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Plötzlich und ganz unerwartet stellte sich Heimweh ein. Was habe ich bloß hier verloren?, dachte sie und empfand einen tiefen Schmerz über den Verlust ihrer Familie. Hätte ich gewusst, dass ich an diesen Ort der endlosen Albträume gelangen würde, wäre ich vielleicht in Serendair und bei Michael geblieben.

»Hör auf, dich selbst zu bemitleiden«, sagte Achmed, der ahnte, was ihr durch den Kopf ging. Er stand in der Tür.

Vor Verwunderung klappte Rhapsody die Kinnlade herunter. »Was? Woher weißt du, was ich denke?«

»Ich seh’s dir an. Vielleicht war das auch eine der Folgen deiner Feuertaufe: dass man dir deine Gedanken ansehen kann. Aber wenn ich mich recht erinnere, konnte man das auch schon vorher. Komm her und sieh dir das hier mal an.«

Rhapsody trat näher und spähte durch den Türausschnitt. Ihr Blick fiel in einen Raum, dessen Boden mit kleinen quadratischen blauen Fliesen ausgelegt war. Vor der Stirnwand stand ein großes sechseckiges Behältnis, das das Auffangbecken eines Springbrunnens hätte sein können und wie die Bodenfliesen aus blauem Marmor bestand. An der Wand dahinter stiegen verrostete Rohre auf, die gekröpft in den Raum ragten und sich über dem Becken öffneten.

Ein Stück abseits, aber an derselben Wand stand ein seltsam anmutender Thron, ebenfalls aus Marmor gearbeitet und an dieselben sonderbaren Rohre angeschlossen. Das Sitzkissen war offenbar vor langer Zeit weggenommen worden oder verloren gegangen, weshalb nun in der Sitzfläche eine tiefe Mulde zu sehen war, in deren Mitte ein Loch klaffte, so groß wie die Öffnung eines Fuchsbaus.

Die Rückenlehne des Throns war hoch und gerade und bestand aus demselben glänzenden Material wie das Belüftungssystem. Von oben hing eine metallene Kette herab.

»Seltsam«, murmelte Rhapsody. »Wozu soll das gut gewesen sein, ausgerechnet neben den Schlafgemächern?«

»Für was hältst du’s?«, fragte Achmed und verkniff sich ein Lachen.

»Ich weiß nicht. Sieht aus wie eine Art Springbrunnen mit Thron. Allerdings scheint der Thron nicht gerade bequem gewesen zu sein.«

Er lachte. »Tu mir einen letzten Gefallen und wende deinen Erkennungston doch auch einmal auf den Thron an, damit wir erfahren, wozu er tatsächlich gut gewesen ist.«

»Na schön.« Rhapsody schloss die Augen, suchte den richtigen Ton und ließ das Bild im Geiste Gestalt annehmen. Kurz darauf wurde sie so rot wie die Abendsonne.

»Nicht zu fassen«, platzte es aus ihr heraus. »Eine Latrine! Dass es die auch innerhalb einer Wohnung geben kann, ist mir völlig neu. Wie beschämend. Und ich dachte, es wäre ein Thron.«

»Du musst dich nicht schämen. Nach dem, was wir über das Herrscherpaar erfahren haben, scheint mir eine Latrine als Thron durchaus angemessen zu sein«, entgegnete Achmed. »Und der Springbrunnen soll dann wohl in Wahrheit eine Badewanne gewesen sein, oder?«

Rhapsody zuckte mit den Achseln. »Ich kenne Wannen nur aus öffentlichen Badeanstalten. Da sind sie aus Metall und werden über ein offenes Feuer gerückt. Eine so große Wanne, dazu mit sechs Ecken, ist mir noch nie zu Augen gekommen.«

»Tja, Gwylliam war offenbar ein Mann, der seine Vorlieben nie zu kurz kommen ließ, ob es sich dabei nun um dumme Sprüche handelte oder um sechseckige Konstruktionen. Ist dir noch nicht aufgefallen, wie häufig er davon Gebrauch gemacht hat? Je mehr ich über ihn und seine Konsorten erfahre, desto tiefer sinkt meine Achtung vor ihnen.«

Rhapsody zog an der Kette, worauf trockene Rostflocken herabrieselten. »Ist da Wasser rausgekommen?«

»Ja, und das wird es auch wieder, wenn wir die Wasserversorgung zum Laufen gebracht haben. Aber das muss noch warten. Die Zisternen sind voll, wir haben genug zu trinken. Alles andere kommt später an die Reihe. Zuerst gilt es, Phase eins und zwei abzuschließen, und im Frühjahr kümmern wir uns um die Soldaten aus Roland.«

Rhapsody musterte Achmed mit kritischem Blick. Seine Miene verriet dieselbe stille Erregung wie während des Vortrags seiner Zukunftspläne. Er war sich seiner Sache offenbar ganz sicher. Wie sehr sie ihn darum beneidete!

