»Wann machen wir uns über die Heide her?«
Achmed blickte von der Skizze auf, an der er gerade arbeitete. »Ich würde sagen, in spätestens zwei Wochen haben wir mit der Heide und den Randgebieten des Verborgenen Reiches eine Front aufgebaut, an der sich die Frühjahrsputzkolonne aus Roland die Zähne ausbeißen wird. Das wird dann hoffentlich auch die restlichen Bolg, die jetzt noch zögern, für uns einnehmen.«
Saltar schloss die brennenden Augen, als sich der kalte Nebel auf sein Gesicht und die Schultern senkte.
Der Geist war gekommen. Saltar hatte damit gerechnet, seit er von der durch den neuen Kriegsherrn einberufenen Versammlung in der Schlucht am Rand der Heide wusste.
Was siehst du?
»Noch nichts. Es ist alles noch umwölkt«, antwortete Saltar. immer hörte er die Stimme im Innern, und wie immer war sie ihm wie eine Marter.
Sieh gefälligst genauer hin. Fahnde nach dem, der im Windschatten wandert.
Saltar schloss ein zweites Mal die Augen und spürte, wie das Brennen ein wenig nachließ. Er legte wieder die Hand auf die Brust, sah aber immer noch nicht klarer.
»Noch nichts«, wiederholte er. »Aber er wird kommen.«
47
»Immer schön die Augen geschlossen halten; wir sind gleich da.«
Rhapsody versuchte ruhig zu bleiben. Sie hatte sich von der so ganz und gar untypischen Aufregung in Achmeds Stimme anstecken lassen und brannte darauf, seine neueste Entdeckung zu sehen.
Nichtsdestotrotz musste sie ständig daran denken, dass die bolgischen Rekruten morgen eintreffen würden, und es galt, noch allerhand Vorkehrungen zu treffen.
»Das ist das letzte Mal, Achmed«, sagte sie und setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Ihr schwirrte der Kopf, denn die Flure in Gwylliams Festung riefen viele unangenehme Erinnerungen an die Wurzel in ihr wach. »Ich muss die Quartiere noch fertig einrichten.«
Achmed kicherte. »Na schön, wenn du die Große Halle nicht sehen willst, können wir ja zurück ...«
»Du hast die Große Halle gefunden?«, rief Rhapsody und sperrte die Augen auf.
»Und etwas, das noch interessanter sein könnte. Aber wenn du unbedingt umkehren möchtest...«
Sie ergriff seine Hand. »Zeig’s mir. Alles andere kann warten.«
»Wusste ich doch, dass sich deine Neugier durchsetzen würde. Folge mir.«
Rhapsody eilte in der Dunkelheit hinter ihm her. Die Tunnelgänge wurden immer breiter und höher und erreichten bald das Vierfache ihrer normalen Ausmaße. Schließlich öffnete sich der Stollen in einen großen Vorraum mit marmornen Wänden, an denen Reste von Blattgold klebten.
Achmed bog um die Ecke und blieb vor einem Portal stehen.
Von den ursprünglich zwei mächtigen, aus purem Gold geschmiedeten Türflügeln war nur noch einer übrig geblieben und wie von einem gewaltigen Sturm aufgerissen und verbogen worden.
»Die Große Halle«, sagte er und bat sie wie ein Portier mit weit ausholender Handbewegung einzutreten.
Rhapsody kletterte über einen Haufen aus Schutt, der den Eingang verstellte, und trat in einen runden Saal, der in seinen Ausmaßen so gigantisch war wie alles andere in Canrif. Das weiße Rund säumten Säulen aus bläulich schwarzem Marmor, die auf ein breites Podest zuliefen. Das hellblaue Deckengewölbe ließ, obwohl es an zahllosen Stellen gerissen war und bröckelte, noch immer erkennen, dass es des Himmelszelt darstellte.
Durch dicke Blöcke klaren Glases, die im Scheitelpunkt des Gewölbes eingelassen waren, drang Tageslicht. Rhapsody konnte ein kleines Stück des wirklichen Himmels und Schatten der Berge darin entdecken, was darauf schließen ließ, dass die Große Halle in den felsigen Gipfelaufbau eines der hohen Zahnfelsen hineingeschlagen worden war.
Den Boden, jetzt mit Gesteinsbrocken übersät, hatte einst ein aus farbigem Marmor angelegtes Mosaik geschmückt, in dem die Darstellungen von Erde, Sonne und Mond sowie einem großen Stern auszumachen waren. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie das Symbol für Seren wiedererkannte, ihren Geburtsstern.
»Aria«, hauchte sie.
Und ungerufen tönte aus tiefster Erinnerung die Stimme der Mutter mit den Worten: Wenn da deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren gehen.
Tränen stiegen ihr in die Augen, worauf sich eine warme, kräftige Hand auf ihre Schulter legte.
