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Als sie den Leinensack öffnete und ihm eine Hand voll Samen entnahm, stimmte sie, von den heulenden Winden begleitet, einen Bußgesang zur Tröstung des verwundeten Landes an und steckte singend Korn für Korn in den Boden.

Um die Saat vor Wind und Wetter zu schützen, bedeckte sie den Boden anschließend wieder mit der Grasnarbe. Dann rückte sie zwei Schritte weiter und wiederholte den Vorgang an anderer Stelle.

Sie hatte ihre Arbeit fast schon beendet, als ihr plötzlich die kleine Schaufel aus der Hand glitt und im Boden verschwand. Rhapsody staunte nicht schlecht. Das Loch, das sie gegraben hatte, war nicht tiefer, als ihre Hand lang war, und bei weitem nicht groß genug, um die ganze Schaufel zu verschlucken. Anscheinend war sie auf einen Hohlraum gestoßen.

Sie rief Achmed zu sich und trug vorsichtig mit den Händen den Boden an der Oberfläche ab. Als er neben ihr auftauchte, hatte sie einen engen Spalt mit einem Loch in der Mitte frei gelegt, in das die Schaufel hineingerutscht sein mochte, aber eigentlich nicht darin hätte verschwinden können, denn so groß war es nicht.

»Sieh dir das an«, sagte sie zu Achmed, der seine Waffe ablegte. »Der Hügel hat meine Schaufel verschluckt.«

»Dann muss er wohl Hunger gehabt haben.«

Rhapsody spähte in den Spalt. »Darunter scheint’s hohl zu sein.«

»Lass mal sehen.« Achmed beugte sich über den Spalt. Rhapsody hatte Recht. Unter dem Loch in der Mitte befand sich ein Hohlraum. Wieder schloss er die Augen und machte Gebrauch von seiner besonderen Gabe.

Sein geistiger Blick drang durch das Loch, weit hinab durch den Spalt. Der reichte enorm tief und hatte eine überraschend ebenmäßige Ausformung. Zuerst ging er konisch auseinander und setzte sich dann wie ein Rohr nach unten fort.

Nach etwa hundert Fuß mündete dieses Rohr in eine große Höhle, deren hohes Gewölbe der Oberfläche des Hügels entsprach, auf dem sie sich befanden. Der über hundert Klafter tiefer liegende Grund stand unter Wasser.

»Da ist ein unterirdischer See«, sagte Achmed und richtete sich auf. »Den sollten wir uns einmal genauer ansehen, oder?«

»Ja, natürlich«, antwortete Rhapsody merklich erregt. »Aber lass mich das hier erst zu Ende bringen. Ich bin fast fertig. Nur noch diese letzten Samenkörner. Du kannst ja schon mal unser Mittagessen auspacken.«

Achmed nickte, öffnete seinen Rucksack und hörte ihrem fortgesetzten Trostgesang zu, wobei ihm auffiel, dass sie nun einen freudigeren Klang in der Stimme hatte. Als das Lied gesungen war, setzte sich Rhapsody auf einen von der Sonne beschienenen Fleck, nahm ihre Flöte zur Hand und spielte das gesungene Lied auf ihr nach. Von Traurigkeit war da keine Spur mehr. Das Lied harmonierte mit dem Wind und nahm ihm die Schärfe, mit der er über die hohen Klippen brauste. Rhapsody hatte offenbar Mühe, ihre Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer im Zaum zu halten. Achmed schüttelte den Kopf und fing schmunzelnd zu essen an.

Nach der kurzen Rast machten sich die beiden an die Suche nach einem Einstieg zur Höhle und wurden bald fündig: Er lag versteckt im dunkelsten Winkel der Schlucht, in einer schattigen Felsnische, so gut getarnt, dass Achmed ihn auf seinem Erkundungsgang glattweg übersehen hatte. Achmed ging voran und führte Rhapsody über tückisch rutschige Tritte in den Fels. Mit Schaudern dachte sie zurück an den Gang über die Wurzel, woran sie Dunkelheit und abgestandene Luft auf unangenehme Weise erinnerten.

»Was meinst du, wie tief?«

»Fünfzig, sechzig Klafter in der Mitte. An der äußersten Stelle wohl noch erheblich tiefer.«

Immer weiter folgten sie dem engen Stollen. Rhapsody fürchtete schon, die Nerven zu verlieren, als sie hinter Achmed endlich in einen riesigen Höhlenraum trat. Durch winzige Löcher im Gewölbe fiel Tageslicht, und es war so hell, dass an den Rändern des unterirdischen Sees Pflanzen wachsen konnten. Der modrige Geruch stehenden Wassers hing in der Luft, dabei ging aber unverkennbar eine Strömung durch den See.

