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»Wie bitte? Ich dachte, dass sich alle Cymrer Gwylliams hier im Gebirge niedergelassen hätten.«

»Tatsächlich haben die meisten Cymrer von Canrif jenseits der Zähne gewohnt, nämlich auf der von Gwylliam so genannten Verdorrten Heide – was immer das heißen soll. Jedenfalls ist diese Landschaft so groß, dass man sie nicht einmal von den Gipfeln der Felsen aus überblicken kann. Ich zeig dir, wenn wir wieder in der Bibliothek sind, ein Buch, darin ist dieses Land beschrieben.«

»Das wird nichts nützen«, antwortete Jo mit Blick auf das still stehende Getriebe aus Stein und Metall, das im Dunkeln geradezu gespenstisch wirkte. »Ich kann nicht lesen.«

Rhapsody nickte. »Das habe ich mir gedacht. Ich würde mich freuen, dir Unterricht geben zu können. Auch Grunthor hat von mir lesen gelernt.«

»So, so.« Jo stieg über die in den Fels gehauenen Stufen weiter nach unten.

»Komm, wir sollten lieber wieder kehrtmachen«, drängte Rhapsody. »Warten wir mit der Erkundung dieser Höhle, bis die beiden zurück sind.«

Das Mädchen seufzte enttäuscht, folgte aber der Schwester ohne Widerworte in die Bibliothek zurück. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, als Achmed und Grunthor sichtlich erschöpft wieder aufkreuzten. Grunthor hatte sich eine kleinere Verletzung an der Hand zugezogen, die Rhapsody sofort verarztete, obwohl er eine solche Behandlung übertrieben fand. Ansonsten waren die beiden mit dem Ergebnis ihrer Erkundigungen sehr zufrieden.

»In der Ruinenstadt wohnen noch welche«, berichtete Achmed, während sie zu Abend aßen. »Die Cymrer heißen bei denen übrigens Willums.«

»Interessant«, sagte Rhapsody. »Dann scheint Gwylliam ja bei manchen noch in guter Erinnerung zu sein.«

»Dachte ich mir doch, dass dir das gefällt, Rhapsody. Wie dem auch sei, die Stämme sind über das ganze Bergland und bis tief in das alte Cymrerreich hinein verstreut. Wir haben nur ein paar kleinere Sippschaften vorgefunden.«

»Ja, wir sind auf etliche Klauen und Augen gestoßen; aber Beuschel warn keine dabei«, führte Grunthor mit vollem Mund aus.

»Klauen und Augen? Beuschel? Wovon redest du?«

»Das sind Beinamen der hiesigen Bolgstämme. Die so genannten Klauen zeichnen sich vor allem durch ihre Kämpfer, Jäger und Räuber aus. Auf die haben es die Truppen aus Roland ganz besonders abgesehen. Die Augen sind – der Name sagt es schon – die Späher. Sie halten sich meist auf Berggipfeln auf, die die Steppe im Westen oder die Heide im Osten überblicken. Sie sind schlanker und weniger muskulös als andere Bolg und leben vor allem von Aas. Die Beuschel schließlich wohnen tief im Berg oder an anderen versteckten Orten des Landes. Wir konnten kaum etwas über sie herausfinden, nur so vieclass="underline" Sie zählen zu den am meisten gefürchteten Stämmen. Meist bleiben sie unter sich und zurückgezogen. Aber wehe, wenn sie rauskommen. Die einzelnen Oberhäupter verkörpern den jeweiligen Typ ihrer Sippe. Übrigens, wir haben jetzt selbst ein paar Klauen in unseren Reihen: eine kleine Meute mit dem Namen Nachtpiraten.«

»Wie bitte?«

Grunthor grinste und zeigte dabei seine gefährlich spitzen Hauer. »Ja, unser Kriegsherr hier – so wird er seit neuestem genannt – hat jetzt seine kleine Leibgarde.«

»Kriegsherr?«, hakte Rhapsody nach.

»Hört sich doch besser an als ›Nachtmann‹, oder? So hat man mich hier zuerst genannt«, erklärte Achmed, nachdem er einen Bissen hinuntergeschluckt hatte.

»Hätte man mich gefragt, würdest du Obertort heißen«, warf Jo ein.

