»Mir scheint, du bist dir über gewisse Dinge noch nicht im Klaren, Tristan«, sagte er in freundlichem Ton und versuchte, seine tiefe Sorge zu überspielen. »Die Frau, über die du dich aufregst, und ihre Bolg-Gefährten sind dieselben, die vor einiger Zeit das Haus der Erinnerung gerettet haben.«
Der Hohe Herrscher von Roland war sichtlich verblüfft. »He?«
»Ja, so ist es. Und die drei werden in Navarne als Helden verehrt, weil sie es geschafft haben, eine große Zahl der vermissten Kinder, von denen ich bei unserem letzten Zusammentreffen gesprochen habe, zu ihren Eltern zurückzuführen. Sie sind anscheinend mit einem Dämon oder dergleichen im Bunde und verfügen über große Kräfte.«
Tristan Steward blieb eine Weile stumm, trat ans Fenster und schenkte sich ein Glas Portwein ein.
»Interessant«, sagte er.
Als Rhapsody in den »Kessel« zurückkehrte, wurde sie von Grunthor stürmisch begrüßt.
»Ich hab mir Sorgen gemacht«, sagte er und musterte, sichtlich erleichtert, ihr Gesicht. Rhapsody schmunzelte. Sie wusste, dass er es ernst meinte.
»Mir geht’s gut«, antwortete sie und tätschelte seine massige Schulter.
»Wie ist es gelaufen?«, wollte Achmed wissen, als Jo auf Rhapsody zugelaufen kam und ihr um den Hals fiel. Er begegnete ihrem Blick, und zum ersten Mal tauschten die beiden ein Lächeln. Rhapsody legte einen Arm um Jos Schulter und folgte den Freunden in den düsteren Saal, wo man ihr ein Frühstück aufgetischt hatte.
»Nun, ich habe zwei Beobachtungen gemacht.«
»Und die wären?« Achmed verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, während Grunthor ihr einen Stuhl zurechtrückte.
»Dass du überhaupt fragst... wenn ich mich recht erinnere, bist du doch hellsichtig, Achmed. Alles, was du gesagt hast, hat sich genau so zugetragen.«
Achmed vorzog das Gesicht. »Mit Hellsicht hat das nichts zu tun. Ich habe nur gesagt, was mir wahrscheinlich vorkam.«
»Und zum Zweiten: In Anbetracht des Empfangs, den man mir bereitet hat, hättest genauso gut du vor dem Hohen Herrscher erscheinen können. Dir wäre er wohl auch nicht unfreundlicher begegnet. Jetzt verstehe ich, warum du immer so schlecht gelaunt bist.«
51
Tief in den alten Cymrer-Ländern, noch jenseits von Heide und Schlucht, geschützt von einem Ring hoher, schroffer Felsformationen, lag Kraldurge, das Reich der Geister. Dieser entlegene und seinem äußeren Erscheinungsbild nach abschreckende Ort wurde ausnahmslos von allen Bolg gemieden. Über die schreckliche Tragödie, die sich hier zugetragen hatte, wussten selbst die Legenden nichts Genaues zu berichten, doch musste sie so verheerend gewesen sein, dass sie in der Seele der Firbolg, die seit eh und je in dieser Bergwelt lebten, tiefe Narben hinterlassen hatte. Sie sprachen nur in angewidertem Flüsterton von den Feldern voller Knochen und den wandelnden Dämonen, die alles Leben, das sich ihnen in den Weg stellte, erbarmungslos verschlangen, vom Blut, das aus dem Boden quoll, und von den sengend heißen Winden, die über die Ebene fegten und alles, was sich dort aufhielt, in Flammen aufgehen ließen.
Als sie nach verwaisten Kindern von Schlachtopfern Ausschau gehalten hatte, war Rhapsody zufällig bis zu den Vorgelagerten Aussichtshügeln gelangt, und nun machte sie sich, von Achmed begleitet, auf den beschwerlichen Weg über den Rand der inneren Zahnfelsen zurück an diesen Ort.
Sie war schon eine Weile vergeblich umhergeirrt, als Achmed seine Ungeduld nicht länger im Zaum halten konnte. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf den versteckten Pass, den er in der Felswand ausfindig gemacht hatte. Unter Aufbietung seiner nahe der Wurzel erworbenen Fähigkeiten schickte er seinen Blick voraus auf den Pfad und durch eine enge, überwucherte Scharte im Fels, die offenbar seit Jahrhunderten nicht mehr begangen worden war.
