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Rhapsody stieg über zwei marmorne Stufen auf die kleine Plattform in der Mitte. Darauf standen zwei halbkreisförmige Bänke, die so zueinander ausgerichtet waren, dass sie im Zentrum des Runds eine S-Form bildeten. Auch sie waren aus demselben Stein, ja, es schien, dass sie wie alles andere in einem Stück aus dem rohen, riesigen Block herausgeschlagen worden waren. Ein Vogelkäfig mit zerbrochener Tür lag am Rand der Plattform, gleich neben dem, was sein Ständer gewesen zu sein schien. Beide Teile waren von bemerkenswert edler Machart und aus einem Material getrieben, das wie Gold aussah.

Der Ständer überragte Rhapsody um mehr als eine Handbreit, und der Käfig selbst war so groß, dass ein kleines Kind darin Platz gefunden hätte. Wie auf dem Marmor der Rotunde so hatte sich auch auf dem Käfig eine dicke Patina aus Ruß und Staub gebildet. Angetan von der Schönheit dieses Kunstwerks, das ihr hier im Land der Bolg so fehl am Platz zu sein schien, streckte Rhapsody die Hand aus und berührte die kleine Tür.

Doch plötzlich schrak sie zurück. Die Zeit verlangsamte sich auf einen quälend schleppenden Gang, und sie sah die Laube wie vordem, mit weiß leuchtenden Säulen im Halbdunkel des Gartens. Vor ihr stand ein Mann, ein Mensch, mit dichtem grauem Bart und buschigen dunklen Brauen. Er trug ein leinenes Gewand mit goldenen Bordüren. Sein Gesicht war wutverzerrt, die Augen schienen zu glühen.

Rhapsody musste reglos mit ansehen, wie dieser Mann ganz langsam mit dem Arm zu einem wuchtigen Fausthieb gegen sie ausholte. Die Luft schien zu zersplittern. Sie spürte den Aufprall, den Schmerz, der durch alle Fasern ging, und ihr war, als gerieten die Säulen ins Wanken. Dann wurde ihr schwarz vor Augen, die starr unter das bewölkte Firmament gerichtet waren. Rechtzeitig herbeigesprungen, konnte Achmed verhindern, dass sie der Länge nach zu Boden schlug.

Er führte sie vor eine der beiden Bänke, auf der sie ächzend Platz nahm. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder klar denken konnte und der Schwindel abgeklungen war.

Dann sagte sie: »Tja, jetzt weiß ich, woher dieses Gefühl der Wut rührt.«

»Was hast du gesehen?«

Sie massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. »Ich hatte die einmalige Gelegenheit, Gwylliam zu sehen, und zwar durch Anwyns Augen in dem Augenblick, als er sie schlug. Erinnerst du dich, wie Llauron davon sprach, dass er sie geschlagen hat?«

»Ja.«

»Nun, das war nicht bloß eine ausgerutschte Hand. Mir dröhnt der Schädel noch immer.«

»Dann wundert’s auch nicht, dass sie versucht hat, ihn zu vernichten.«

»So schlimm der Schlag auch war, halte ich ihre Reaktion dennoch für leicht übertrieben. Zugegeben, auch ich wäre wütend gewesen, hätte aber mit Sicherheit deswegen nicht ein Heer aus zehntausend Soldaten ins Verderben geschickt. Ich hätte ihm wahrscheinlich stattdessen Gift unter den Hirsebrei gerührt.«

»Wie ich die Sache verstehe, haben die Cymrer der Ersten und Dritten Flotte nur auf einen Vorwand gewartet, um übereinander herfallen zu können. Die von der dritten Emigrantenwelle hatten nach eigener Einschätzung die größten Opfer bringen müssen, dadurch nämlich, dass sie bis zuletzt zurückgeblieben sind und die Stellung gehalten haben, während sich die anderen schon aus dem Staub machen konnten. Und als sie dann endlich ihre neue Heimat erreichten, mussten sie sich den Weg frei kämpfen, im Unterschied zur Ersten Flotte, die nirgends auf Widerstand gestoßen ist und keine Probleme hatte, sich in den Wäldern niederzulassen. Mir ist natürlich bewusst, dass meine Informationen zu Gwylliams Gunsten gefärbt sind. Aber ich würde sagen, dass sein kleiner Schlagabtausch mit Anwyn gewissermaßen der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte.«

Rhapsody stand auf und sah sich um. »Hier also ist der Krieg ausgebrochen, genau hier auf dieser Insel, in dieser Laube. Kein Wunder, dass dieser Ort verwunschen ist.«

Achmed kicherte und gab einen seltsamen Laut von sich, der Rhapsodys Blick sofort auf sein Gesicht lenkte. »Hast du etwa Angst vor Gespenstern, Rhapsody?«

»Von wegen«, entgegnete sie brüskiert. »Die haben allenfalls Angst vor mir.«

»Also, das würde mir auch unmittelbar einleuchten«, sagte der König der Firbolg in spöttischem Ton. »Du bist in der Tat zum Fürchten.«

Schmunzelnd holte Rhapsody wieder ihre Flöte zum Vorschein. Sie setzte sich zurück auf die Bank, machte die Augen zu und lauschte dem lauen Wind über dem Wasser.

