»Hör zu, meine Liebe. Ich schlage dir folgendes Geschäft vor: Ich und meine Männer werden für zwei Wochen hier bleiben und danach auf unbestimmte Zeit weg sein. Wahrscheinlich wird es Jahre dauern, bis wir uns wieder sehen. Aber das verspreche ich dir, ich werde zu dir zurückkommen. Du liegst mir am Herzen, Rhapsody. Ich träume fast jede Nacht von dir, und ich weiß, dir ergeht es ähnlich in Bezug auf mich.« Er schmunzelte über die Grimasse, die sie schnitt.
»Hier also meine erste Bedingung: Bis zu meiner Abreise wirst du mir zur Verfügung stehen, wann immer ich Lust auf dich verspüre. Nana war so großzügig, mir für die gesamte Zeit diese Kammer zu vermieten. Wenn du meinen Wünschen nachkommst – woran ich keinen Zweifel habe –, bin ich bereit, das Kind an dich abzutreten. Solltest du aber Schwierigkeiten machen, werde ich es mit mir nehmen. Du kannst dir sicher ausmalen, was ich so alles mit ihm anstellen würde.
Zweitens: Auch du begehrst mich und lässt es mich wissen. Ich erwarte, dass du deine tief empfundene Zuneigung für mich und dein Verlangen nach mir demonstrativ zum Ausdruck bringst.«
»Mit Vergnügen«, sagte Rhapsody und versuchte, sich die Wut, die sie empfand, nicht anmerken zu lassen. »Gern demonstriere ich dir, wonach mich jetzt am meisten gelüstet. Gib mir deinen Gürtel!«
»Karvolt? Wie geht’s der Kleinen?« Im Flur war ein Schrei zu hören, der Rhapsody die Haare zu Berge stehen ließ. »Tut mir Leid, Liebste, ich habe dich nicht verstanden. Was wolltest du mir sagen?«
Michael lachte laut auf, amüsiert über ihren vernichtenden Blick. »Übertreib nicht gleich, Rhapsody, ich glaub dir ja, dass du wütend bist. Was ist denn?« Das selbstgefällige Grinsen verschwand aus seinem Gesicht; stattdessen setzte er eine Miene auf, die Unheil versprach.
»Zurück zum Geschäft. Du wirst meine Wünsche nicht nur befriedigen, sondern auch Lust und Engagement dabei an den Tag legen. Du wirst deine Liebe zu mir nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit Worten zum Ausdruck bringen. Wenn ich diesen Ort verlasse, will ich dein Herz gewonnen haben und es mit mir nehmen. Haben wir uns verstanden? Versprichst du mir, meine Gefühle für dich zu erwidern?«
»Wie könnte ich? Der ersten Bedingung stimme ich zu, aber wie du schon richtig sagtest: Mein Ruf eilt mir voraus. Ich kann und werde dir nichts vormachen, Michael. Du würdest mich sowieso durchschauen.«
Michael drückte sich mit seinen kräftigen Armen vom Bett ab. »Karvolt, bring Petunia zurück und leg sie direkt unter mich.«
Rhapsody wirbelte auf dem Absatz herum, als der Söldner das kleine Mädchen in die Kammer zerrte.
»Nein, Michael, bitte. Bitte.«
Das Kind fing an zu schluchzen. Rhapsody trat vor den Söldner und stellte sich zwischen ihn und das Bett. Der Söldner hob das Mädchen vom Boden auf, worauf es laut aufschrie. Rhapsody nahm es an sich und wandte sich wieder Michael zu. Seine Augen leuchteten mit einer Intensität, die Angst machte.
»Also gut, Michael, ich sage alles, was du nur hören willst. Lass sie gehen.«
»Zeig’s mir, Rhapsody. Nenn mir einen Grund, warum ich dir glauben sollte.«
Rhapsody sah hinüber zu den Söldnern, von denen einer gehässiger als der andere grinste. Eilends führte sie das Kind zur Tür und schob es in den Flur hinaus.
»Nana«, rief sie über den Treppenabsatz nach unten, »bitte, schaff sie hier raus und besorg ihr etwas zu essen.« Sie lächelte dem Kind aufmunternd zu und deutete nach unten, wo Nana und die anderen Frauen warteten. Als das Kind verschwunden war, kehrte Rhapsody seufzend in die Kammer zurück. Michael schüttelte die Kissen auf.
»Nun, Rhapsody, sag mir, wie du es dir wünschst«, sagte er im Flüsterton, der zugleich lustvoll und bedrohlich klang.
Rhapsody hielt seinem Blick stand. Mit geübter Hand langte sie in den Ausschnitt ihrer Bluse und knöpfte sie aufreizend langsam auf.
