Achmed lachte leise. Er fand es komisch und anrührend zugleich, Rhapsody verteidigen zu hören, was sie unlängst noch selbst für Ungeheuer gehalten hatte. »Wie viel Platz würde es mich kosten, wenn ich mich für die Option ›Menschenwesen‹ entscheide?«
»Sehr viel. Für den Anfang und bis die Heide und das Verborgene Reich nicht in Gänze zu uns gehören, brauchte ich zwei Hallen für die Krankenstation und eine dritte für das Hospiz.« Sie deutete auf der Planskizze auf zwei große Abschnitte im Komplex der Soldatenunterkünfte. Achmed holte hörbar Luft. »Und jetzt kommt die gute Nachricht: Sobald das Königreich vereint ist, trete ich eine Halle freiwillig wieder ab, und das Hospiz kann sich seine Unterkunft mit dem Waisenhaus teilen.«
»Kann es sein, dass du die Anzahl der Waisen zu gering veranschlagst?«
»Nein. Dazu habe ich mir Folgendes ausgedacht: Wenn du dich für jedes einzelne Waisenkind aussprichst und stark machst, werden die Klans um seine Adoption wetteifern, vor allem dann, wenn sie sich auf lange Sicht besondere Vergünstigungen davon versprechen können.« Achmed nickte. Rhapsody schmunzelte. »Siehst du? Ich mache mir ganz zweckmäßige und praktische Gedanken.«
»Zweifelsohne. Aber bevor ich mich entscheide zwischen ›Menschenwesen oder Ungeheuere, noch eine Frage.«
»Nur zu.«
»Wenn ich deinen Forderungen stattgebe, kann ich mich dann auf meinen Feldzügen auch auf dein Schwert und deine Fähigkeiten als Sängerin verlassen?«
Rhapsody seufzte. Über diesen Punkt hatten sie schon oft gestritten. Sie wollte mit seinem Krieg nichts zu tun haben. Zwar war sie bereit, für ihre Verteidigung und gegen das, was sie für tyrannisch und böse hielt, zu kämpfen; doch der Gedanke daran, für die Inbesitznahme des Berges Blut fließen zu lassen, war ihr zuwider. Immerhin durfte sie davon ausgehen, dass Achmeds Absichten redlich waren, auch wenn sie mit den Mitteln, die er zur Anwendung brachte, nicht einverstanden sein konnte.
»Na schön«, sagte sie widerstrebend. »Ich werde kämpfen. So, und nun entscheide dich.«
Im Gesicht des neuen Firbolg-Kriegsherrn zeigte sich der Anflug eines Lächelns.
»Menschenwesen«, antwortete er. »Monströse Menschenwesen.«
49
»Ich muss mit dir reden, sofort.«
Am großen runden Tisch im Sitzungssaal hinter der Großen Halle blickten ein Dutzend Frauengesichter verwundert auf. Bis auf eine waren alle Frauen dunkelhäutig und stark behaart. Sie, die Ausnahme, erhob sich von ihrem Platz.
»Entschuldigt mich«, sagte Rhapsody und eilte zur Tür, die einen Augenblick zuvor wuchtig aufgestoßen worden war. Achmed unterdrückte ein Lachen. Ihr Gebrauch der bolgischen Sprache ließ noch einiges zu wünschen übrig. Sinngemäß hatte Rhapsody gerade darum gebeten, dass man sie leben lassen möge.
»Was ist?«, fragte sie und kam ihm mit besorgter Miene entgegen.
»Ich brauche den Messingschlüssel, den wir im Haus der Erinnerung gefunden haben. Wenn ich mich recht entsinne, hattest du ihn zuletzt in der Hand.«
»Wozu die Eile? Was ist geschehen?«
»Wir haben soeben in der Bibliothek eine versteckte Tür gefunden«, berichtete Achmed sichtlich erregt. »Ich glaube, dass es die sein könnte, zu der der Schlüssel passt.«
Rhapsody schien ihren Ohren nicht trauen zu wollen. »Und deswegen platzt du in meine Unterredung mit den Hebammen?«
Achmed warf einen Blick auf die Runde. Die Frauen waren fast durchweg dünn und drahtig, hatten breite, männliche Schultern. Sie starrten ihm entgegen, gleichgültig und ohne jene Ehrfurcht, die die anderen Bolg ihrem neuen König bezeugten.
