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Er seufzte. »Ganz wie du willst. Du bist die Gräfin. Nebenbei bemerkt: Du wirst mir Steuern zahlen müssen. Ich bin an all deinen Einnahmen beteiligt.«

Sie wusste, dass er scherzte, blieb aber selbst ernst. »Einverstanden. Allerdings wirst du dich mit Naturalien begnügen müssen. Ich habe nicht vor, mit Geld zu handeln.«

Achmed hob die Brauen fast bis zum Haaransatz. »Wie bitte? Ich dachte, du hättest dich aus deinem alten Gewerbe zurückgezogen.«

Sie strafte ihn mit ihren Blicken. »Du verstehst mich absichtlich falsch. Ich spreche natürlich von Kräutern und Gewürzen, vielleicht auch Blumen. Du kannst manchmal ein richtiges Schwein sein.«

»Es war nur ein Witz.«

»Ich weiß. Es ist immer nur ein Witz.« Ihr starrer Blick war auf den Wasserfall gerichtet, der in der Ferne entschwand. Sein Lied verklang, und gleichzeitig trübte sich Rhapsodys Stimmung.

Achmed musterte ihre Miene. »Es tut mir Leid.« Sie winkte mit der Hand ab. »Was ist los mit dir?«, fragte er.

Ohne ihn anzusehen, antwortete sie: »Ich weiß nicht, wie ich’s nennen soll, vielleicht ist es Neid. Mir fehlt das richtige Wort dafür.«

»Du und neidisch?« Achmed kniff die Brauen zusammen. »Worauf?«

Endlich richtete sie die grünen Augen auf ihn. Von ihrem Strahlen von vorhin war nicht mehr viel zu sehen. »Nein, ich bin nicht neidisch. Ich bin verloren. Aber wie könnte ich dir das erklären? Du hast kein schlechtes Gewissen, das dich nachts nicht schlafen lässt, du musst nicht trauern um Verluste in der alten Welt. Du hast hier deinen Lebenszweck gefunden, eine Aufgabe. Man braucht dich. Dir ist die Möglichkeit gegeben, eine Leistung von historischer Dimension zu vollbringen. Hier lebst du erst richtig auf.«

Er schluckte. Über solche Dinge unterhielt er sich nicht gern. »Du bist Teil dieses neuen Lebens. Du hast einen Beitrag zu dieser Leistung zu bringen. Das ist auch deine Chance.«

Sie schüttelte den Kopf. »Versteh mich bitte nicht falsch. Ich möchte dir helfen, den Bolg und vor allem auch den Kindern. Aber das ist nicht meine eigentliche Aufgabe.«

»Was denn?«

Rhapsody ließ die Schultern hängen. »Wenn ich das wüsste, käme ich mir nicht so verloren vor.« Sie tauschte den Platz mit ihm und setzte sich auf die Ruderbank.

»Meine Mutter hat mich immer dafür gerügt, dass ich die Tür auflasse. Wir wohnten auf freiem Feld, und der Wind, der von den Hügeln herunterkam, konnte mitunter ziemlich heftig sein. Ihre Stimme klingt mir immer noch im Ohr – ›Mach die Tür zu!< Und ich musste immer wieder aufs Neue dazu aufgefordert werden. Seltsam, meine Vergangenheit ist ein Korridor mit Türen, die ich habe offen stehen lassen. Doch jetzt ist das Haus verschwunden, selbst verweht in alle Winde. Ich glaube, dass ich diesen Verlust nie verwunden habe. Ich versuche es, doch selbst nach so langer Zeit empfinde ich ihn noch in aller Schärfe. Ich werde damit irgendwie zurande kommen müssen. Dazu brauche ich, was du schon hast: ein Zuhause, ein Ziel und die Chance, etwas Gutes zu tun. Und jemanden, der mich braucht – Jo, meine Enkelkinder, in geringerem Maße auch die Bolg und vielleicht sogar dich und Grunthor. Womöglich kann ich mit diesem Ort, mit dieser Grafschaft, einen Anfang machen.«

Achmed stieß einen Schwall Luft aus, erleichtert darüber zu sehen, dass ihre Augen wieder ein wenig heller strahlten und seinen Kummer vertrieben, den er ihretwegen empfunden hatte. Was ist das bloß für eine sonderbare Macht, die das Feuer ihr verliehen hat?, fragte er sich im Stillen. Sie ergriff allmählich auch von ihm Besitz.

»Welchen Namen also soll dein neues Gut bekommen?«, fragte er laut.

Rhapsody dachte an das serenische Königsschloss, das sie selbst nie gesehen hatte, von dem sie aber wusste, dass es auf einem Fels hoch über der Meeresbrandung thronte.