Sie nahm die Geräusche und Schwingungen in der Grotte in sich auf, suchte nach Missklängen und fand auch welche. Dann hob sie die Flöte an ihre Lippen und spielte eine zarte Melodie. Sie erfüllte die Luft und hallte wider, verstärkt durch den weiten Höhlenraum, wo sie, als Rhapsody das Instrument wieder abgesetzt hatte, eine Weile nachklang. Sichtlich erregt, wandte sich die Sängerin Achmed zu.

»Jetzt ergibt alles einen Sinn!«, rief sie und sprang auf. »Wir haben diesen Ort so lange nicht finden können, weil er von mehreren Schwingungsebenen auf natürliche Weise überlagert wird. Da ist zum einen der tiefe, von Felsen umringte Einschnitt, über den der Wind hinwegpfeift, dann das Grundwasser und schließlich der tosende Wasserfall, der mit seinem Sprühnebel die Höhle verhüllt. Und diese Laube wirkt wie ein Schalltrichter, der so platziert ist, dass hier produzierte Laute um ein Vielfaches verstärkt werden. Was du auf diesem Podium sagst, kann überall in der Höhle gehört werden. Kurzum, all der Hass, der diesem Ort anhaftet, wird durch die verschiedenen Schichten nach draußen übertragen. Das spüren auch die Firbolg, weshalb sie diese Schlucht so sehr fürchten und einen großen Bogen um sie machen.«

Achmed nickte, hielt sich aber mit einem Kommentar zurück. Auch ihm war hier ganz und gar nicht wohl zumute. Wasser war ihm und seinem Spürsinn immer schon zuwider gewesen. In der alten Welt hatte, wer sich vor ihm verbergen wollte, nur die eine Chance gehabt, auf, im oder nahe an einem Gewässer Zuflucht zu suchen.

»Dieses Rätsel wäre also gelöst. Kehren wir um.«

»Warte. Ich will noch etwas versuchen.« Rhapsody ignorierte seinen mimischen Einspruch und fing wieder an, auf der Flöte zu spielen. Dabei konzentrierte sie sich auf die schmerzlichen Klänge, auf das Trauerlied, das in der Höhle schwang, begleitete sie mit helleren Tönen und webte daraus ein Lied der Versöhnung und des Friedens. Die Wirkung war zwar nicht von Dauer, aber sie konnte doch eine leichte Besserung verspüren, als sie ihr Flötenspiel beendete.

»Kann ich diesen Ort ganz allein für mich haben? Bitte?« Sie achtete nicht auf seinen ungläubigen Blick und drängte weiter: »Ich könnte das Haus wieder herrichten. Es wären nur ein paar kleine Ausbesserungsarbeiten am Holz zu tun und viel zu putzen. Und ich würde am Lied dieses Ortes arbeiten, ihn wieder gesund machen und all die schlimmen Erinnerungen vertreiben, die Gwylliam und Anwyn hier zurückgelassen haben. Könnte dieser Orte nicht vielleicht meine, nun, meine ...«

»Deine Grafschaft?«

»Was?«

»Grafschaft. Grunthor nennt dich doch schon Gräfin oder Euer Liebden. Wir sollten wirklich eine aus dir machen. Gratuliere. Du wirst dem Firbolg-Hochadel angehören.«

Rhapsody überhörte seinen Spott. »Schön. Dann kann ich als deine Botschafterin auftreten, und der Titel wird mich dazu legitimieren.« Sie lachte über Achmeds süffisantes Grinsen. »Ja, so soll es sein. Ich hatte nie einen Ort für mich allein; im Gegenteil, mich haben immer nur andere in Besitz genommen.«

»Ich übereigne ihn dir hiermit für immer und ewig, vorausgesetzt, wir können jetzt gehen.«

»Abgemacht.« Ein Händedruck besiegelte den Handel. Dann eilten sie zum Boot zurück.

»Und wie willst du diesen Ort nennen?«, fragte Achmed, der auf der Ruderbank saß und sich stärker als auf dem Hinweg in die Riemen legte.

»Darüber denke ich gerade nach«, antwortete sie mit freudestrahlendem Blick. »Es sollte ein Name aus der alten Welt sein, einer, der für Macht oder für Königswürde steht. Das wäre doch wohl angemessen, oder?«