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Sie träumte von dem Bordell, in dem sie noch vor wenigen Jahren gearbeitet hatte. Im Geiste sah sie die Kammer ganz genau vor sich, das schäbige rote Mobiliar, wie es in allen Bordellen zu finden war, das große Bett. Im Schlaf schluchzte sie, als sie sich an das erinnerte, was sie sonst nach Möglichkeit zu verdrängen suchte...

Michael lag quer auf dem Bett, faul und träge ausgestreckt; der Dreck an den Stiefeln verschmutzte das Laken.

»Na, da bist du ja, Rhapsody, mein Liebling«, sagte er sichtlich zufrieden. »Ich dachte schon, du kämst nicht mehr.«

»Das wollte ich auch nicht«, antwortete sie gereizt. »Was ist? Was hast du zu Nana gesagt? Warum ist sie so verstört?«

»Ich habe sie nur um eine Verabredung mit meiner Favoritin gebeten. Das dürfte doch wohl noch erlaubt sein.«

»Sie wird dir aber bestimmt gesagt haben, dass ich dich nicht mehr zu sehen wünsche. Also, warum bist du hier?«

Michael richtete sich auf, schwang die dreckigen Stiefel über den Bettrand und riss dabei das Laken zur Hälfte von der Matratze. »Ich hatte gehofft, du änderst deine Meinung, wenn du siehst, wie ich leide.« Er zog die Stiefel aus und nickte einem seiner Spießgesellen zu, der daraufhin die Tür hinter Rhapsody ins Schloss fallen ließ.

Sie machte aus ihrem Ärger kein Hehl und kniff die Brauen zusammen. »Du siehst nicht aus wie jemand, der leidet, Michael. Bitte, geh. Ich will nicht, dass du hier bist!«

Michael musterte sie mit bewundernden Blicken. Sie war klein und zierlich, aber stark, und er fühlte sich von ihrer Kraft inspiriert. Er kannte keine andere Frau, die es wagte, ihm die Stirn zu bieten. Und das erregte ihn noch mehr als die Furcht, denn er wusste, dass er sie besiegen würde.

»Hab dich nicht so, Rhapsody. Ich bin einen weiten Weg gekommen, um dich zu sehen. Darf ich dir nicht wenigstens sagen, was ich will?«

»Nein, es interessiert mich nicht. Und jetzt geh!«

»Autsch«, sagte er und fasste sich an die Brust, gerade so, als wäre er verwundet. »Du bist unverschämt, Liebling. Einem Mann würde ich so etwas nicht durchgehen lassen, aber bei dir finde ich es sogar ganz reizvoll. Komm her und setz dich an meine Seite.« Er klopfte neben sich aufs Bett und machte sich dann daran, die Hose aufzuknöpfen.

Rhapsody wandte sich der Tür zu. »Tut mir Leid, Michael. Wie gesagt, ich bin an dir nicht interessiert. Es gibt aber bestimmt viele andere Mädchen, die überglücklich wären, dir gefällig sein zu dürfen.«

»Da hast du Recht«, sagte er, als sein Kumpan vor der Tür Aufstellung nahm. »Dein Mangel an Interesse kränkt mich zwar zutiefst, aber ich bin vorbereitet für den Fall, dass du stur bleibst. Möchtest du wissen, wie?«

»Nein«, sagte Rhapsody und schleuderte dem grinsenden Lakaien einen wütenden Blick zu. Sie ließ sich nicht einschüchtern, am wenigsten von Michaels Spießgesellen, zumal er wissen musste, dass Nanas Leibwächter die besten in ganz Ostend waren und beiden Männern sehr wohl überlegen. Außerdem unterhielt Nana gute Kontakte zur Stadtwache. Rhapsody spürte Michaels frostiges Grinsen im Rücken. »Na schön, Rhapsody, ganz wie du willst. Schade, dass wir nicht übereinkommen. Lass sie vorbei, Karvolt.« Der Angesprochene öffnete die Tür und machte ihr grinsend und mit übertrieben höflicher Geste den Weg frei.

Vom Flur her näherte sich aber nun ein dritter Söldner, der ein Kind an der Hand mit sich führte, ein kleines, heftig zitterndes Mädchen von etwa sieben Jahren. Es war ein Liringlas, so wie Rhapsodys Mutter, das einen schmutzigen, blutverschmierten Schal um die Schultern geschlungen hatte, der einem Erwachsenen zu gehören schien. Kaum hatte das Mädchen die Kammer betreten, richtete es seine Augen auf Rhapsody. Sein Blick spiegelte schieren Schrecken, obwohl das Gesicht keinerlei Regung zeigte, was für Liringlas typisch war.

Entsetzt fuhr Rhapsody herum und wandte sich Michael zu, der mit breitem Grinsen die Hose von den Beinen streifte.

