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»Unzucht! Schweinerei!«

Aus der anderen Zimmerecke tönte ein kehliges Kichern. »Wie Ihr meint, Hoheit. Ich stehe Euch ganz zu Diensten.« Tristan schmunzelte und schlug den Morgenmantel zu.

»Tut mir Leid, Prudy, meine Verlobte kommt.«

Prudence lachte. »Wenn Ihr noch einmal geruht, Euch verwöhnen zu lassen, wird Madeleine vielleicht denselben Ausruf tun können.«

»Ach, du bist so herrlich verkommen. Und das gefällt mir an dir besonders.«

Tristan wandte sich der Anrichte zu und füllte aus einer kristallenen Karaffe zwei Gläser mit Portwein, die er dann ans Bett trug. Er reichte Prudence das eine Glas, hob das andere an die Lippen und ließ seine Blicke über ihren Körper streifen. In seinen Augen zeigte sich plötzlich eine Melancholie, die er schnell hinterm Glasrand zu verstecken versuchte.

Je länger er sie anblickte, desto schwerer fiel es ihm zu glauben, dass sie beide an ein und demselben Tag geboren worden waren, nur Minuten auseinander. Trotz des Standesunterschiedes waren sie schon als Kinder unzertrennlich gewesen und im Laufe der Zeit einander so vertraut, als teilten sie ein Herz und eine Seele. Doch während er seine jugendliche Figur und straffe Haut nach all den Jahren noch hatte bewahren können, zeigte Prudence erste Alterserscheinungen, was indes für einen jeden unausweichlich war, der nicht dem Stamm der Cymrer angehörte.

Das war ihm immer schon bewusst gewesen, doch hatte er diesen Gedanken bislang erfolgreich verdrängen können. Vielleicht veranlasste ihn die bevorstehende Heirat, ein Resümee der vergangenen Jahre zu ziehen, Jahre, die im Flug verstrichen waren und ihn noch geschont hatten. Vielleicht lag es auch daran, dass er, sooft er mit seinen Gedanken allein war, Zweifel daran hegte, ob an seiner Person überhaupt etwas war, das mit der Zeit erkennbar zum Vorschein treten würde.

Wie auch immer, er sah sie jetzt mit anderen Augen, sah, dass der Schmelz von ihrer Haut verschwunden war, dass sich um ihre Augen und an den Mundwinkeln kleine Fältchen bildeten und dass auf den einst alabasterweißen Handrücken erste Flecken zu erkennen waren. Er schluckte und verspürte einen heißen Krampf im Schlund.

Prudence nahm den Kamm aus ihrem Haar und schüttelte die langen roten Locken aus, die im Schein des Kaminfeuers zu lodern schienen. Von den grauen Strähnen, die Tristan kurz zuvor entdeckt hatte, war jetzt nichts zu sehen. Sie lächelte ahnungsvoll und zog das seidene Betttuch bis unter die Arme.

»Woran denkst du, Tristan?«

Der Hohe Herrscher von Roland stellte das leere Glas auf dem Nachttischchen ab und nahm ihr das ihre aus der Hand. Dann setzte er sich auf die Bettkante, sah sie an, fuhr mit der Hand sanft über die Decke bis hinauf an ihren bloßen Hals, um den er seine Finger legte.

»Ich denke daran, dass ich sie nicht ausstehen kann.«

Prudence lehnte sich ins Kissen zurück; ihr Lächeln wich einer ernsteren Miene. »Ich weiß. Das war mir klar. Darum verstehe ich auch nicht, warum du Madeleine gewählt hast. Dieses nette Mädchen aus Yarim hätte viel besser zu dir gepasst. Wie war noch gleich ihr Name?«

»Lydia.«

»Richtig. Sie war hübsch und charmant, ihr Vater reich begütert. Was ist aus ihr geworden?«

»Sie hat Stephen geheiratet und ist vor ein paar Jahren bei einem Überfall der Lirin ums Leben gekommen.«

»Ach ja, natürlich, jetzt erinnere ich mich.« Prudence streckte die Hand aus und streichelte seinen struppigen Backenbart.

Tristan schlug das Betttuch auf, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden, die so verständnisvoll waren, unermesslich tief, und es ging eine Wärme von ihnen aus, von der er sich ganz umfangen fühlte, wie von jener heißen Quelle, in der sie sich vor vielen Jahren einmal geliebt hatten. Die gegenseitig geübte Aufrichtigkeit war das einzig Wahre in seinem Leben. Prudence wandte das Gesicht dem Feuer zu und schloss die Augen.

Mit der Fingerkuppe schöpfte Tristan einen Tropfen Port aus dem Kristallglas und betupfte damit ihre Brustwarze. Er spürte, wie sie unter seiner Berührung einatmend die Brust hob, gerade so wie damals als junge Frau, als er sie entjungfert hatte, und mit der Erinnerung daran kehrte die verloren gegangene Lust zurück.

