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»Mach dich nützlich! Wirft die Leine auf den Steg!«, zischte er ihr zwischen zusammengebissenen Zähnen zu. Rhapsody verkniff sich das Lachen und tat ihm den Gefallen. Dann stieg sie hinter ihm aus dem Boot.

52

Hinter dem wenige Schritte breiten, sandigen Ufer war der Grund mit Gras bewachsen. Von der leicht erhöhten Warte aus ließ sich die gesamte Insel überblicken. Außer dem kleinen Haus waren da noch die Reste von inzwischen verödeten Blumenbeeten zu sehen sowie eine Art Gartenlaube aus marmornen Säulen, die wie das abseits stehende Haus zusätzlich zu der Patina aus Staub und Schmiere Spuren eines verheerenden Feuers zeigten. Eine Seite der Laube war besonders stark von Ruß befleckt.

Von dem Augenblick an, da sie den Fuß auf die Insel gesetzt hatten, spürten beide einen klagenden, pulsierenden Ingrimm, der diesem Ort eigen zu sein schien, eine Wut, die nicht von Boshaftigkeit, sondern vielmehr von tiefem Kummer zeugte. Rhapsody rückte unwillkürlich näher an Achmed heran, der seinerseits einen völlig ungerührten Eindruck machte. Ihm waren solche Orte des Hasses und der Wut offenbar alles andere als fremd.

Schnell hatten sie die Insel erkundet, denn es gab nicht viel auf ihr zu entdecken. Dass das Haus unbewohnt war, war schon auf dem ersten Blick zu sehen. Achmed untersuchte den Kamin und die Mauersteine, die der uralte Mörtel immer noch fest zusammenhielt. Er nickte in Richtung Eingangstür. Rhapsody folgte ihm nach innen.

Im Flur lag ein schwerer Geruch von verlorener Zeit, von Schimmel, Moder und Fäulnis. Rhapsody zog ihr Schwert und trug es wie eine Fackel vor sich her. Sie hatte die Augen weit aufgesperrt. Rechter Hand lag das Wohnzimmer; auf der linken Seite führte eine Treppe ins Obergeschoss. Achmed ließ ihr mit dem glühenden Schwert den Vortritt und sah sich aufmerksam um. Die Bauweise des Hauses und das Mobiliar erinnerten stark an Formen und Stile, wie sie auch auf der Versunkenen Insel gepflegt worden waren. Daran, dass es noch aus der Zeit der Cymrer stammte, hatte Achmed keinen Augenblick lang gezweifelt. Die Bolg waren gewiss nie an diesem Ort gewesen. Er öffnete die Tür so weit wie möglich, um ein bisschen Höhlenluft hereinzulassen, die im Vergleich zur Luft im Innern des Hauses geradezu frisch wirkte.

Das Wohnzimmer schien früher einmal recht gemütlich gewesen zu sein und hatte an der Außenwand eine offene Feuerstelle mit schön geschnitztem Kaminsims, auf dem eine fingerdicke Staubschicht lag. Nebenan lag die Küche, die den ganzen rückwärtigen Bereich in Anspruch nahm.

Neugierig inspizierte Achmed den großen Herd und die Vorratskammer. Der gesamte Haushalt war sehr viel besser ausgestattet als das, was man gegenwärtig in diesem Land als Standard vorfand, ja besser und ausgeklügelter auch als vergleichbare Einrichtungen in Canrif. So war der Herd zum Beispiel mehrfach unterteilt, um gleichzeitig verschiedene Speisen darauf zubereiten zu können, und vom See führte ein Kanal ins Haus, aus dem Wasser zum Gebrauch in der Küche und zur Kühlung der Vorräte gepumpt werden konnte. Über kupferne Steigrohre hatte man sogar das Obergeschoss mit fließendem Wasser versorgt.

Rhapsody war hinten um die Treppe herumgegangen und ins Esszimmer gelangt, in dem ein kleiner, noch sehr gut erhaltener Eichentisch und vier Stühle standen. Ein großes Fenster aus durchsichtigen Glasblöcken, die am Rand zu Prismen geschliffen waren, öffnete den Blick auf den imposanten Wasserfall, der, wie sich zeigen sollte, auch ein Lichtspiel besonderer Art zu bieten hatte. Die untergehende Sonne warf nämlich ihre Strahlen durch den Felsspalt, aus dem das Wasser hervorsprang, und sorgte einen kurzen Augenblick lang für eine phantastische Illumination, die sich dank der Prismen und der von ihnen aufgefächerten Regenbogenfarben umso prachtvoller entfalten konnte.

