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»Ich will, dass ihr folgende Nachricht verbreitet«, befahl der neue Kriegsherr denen, die den Kampf überlebt hatten. »Der König der Ylorc ist zum Berg gekommen. Wer ihm dienen möchte, soll sich bei Vollmond, heute in zehn Tagen, in der Schlucht jenseits der Zahnfelsen einfinden. In drei Tagen werdet ihr mich einatmen spüren, kalt wie Winterwind. So lade ich euch vor. Am Tag darauf werde ich ausatmen, und wieder werdet ihr es spüren, diesmal als einen warmen Wind. Kommt zur Vollmondnacht in die Schlucht. Wer der Vorladung nicht Folge leistet, wird am elften Tag von den Flammen in meinem Bauch verzehrt werden.« Als sie diese Worte hörten, blinzelten die zerlumpten Höhlenbewohner nervös mit den Nachtaugen.

Tief im Verborgenen Reich erwachte der Bolg-Schamane in der Dunkelheit seiner Höhle. Die aufspringenden Augen schmerzten an den Rändern, ja, bluteten sogar ein wenig, als er langsam zur Besinnung kam.

Seine Vision nahm Formen an. Er hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft, sich aufzurichten und die Hände vor den Kopf zu schlagen, ehe sie über ihn kam wie ein Sturmwind.

Da war etwas ins Gebirge gekommen. Wie ein dumpfes Summen tönten Stimmen, die unter den Augen-Klans laut wurden und von einem Mann berichteten, der sich in Finsternis hüllte. Doch es waren nur bruchstückhafte Informationen, die den Weg bis in das Land weit hinter den Zahnfelsen fanden.

Saltar, den die Bolg Feuerauge nannten, legte seine Hände auf die Brust und konzentrierte sich auf seine Vision, doch sie blieb unklar. Die Bilder waren ihm zwar auf seltsame Weise vertraut, ergaben aber keinen Sinn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten und wachsam zu sein.

»Clever von dir, mit deinem mächtigen Atemzug zu drohen, bevor nicht klar ist, ob diese Kiste auch tatsächlich wieder in Gang gebracht werden kann«, murmelte Rhapsody. Sie saß auf Grun-thors Schultern und versuchte, einen der Getriebehebel zu bewegen.

Sie befanden sich tief im Innern von Gwylliams Belüftungsanlage. Dank der gefundenen Pläne und Skizzen war es ihnen nach mühevoller Suche gelungen, die Einzelteile der Anlage und deren Funktionsweise zu unterscheiden. Dann hatten die Männer draußen im schroffen Fels gefährliche Kletterpartien unternehmen müssen, um die in Jahrhunderten der Vernachlässigung mit Geröll verstopften Ausgänge der Belüftungsschächte frei zu bekommen. Böiger Wind heulte über sie hinweg, zerrte an ihren Kleidern, und immer wieder drohten sie in den Abgrund zu stürzen.

Die Belüftungsanlage war aus dem gleichen sonderbaren Material gebaut worden, das Achmed und Grunthor auch schon in der Kathedrale von Avonderre bestaunt hatten, einem Metall, das einfach keinen Rost ansetzte, auch nach Jahrhunderten nicht. Die Maschinerie schien darum im Großen und Ganzen noch betriebsbereit zu sein, abgesehen davon, dass manche Getriebeteile blockiert und einige Passstücke undicht geworden waren.

»Selbst wenn wir diese Hebel wieder gängig gemacht haben, heißt das noch lange nicht, dass die Maschine auch läuft, wenn wir sie brauchen«, warnte Rhapsody von ihrem Hochsitz auf den Schultern des riesigen Firbolg herab. »Es könnte jederzeit an irgendeiner anderen Stelle haken.« Tatsächlich waren Teile, die auf Anhieb funktioniert hatten, bei einem zweiten Probedurchgang festgefahren.

»Das ist das letzte Ventil. Wenn du den Hebel umlegen kannst, wird das gesamte System offen sein. Und das nach nur zwei Tagen Arbeit. Nicht schlecht, oder?«, sagte Achmed, der, von Jo unterstützt, die Lager einer riesigen Kurbelwelle schmierte und dann ein letztes Mal die Sicherheitskette prüfte.

»Wie sieht’s bei euch aus?«

»Versuchen wir’s«, sagte Rhapsody zu Grunthor. Der Riese nickte, hob sie von den Schultern und zog dann mit einem kräftigen Ruck am Hebel. Die damit verbundene Klappe ging knirschend auf.