Es hatte Rhapsody freudig überrascht zu entdecken, dass es diese Berufsgruppe überhaupt gab. Ihr Vorhandensein ließ einige Rückschlüsse auf den Charakter der Bolg zu, Rückschlüsse, die Rhapsody das Beste hoffen ließen. Krieger, selbst die tüchtigsten unter ihnen, waren ersetzbar und erfuhren nur wenig Pflege, nicht einmal wenn sie im Sterben lagen. Kleinkinder aber und ihre Mütter erfreuten sich der besten Fürsorge, die unter den gegebenen Umständen aufgeboten werden konnte. Hebammen waren noch höher angesehen als Stammesführer und entsprechend einflussreich. Insofern hatte Rhapsody mit ihrer Entschuldigung vielleicht gar nicht einmal so falsch gelegen.
»Ich brauche den Schlüssel«, wiederholte er ungeduldig.
Rhapsody packte ihn beim Hemdkragen, zog ihn zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr.
»Hör zu«, zischte sie. »Sprich nie wieder in diesem Ton mit mir. Schon gar nicht vor den Hebammen. Du vergibst dir nichts, wenn du mir Respekt erweist, schließlich bist du der König. Mich aber bringt deine Unhöflichkeit in eine unangenehme Situation – aus der ich mich allerdings leicht befreien könnte. Auf deine Kosten. Also sieh dich vor. Versuch’s noch mal, und zwar ein bisschen respektvoller, oder verschwinde.« Sie stieß ihn zurück, und ihre grünen Augen schienen Funken zu sprühen.
Achmed lächelte. Die Sängerin schien sich in ihre neue kulturelle Umgebung einzufinden. Sie hatte seit der Ankunft der ersten Rekruten nur wenige Wochen Zeit gehabt, verstand es aber schon, die wichtigsten firbolgschen Verhaltensregeln anzuwenden und einzufordern. Achmed verbeugte sich leicht.
»Würdest du mir bitte, wenn es dir nicht allzu viel ausmacht, diesen einen Gefallen erweisen?«, fragte er laut und deutlich.
Rhapsody zeigte sich sogleich etwas milder gestimmt. »Er ist in meinen Zimmer.«
»Nein, das ist er nicht.«
Sie blinzelte mit den Augen. »Woher weißt du das?«
»Weil ich da schon nachgesehen habe.«
Wieder umwölkte sich ihre Stirn. »Wie bitte? Du hast in meinem Zimmer herumgestöbert?«
»Ich wollte dich in deinem Gespräch mit den Hebammen nicht stören«, beeilte er sich zu sagen.
»Und auf den Gedanken, ein Weilchen zu warten, bist du gar nicht erst gekommen, oder? Gwylliams Grotte ist seit vierhundert Jahren verschlossen. Hättest du nicht eine halbe Stunde warten können?«
Sie schnaubte empört. »Der Schlüssel liegt im Nachttopf unterm Bett.«
Achmed vorzog das Gesicht, was einen eher komischen als angewiderten Eindruck hinterließ. »Du lebst wirklich schon zu lange in der Barbarei. Darauf wären nicht einmal Grunthor oder ich gekommen.«
»Der Topf ist natürlich unbenutzt, du Narr. Die Latrine grenzt gleich an meine Kammer an. Bevor du das nächste Mal in meinen Schubladen kramst, frag gefälligst bei mir an.«
»Gönnst du mir und Grunthor denn kein bisschen Spaß, du herzloses Ding?« Achmed wandte sich den Hebammen zu. »Es tut mir Leid, dass ich das Gespräch stören musste. Aber es ließ sich nicht vermeiden. Vielen Dank, dass ihr mir gestattet habt, meine kluge Beraterin zu konsultieren.« Er drehte sich um, verdrehte die Augen und ging.
»Hast du etwas von Grunthor gehört?«, fragte Rhapsody beim Abendessen am selben Tisch, um den sie auch mit den Hebammen zusammengesessen hatten.
Achmed schüttelte den Kopf und brach ein trockenes Brötchen in zwei Stücke. »Er hält im Hochland jenseits der Heide ein Manöver ab, eben da, wo wir das verlassene Weinbaugebiet vermuten. Vermutlich wird er sich frühestens in vier Tagen zurückmelden.«
»Und wer sind diesmal die Glücklichen, denen er seine besondere Aufmerksamkeit schenkt?«
»Die Schlitzer. Das ist ein Klauen-Klan, deren Angehörige behaupten, dass Gwylliam nie gestorben ist und unter ihnen lebt.«