»Wenn ihnen das, was da tatsächlich aus deinem Mund kommt, in doppelter Dosis um die Nase wehte, hätten wir leichtes Spiel«, frotzelte Jo, die den Blasebalg bediente und das von den anderen beschickte Feuer anfachte. »Vielleicht sollten wir ein bisschen Stinkkraut in die Flammen werfen.«
Grunthor rieb sich das Kinn. »Das war gar nich so verkehrt.«
»Vielleicht ein anderes Mal. Trotzdem, schönen Dank für den Vorschlag, Jo«, sagte Achmed und wandte sich der Sängerin zu. »Fertig? Beeilung, es ist bald Morgen.«
Rhapsody blickte auf den riesigen, mit Kupferspangen verstärkten Blasebalg, der voller Löcher war und schlaff herabhing. Auch all die anderen Gerätschaften in der tief im Berg verborgenen Schmiede waren von so gewaltigen Ausmaßen, dass es einem die Sprache verschlug. Früher hatten hier bestimmt an die tausend Arbeiter rund um die Uhr schuften müssen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Die vier hatten einen Berg mit Kohle ausfindig gemacht, dazu auch Schaufeln und Schubkarren für den Transport zur Esse.
Hier und da lagen vereinzelt Skelette auf dem Boden, Überreste der Arbeiter, die nicht mehr hatten fliehen können, als Gwylliams Berg von den Firbolg überrannt worden war. Die Gebeine waren, von Rhapsody mit einem Trauerlied bedacht, als Erstes den Flammen übergeben worden, gut vierhundert Jahre zu spät. Dem Knochenbau nach mussten die Nain – als solche wusste Achmed die Toten zu identifizieren, und Grunthor bestätigte dies – ungemein kräftig gewesen sein, breite Schultern und einen mächtigen Brustkasten gehabt haben.
Rhapsody holte nun tief Luft, legte die Hände an den Rand der Esse, konzentrierte sich und vertrieb alle Zweifel, die ihr seit der Eroberung des Berges zu schaffen machten.
Sie rief ihr Seelenfeuer auf, ließ es tönen und summte mit geöffnetem Mund, bis ihm eine Musik entsprang, die durch die ganze Höhle hallte. Sie spürte die Flammen auflodern, das Gesicht bescheinen und die Kleider so heiß werden, dass sie sich zu entzünden drohten.
Wie von fern hörte sie die Rufe der anderen, die nun mit vereinten Kräften den riesigen Blasebalg bewegten. Rhapsody blendete alle äußeren Geräusche aus und richtete ihre Sinne allein auf die brennende Kohle in der tiefen Esse.
Das Feuer brauste bald so laut, dass es alles andere übertönte, sogar den Blasebalg, der wie ein gigantischer Dudelsack quietschte.
Als schließlich die Ventilklappen kreischend aufgingen, verlor Rhapsody ihre Konzentration und taumelte rücklings über den Rand der Esse. Zum Glück war Achmed zur Stelle, um sie am Fallen zu hindern. Und wieder drangen ihr die Schreie der Bolg ans Ohr, die aber diesmal nicht von Schmerz und Entsetzen zeugten, sondern von Begeisterung.
»Genug. Schließt das Ventil«, verlangte Achmed von Grunthor und Jo. »Sonst gewöhnen sie sich an die Wärme, obwohl der Winter noch ein paar Wochen anhalten wird.« Und dann an Rhapsody gewandt: »Du hast’s geschafft.«
Sie war sichtlich erschöpft. »Ja. Ich hoffe, man wird mir irgendwann vergeben. Ich selbst werde mir wohl nie verzeihen können.«
Gurrn fürchtete den Nachtmann sehr, noch viel mehr als Hraggel, obwohl er diesem gerade unmittelbar gegenüberstand. Als Häuptling des Klans, der sich Blutiger Fang nannte, spielte Hraggel seine Vormachtstellung aus, wo er nur konnte, und schikanierte andere nach Lust und Laune, so auch Gurrn.
Er hatte die Überfälle der Soldaten von Roland überlebt und sogar ein zerbrochenes Schwert als Trophäe zurückbehalten. Er war der mächtigste Bolg von Griwen, der Region an der Westflanke. Und ganz und gar unerschrocken: Hraggel hatte keine Angst vor dem Nachtmann, auch dann nicht, als dessen Stimme und Atem aus dem Innern der Erde zu kommen schienen.
Gurrn kochte vor Wut, als er nun tatenlos mit ansehen musste, wie Hraggel die Vorräte plünderte, die er, Gurrn, angelegt hatte, um sich und seine Familie über den Winter zu bringen.