»Prima. Und jetzt schnell wieder zumachen«, sagte Achmed. »Wir wollen unseren ›Atem‹ noch ein bisschen anhalten.«

Am nächsten Morgen stieg aus dichtem Nebel die Sonne über den Zahnfelsen auf. Gerade als sie hinter der Gipfelkette zum Vorschein kam, wurde im Berg ein gewaltiges Kreischen laut. Es klang, als wäre ein Riesenschwert an einen gigantischen Schleifstein gelegt worden. Wenige Augenblicke später zog ein eisiger Wind durch die Tunnel von Canrif. Heulend drang er bis in die letzten Winkel vor und stürmte mit der Kraft eines Orkans über die Bolg hinweg, die in den Höhlen hausten.

Deren Schreckensschreie gellten durch den ganzen Berg und waren sogar noch in der tiefen Schaltzentrale zu hören.

»Es reicht, Achmed«, sagte Rhapsody mit besorgter Miene. »Wir wollen schließlich nicht, dass sie erfrieren.«

Achmed nickte, worauf Grunthor und Jo die Außenventile wieder zusperrten. Dann verschlossen sie auch noch die anderen Teile der Anlage, während Achmed und Rhapsody über die Treppe nach oben zum Sprachrohr eilten.

»Das mit der Lüftung wird doch so nicht bleiben, oder?«, fragte Rhapsody unterwegs. »Denn dann hätten wir Canrif in kürzester Zeit leer gefegt.«

»Nein. Die Luftverhältnisse zwischen innen und außen müssen sich nur erst richtig einpendeln. Übrigens, ab sofort heißt Canrif nicht mehr Canrif, sondern Ylorc. Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: Gwylliams Zeitalter liegt über tausend Jahre zurück.«

Als sie den steinernen Tisch erreicht hatten, zog Rhapsody ihre Lerchenflöte aus der Tasche. Sie hatten sich am Vorabend darauf verständigt, dass es besser sein würde, Achmeds rauer Flüsterstimme einen schrilleren Ton zu unterlegen, damit seine erste Ansprache den Zuhörern im Berg noch mehr Furcht einflößte.

Sie begann mit einer schaurigen Melodie, die den Ton in der Stimme des Dhrakiers vorwegnahm und verzerrte. Auch die heulenden Winde, das Geschrei und Jammern der Bolg fand darin Ausdruck. Achmed führte das Rohr an den Mund und hob zu sprechen an:

»Morgen atme ich aus. Es wird ein einziger Luftschwall sein, der euch mein Herz spüren lässt, einen kurzen Moment nur, denn ihr sollt nicht verbrennen. Wer, wenn Vollmond ist, zu mir in die Schlucht kommt, wird an der neuen Macht von Ylorc Anteil haben. Alle anderen sind des Todes.« Seine Stimme hallte in einem monströsen Echo nach. Achmed verschloss das Sprachrohr.

»Das war ja wirklich schrecklich«, meinte Rhapsody und steckte die Flöte weg. »Ob wir sie denn auch überzeugt haben?«

»Zumindest einen Teil. Andere werden sich morgen überzeugen lassen. Und dann wird’s bestimmt auch ein paar Trotzköpfe geben, die dem neuen Kriegsherrn lieber die Stirn bieten, als dass sie sich mit geborgter Macht zufrieden geben würden.«

»Und womit willst du die überzeugen?«

»Sie werden keine Zeit mehr haben, ihren Argwohn zu bereuen.«

Er hat seinen Atem über uns kommen lassen, sagten die Späher vom Frost-und-Feuer-Klan. Ein eiskaltes Sturmgebrüll.

Saltar rieb sich die Augen, um seinen visionären Blick zu schärfen, der ihm zwar nicht die Zukunft offenbarte, wohl aber das, was sich anderenorts schon als Wirklichkeit abzeichnete und unausweichlich näher kam.

Sturmgebrüll. Das Wort dröhnte in seinem Schädel.

Der Geist schaute immer in den Wind. Was da nun mit dem Wind aufzog, war vielleicht genau das, was er suchte.

46

»Das funktioniert nie.«

»Sei doch nich so pessimistisch, Gräfin. Versuch’s einfach.«

Rhapsody wandte sich dem schmunzelnden Riesen zu. »Versteh doch. Eine Schmiede dieser Größenordnung lässt sich nicht so ohne weiteres hochfahren. Selbst wenn wir eine Woche Zeit zum Einheizen hätten, würden wir allenfalls auf Temperaturen kommen, die Eis zum Schmelzen bringen, mehr aber auch nicht.«

»Wir müssen ja auch nichts zum Schmelzen bringen«, entgegnete Achmed geduldig. »Es reicht, wenn sich die Luft erwärmen lässt. Im Übrigen scheint da ohnehin eine Warmfront aufzuziehen; das sieht man an den Wolken. Und wenn du an deine Feuertaufe zurückdenkst und dich feste darauf konzentrierst, sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn’s uns nicht gelänge, den Bolg weiszumachen, dass ich ihnen meinen warmen Odem ins Gesicht blase.«