Выбрать главу

Ihr Blick klärte sich. Sie sah auf in den dunklen Ausschnitt von Achmeds Kapuze.

»Alles in Ordnung?«, fragte er und streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen.

»Jetzt reicht’s mir langsam«, murmelte sie und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Das Hemd war zwar lose, steckte aber immer noch im Hosenbund. »Auf diesen Ausschnitt der Geschichte kann ich wahrhaftig verzichten.«

»Was hast du gesehen?«

Rhapsodys Gesicht, das ohnehin schon glühte, errötete noch mehr. »Direkt gesehen habe ich nichts. Es war eher wie eine Berührung.«

»Dann hast du etwas gespürt. Was? Es könnte wichtig sein.« Achmed war gereizt.

»Sagen wir mal so: Ich glaube, dass Anwyn und Gwylliam hier, an diesem Ort, ihre ... Ehe vollzogen haben könnten.«

Achmed grinste. »Glückspilz.«

»Wie bitte?« Ihre Verlegenheit ging unmittelbar in Empörung über.

»Sei froh, dass Grunthor nicht hier ist. Dem wären bestimmt ein paar ungehobelte Kommentare dazu eingefallen.«

»Ich kann mich doch hoffentlich auf deine Diskretion verlassen.«

»Vielleicht. Wollen wir jetzt ins Schlafzimmer gehen?«

Rhapsody spürte, wie sich ihre Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten, ahnte aber sogleich, dass sich Achmed nur wieder einmal ungeschickt ausgedrückt hatte. »Soll das heißen, du hast die königlichen Schlafgemächer ausfindig gemacht?«

»Ja.«

»Worauf warten wir dann noch? Anwyn und Gwylliam waren lange verheiratet, und wenn das hier ihre Liebeslaube gewesen ist, sollten wir uns möglichst schnell aus dem Staub machen.«

»Also, wenn du vor einer weiteren körperlosen Lusterfahrung gefeit sein möchtest, scheinst du hier im Schlafzimmer von Gwylliam und Anwyn bestens aufgehoben zu sein.«

Rhapsody stimmte dem Freund zu. Das Schlafgemach war im Grundriss ähnlich angelegt wie alles andere in Canrif, aber in zwei Teile unterteilt, die jeweils, obwohl prächtig geschmückt, keinerlei Wärme oder Intimität vermitteln konnten.

In einem der großen Räume war eine schmuckvolle Feuerstelle mit Kaminsims in den Fels gehauen worden. Die Belüftungsschächte und das Rundbogenfenster darüber öffneten sich zu derselben Bergwand, an die auch die Große Halle grenzte. Das ziegeldicke Fensterglas war mit der Zeit stumpf geworden, aber noch intakt und ließ erahnen, wie überwältigend schön der Ausblick auf die Steppe in der Tiefe früher einmal gewesen sein mochte.

Über der Feuerstelle war das steinerne Relief eines Familienwappens zu sehen. Darauf standen sich unter einem Stern ein sprungbereiter Löwe und ein Greif gegenüber; den Hintergrund bildete ein im Erdball wurzelnder Eichbaum. Rhapsody erkannte das Wappen sofort. Es war in der alten Welt auf die Rückseite einer jeden Münze geprägt gewesen.

»Das Wappen des serenschen Königshauses.«

Achmed nickte.

Rhapsody stieß einen Pfiff aus. »Mir wird immer klarer, warum die beiden nicht allzu gut miteinander ausgekommen sind.«

»Ach ja? Und warum?«

Sie zeigte auf das Emblem. »Nun, dass er das Symbol seiner Herrschaft über das alte Land hier an so prominenter Stelle in den ehelichen Gemächern zur Schau gestellt hat, zeigt doch, dass Gwylliam nur wenig Respekt vor Anwyns Herkunft hatte. Und offenbar nur wenig Interesse, sie bei Laune zu halten.«

»Sie hat ihr eigenes Wappen, und das hängt über der Feuerstelle im Raum nebenan. Es stellt einen Drachen am Rand der Welt dar.«

»Wie auch immer, wenn sie ein Bett miteinander teilten, war einer der beiden immer im Vorteil, und der andere hatte ständig den symbolischen Ausdruck dafür vor Augen. Darum werden sie, so vermute ich, meist getrennt geschlafen haben. Mir hätte es als Halb-Drache in missliebiger Menschengestalt bestimmt auch kein großes Vergnügen bereitet, mich vom schwitzenden Gemahl bespringen zu lassen und dabei auf das Wappen einer Familie starren zu müssen, der ich mich nie richtig zugehörig fühlen könnte.«

Achmed schmunzelte und wandte sich kopfschüttelnd und mit gesenktem Blick von der Feuerstelle ab.