»Was hast du?«
Rhapsody beeilte sich, die Tränen wegzuzwinkern, ging weiter und sah sich um. Auf dem Podest auf der gegenüberliegenden Seite standen zwei große Thronsessel, aus dem gleichen Marmor gehauen wie der Boden und bedeckt vom Schutt der bröckelnden Decke. Darunter waren noch uralte Sitzkissen zu erkennen und kunstvolle Steinmetzarbeiten, blau koloriert oder mit Blattgold ausgelegt.
In der Mitte des Seren-Symbols klaffte ein Loch, das früher mit einem Klappdeckel versehen war, jetzt aber offen stand. Darin steckte ein langer, zylindrischer Behälter mit einem Gitterrost als Boden, auf dem früher Feuer gebrannt hatten, und das sehr häufig, wie an den Spuren deutlich zu sehen war. Über dem Rost hingen mehrere runde Metallrahmen, die ursprünglich Spiegelglas enthalten hatten, worauf die am Boden verstreut liegenden Scherben schließen ließen.
»Skizzen davon habe ich in der Bibliothek gesehen«, sagte sie halblaut und blickte zu Achmed auf.
»Das scheint die von Gwylliam erfundene Fußbodenheizung der Großen Halle zu sein. Gleichzeitig ließ sich damit Licht unter die Decke projizieren. Wenn man Gwylliams Bemerkungen Glauben schenken darf, konnte mit dieser Einrichtung das wechselnde Farbenspiel und der Lauf der Sonne nachgestellt werden, vom Aufgang bis zu ihrem Untergang, wenn das Feuer verlosch. In den künstlichen Himmel waren sogar Kristalle eingelassen, die dann, wenn das letzte Licht auf sie fiel, wie Sterne funkelten. Und die ganze Anlage wurde von der Erdbewegung in Gang gehalten. Ich wünschte, ich könnte das alles hier noch einmal in Betrieb sehen.«
»Das wirst du noch«, versprach Achmed, der eine der Säulen neben den beiden Thronsesseln in Augenschein nahm. »War in den Plänen auch etwas von den Säulen hier erwähnt? Mir scheint, dass sie für die einzelnen Stunden des Tages stehen.«
Rhapsody nickte und klopfte sich den Staub von den Händen. »Das Kernstück der Anlage war das Himmelsobservatorium, das ganz in der Nähe sein müsste. Es gab da ein Fernrohr in einer der höchsten Spitzen der Gebirgskette. Das Observatorium war über eine Treppe zu erreichen, die irgendwo dahinten ihren Ausgang gehabt haben könnte.« Sie zeigte auf die Türen hinter den beiden Säulen.
»Wenn es diese Treppe denn tatsächlich gegeben hat, wird sie jetzt wahrscheinlich verschüttet sein«, sagte Achmed. »Auch sie müsste dann mit auf die Liste derjenigen Dinge, die es zu reparieren gilt.« Er rückte von den Säulen ab und ging auf die Thronsessel zu.
Rhapsody folgte. Als sie aber an dem im Boden eingelassenen Symbol der Sonne vorbeikam, fühlte sie plötzlich einen leichten Schwall warmer Luft im Gesicht. Verwundert blieb sie stehen.
»Achmed!«, wollte sie rufen, doch es kam nur ein schwaches Flüstern über ihre Lippen. Er hörte sie nicht.
Ihr wurde schwindlig. Vor ihren Augen schien alles in schwankende Bewegung zu geraten. Unter der Haut machte sich ein Prickeln bemerkbar. Sie erkannte die Anzeichen als das Gefühl von Lust, konnte sich aber nicht erklären, wieso es sich ausgerechnet jetzt bei ihr einstellte.
Sie spürte den Druck feuchter Wärme am Hals, wie von einem Kuss, genießerisch über die Haut wandernd, und ihr war, als legten sich Hände um ihre Taille, die sich langsam auf ihre Brüste zu bewegten.
»Achmed, bitte«, rief sie wieder. »Hilf!« Die eigene Stimme tönte wie von ferne.
Die Welt wurde dunkler, wärmer, und sie wähnte sich, von unsichtbaren Händen gestützt, zu Boden sinken. Schwere Luft liebkoste ihren Körper; sie spürte, wie ihr das Hemd aus dem Hosenbund gezogen wurde. Mit dem Kopf versuchte sie dagegenzusteuern, sich in die Gegenwart zurückzurufen, allein, es half nichts.
So sehr sie sich auch wehrte gegen das, was ihr wie ein Anschlag auf ihre Willensfreiheit vorkam, zwang sie eine stärkere Kraft, und diese war mit der Weisheit der Zeit verknüpft, die zum Gewebe ihrer Seele gehörte. Davon überwältigt, unterwarf sich der Verstand den Empfindungen einer anderen Person, deren Geschichte sie nun nachvollziehen sollte. Den eigenen Gefühlen zum Trotz wurde sie von Lust und Leidenschaft verzehrt. Auch von Kummer, ja, sogar Wut. Und plötzlich, so unvermittelt, wie sie sich eingestellt hatte, war die Vision auch wieder verschwunden.