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Tristan eilte an seinen Schreibtisch und nahm dahinter Platz, um zu verbergen, womit er unwillkürlich auf ihren Anblick reagierte. Immerhin war er offiziell verlobt.

»Bevor wir zu deiner Botschaft kommen, sag mir doch bitte eines: Wer oder was ist Ylorc und was hast du mit dem firbolgschen Kriegsherrn zu schaffen?«

Rhapsody faltete die Hände. »Ylorc ist der Name der Firbolg für die alten cymrischen Länder, die früher Canrif genannt wurden. Ich bin hier in seinem Auftrag als seine Gesandte.«

Der Hohe Herrscher von Roland schluckte. Rhapsody musste sich ein Lachen verkneifen. Sie konnte die Gedanken ihres Gegenübers ganz deutlich in dessen Gesicht geschrieben sehen. Dass sie einem Firbolg-Herrscher diente, war ihm offenbar zutiefst zuwider. Doch sie beschloss, an seinen Vorbehalten keinen Anstoß zu nehmen, schlug ganz unbefangen ein Bein über das andere und sah sein Gesicht puterrot anlaufen. Als er sich wieder halbwegs gefangen hatte, fragte er sie mit ernster Miene:

»Was ist das für eine Nachricht, mit der du gekommen bist?«

»Es geht um den in Roland Jahr für Jahr wiederholten Waffengang, den Eure Soldaten ›Frühjahrsputz‹ nennen, die Überfälle auf Dörfer und Siedlungen der Firbolg.«

»Ich weiß Bescheid. Und?«

»Damit muss Schluss sein, ein für allemal.«

Der Hohe Herrscher von Roland legte die Stirn in Falten. »Ach wirklich? Interessant. Und für wen hält sich dieser Kriegsherr, dass er glaubt, mir ein solch dreistes Diktat zumuten zu können?«

Rhapsody blieb ruhig. »Er weiß, wozu er imstande ist. Und das könntet auch Ihr in etwa einschätzen, wenn Ihr besser zugehört hättet, Eure Hoheit. Er ist König und unangefochtener Herrscher über die Länder der Firbolg und – wie seine Berater und wie meine Person übrigens auch – der heimtückischen Massaker an unschuldigen Bürgern überdrüssig.«

Der Regent sah Rhapsody an, als würde er an ihrem Verstand zweifeln. »Bürger? Bist du nicht ganz gescheit? Die Firbolg sind Ungeheuer und aggressiv obendrein. Der Frühjahrsputz wird seit Jahrhunderten, nämlich seit sich dieser Dreck auf dem alten Cymrer-Territorium breit gemacht hat, als eine Präventivmaßnahme zu unserer Verteidigung durchgeführt. Damit kommen wir den brutalen Grenzübergriffen zuvor, die sie sonst gegen uns führen würden.«

Das Licht in Rhapsodys Augen strahlte heller auf, und es schien, als würde die grüne Regenbogenhaut glühen. »Tatsächlich? Wann hat es denn den letzten dieser brutalen Übergriffe gegeben?«

Tristan ließ sich mit der Antwort Zeit und starrte sie an. Sie hielt seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. »So genau lässt sich das nicht sagen. Aber wie schon erwähnt, der Frühjahrsputz wird seit Jahrhunderten praktiziert und hat sich als sehr effektiv erwiesen, denn seither sind wir von diesen Barbaren verschont geblieben.«

Von einem Lächeln war keine Spur mehr auf Rhapsodys Gesicht zu sehen. »Aha, jetzt verstehe ich. Gewalt ist nur dann Gewalt, wenn sie gegen Eure Bürger gerichtet ist. Das Gemetzel am Volk der Ylorc zählt wohl nicht.«

Wieder klappte dem Hohen Herrscher die Kinnlade herunter. »Volk? Was für ein Volk? Die Firbolg sind Ungeheuer.«

»Ihr wiederholt Euch. Und obendrein sind sie aggressiv, wenn ich mich recht entsinne. Ich stelle fest: Unter Eurem Befehl fallen Soldaten von Roland Jahr für Jahr über grenznahe Ortschaften und Siedlungen der Firbolg her, brandschatzen und morden nach Belieben. Ihr dagegen könnt mir keinen einzigen Überfall nennen, den die Firbolg gegen Euch geführt hätten, und sei es nur aus Rache für Eure Grausamkeiten, weder zu Eurer Zeit noch zu Lebzeiten vorangegangener Generationen. Ich frage Euch, Hoheit, wer sind hier die aggressiven Ungeheuer?«

Tristan sprang auf. »Was fällt dir ein? Wer bist du, dass du dich erdreistest, auf so unverschämte Art und Weise mit mir zu reden?«

Rhapsody seufzte. »Noch einmaclass="underline" Mein Name ist Rhapsody. Ich bin Gesandte des Hofes von Ylorc. Glaubt mir, ich weiß, wer ich bin. Ob Ihr aber dasselbe auch von Euch sagen könnt, Hoheit, scheint mir inzwischen fraglich.«