48

Am nächsten Tag trafen über 4000 Bolg von den nahen Zahnfelsen ein – die Mitglieder von fast siebenhundert Klans, Jäger-Krieger mitsamt den Frauen und Kindern, von denen manche vor Angst, andere auch vor lauter Aufregung zitterten.

Ihnen hatten sich viele weitere angeschlossen, die für die neue Streitmacht eigentlich nicht in Frage kamen, aber aus Neugier und weil sie irgendwie an den Vorhaben des neuen Kriegsherrn beteiligt sein wollten, mitgezogen waren.

Als die Menge in die riesigen Höfe der Innenstadt strömte, wandte sich Achmed an Rhapsody.

»Arbeiter. Die müssen wir uns warm halten. Das sind die Männer und Frauen, die uns beim Aufbau von Ylorc helfen werden. Ihre Leistung wird am Ende noch größer sein als die der Cymrer.«

Rhapsody schaute voller Verwunderung hinab auf ein Meer erwartungsvoller Gesichter.

»Vorsicht, Achmed«, warnte sie, »du klingst schon ein bisschen wie Gwylliam.«

Der Kriegsherr schien eine Weile nachzudenken und antwortete: »Nein, das glaube ich nicht. Wir sind grundverschieden. Ähnlich ist allenfalls, dass wir wie Waffenschmiede ein Werkstück an den Wetzstein halten. Doch während er mit seinem Werkstück den Stein zu glätten versucht, nutze ich den Stein, um das Werkstück zu schärfen.«

»Dem kann ich nicht ganz folgen, tut mir Leid.«

Seine Augen strahlten vor Erregung. »Gwylliam hatte es sich zum Ziel gesetzt, Canrif aufzubauen und den unwirtlichen Berg bewohnbar zu machen. Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, stellte er seine Untergebenen an die Arbeit. Sie waren das Werkzeug, mit dem er seinen Stein glättete. Mir geht es nicht um den Berg, sondern um die Bolg. Sie sind wie das Werkzeug, schartig und stumpf, und müssen geschliffen werden. Der Berg, den es neu auszubauen gilt, ist ihr Wetzstein. Sie werden ihre Kräfte zusammenlegen und durch die vereinte Arbeit Gemeinsinn entwickeln. Der Berg an sich ist mir einerlei und nur wichtig als Mittel zum Zweck der Vereinigung und Förderung der Bolg. Kurzum, ich will keinen glatteren Stein, sondern eine schärfere Waffe.«

Der skeptische Ausdruck in Rhapsodys Gesicht war unverhohlener Bewunderung gewichen.

»Interessanter Vergleich. Und ganz schön clever, denn ganz unabhängig von der Absicht wird sowohl der Stein geglättet als auch die Waffe geschärft.«

»Ja.«

Rhapsody schaute wieder auf die wogende Menge, die ihr plötzlich sehr viel weniger bedauerlich vorkam als noch vor wenigen Augenblicken. »Du bist ein Glücksfall für diese Leute«, sagte sie.

»Vielleicht hat die Geschichte mit Gwylliam den Falschen als den großen Visionär gepriesen.«

Achmed grinste. »Das wird sich zeigen. Komm, wir haben noch was vor.«

Die Kinder und ihre Mütter wurden sogleich unter Rhapsodys Obhut gestellt. Die Krieger zogen derweil in die alten Kasernen ein. Grunthor würde sie während der nächsten Monate zu einer schlagkräftigen Truppe zusammenschmieden.

Der riesige Oberfeldwebel machte sich mit Eifer an seine neue Aufgabe. Rhapsody wurde häufig aus dem Schlaf gerissen, wenn die Rekruten an ihrer Kammer vorbeimarschierten und dabei Lieder schmetterten, die so scheußlich klangen, dass sie schon wieder komisch waren.

Leg dich ins Zeug und streng dich an, mach zu, du faules Tier, das süße Leben ist aus und vorbei, denn

ab jetzt gehörst du mir.

Jetzt fängt vielmehr dein Albtraum an, auf dich da warten Schmerzen, und eins, das tue lieber nie:

dir’s mit dem Spieß verscherzen.

Steck dir ’ne Klette in den Arsch, ganz tief in die Kaschemme, denn es wird Spießens Stammplatz sein,

hält er dich für ’ne Memme.

Oder Jos Lieblingsvers:

Tanz nicht aus der Reihe, o Mann, Sonst haut dich der Sergeant in die Pfann’. Links zwo-drei-vier,