»Ich werde es Elysian nennen.«

Drei Wochen später wurde im ganzen Bolgland verkündet, dass der neue Kriegsherr und König die Dämonen von Kraldurge aufsuchen werde, um ihnen ein Opfer zu bringen. Ein großer Wagen wurde mit den Geschenken für die bösen Götter beladen nd mit einer Plane zugedeckt, um die Geschenke vor den neugierigen Blicken der Bolg zu verbergen, obwohl niemand auftauchte, der dem König eine gute Reise gewünscht hätte. Die Geschenke waren nach einer von der Sängerin aufgestellten Liste aus Bethe Corbair und Sorbold herbeigeschafft worden.

Rhapsody, die landein, landaus als die Erste Frau des Königs geachtet wurde, hatte sich an diesen Titel inzwischen gewöhnt, obwohl er sie zugleich amüsierte und verärgerte. Aber solange er uns Sicherheit bietet, soll’s mir recht sein, hatte sie Jo gegenüber erwähnt, die selbst als des Königs Zweite Frau rangierte. Eine Frau hatte einen fremden Bolg nur dann zu fürchten, wenn dieser den Mann, dem sie angehörte, herauszufordern gedachte. Keiner würde es wagen, sie, Rhapsody oder Jo, zu belästigen. Von Elysian hatte Rhapsody ihrer jungen Freundin noch nichts gesagt. Sie wollte das Geheimnis erst dann lüften, wenn die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sein würden.

Der riesige Opferkarren setzte sich in der Nacht in Bewegung, rollte auf die Inneren Zahnfelsen zu und wurde bald von der Dunkelheit verschluckt. Am übernächsten Tag kehrten der König und sein Hauptmann zurück, müde nach ihrer Begegnung mit den Dämonen, aber wohlbehalten.

Die Dämonen, so verkündete der Hauptmann, akzeptierten die Herrschaft des Königs. Sie wollten sein Volk verschonen, wenn sich denn die Bolg von ihrem Reich fern hielten. Falls die Bolg aber dieses Abkommen verletzen sollten, hätten sie Schrecken zu gewärtigen, gegen die sich die einschlägigen Berichte der Vergangenheit harmlos ausnähmen. Achmed schmunzelte beim Anblick des kollektiven Schauers, der die Versammlung ergriff, als Grunthor zu Ende gesprochen hatte.

Rhapsody blieb in Elysian zurück und erfreute sich an den vielen Gaben, mit denen sie sich nun gut einrichten konnte. Als Achmed und Grunthor mit den Möbeln, Haushaltsgegenständen und Lebensmitteln angekommen waren, hatte sie ihnen sogleich in der blitzblank geputzten Küche ein Festmahl zubereitet.

Als sie im Esszimmer beisammen saßen, wurde ihnen vor dem Panoramafenster ein fulminantes Schauspiel aus Licht und Farben geboten. Die Strahlen der untergehenden Sonne zersprühten im geschliffenen Glas und tanzten schillernd durch den Raum. Rhapsody lächelte. Der Friedensgesang tat seine Wirkung, die Setzlinge fingen zu wachsen an, und sie besaß nun einen Ort für sich und ihre Freunde.

Fröhlich begleitete sie die beiden an den Wasserrand und winkte ihnen nach, als sie in einem der zwei neuen Boote davonruderten. Sie schaute ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren, und wandte sich dann ihrem Haus zu, über dem weißer Rauch aus dem Kamin aufstieg und aus dessen Fenstern ein Licht strahlte, das im dunklen Höhlenraum Behaglichkeit verbreitete.

Ins Haus eingetreten, machte sie die Tür leise hinter sich zu.

53

Rosentharn, der Hofmarschall von Bethania, räusperte sich und klopfte zaghaft an die Tür.

Es war ihm, als wartete er schon eine Ewigkeit, bis sich endlich die Stimme Seiner Hoheit meldete.

»Was ist? Wer da?«

»Rosentharn, Eure Hoheit.« Trotz verschlossener Tür konnte er hören, wie Tristan leise vor sich hin fluchte.

»Was willst du? Wenn es an der Grenze wieder Überfälle gegeben hat, will ich davon nichts hören, es sei denn, meiner eigenen Burg droht Gefahr.«

Rosentharn lockerte seinen Kragen. »Das ist es nicht, Hoheit. Ich komme gerade vom Nordtor, wo die Nachricht eingetroffen ist, dass die Dame Madeleine Canderre in Bethania erwartet wird.«

Die Tür ging einen Spaltbreit auf. Der Hohe Herrscher zeigte sich dahinter mit wild zerzaustem Haar.

»Wann?«

»Gegen Abend, Eure Hoheit.«

Tristan Steward raufte sich den ungekämmten Schopf. »Ahem, ja. Gut, danke, Rosentharn.«

»Nichts zu danken, Eure Hoheit.« Als die Tür wieder ins Schloss gefallen war, gestattete sich der Hofmarschall ein breites Grinsen. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging wieder auf seinen Posten.