»Gut zu hören, dass die einschlägigen Erfahrungen aus deinem früheren Leben deine Einstellung zur körperlichen Liebe nicht versauert haben, Rhapsody.«

Der Feuerstelle gegenüber lehnte das Kopfteil eines Bettes an der Wand, gefertigt aus demselben bläulich schwarzen, silbrig geäderten Marmor, der auch in der Großen Halle so großzügig verarbeitet war. Das dazu passende Fußende lag umgekippt auf dem Boden. Wie ein Fleck breitete sich dazwischen das aus, was allem Anschein nach von der Bettwäsche übrig geblieben war.

»Ob das Mittelteil einfach so verrottet ist?«, fragte Rhapsody.

Achmed lachte. »Wenn du denn in deiner Einschätzung richtig liegst, wird das Bettgestell wohl kaum unter ihnen Feuer gefangen haben. Also wird es verrottet sein. Warum fragst du?«

Sie fing eine Melodie zu summen an und versuchte, der sonderbaren Empfindungen auf die Spur zu kommen, die sich ihr über das Bett vermittelte. Schließlich blickte sie zu ihm auf.

»Merkst du nichts?«

Er konzentrierte sich, schüttelte dann aber den Kopf. »Nein. Was soll denn sein?«

Rhapsody richtete den Blick zurück auf den Boden. »Blut, wenn ich mich nicht irre.«

Ein dunkler Schatten legte sich auf Achmeds Gesicht. Seine Stimme aber klang wie immer. »Davon spüre ich nichts.«

»Soll ich einen Versuch wagen?«, fragte sie. Achmed nickte. »Dann musst du mir versprechen, einzugreifen und mir herauszuhelfen, falls ich überschnappen oder nicht mehr von allein aus der Trance herauskommen sollte.«

»Fragt sich, wie. Auf alle Fälle könnte ich dich nach draußen tragen.«

Rhapsody kniff die Brauen zusammen. »Dann wär’s mir lieber, du würdest mich über den Boden schleifen. Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, getragen zu werden.«

»Versprochen.«

Sie machte die Augen zu und konzentrierte sich auf den Erkennungston, der ihr unter anderem dabei geholfen hatte, den Ring im Cymrer-Museum zu begutachten. Vor ihrem geistigen Auge erschien das Bild eines jungen Mannes, der auf dem Bett lag – offenbar tot, denn der Hals schien gebrochen zu sein. Die Vision wurde klarer, und bald sah sie einen zweiten Mann mit grauem Bart und goldenem Gewand, der, die Hände vors Gesicht geschlagen, auf dem Bettrand neben der Leiche saß.

Kalter Schweiß brach ihr aus, als sie die der Szene innewohnenden Gefühle auf sich einwirken ließ. Verzweiflung, Schuld, Wut, Qual, all dies stürzte auf sie ein und legte sich um sie wie ein Mantel aus Schmerzen, unter dem sie kaum mehr zu atmen vermochte. Ihr Herz pochte hohl in der Brust.

»Wir müssen raus hier«, sagte sie. »Ich weiß nicht, was hier passiert ist und ob wir’s je erfahren; jedenfalls ist es kein Wunder, dass der ganze Berg nach Verwüstung stinkt. Wilde, leidenschaftliche Liebe auf dem Boden der Großen Halle, Tod im Bett des Königs, der König selbst, bis auf die Knochen verwest, in der Bibliothek. Entsetzlich, was sich hier zugetragen hat. Und dafür tragen nicht etwa Firbolg die Verantwortung, sondern Cymrer.«

Achmed lachte. »Das hätte ich dir auch verraten können. Bevor wir gehen, solltest du dir noch eines ansehen.«

Anwyns Schlafgemach war ebenso groß und leer wie das von Gwylliam. Der einzig auffällige Unterschied bestand darin, dass das Kopfteil des Bettes aus purem Gold bestand und fest mit der Wand verankert war. Das Fußende fehlte; vielleicht war es Plünderern in die Hände gefallen, nachdem die Cymrer Canrif verlassen hatten.

Der Kaminsims war offenbar früher einmal, passend zum Bettgestell, mit Blattgold belegt gewesen, doch das war inzwischen fast vollständig abgeblättert. Rhapsody starrte auf das Wappen, auf den Drachen am Rand der Welt.