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In jedes Gesicht – oder bei manchen Klans auf jeden Arm – war das entsprechende Klan-Mal eingebrannt beziehungsweise eingeritzt. Ob Blutige Klaue, Fang oder Schattenstehler – die Herkunft war am Zeichen in der Haut eindeutig auszumachen. Statt gewebter Kleidung trugen die meisten Fellstücke, die gleichzeitig als Harnisch dienten. Schon bei der Ausstattung der Kinder wurde mehr Wert auf Schutz als auf Bequemlichkeit gelegt, was aber letztlich illusorisch war, denn die Kleider wechselten von einem Kind zum anderen und waren am Ende so zerrissen und zerschlissen, dass sie nicht einmal mehr zum Schutz vor dem Wind taugten.

Rhapsody stand in Wartestellung hinter Achmed. Er hörte, wie sie nach Luft schnappte, und wusste sofort, warum. Die Kinder waren ganz vorn aufgestellt worden, ganz dicht bei den Felsvorsprängen, wie zur Opferung bereit. Er sah, wie sie sich auf die Lippen biss, und es war klar, dass sie sich hier unter diesen Leuten ganz und gar fremd vorkam. Doch dann heiterte ihre Miene ein wenig auf, und sie fing zu lächeln an.

Er folgte ihrem Blick und entdeckte die Ursache für ihren Stimmungswandeclass="underline" kleine, dunkle Gesichter, die ihr zugewandt waren und trotzig grinsten. Kinder. Rhapsody wurde weich, sobald sie Kinder sah. Diese Schwäche gefiel ihm an ihr, auch wenn sie jetzt eine Gefahr darstellte, die er nicht riskieren mochte.

Grunthor war inzwischen auch zur Stelle. Es war Zeit zu beginnen.

Achmed holte tief Luft. Während der vergangenen sechs Tage hatte er sich gründlich vorbereitet und die Kadenzen eingeübt, die nach Rhapsodys Vorschlag die musikalische Grundstruktur seiner Rede an die neuen Untertanen bilden sollten.

Die Rede war wie eine Symphonie aufgebaut, mit einer Ouvertüre und einzelnen Sätzen. Sein angeborenes Rhythmusgefühl für die bolgische Sprache hatte sich aufs Trefflichste mit ihren Kompositionsfähigkeiten verbunden, sodass er sich berechtigte Hoffnungen machen konnte, dass sich mit seiner Ansprache ein gewaltsamer Aufstand vermeiden ließe. Er schaute auf die wartenden Firbolg und stellte sich ihren Blicken.

»Ich bin euer neuer König. Ihr lebt im Berg, und der Berg steht mir zu Diensten wie auch in Kürze die Heide, die Schlucht und das Verborgene Reich. Ylorc wird wieder zur Großmacht aufsteigen und ruhmreicher sein als je zuvor. Nie mehr werden wir uns von Roland erniedrigen lassen.«

Ein rasselndes Raunen ging durch die Menge der versammelten Bolg; es hallte vom Berg wider, erfüllte die Schlucht, schwang auf der Heide nach und reichte bis tief in die Gebiete dahinter. An manchen Stellen lösten sich Steinlawinen, Staubwolken stiegen auf. Achmed lächelte. Die Ouvertüre war gelungen. Jetzt konzentrierte er sich auf den Beginn des Eröffnungssatzes, der den Rhythmus des aus der Schlucht schallenden Echos aufgreifen sollte.

»Was immer ihr einmal gewesen sein mochtet, jetzt seid ihr ohne Kraft. Ziellos irrt ihr umher, und jeder Schritt tut euch weh. Nicht so, wenn ihr euch mir anschließt. Dann wird es sein, als setzte sich der Berg in Bewegung. Ich bin anders als die Könige und Kriegsherren, die ihr kennt. Wir werden wieder Leben in den Berg bringen und über unsere Feinde bestimmen. Ist einer unter euch, der mir die Krone verwehrt?«

Achmed wusste, in welche Richtung er blicken musste. Den ganzen Nachmittag über waren sie auf ihren Lauschposten gewesen und hatten die Pläne der ankommenden Bolg ausspioniert. Er wusste, dass sich ein gewisser Janthir Knochenspalter, ein Klauen-Häuptling, der in direkter Linie von Gwylliam abzustammen behauptete, als der rechtmäßige Herrscher über die Bergvölker verstand. Er würde Einwand erheben müssen. Schließlich hatte er einen Ruf zu verteidigen, nämlich den Ruf, besonders grausam und machthungrig zu sein.

Knochenspalter hatte sich zwischen zwei mannshohen Felsbrocken positioniert, vielleicht um sich vor möglichem Pfeilbeschuss zu schützen oder um verborgen zu bleiben, bis es ihm gefiel, offen in Erscheinung zu treten. Nun zog er sein schweres, uraltes Schwert, dessen Klinge den Schein der vielen Feuer widerspiegelte, die in der Schlucht brannten.