Durch die zweite Tür des Esszimmers kehrte Rhapsody in den Flur zurück, wo sie auf Achmed traf, der sich gerade anschickte, über die Treppe nach oben zu gehen. Sie folgte ihm und wischte das Spinngewebe beiseite, das zwischen Decke und Wänden hing-

Oben angekommen, wandten sie sich nach links und kamen in das kleine runde Zimmer eines Türmchens, das ihnen von außen gar nicht aufgefallen war. Vor dem gebogenen Fenster stand eine halbrunde Bank mit verrotteter Polsterung. Das Fensterglas aber war noch völlig intakt. Obwohl es keine konkreten Hinweise darauf gab, vermutete Rhapsody, dass dieser Raum als Studierzimmer genutzt worden war.

Auf der anderen Seite des Treppenabsatzes befand sich ein größerer Raum, darin ein großes Bett. Das Kopfteil des Gestells bestand aus dunklem Holz, dessen Schönheit und meisterliche Bearbeitung selbst der viele Staub und die Jahre der Abnutzung keinen Abbruch tun konnten.

An der Wand gegenüber gab es einen Kamin, der sich mit dem im Wohnzimmer ein und denselben Rauchabzug teilte. Der Kaminsims war hier sehr viel schlichter gehalten. Das Fenster wies auf den See hinaus, war aber vor lauter Dreck undurchsichtig geworden. Die Bodendielen hatten zu faulen begonnen und drohten unter den Schritten der beiden zu zerbrechen.

Der Raum hatte noch zwei weitere Türen; hinter der einen war ein begehbarer Wandschrank, in dem nichts anderes als eine kleine Mahagonitruhe mit kunstvollem Schnitzwerk stand. Darin fand Rhapsody ein winziges Gewand aus feiner weißer Spitze und mit bunter Stickerei. Der Größe nach war es anscheinend für einen Säugling gedacht. Vorsichtig legte sie es in die Truhe zurück. Achmed steckte bereits seinen Kopf durch die andere Tür. Sie eilte herbei und lugte ihm über die Schulter.

Die beiden schauten in ein Badezimmer, das mit seiner großen Wanne und den marmornen Fliesen am Boden ähnlich eingerichtet war wie diejenigen im Kessel. Hier gab es auch einen Abort und ein Waschbecken die beide an kupferne Rohre und Pumpen angeschlossen waren. Wo das Wasser über viele Jahre hingetropft war, zeigte sich jetzt an der oberflächlichen Verfärbung.

»Genug gesehen?« Achmeds Stimme zerriss die steinalte Stille und ließ Rhapsody vor Schreck zusammenfahren.

»Fürs Erste«, antwortete sie. Widerstrebend folgte sie ihm über die Treppe nach unten und vor den Eingang, wo sie einen letzten sehnsüchtigen Blick in den Flur zurückwarf, ehe sie die Tür hinter sich zuzog.

Die kleinen Gärten waren, wie Rhapsody feststellte, auch schon vor ihrer letztendlichen Verödung lange Zeit nicht gepflegt worden. Reste an den Hauswänden und am Boden zeigten, dass an mindestens zwei Stellen Kletterrosen und wilder Wein ins Kraut geschossen waren.

Was für eine Schande, dachte sie und malte sich in ihrer Vorstellung aus, wie es hier einmal ausgesehen haben mochte, als die gesamte Anlage noch gepflegt worden war, liebevoll, mit Sinn für Ausgewogenheit und einem Blick für die besonderen Lichtverhältnisse unter Tage. Doch noch während sie sich ein Bild davon zu machen versuchte, dämmerte ihr auch, dass hier eigentlich nichts wachsen konnte, da ja an diesem Ort alles durch und durch verkehrt zu sein schien, in seiner eigentlichen Natur von Grund auf zerrüttet und durcheinander gebracht von jenem bereits empfundenen Ingrimm, der den Grund verseuchte und alles Wachstum vereitelte.

Achmed ging auf die Gartenlaube zu. Sie stand auf einer kleinen Anhöhe auf der anderen Seite der Insel, und das hatte wahrscheinlich seinen besonderen Grund, der ihm aber auf Anhieb nicht ersichtlich war.

Er ging um die Laube herum und glaubte feststellen zu können, dass sie an Ort und Stelle aus einem großen Marmorblock herausgemeißelt worden war, was ihn in Erstaunen versetzte. Der. Steinmetz musste wahrhaftig ein Meister seines Faches gewesen sein, was auch ein Laie sofort erkannte. Die sechs Säulen waren makellos behauen und poliert, das kleine Kuppeldach, das sie trugen, mit wunderschönen Gravuren verziert.