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Der Kriegsherr zuckte mit den Achseln. »Wie du meinst. Mach was du willst; es könnte nur sein, dass du so nicht lange lebst. Aber es gibt ja wahrhaftig Schlimmeres, als zu sterben. Falls ein dämonischer Geist von dir Besitz ergreifen sollte, zumal einer aus der alten Zeit, werden dir die Wochen mit Michael, dem Wind des Todes, im Nachhinein geradezu paradiesisch vorkommen.«

Rhapsody schob das Buch beiseite und stand vom Tisch auf. »Es reicht mir. Ich werde jetzt nach meinen Patienten sehen.«

Achmed biss die Zähne zusammen. Dass sich Rhapsody um verletzte Firbolg kümmerte, deren Wunden versorgte und ihnen mit ihren Gesängen Trost spendete und Mut machte, war seiner Meinung nach reine Zeitverschwendung.

»So kann man auch den Abend verbringen«, sagte er mit unverhohlenem Zynismus. »Ich bin sicher, die Firbolg wissen deine Güte zu würdigen und werden sich, wenn du einmal in Not bist, bestimmt revanchieren.«

Rhapsody furchte die Stirn. »Was soll das heißen?« Der Flammenschein schimmerte in ihren Augen und Haaren, was sich im Dunkeln fast unwirklich ausnahm.

Achmed seufzte. »Deine Mühen werden dir nicht gedankt werden. Wer sollte dir ein Lied singen, wenn du verletzt bist oder Schmerzen leidest?«

Sie lächelte. »Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein.«

Der Firbolg-König schnaubte. »Willst du nicht sehen, was in der Kassette ist?«

Sie blieb vor der Tür stehen und drehte sich um. »Nicht unbedingt. Und ganz bestimmt nicht, falls ich damit herausfinden sollte, dass Herzog Stephen für den Untergang von Serendair und die große Plage verantwortlich wäre. Noch ein paar Tage wie heute, und ich werde womöglich genauso paranoid, wie du es bist.«

Ohne auf ihre Worte einzugehen, öffnete Achmed die Kassette und holte einen in Samt gepackten Gegenstand daraus hervor: ein Hörn.

Rhapsody merkte auf. »Ist das etwa das Ratshorn? Das Instrument, mit dem die Cymrer zur Ratssitzung gerufen wurden?«

»Genau das.«

Einen Augenblick lang stand sie wie benommen da. Obwohl es Jahrhunderte nicht angerührt worden war, glänzte das Hörn wie an einem klaren Frühlingsmorgen. Die Luft ringsum schien zu vibrieren und neue, schon verloren geglaubte Hoffnung zu verbreiten.

»Und was hast du damit vor?«, fragte sie, als sie sich wieder gefasst hatte.

Achmed zuckte mit den Achseln. »Vorläufig nichts. Vielleicht füllen wir es mit Wein und feiern deine erfolgreiche Reise nach Roland, wenn du nächste Woche zurückkehrst. Oder wir dekorieren deinen Geburtstagskuchen damit. Wenn Grunthor und ich betrunken genug sind, werden wir damit vielleicht auch die noch lebenden Ratsmitglieder in das Amphitheater rufen und sie dann nass machen. Wer weiß? Ich wollte dir nur sagen, dass wir es gefunden haben.«

Rhapsody lachte. »Vielen Dank auch. Wie wär’s, du lernst darauf zu blasen und begleitest mich bei meinen Schlummerliedern für die Firbolg-Patienten?«

Achmed legte das Hörn in die Kassette zurück. »Bevor es dazu kommt, wird all das Wirklichkeit, was ich soeben aufgezählt habe, und noch viel mehr.«

50

Tristan Steward, der Hohe Herrscher über Roland und Erbprinz von Bethania, stand am Fenster seiner Bibliothek und fragte sich, ob denn wohl alle seine Minister und Mitregenten, die sich zu Konsultationen in seiner Burg versammelt hatten, nicht mehr ganz bei Verstand waren.

Seit dem Frühstück klopften sie bei ihm an, einer nach dem anderen, und bedrängten ihn höflich, aber mit Nachdruck, einen Gast zu empfangen, der unangemeldet gekommen war und geduldig in der Vorhalle wartete.

Doch Tristan ließ sich nicht erweichen und schob zum einen wichtige Geschäfte und zum anderen protokollarische Gründe vor. Als er schließlich hörte, dass es sich um einen Abgesandten aus den Bolgländern handelte, war er noch weniger geneigt, eine Audienz in Betracht zu ziehen.

Jetzt aber klopfte Ivenstrand an, der Herzog von Avonderre und nach Stephen Navarne der zweitwichtigste Mann im Länderbund, und steckte, vorsichtig wie ein Zimmermädchen, den Kopf zur Tür herein.