Nicht weit entfernt stand ein kupferner, quaderförmiger Aufbau, den an den Seiten schmuckvolle Gravuren zierten. Davor lagen, halb eingesunken im Sand, metallene Räder auf Schienen. Zeit und Feuchtigkeit hatten sie zu einem rostigen Verbund miteinander verschweißt.

Aus der Nähe betrachtet, zeigte sich, dass es sich bei dem kupfernen Kasten um eine Art Bootshaus handelte. Davor steckten die verrosteten und mit Algen überwucherten Pfosten der Anlegestelle im Wasser.

Achmed wuchtete die Kupfertür auf und fand dahinter tatsächlich noch ein Ruderboot liegen – kieloben auf einem Bett aus Reis. Auf den ersten Blick hatte Rhapsody die Reiskörner für Engerlinge gehalten und war vor Schreck zurückgesprungen, als sie mit der aufgehenden Tür nach draußen rollten. Dass sie darüber in Verlegenheit geriet, fand Achmed offenbar äußerst komisch, und er lachte immer noch, als er das Boot aus dem Verschlag zerrte.

Es bestand aus Holz, war aber mit einem dünnen, grün angelaufenen Kupferblech beschlagen, das das Boot erstaunlich gut erhalten hatte. Es schien noch dicht zu sein, und das Holz zeigte an keiner Stelle Spuren von Fäulnis. Prüfend klopfte Achmed an den Planken. Offenbar überzeugt davon, dass es noch zu gebrauchen war, kippte er das Boot um und schob es ins Wasser.

»Kannst du schwimmen?«

»Ja«, antwortete Rhapsody mit Blick über das Wasser. In der Ferne, auf der gegenüberliegenden Seite, war etwas zu sehen, das sie nicht näher zu bestimmen wusste. »Und du?«

»Halbwegs. Ausreichend, vermute ich. Zum Glück scheint das Wasser nicht besonders tief zu sein.«

Rhapsody legte die Stirn in Falten. Ihrer Schätzung nach war der See in der Mitte an die zehn Klafter tief. »Ich hoffe, du bist gut in Form?«

»Worauf du dich verlassen kannst«, entgegnete sie grinsend. »Also los.«

Sie stieg ins Boot. Achmed sammelte die beiden Ruder ein, die aus einem ihnen unbekannten Metall bestanden, das überraschend leicht war und frei von Rost oder Belag.

Sie fuhren über den See und wechselten sich dabei an den Riemen ab. Während der eine ruderte, hielt die andere Ausschau.

Es war kaum möglich, die Höhe des Gewölbes zu ermessen, zumal das einfallende Licht die Augen blendete. Rhapsody glaubte in einen bewölkten Himmel aufzublicken. Das Wasser des Sees war so klar, dass man selbst an der tiefsten Stelle bis auf den Grund sehen konnte. Fische schwammen darin, und ein Luftzug brachte die Oberfläche ein wenig in Bewegung; von einem Wind wie über Tage aber konnte keine Rede sein.

Tropfsteine, die von der Decke herabhingen oder am Ufer vom Boden aufragten, schillerten in den Farben des Regenbogens. Sooft ein Sonnenstrahl auf einen dieser Steinzapfen fiel, war es, als zuckte ein Blitz, der die Wände kurz aufleuchten ließ.

Als das andere Ufer näher rückte, wurde ein Wasserfall sichtbar, der sich hoch oben an der Wand über eine Felskante ergoss. Reich an Frühjahrsniederschlägen donnerte der Zulauf herab. Rhapsody war begeistert von der dramatischen, von den Felsen widerhallenden Wassermusik.

»Es ist wunderschön hier«, sagte sie. Achmed sah sie an, sagte aber nichts.

Das Ufer war schließlich fast erreicht, und was sie von weitem nur in groben Umrissen erkannt hatten, entpuppte sich als eine schlichte, anscheinend jahrhundertealte Kate. Jetzt zeigte sich auch, dass sie nicht etwa die andere Höhlenseite erreicht hatten, sondern nur eine Insel, hinter der sich wiederum das Wasser ausdehnte. Sie lag fast genau in der Mitte des Sees. Das Haus, das auf ihr stand, war dunkel und voller Flecken, die darauf schließen ließen, dass die Wände einmal mit Efeu oder anderen Schlingpflanzen berankt waren. So weit die beiden es vom Boot aus einschätzen konnten, schien das Mauerwerk noch in Ordnung zu sein.

Als Achmed das Boot auf die alte Anlegestelle zusteuerte, konnte Rhapsody vor Ungeduld kaum an sich halten. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre ins Wasser gesprungen und an Land gewatet. Achmed schien als Ruderer nicht viel Übung zu haben und stellte sich ein wenig ungeschickt an. Rhapsody grinste; es war das erste Mal, dass sie ihn dabei ertappte, einer Aufgabe nicht vollauf gewachsen zu sein, und es machte ihr Spaß, ihn in dieser Situation zu beobachten. Er fand das offensichtlich ganz und gar nicht komisch.