»Verschwindet«, sagte sie zu den Söldnern. »Wir wollen allein sein.«
Michael grinste bis über beide Ohren. »Ja, verschwindet«, wiederholte er. »Diese wunderschöne Frau möchte ihren Liebsten verwöhnen, ohne dabei gestört zu werden. Hab ich nicht Recht, Rhapsody?«
»Ja«, antwortete sie mit ausdrucksloser Miene und ließ die Bluse zu Boden fallen. »Lasst mich mit ihm allein.«
Mit schmerzvoll verzogenem Gesicht warf sich Rhapsody von einer Seite auf die andere. Sie hatte im Schlaf zu murmeln angefangen, worüber Achmed aufgewacht war. Er kauerte ein Stück oberhalb auf einem Vorsprung und stieß Grunthor mit dem Fuß an.
Grunthor rührte sich und war von jetzt auf gleich hellwach. Achmeds Blick folgend, sah er sie und hörte sie derbe Flüche hauchen. Dann fing sie plötzlich zu wimmern an und zerrte an dem Strang, mit dem sie sich gesichert hatte.
Grunthor seilte sich zu ihr ab und sah, dass sie am ganzen Leib schwitzte. Kaum war er zur Stelle, hatte sie sich losgerissen – und stürzte ins Dunkel. Sie schreckte auf, streckte hastig die Hände aus und suchte nach Halt. An der Wurzel entlangrutschend, scheuerte sie sich die Haut auf. Da schlang sich ein starker Arm um ihre Taille und hob sie auf.
»Na, na, Euer Liebden, wolltest du jetzt ’nem andern verfallen?«
Rhapsody wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Es dauerte eine Weile, bis sie die Orientierung wiedergefunden hatte. Grunthor hielt sie an seine mächtige Brust gedrückt. Sie lehnte sich zurück und blickte zu ihm auf. Er grinste.
»Danke«, sagte sie und legte die Stirn in Falten. Sie warf einen flüchtigen Blick in die Tiefe und schaute dann wieder in sein hässliches Gesicht. »Vielen Dank.«
»War mir ein Vergnügen, Herzchen. Wenn ich so frei sein darf, schlag ich vor, du schläfst in Zukunft zwischen uns.«
»Das halte ich für keine gute Idee«, meldete sich die Stimme von oben. »Wie soll unsereins dann ruhig schlafen? Und bei all ihrer Zappelei stößt sie uns womöglich über den Rand.«
»Du hörst, was er sagt.« Grunthor zuckte mit den Achseln und bedachte sie mit einer Miene, die ihr Sympathie zum Ausdruck zu bringen schien.
»Verstehe«, erwiderte sie und hielt sich an der Wurzel fest. Als sie zurück zu ihrem Platz zu klettern versuchte, rutschte sie an der glatten Oberfläche aus. Wieder musste Grunthor helfend eingreifen.
»Hier geht’s lang, Herzchen, rauf mit dir.« Er nahm sie wie ein Kind in den Arm, hob sie mühelos auf seinen Vorsprung, lehnte sich an die Wurzel und drückte sie an sich.
»Versuch doch einfach hier zu schlafen, Euer Liebden«, sagte er und fuhr ihr tätschelnd mit der Pranke über den Kopf.
Rhapsody sah in sein monströses Gesicht und glaubte, pure Freundlichkeit darin lesen zu können, jedenfalls alles andere als Fresslust. Trotz seiner erschreckenden Erscheinung und obwohl sie wusste, wozu er in der Lage war, fasste sie Vertrauen zu ihm.
»Danke«, flüsterte sie und lächelte scheu. »Ich werd’s versuchen.« Sie legte den Kopf auf seine Brust und machte die Augen zu.
Grunthor schüttelte sich voller Behagen. »Oooooh. Was für ein Lächeln. Nimm dich nur ja davor in Acht, mein Herr.«
»Danke für die Warnung«, tönte es von oben zur Antwort.
10
»Ich seh das Tunnelende.«
Von der Stimme geweckt, die so seltsam durch den Schacht hallte, merkten Rhapsody und Grunthor auf. Rhapsody hob den Kopf. Ihr langes Haar bedeckte die breite Brust des Firbolg-Sergeanten, an der sie geruht hatte.
Grunthor blickte auf und entdeckte hoch oben ein schwaches rötliches Schimmern, den Widerschein von Tageslicht, wie es schien. Er nickte.
»Gut, machen wir also, dass wir da hoch kommen«, sagte er und half Rhapsody beim Aufstehen. Sie setzten ihren Weg fort. Jetzt, da das Ende abzusehen war, fand Rhapsody den Anstieg nur noch halb so schwer. Mit frischen Kräften und sicherem Tritt strebte sie dem Licht entgegen. Während der endlos scheinenden Kletterei durch die Dunkelheit hatte sie alle Gedanken an den offenen Himmel unterdrückt, weil sie dadurch noch mehr niedergeschlagen gewesen wäre. Selbst jetzt hütete sie sich vor verfrühten Hochgefühlen.