Prinz Steward seufzte. »Gütiger Himmel, du nicht auch noch, Martin! Zuerst wär’s der Kammerherr, dann kamen die Berater, die anderen Herzöge und jetzt du. Was ist so schrecklich wichtig, dass ihr mich von der Arbeit abhaltet?«

Ivenstrand räusperte sich. »Ehm, nun, ich denke, dass Ihr ein Interesse haben könntet, diese Besucherin zu empfangen, Hoheit. Ich war so frei und habe sie schon mal in Euer Arbeitszimmer geführt«, fügte er mit nervösem Blick hinzu.

Der Herrscher von Roland schlug den Atlas zu, in dem er gelesen hatte. »Na schön. Andernfalls wird man mich ja wohl nicht in Ruhe lassen.« Mit sichtlich verärgerter Miene eilte er an Ivenstrand vorbei durch die Tür. Plötzlich blieb er stehen und drehte sich um. »Habe ich richtig gehört, sagtest du ›Besucherin‹?«

»Ja, Eure Hoheit.«

Tristan schüttelte sich. Schlimm genug, dass die Bolg einen Gesandten zu ihm in die Burg geschickt hatten, in der anschließend bestimmt gründlich gelüftet werden müsste. Aber dass nun ausgerechnet eine Frau... der Gedanke war jenseits dessen, was er fassen konnte, und machte ihn schwindeln. Verärgert marschierte er auf sein Arbeitszimmer zu.

Der Kammerherr stand vor der Doppeltür in Bereitschaft und senkte den Blick, als er den Hohen Herrscher mit finsterer Miene kommen sah. Er öffnete die Tür und meldete, wie es sich gehörte, den Namen des Gastes.

»Eure Hoheit, die Abgesandte Rhapsody, aus den Ländern Ylorc.«

»Wie bitte? Was soll der Unsinn?«, herrschte Tristan seinen Kammerherrn an. »Einen solchen Namen habe ich nie gehört. Geh mir aus dem Weg!«

Er stürmte in den Raum, gefasst auf den Anblick eines hässlichen Monstrums. Der neue Kriegsherr der Firbolg war entweder ein Feigling oder aber ziemlich gerissen, dass er eine Frau schickte, hoffend, dass sie nicht spornstreichs mit dem Schwert niedergestreckt würde.

Für eine Bolg war sie ausgesprochen klein. Sie stand mit dem Rücken zur Tür und blickte unter die Gewölbedecke, an der sie anscheinend das kunstvolle Schnitzwerk bewunderte. Sie trug einen einfachen, unauffälligen Wintermantel mit Kapuze, darunter, wie es schien, eine Hose. Dass sie so ganz und gar nicht höfisch gekleidet war, verdutzte den Regenten. Als sie ihn hörte, drehte sie sich um und machte eine tiefe Verbeugung. Tristan hatte mit so viel Anstand gar nicht gerechnet und war entsprechend irritiert.

»Was ist? Was willst du?«

Als die Frau den Kopf hob, traute Tristan seinen Augen kaum, sah er sich doch um alle seine Erwartungen betrogen. Dass sie keine Firbolg war, war eigentlich schon überraschend genug. Was sich seinen Blicken darüber hinaus darbot, raubte ihm schier den Atem.

Rhapsody schmunzelte. »Ich bin mit einer Nachricht von Seiner Majestät König Achmed von Ylorc zu Euch gekommen.« Ihr Schmunzeln wurde noch breiter, als sie an die zusätzlichen offiziellen Adressformen dachte, die sie ausgelassen hatte: Finsterer Blick, Weltenverschlinger, der Gnadenlose.

»Da Ihr noch keinen Botschafter an seinen Hof geschickt habt, bat er mich, zu Euch zu gehen.«

Rolands Herrscher machte schnell den Mund zu, als ihm bewusst wurde, dass ihm die Kinnlade heruntergeklappt war. »Du bist kein Firbolg.«

»Nein. Müsste ich einer sein?«

Tristan Steward schüttelte den Kopf. »Gewiss nicht. Ich meine, nein. Nein, das muss nicht sein.« Er wand sich innerlich vor Scham darüber, wie töricht er daherredete.

»Da bin ich ja beruhigt.« Rhapsody lächelte respektvoll, doch es war nicht zu übersehen, dass ihre grünen Augen spöttisch funkelten.

Der Hohe Herrscher holte tief Luft, um sich zu fassen. »Nimm Platz. Bitte.« Und an den Kammerherrn angewandt: »Lass dir den Mantel geben.« Den Gast fragte er: »Darf ich dir eine Erfrischung kommen lassen?«

»Danke nein.« Rhapsody setzte sich in den geschwungenen Sessel aus Walnussholz, auf den er zeigte, nachdem sie den Mantel ausgezogen und dem Kammerherrn gegeben hatte, worauf sich erneut beklommene Stille einstellte. Schließlich schüttelte der Kammerherr, wie aus tiefer Trance erwacht, den Kopf, verbeugte sich vor dem Regenten und verließ den Raum.