Betrieb ist, denn sonst wär’s hier nicht so stickig.«
Ohne ihren staunenden Blick von dem imposanten Maschinenkomplex abzuwenden, fragte Jo: »Wie hat sie funktioniert?«
»Keine Ahnung. In seinen Schriften prahlt Gwylliam immer wieder damit, dass er es geschafft hat, den Berg mit Frischluft und Wärme versorgen zu können. Die Festung hier im Massiv der Zahnfelsen war sein Hauptquartier. Hier hatte er seine Große Halle, den Thronsaal und all die Verteidigungsanlagen, mit denen er die feindlichen Streitkräfte auf Abstand hielt. Ich muss schon sagen, das alles ist sehr beeindruckend. Das Belüftungssystem hat den Berg für diejenigen Cymrer, die es hierher zwischen die Zahnfelsen verschlagen hatte, erst bewohnbar gemacht.«