Rhapsody verkniff sich ein Schmunzeln. »Wo sind diese... diese Nachtpiraten jetzt?«

»Gefesselt in einem der unteren Gänge.«

Sie ließ vor Schreck ihr Brot aus der Hand fallen. »Gefesselt? Werden nicht andere Bolg über sie herfallen?«

»Möglich, aber die Nachtpiraten gelten weit und breit als die mit Abstand gefährlichste Bande. Ich glaube kaum, dass andere es wagen würden, den Zorn derer auf sich zu lenken, die die Piraten überwältigt und an die Kette gelegt haben.«

Achmed sollte Recht behalten. Zwar kamen andere Bolg an den gefangenen Piraten vorbei, doch niemand versuchte, sie zu attackieren, geschweige denn zu befreien. All das war auf dem großen Marmortisch unter der Halbkugel zu beobachten. Achmed machte die beiden Frauen auf jene Lichter aufmerksam, die für seine Gefangenen standen, und auf das Flackern, das die Bewegungen der fremden Besucher markierte.

Jo hatte eine Entdeckung gemacht, durch die sie in Achmeds Einschätzung einiges an Wert dazugewinnen konnte. Sie war es, die herausfand, welchem Zweck die anderen Geräte dienten. Der über dem Tisch von der Decke hängende Schlauch war ein Sprachrohr, das es dem Anwender möglich machte, alle oder wahlweise auch nur bestimmte Höhlentrakte akustisch zu erreichen. Was da neben dem Tisch aus dem Boden ragte, war das Gegenstück dazu, nämlich ein Hörrohr, mit dem Signale aus allen Ecken und Winkeln direkt in die Bibliothek geleitet wurden.

Beide Geräte waren mit dem Ventilationssystem verbunden, jenem weit verzweigten Netz aus Schächten und Kanälen, das die ganze Bergfestung durchzog und für frische Atemluft sorgte. Wenn in den kalten Monaten geheizt werden musste, wurde ein Teil der zugeführten Luft durch Gwylliams große Esse im tiefsten Innern des Gebirges umgeleitet.

In dieser längst stillgelegten Schmiede waren früher enorme Mengen an Stahl, Bronze und anderen wertvollen Metallen gegossen und zu den edelsten Waffen und Rüstungsteilen weiterverarbeitet worden, die die Welt damals gekannt hatte.

Achmed hatte aus verschiedenen Vitrinen eine Auswahl an Waffen gesammelt und diese nun auf einem der langen Arbeitstische nebeneinander gelegt. Rhapsody kam dazu, als Grunthor liebevoll mit der Hand über eines der Schwerter fuhr, und weil er so traurig dreinblickte, legte sie ihm zum Trost eine Hand auf den Arm.

»Woran denkst du?«, fragte sie.

Grunthor schaute auf sie herab und lächelte matt. »Ach, nichts Besonderes, Herzchen.«

»Fehlt dir die Truppe?«

»Nein, wir werden wohl bald wieder eine neue zusammengestellt ham. Ich dachte nur: Mann, was für ’ne Verschwendung das alles ...«

Rhapsody seufzte. Ihr war etwas ganz Ähnliches durch den Kopf gegangen, und es schmerzte sie zu sehen, wie weit es die Cymrer, ihre einstigen Landsleute, ja vielleicht die Nachkommen der eigenen Familie gebracht hatten.

In den zurückgebliebenen Anlagen und Erzeugnissen sah sie das Lebenswerk von Handwerkern, Ingenieuren, Architekten, Zeichnern und Bauarbeitern, die Überragendes geleistet hatten, Männern und Frauen mit großen Visionen und Fähigkeiten. Doch was von ihnen aufgebaut worden war, war schließlich törichten Machtgelüsten geopfert worden.

»Nimm’s nicht so schwer, Grunthor«, sagte sie und rang sich ein Lächeln ab. »Stell dir vor, was Gwylliam für Augen machen würde, wenn er erführe, dass all seine ausgeklügelten Installationen und Waffen bald in den Händen der Bolg sein und dem Aufbau ihrer Zivilisation dienstbar gemacht werden. Gwylliam würde sich sicher im Grab umdrehen.«

Der Sergeant schmunzelte. »Wenn das da drüben seine Leiche ist, können wir ja nachhelfen, bis er eine so hohe Umdrehungszahl erreicht, dass die ganze Maschinerie wieder zu laufen anfängt.«

Achmed hatte schon eine weitere Bolg-Gruppe ins Visier genommen, die er für sich zu rekrutieren gedachte. Die zur Augen-Sippschaft zählenden Dunkeltrinker waren flinke Räuber, die im Schatten der Berge einsamen Wanderern oder kranken, schwachen Bolgbrüdern auflauerten.

Diesmal machten sich alle vier auf den Weg durch die Tunnel. Sie stöberten die Gesuchten auf und schlugen entschlossen zu mit dem Ergebnis, dass Achmed schon nach einer Stunde eine Gruppe gefügiger Späher um sich scharen konnte.