»Was tut das Mädchen hier?«

»Noch nichts«, erwiderte er selbstgefällig und tauschte mit seinen Männern belustigte Blicke. »Leb wohl, meine Liebe.«

»Augenblick«, sagte Rhapsody, als Michael das Hemd über den Kopf zog und sich rücklings auf die Matratze fallen ließ. »Was hast du vor? Woher kommt das Mädchen?«

»Sprichst du von der da?« Er gab sich unschuldig und zeigte auf das Kind. »Das ist Petunia, mein liebes kleines Mündel. Eine sehr traurige Geschichte, wirklich. Der Familie ist ein schreckliches Unglück widerfahren. Ihr Langhaus hat Feuer gefangen, und bis auf das Mädchen sind alle in den Flammen umgekommen. Tragisch. Aber mach dir keine Sorgen, Rhapsody, ich kümmere mich um die Kleine. Du kannst getrost gehen, meine Liebe.«

Rhapsody riss sich von dem Söldner los, der sie beim Arm gepackt hielt, und ging mit ausgestreckten Armen in die Hocke. Das kleine Mädchen lief auf sie zu und fiel ihr um den Hals.

»Nein, Michael, das darfst du nicht. Himmel, du bist wirklich der widerlichste Hund, der mir je über den Weg gelaufen ist«, zischte sie ihm zu.

Michael lachte. Seine Erregung nahm zu. »Nein? Warum nicht? Sie gehört mir schließlich und ist nicht etwa angestellt in diesem Haus. Wir verbringen hier nur die Nacht miteinander. Und ich will nicht, dass die Gäste im Wirtshaus durch, nun, laute Geräusche gestört werden. Das ist doch nur rücksichtsvoll, nicht wahr? Hier wird niemand Anstoß nehmen. Im Gegenteil, manche Kunden finden wahrscheinlich Gefallen daran.«

Rhapsody starrte in seine kristallblauen Augen, die ohne jeden seelischen Ausdruck zu sein schienen. Er schmunzelte triumphierend, wusste er doch, dass sie ihm nun zu Willen sein würde. Sie schaute dem kleinen Mädchen ins Gesicht und sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Es zitterte vor Angst und schmiegte sich eng an sie. Rhapsody schloss die Augen und seufzte.

»Lass sie gehen.«

»Sei nicht albern, sie braucht mich.«

Rhapsody stieß einen Fluch in ihrer Muttersprache aus. »Lass sie gehen«, wiederholte sie dann.

»Aber warum denn, Rhapsody? Bist du etwa eifersüchtig? Hast du deine Meinung so plötzlich geändert? Wie kommt’s? Liegt’s vielleicht am Anblick meiner Herrlichkeit?«

»Wohl kaum«, entgegnete sie zornig. Sie fuhr dem Kind mit der Hand durchs Haar und flüsterte ihm tröstende Worte ins Ohr. Und an Michael gewandt: »Also gut, was willst du?«

»Nun, zunächst einmal ein paar Minuten ungestörter Entspannung.«

»Wenn’s weiter nichts ist«, erwiderte Rhapsody und nahm das Kind bei der Hand. »Dich allein zu lassen wird uns eine Freude sein.«

Michaels Blick verfinsterte sich. »Stiehl mir nicht die Zeit, Rhapsody. Auf die Dauer wird dein Spielchen fade. Sobald du versprichst, mir in meinen Wünschen entgegenzukommen, werde ich meine Männer losschicken, dass sie die Kleine bei Nana abliefern. Das wäre doch auch in deinem Sinne, oder? Ich weiß, ich kann dir vertrauen, Liebste. Du stehst zu deinem Wort. Dein Ruf eilt dir voraus.«

»Das und nur das haben wir miteinander gemein«, sagte sie. »Sei’s drum, du krankes Miststück. Bin gleich wieder zurück.« Sie drehte sich um und führte das Kind zur Tür.

»Warte«, sagte Michael in einem Tonfall, der sie in Alarmbereitschaft versetzte. »Wir haben uns noch nicht über meine Bedingungen unterhalten.«

»Bedingungen? Ist dir heute etwa nach etwas anderem als sonst zumute? Nach einer Nähstunde vielleicht?«

Er lachte. »Du bist wirklich erstaunlich, meine Liebe. Selbst mit dem Rücken zur Wand noch frech und trotzig.« Er wälzte sich auf den Bauch, kroch auf die andere Seite des Bettes und spannte die Muskeln an wie eine zum Sprung bereite Großkatze.

»Karvolt, bring das Kind nach unten.« Mit funkelnden Augen nahm er zur Kenntnis, dass sein Mann unverzüglich gehorchte. Rhapsody ließ die Hand des Mädchens los und fuhr ihm streichelnd mit der Hand übers Haar.