Auf der anderen Seite mündete dieser Pass in einen weiten Wiesengrund, der schon lange brach lag und ganz und gar verwildert War. In seiner Mitte erhob sich ein kleiner Hügel. Ansonsten gab es an diesem versteckten Gebirgstal nichts Ungewöhnliches zu entdecken.
»Tut mir Leid, aber ich sehe hier keinen einzigen Dämon, geschweige denn Geysire rauschenden Blutes.«
Rhapsody seufzte. »Das kann mir nicht Leid tun. Davon hatte ich genug im Haus der Erinnerung. Wie auch immer, ich muss unbedingt erfahren, was immer noch so viel Angst verbreitet, obwohl es möglicherweise schon längst nicht mehr da ist. Außerdem wär’s eine Schande, wenn ich all das Saatgut umsonst mitgebracht hätte.«
»Na schön.«
Achmed nahm die Cwellan zur Hand und schlüpfte durch die Felsöffnung. Sie staunte immer wieder aufs Neue darüber, wie geschickt und schnell er mit seiner sperrigen Waffe umzugehen verstand. Sie folgte ihm dichtauf, den Bogen mit angelegtem Pfeil im Anschlag.
Ihre Schritte hallten von den Felsen wider, um ein Vielfaches verstärkt, sodass jeder, der sich in der Nähe aufhielt, frühzeitig auf sie aufmerksam werden musste. Doch als sie auf die Wiese hinaustraten, war niemand zu entdecken, und alles zeigte sich so wie von Achmed vorhergesehen.
Die Felswände ringsum waren so hoch, dass unten auf der Wiese von dem Wind, der heulend über die Zacken hinwegfegte, kaum etwas zu spüren war. Achmed und Rhapsody lächelten sich gegenseitig zu. Dieses Pfeifen und Sausen klang tatsächlich wie das Geschrei von Dämonen und würde selbst dem unerschrockensten Bolg Angst und Schrecken einjagen. Trotz der natürlichen Erklärung dieses Phänomens spürte Rhapsody eine tiefe Melancholie auf diesem Ort lasten, ein Gefühl von überwältigender Trauer und Wut zugleich.
Sie kauerte sich hin und berührte den Boden, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Waren hier, so fragte sie sich, Opfer der frühen Cymrischen Kriege bestattet worden? In Gwylliams Aufzeichnungen hatte davon jedenfalls nichts gestanden.
Achmed setzte sich in Bewegung und folgte dem Rand der Schlucht. Die Wiese war nicht allzu groß und würde sich von der Kuppe des Hügels in der Mitte in ihrer gesamten Ausdehnung überschauen lassen. Der einzige Zugang schien eben jener Pass zu sein, durch den sie gekommen waren. Mit einem Kopfnicken gab Achmed Rhapsody zu verstehen, dass sie mit dem, was sie vorhatte, nun beginnen mochte, während er das Terrain auskundschaftete. Rhapsody stieg also auf die Anhöhe und holte, dort angekommen, den mit Saatgut gefüllten Leinensack, Pflanzgeräte und eine Flöte aus ihrem Gepäck. Eine Harfe hätte sich besser geeignet, doch hatte sie die Higen vor dem Haus der Erinnerung im Spalt der Eiche zurückgelassen, damit sie ihre heilenden Klänge dort weiter ertönen ließ und den Baum vor dem Verfall beschützte.
Sie warf einen Blick auf Achmed, um sich zu vergewissern, dass er immer noch in Sichtweite war, und machte sich dann mit der Handschaufel an die Arbeit. Zuerst entnahm sie dem Boden unter der Grasnarbe eine Probe und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass die erst kürzlich von Eis und Schnee befreite Krume entgegen ihren Erwartungen voller Nährstoffe und Leben war.
Sie fuhr mit der Hand über das Gras und rief das Feuer auf, das sie in ihrer Seele brennen fühlte, worauf die welken braunen Halme an der Wurzel in Flammen aufgingen und unter ihrer Hand im Nu verbrannten.
Daraufhin jätete sie das nun tote Gestrüpp und lockerte den Boden auf, um ihre Samenkörner zu säen. Es waren die Keime der Hear’sease, einer Blume von ihrer Inselheimat, die die Cymrer mit auf den neuen Kontinent gebracht hatten. Einst war es Brauch gewesen, sie zur Erinnerung an Verstorbene auf Gräber oder Schlachtfelder zu pflanzen. Darum wählte Rhapsody sie auch jetzt. Im Sommer würde die Saat aufgegangen sein und neue Frucht hervorgebracht haben, sodass schon bald, in ein, zwei Jahren, die ganze Schlucht erblühen würde.