Auch die anderen Klan-Mitglieder beobachteten Hraggel mit hasserfüllten Blicken. Er hatte Gurrns Frau bedroht und hielt ihr Kind gepackt; der Junge zeterte, die Frau schluchzte. Und Gurrn hielt sich zurück. Hraggel würde sich mit den Vorräten zufrieden geben und das Kind wieder laufen lassen, es sei denn, ihm stünde gerade der Sinn nach Grausamkeiten.
Plötzlich hielt Hraggel inne. Er ließ das Kind fallen und langte mit der Hand, die sich soeben noch an Gurrns Vorräten vergriffen hatte, an seinen Hals. Den teilte eine dünne rote Spur, gezogen von knochigen weißen Händen, die aus der Dunkelheit aufgetaucht waren. Schnell breitete sich die rote Spur zu einem großen Fleck aus.
Gurrn erhaschte einen Blick von zwei seltsamen Augen, die hinter der zu Boden sinkenden Leiche Hraggels aus dem Dunkel stachen. Die Umrisse des Nachtmanns waren kaum zu erkennen; er schien selbst Teil der Dunkelheit zu sein, so formlos wie flüssiges Schwarz.
»Morgen.« Die Stimme klang wie das trockene Wispern des Todes. Mit weit aufgerissenen Augen stand die Familie da und sah die Gestalt wieder in den Schatten wegtauchen.
Am zehnten Tag sammelten sich die ersten Firbolg bei Sonnenaufgang am Rand der Schlucht. Achmed hatte sie über den genauen Zeitpunkt im Unklaren gelassen, und so kamen nach und nach im Laufe des Tages immer mehr – die Augen und die Klauen und die Beuschel, alle Stämme des Gebirges, das die Grenze zu den Bolgländern bildete.
Jenseits der Schlucht, die deren Länder von denen der Bergbewohner trennte, waren etliche Mitglieder der Stämme und Klans zusammengelaufen, die in der Heide oder noch tiefer im Verborgenen Reich ihre Wohnungen hatten. Ihre Neugier war auch Vorsicht. Sie ahnten, dass dieser neue Kriegsherr irgendwann auch zu ihnen kommen würde.
Die untergehende Sonne hatte die höchsten Bergspitzen erreicht, als es unter den Versammelten plötzlich still wurde. Den ganzen Tag über hatte es viel Lärm, Gedränge und Streit um Plätze und Positionen gegeben, doch weil niemand wusste, an welcher Stelle der erwartete König seinen Auftritt haben würde, war es unmöglich vorherzubestimmen, wo man ihm am nächsten sein konnte.
Entsprechend gereizt war die Stimmung.
Die Stille, die sich nun breit machte, hatte einen Grund. Im Ausgang des Tunnels, der an den Rand der Schlucht mündete, eben da, wo Achmed seine Ansprache zu halten gedachte, war Rhapsody aufgetaucht, um den Namen des Schweigens zu flüstern. Der hallte nun von den Felsen wider und legte sich so schwer auf die Menge, dass deren Geschwätz sofort verstummte. Achmed lächelte zufrieden. Es schien, als wären fast alle Anwohner gekommen.
Allerdings fehlten diejenigen vom Klan Berg-Auge, die zu den blutrünstigsten zählten. Grunthor hatte bereits die Vermutung geäußert, dass sie sich womöglich ins Verborgene Reich zurückzögen und dort auf eine Gelegenheit zum Angriff warteten. So schien es in der Tat zu sein, denn es war keines ihrer Zeichen auszumachen.
Achmed musterte sein Publikum. Es waren an die Dreißigtausend. Sie standen in Klüften, kauerten auf Felsvorsprüngen und starrten ihm entgegen. Manche drängten sich im Pulk tief unten in der Schlucht an den Rand der Felswand, die über hundert Klafter hoch aufragte.
Der Anblick beunruhigte ihn, und ihm war, als stünde er vor einer Grube voller Skorpione, die es nun zu durchqueren galt. Von jeder Spalte, von jeder Anhöhe starrten sie ihm entgegen, Vertreter jenes Menschenschlags, der sich vermischt hatte mit allen anderen Spezies, die jemals miteinander in Kontakt gekommen waren.
Ihnen allen war eine eigentümlich verquere Schönheit eigen, ein Aussehen, das die Menschen abschreckte und so zur Arterhaltung beitrug. Achmed hatte noch nie ein Volk gesehen, das so anpassungsfähig und gleichzeitig in sich so verschieden war. Die Bolg überlebten selbst härteste Bedingungen und stellten sich auf alles ein. Und er gehörte dazu.
Noch ein anderer Vergleich drängte sich ihm auf: vor einem Rudel schlafender Wölfe zu stehen. Die Häuptlinge der einzelnen Stämme hielten von erhöhter Position Ausschau. Umso tiefer würde ihr Absturz sein.