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»Vielleicht tut er das. Und vor kurzem ist er dann, um ein Buch zurückzugeben, in die Bibliothek gegangen, wo wir ihn gefunden haben«, witzelte Jo und pulte mit ihrem Messer zwischen den Zähnen.

»Übrigens, Grunthor meint, ich könnte das nächste Mal mit ihm gehen, wenn du nichts dagegen hast, Rhaps. Und das hast du doch nicht, oder?«

»Nein«, lachte Rhapsody. »Aber vertu dich nur nicht. Grunthor ist sehr viel gluckenhafter als ich. Wenn er glaubt, dass es sicher ist, dich mitzunehmen, werde ich dir nicht im Weg stehen.«

»Was ist bei eurem Gepräch herausgekommen?«, fragte Achmed, füllte sein und ihr Glas und reichte den Krug an Jo weiter.

»Sehr viel.« Mit strahlendem Gesicht erhob sich die Sängerin von ihrem Platz. »Augenblick, ich hole schnell meine Notizen.« Sie trat vor die Anrichte unter dem uralten Wandbehang, blätterte einen Stoß von Papieren durch und fand schließlich, wonach sie suchte. Mit gerümpfter Nase kehrte sie an den Tisch zurück.

»Achmed, das ist so nicht auszuhalten. Wie wär’s, wenn du hier ein bisschen aufräumen und renovieren würdest? Die Wandteppiche stinken.«

»Kein Wunder. Dahinter hatten unsere Vorgänger ihren Abtritt«, antwortete der Dhrakier, nahm einen Schluck aus seinem Becher und lachte laut auf, als er die Grimasse von Rhapsody sah, die sich ekelte.

»Bolg und Cymrer gleichermaßen. Auf den nahe liegenden Gedanken, Latrinen einzubauen, sind sie erst sehr viel später gekommen. Llauron mag die Cymrer für Halbgötter halten, aber du wirst dich wundern zu hören, was ich über sie herausgefunden habe.«

»Bitte, verschone mich damit, wenn es denn eben geht«, entgegnete Rhapsody und breitete das Pergament vor sich aus. »Hier also die Ergebnisse unserer Sitzung: Die Hebammen haben sich bereit erklärt, das, was ich ihnen in Sachen Heilkunst beigebracht habe, an die Klans der Region Weiterzutragen und geeignete Kandidatinnen für ihre Nachfolge auszubilden, von denen dann einige zu uns kommen, um in der Krankenstation und dem Hospiz arbeiten zu können.«

Achmed nickte. »Gut.«

»Außerdem haben wir einen Gesetzesvorschlag zum Schutz von Kindern ausgearbeitet, den du hoffentlich so übernehmen wirst und wonach der Missbrauch oder die Misshandlung von Kindern als Verbrechen zu ahnden wäre. Ich bin mir sicher, dass ein solches Gesetz von den Bolg ohne weiteres angenommen wird. Ihr Verhältnis Kindern gegenüber ist nämlich sehr viel aufgeklärter als das der ›menschlichen‹ Bürger von Roland, von denen so manche ihre Kinder mit Fußabtretern verwechseln.«

Achmed schmunzelte, sagte aber nichts. Er dachte zurück an die Szene in Bethania, als sie einen kleinen Jungen gegen seinen gewalttätigen Vater tatkräftig in Schutz genommen hatte. Als sie dem Vater auf offener Straße in die Parade gefahren war, hatte sich die Menge über sie hergemacht, aber nicht etwa, um ihr Einheit zu gebieten, sondern um sie zu berühren, gerade so, wie es die Bauern von Gwynwald getan hatten. Über ihre starke anziehende Wirkung auf andere war sie sich allerdings damals wie heute im Unklaren.

In Erinnerung an diesen Vorfall fragte sich Achmed nun zum wiederholten Mal, ob es ihm nicht auch ganz allein gelungen wäre, sie vor der zudringlichen Menge zu retten, oder ob sie die gemeinsame Flucht dem Angst erregenden Gebrüll von Grunthor zu verdanken hatten. Wie dem auch sei, bald würde Rhapsody auf seinen Wunsch hin ausgerechnet dorthin, nach Bethania, zurückkehren. Achmed schüttelte den Kopf, um den Gedanken daran zu verdrängen.

»Habt ihr euch auch überlegt, womit sich unsere Wirtschaft beleben ließe?«, fragte er.