Ihre Brust war im Vergleich zu damals merklich schlaffer geworden und wie die Handrücken mit braunen Flecken besprenkelt. Er schloss die Augen und rief das Bild in seiner Vorstellung auf, das sich ihm beim ersten Anblick ihrer Nacktheit offenbart hatte; die straffe Haut, von seiner zitternden Hand berührt, verfärbte sich rosig. Tristan beugte sich herab, schlürfte den Tropfen und versuchte, ihr den Schmerz zu verbergen, der sich, wie er spürte, in seiner Miene niederzuschlagen drohte. Er riss das Tuch vom Bett und warf es zu Boden.

Nackt vor ihm ausgestreckt, zog Prudence ihr Knie an und machte sich daran, den Gürtel seines Morgenmantels aufzuknoten.

»Warum verrätst du mir nicht den wahren Grund deines Kummers, Tristan?«

Seine Lippen ließen von der Brust ab und wanderten über die Bauchdecke.

»Wie kommst du darauf, dass ich Kummer haben könnte?«

Sie stieß ihn energisch zurück, richtete sich auf und drückte ein Kissen an die Brust. Sie war sichtlich verärgert.

»Ich war schon die Kurtisane deines Vaters, Tristan, und habe mir immer eingebildet, dich als Freund zu haben.«

Ihre Reaktion erschreckte ihn und ließ alle Lust von ihm abfallen. »Das ist doch auch so.«

»Dann mach mir nichts vor. Für solche Spielchen bin ich zu alt. Ich merke sofort, wenn dich etwas bedrückt, und kenne deine Stimmungen besser als du selbst. Sonst bist du mir gegenüber doch immer ganz offen. Wieso gibst du dich heute so verschlossen? Das ist nicht besonders stimulierend.«

Tristan seufzte. Sie hatte ihn ertappt. Es war nicht nur Melancholie, die ihm angesichts ihrer betrüblichen Alterung zu schaffen machte; es war mehr als das, mehr noch als der so abstoßende Gedanke, dass die Frau, die er liebte und der er regelmäßig beiwohnte, immer mehr seiner eigenen Mutter ähnlich wurde, ja, mehr sogar als die Furcht vor dem, was am Ende dieses Älterwerdens stünde und ihm verloren ginge.

Er konnte sich Rhapsody nicht mehr aus dem Kopf schlagen.

Seit sie vor seiner Tür gestanden hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Sinn. Schlimmer noch, der Gedanke, dass sie freiwillig einem bolgischen Kriegsherrn zu Diensten war, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Die Vorstellung, dass ein solches Ungeheuer sie in den Armen hielt, wühlte ihn so sehr auf wie seine Reaktion auf sie. Normalerweise hätte er nach einer solch kurzen Begegnung nicht einmal ihren Namen behalten. Er schaute zurück auf Prudence und lächelte, als er sah, mit welch strengem Blick sie ihn bedachte.

»Na schön«, sagte er. »Ich verrate es dir, aber du musst versprechen, dass unser Schäferstündchen davon unberührt bleibt. Madeleine wird bald hier sein, und ich möchte bis dahin noch möglichst viel von dir haben.«

Prudence zeigte sich zufrieden und langte mit der Hand zu seinem Schoß. »Wie’s beliebt, Hoheit.«

Tristan blickte unter die Decke, um sich der Stimulation ihrer Hände hinzugeben und die heimlichen Gedanken zurückkehren zu lassen. Und so keimte die Lust wieder schnell in ihm auf.

»Du hast bestimmt schon von Canrif gehört, dem Land, über das die Cymrer einst geherrscht haben.«

»Ja«, antwortete Prudence, die sich mit Elan an ihm zu schaffen machte. »Es liegt, wenn ich mich recht erinnere, irgendwo in den Bergen im Osten.«

»So ist es. Seit nunmehr rund vierhundert Jahren wird es von den Firbolg besiedelt.«

Zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Bemühungen, ließ Prudence von ihm ab und griff mit beiden Händen in den Brustausschnitt seines Morgenmantels.

»Wer sind die Firbolg?«

Tristan kicherte. »Nicht wer, sondern was. Das sind Monstren, Halbaffen, die Ratten und ihresgleichen fressen. Und übrigens auch jeden Menschen, der ihnen in die Quere kommt.«

Prudence mimte auf entsetzt und streifte ihm den Morgenmantel über die Schultern. Ihr amüsiertes Grinsen wechselte in einen etwas echter wirkenden Ausdruck über, als sie seine muskulöse Brust sah, vom Feuerschein vorteilhaft ausgeleuchtet. Er sah immer noch genau so aus wie vor Jahren, als er sie zum ersten Mal aufgesucht hatte.