Mit lautem Gebrüll trat er zwischen den Felsen hervor und hob das Schwert. »Ich, der wahre Herrscher über den Berg! Und ich werde dir, Eindringling, die Luft abschnüren und den kalten wie den heißen Atem rauben. In dieser Nacht noch werde ich deine Augen schlucken.«

Alle Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Achmed, der sehr viel kleiner und dünner war als Janthir Knochenspalter. Nach den Sitten der Firbolg war nun er an der Reihe, sich aufzuplustern und die Herausforderung anzunehmen.

Achmed schmunzelte überheblich. »Du hast starke Schultern. Ich hätte vielleicht Verwendung für dich. Wenn du dich als gefügig erweist, könnte ich dir einen Posten als Häuptling einräumen. Deine Länder habe ich schon in Besitz genommen. Leiste mir Gefolgschaft, und ich werde über deine Drohungen gnädig hinwegsehen.«

Janthir antwortete mit wütendem Gebrüll und übelsten Beleidigungen, die von den Felsen widerhallten und sich zu einem unverständlichen Getöse mischten. Achmed spürte, wie Rhapsody hinter ihm, obwohl im Schatten verborgen, vor Angst zu zittern anfing.

»Wie du willst«, entgegnete Achmed geduldig, und seine Stimme verriet nicht die Spur von Nervosität oder Ärger. »Du hattest deine Chance. So groß meine Macht auch ist, sie reicht nicht aus, um einen Narren vor sich selbst in Schutz zu nehmen. Wie gesagt, der Berg steht mir zu Diensten. Wie wahr meine Worte sind, wirst du nun am eigenen Leib zu spüren bekommen.«

Zum Entsetzen der Zuschauer spaltete sich einer der beiden Felsblöcke, die Janthir flankierten. Die zwei Hälften hoben vom Boden ab, entwanden seiner Hand das Schwert und enthaupteten ihn. Noch bevor sich das Grauen als Schrei artikulieren konnte, kugelte der Kopf von der Klippe in die Schlucht. Ihm folgte das Schwert. Unmittelbar darauf senkte sich der Fels, nun wieder eins geworden, zurück auf seinen Platz. Der ganze Vorgang hatte nicht länger als ein Dutzend beschleunigte Herzschläge gedauert.

»Will mich noch jemand herausfordern?«

Unter den Versammelten wurde nicht einmal ein Räuspern laut; zu hören waren nur das Knistern der Feuer und der Wind, der heulend durch die Schlucht strich.

»Wohlan, hört, was ihr zu tun habt. Jeder Klan wird fünf seiner besten Krieger sowie ein Kind mitsamt seiner Mutter an mich abtreten. Die Krieger sollen meine Leibgarde sein und eine Ausbildung erhalten, die sie den besten Soldaten Rolands überlegen macht. Jedes Kind wird einer Prüfung unterzogen. Wenn es sie besteht, mache ich ihm ein Geschenk. Wählt aus mit Bedacht. Ihr habt drei Tage Zeit. Denen, die an meiner Entschlossenheit zweifeln, sei gesagt: Ich komme. Wer sich nicht fügt, ist meiner Strafe sicher.«

Achmed schaute über die schweigende Menge und schmunzelte angesichts der angsterfüllten Blicke, die auf ihn gerichtet waren. Dann zog er sich von dem Felsvorsprung zurück und verschwand im Tunnel, wo er Rhapsody, die immer noch zitterte, bei der Hand nahm und mit ihr in die Tiefen von Canrif zurückkehrte.

»Nun, ich habe wahrhaftig schon viel erlebt, und das war sicher eine der widerwärtigsten Szenen.«

Grunthor zeigte sich irritiert. »Wovon redest du? War doch großartig. Jedenfalls ging die Sache ganz ohne Blutvergießen über die Bühne. Die Bolg wählen jetzt ihre Hauptmänner aus, und wir können morgen schon mit der Ausbildung beginnen. Was soll daran widerwärtig sein?«

»Ich denke, Janthir würde, was das Blutvergießen angeht, zu einer anderen Einschätzung gelangen«, entgegnete Rhapsody, die unter Mithilfe von Jo Verbandsmaterial und andere Mittel zur Wundebehandlung zusammenpackte.

»Mag ja sein, aber der alte Knabe wird sich dazu nich mehr äußern können.«

»Eine Gemeinheit ist es, dass ich nicht mitkommen und zusehen durfte«, maulte Jo. »Scheint ja richtig aufregend gewesen zu sein.«

Rhapsody hatte schon eine Antwort auf der Zunge, besann sich dann aber eines anderen und schwieg. Achmed und Grunthor sonnten sich in ihrem Triumph. Sie wollte ihnen den Spaß nicht verderben.