Er konnte vor Wut kaum mehr an sich halten. »Was soll das heißen?«

»Ihr versteht Euch selbst als Regent eines zivilisierten, edlen Volkes, und das mag auch im Großen und Ganzen zutreffen. Aber wenn ein Volk wie das Eure anderen das Recht auf Leben und Freiheit aberkennt, so tut Ihr euch selbst keinen Gefallen damit, im Gegenteil, Ihr schadet Euch letztlich noch mehr als ihnen. Ihr entartet zu den Ungeheuern, die Ihr in den anderen seht.«

Der Hohe Herrscher von Roland schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. »Genug! Raus! Ich kann es selbst kaum fassen, dass ich mir dergleichen bieten lasse. Du wunderst mich wirklich sehr, siehst aus wie eine von denen, die früher im Cymrerland gelebt haben, benimmst dich aber wie deren Bewohnerschaft von heute.«

Rhapsody ließ ihn nicht aus den Augen. »Besten Dank. Das verstehe ich als Kompliment, auch wenn Ihr es nicht so gemeint habt. Wie dem auch sei, ich will Eure Zeit nicht mehr lange in Anspruch nehmen. Nur noch zwei Bemerkungen.«

»Aber beeil dich, sonst lass ich dich von den Wachen vor die Tür setzen.«

»Nicht nötig. Hört, was ich Euch sonst noch auszurichten habe. Wenn Ihr der Aufforderung von König Achmed Folge leistet und Eure Feindseligkeiten einstellt, garantiert er Euch, dass Ihr von Seiten der Bolg nichts zu befürchten habt.«

»Die Bolg sind ein Haufen gehirnloser Bestien, die nur ihren tierischen Instinkten folgen. Einen organisierten Gegenschlag zu führen ist ihnen genauso unmöglich, wie zu fliegen. Ganz davon abgesehen, bezweifle ich, dass dieser Kriegsherr überhaupt irgendetwas zu sagen hat, geschweige denn das Ruder in der Hand hält. Womöglich ist er längst tot, ehe du ihm meine abschlägige Antwort vortragen kannst.«

»Nun, Ihr habt natürlich das Recht auf eine eigene Meinung, so falsch sie auch sei. Aber erlaubt, dass ich Eurer mangelnden Kenntnis ein wenig auf die Sprünge helfe: Die Bolg sind – zum ersten Mal in ihrer Geschichte – unter einem König vereint. Sie werden in gemeinsamer Anstrengung Gesellschaft und Wirtschaft organisieren und hoffen darauf, schon bald mit Roland in Handelsbeziehungen treten zu können.«

»Du bist ja noch verrückter als ich dachte.«

»Sei’s drum, im Herbst werden wir unseren ersten Wein auf den Markt bringen und auch einige Spezialwaffen, wie Ihr sie, da bin ich mir sicher, noch nie zu Gesicht bekommen habt. Und lasst Euch das Eine gesagt sein: Solltet Ihr so unvernünftig sein, an der Entschlossenheit meines Königs zu zweifeln, wird Euch das teuer zu stehen kommen. Glaubt mir.«

»Raus!«

Als er nach dem Kammerherrn rief, drehte sich Rhapsody um und ging zur Tür, wo sie ihren Mantel aus der Hand des Dieners entgegennahm und sich noch einmal dem Regenten zuwandte.

»Ich bedanke mich, Hoheit, für die Audienz. Es tut mir Leid, dass Ihr auf das, was ich zu sagen hatte, so ungehalten reagiert habt. Wenn Ihr mich trotzdem noch einmal sprechen wollt, komme ich gern wieder.«

»Bemüh dich nicht«, entgegnete Tristan mit vor Wut funkelnden Augen. »Du bist zwar sehr hübsch, zugegeben, hast aber offenbar nicht einmal so viel Verstand wie ein Grashüpfer. Belästige mich nicht länger. Ich werde veranlassen, dass man dich davonjagt, solltest du noch einmal bei mir vorzusprechen versuchen.«

Lächelnd warf Rhapsody ihren Mantel über. »Wie Ihr wünscht, Hoheit. Es wird Euch hoffentlich klar sein, dass Ihr Euch nun selbst bequemen und auf die Reise gehen müsst, wenn Ihr schließlich doch den Wunsch verspüren solltet, mit mir zu reden. Ich wünsche ein gutes neues Jahr.« Sie nickte dem Kammerherrn freundlich zu und ging, von Wachen begleitet, zur Tür hinaus. Der Hohe Herrscher wandte sich seinem Kammerherrn zu.

»Ruf sofort meine Berater zusammen.«

»Zu Befehl, Eure Hoheit.«

Herzog Stephen Navarne hörte so geduldig zu, wie er nur sein konnte, als der Hohe Herrscher die anderen Herzöge aufs Heftigste beschimpfte. Er war am Vormittag nicht zugegen gewesen und wusste nichts von der Botschafterin, die seinen Vetter so sehr in Rage versetzt hatte, denn er, Stephen, war noch im Lager von Tristans Soldaten gewesen, die er zurückgeführt hatte, nachdem sie ihm geholfen hatten, den jüngsten Aufstand in Navarne niederzuschlagen. Dennoch war er dem wütenden Ruf des Hohen Herrschers gefolgt, worüber er nun froh war. Als Tristan seine Tirade beendet und die anderen Herzöge entlassen hatte, blieb Stephen zurück, um mit seinem Vetter unter vier Augen zu reden.