»Augenblick, dazu komme ich später. Zusätzlich zu dem Kinderschutzgesetz verlangen wir, dass du dich für eine faire Behandlung von Kriegsgefangenen einsetzt, für die medizinische Versorgung von Verwundeten und eine würdige Bestattung der Gefallenen.«

Der Firbolg-König verdrehte die Augen. »Mit Gesetzen und Vorschriften werden wir uns befassen, sobald Roland und Sorbold von der Gründung unseres neuen Staates in Kenntnis gesetzt worden sind. Ich möchte mit Vertretern der jeweiligen Regierung verhandelt haben, und die werden sich, wenn überhaupt, wohl erst nach deinem Besuch in Roland bei uns melden. Können wir die Sache bis dahin vertagen?«

»Ja, ich habe sie nur jetzt schon erwähnt, weil du über die Ergebnisse unserer Sitzung informiert sein wolltest. Wir haben auch mit den Planungen für eine Schule begonnen. Die Kinder, die du hast kommen lassen, werden die erste Klasse bilden. Am Ende soll für alle Schulpflicht gelten. Übrigens, du schuldest deren Eltern ein Geschenk in Form von Waffen und Lebensmitteln. So viel zur neuen Schule ... oh, und noch etwas, ich habe zwölf neue Enkelkinder.«

»Ach, du Schande«, sagte Jo, die an einem Schinkenknochen nagte und ebenso viel Appetit wie Grunthor an den Tag legte.

»Hast du was an dem Fleisch auszusetzen?«, fragte Rhapsody launig.

Laut schmachtend antwortete Jo: »Das Fleisch ist in Ordnung. Auf Kinder bin ich allerdings weniger scharf. Vielleicht erinnerst du dich, dass mir früher immer ein ganzer Schwärm um die Füße gesprungen ist.«

»Das hält wohl niemand auf Dauer aus«, stimmte Rhapsody zu.

»Firbolg-Kinder?«, fragte Achmed und biss in die andere Hälfte des Brötchens.

Rhapsody nickte. »Waisen. Sehr nett, die Kleinen. Sie sind zwar ein bisschen wild und laut, doch als Kind war ich nicht anders.«

»Aber du hast dir damals bestimmt keinen Spaß daraus gemacht, Ratten zu jagen und bei lebendigem Leib aufzuessen.«

»Zugegeben.« Rhapsody schmunzelte und schüttelte sich. »Ich hab sie trotzdem gern.«

»Wenn du dich über deine neuen Gören endlich eingekriegt hast, könnten wir uns vielleicht der Frage unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten zuwenden?«

»Aber sicher doch.« Rhapsody nahm ein zweites großes Pergamentblatt zur Hand. »Neben den Waffen und Rüstungsteilen, die unsere Schmiede produzieren, sollten wir Wein anbauen und keltern. Was dazu nötig wäre, habe ich von Llaurons Gärtnerin Ilyana gelernt. Sobald Grunthor die Gebiete jenseits der Heide unter Kontrolle gebracht hat, werde ich – wie schon nach den Kämpfen in der Schlucht – losziehen, um mich um die Kinder der Gefallenen zu kümmern. Und während ich dort bin, werde ich den filidischen Landsegen sprechen und mit meinem Gesang die Pflanzen beschwören. Das sollte helfen. Die Weinstöcke sind, soweit ich weiß, im Großen und Ganzen gesund und ertragreich. Mit der nötigen Pflege werden sie gute, süße Früchte hervorbringen.«

Achmed nickte und machte sich eifrig Notizen. »Was sonst noch?«

Rhapsody und Jo tauschten Blicke. »Wir haben etwas Interessantes über das Holz herausgefunden, das du aus dem dunklen Wald hinter der Heide mitgebracht hast.«

»Nämlich?«

Rhapsody nickte, worauf Jo vom Tisch aufstand und im Nebenraum verschwand. »Es scheint sich gut für den Möbelbau zu eignen.«

Kurze Zeit später kehrte das Mädchen zurück und reichte Achmed ein kegelförmiges Stück Holz. Seine gehobelte und polierte Oberfläche war von dunkler Tönung und hatte einen auffällig bläulichen Schimmer, gerade so wie die prächtigen Tische in der Großen Halle oder andere Möbelstücke aus der Hinterlassenschaft von Gwylliam und Anwyn.

»Aha, wirklich interessant«, murmelte Achmed und drehte den Kegel in der Hand.

»Das hat Jo herausgefunden«, verriet Rhapsody.

»Kompliment«, sagte Achmed. Das Mädchen lief bis unter die Wurzeln ihrer blonden Haare rot an und kehrte an seinen Platz zurück.

»Und nun zu meinem bescheidenen Beitrag. Erinnerst du dich an diese ekligen Spinnen, die mit ihren Fäden nicht weniger als sechs Gänge verstopft hatten?«

»Wie könnte ich das vergessen? Dein Geschrei hallt mir immer noch in den Ohren nach.«

Rhapsody schlug mit der Serviette nach ihm aus, einem Leinentuch, das sie zusammen mit anderer aufwändig bestickter Tischwäsche in einer Kupfertruhe in Gwylliams Kammer gefunden hatte.

»Lügner, ich habe nicht geschrien. Wie auch immer, wenn man deren Fäden mit Baumwolle oder Schafwolle verspinnt, entsteht daraus ein fester, dehnbarer Faden, der sich auf vielfältige Weise weiterverarbeiten lässt. Zum Beispiel eignet er sich zur Herstellung von Seilen, die nicht nur enorm strapazierfähig wären, sondern auch verblüffend leicht.« Sie holte aus ihrer Tasche ein geflochtenes Band und warf es Achmed zu, der kräftig daran zerrte.