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Und das war nur weise. Obwohl die drei schnell vorankamen und sich keine Pause gönnten, hatte es den Anschein, als kämen sie dem Ende kein Stückchen näher. Als ihre Kräfte erschöpft waren, richteten sie ein Schlaflager ein und teilten die Reste des Proviants, den Achmed mit sich führte. Rhapsody aß trockene Bohnen, kleine Stücke der von Achmed geernteten Sagiawurzel und trank dazu ein wenig Wasser, gesammelt aus dem, was von den dünnen Wurzeltrieben abgetropft war. Wieder machte sich bei ihr Verzweiflung breit. Den Traum der vergangenen Nacht hatte sie bislang erfolgreich verdrängt, weil mit dem Ausblick auf ein Ende der Reise auch die Hoffnung verbunden war, Michael für immer abschütteln zu können. Doch nun kehrten ihre Gedanken in jene schreckliche Zeit zurück.

Was ihr während dieser einem Albtraum gleichen zwei Wochen am meisten zu schaffen gemacht hatte, war weniger die Verkommenheit, die Michael an den Tag legte, als die völlige Unvorhersehbarkeit dessen, was sie erwartete. Manchmal schloss er sich tagelang mit ihr in der Kammer ein und verlangte ihre volle Aufmerksamkeit; dann wiederum schleifte er sie, einer plötzlichen Laune folgend, hinunter in den Essraum, wo er sie vor den Augen seiner verblüfften Männer, die gerade beim Frühstück saßen, auf den Tisch legte und besprang.

Manchmal packte ihn die Eifersucht. Die bekam unter anderem einer seiner Lakaien zu spüren, nur weil er sie einmal ein wenig zu lange angesehen hatte. Bei anderer Gelegenheit zwang er sie, seinen Männern zu Willen zu sein, einem nach dem anderen. Sie hatte sich den Tod herbeigesehnt und sich, weil der nicht kommen wollte, allein mit dem Gedanken getröstet, dass zumindest das Kind in Sicherheit war.

Endlich kam der Tag, an dem er aufbrechen sollte. Rhapsody sah zu, wie er sein Pferd bepackte. Er war ausgesprochen guter Laune. Lächelnd nahm er ihren Kopf zwischen beide Hände und gab ihr einen zarten Abschiedskuss.

»Wirklich, Rhapsody, es war wunderschön mit dir. Ich kann es kaum erwarten, dich wieder zu sehen. Wirst du mich vermissen?«

»Natürlich«, sagte sie. Inzwischen gingen ihr die Lügen schon sehr viel leichter von den Lippen.

»So ist es brav. Nun denn, Karvolt, hol Petunia, und dann nichts wie weg.«

Rhapsody glaubte nicht richtig zu hören. »Was? Nein, Michael, sie gehört mir. Das war so abgemacht.«

»Mach dich nicht lächerlich. Ich habe ihrem sterbenden Vater, gleich nachdem ich ihm die Kehle aufgeschlitzt hatte, versprochen, mich persönlich um die Kleine zu kümmern. Du erwartest doch wohl nicht von mir, dass ich wortbrüchig werde, oder?« Aus dem Haus tönten Schreie, und wenig später trat Karvolt zur Tür hinaus, das Mädchen im Arm.

Rhapsody geriet in Panik. Dass ein Abkommen mit Michael keinen Wert hatte, war ihr im Grunde von Anfang an klar gewesen, doch sie hatte die Augen davor verschlossen, weil sie nicht ertragen konnte, was in Wahrheit zu befürchten stand. Er grinste bis über beide Ohren und stellte sich ihr in den Weg, als sie versuchte, dem Mädchen zu Hilfe zu eilen. Schluchzend lenkte sie ein und ließ den Tränen freien Lauf.

»Bitte, Michael, nein. Steh zu deinem Wort. Gib sie mir. Bitte.«

»Warum sollte ich, meine Liebe? Ich blicke auf die schönsten zwei Wochen meines Lebens zurück. Im Ernst, alle vordem erlebten Freuden zusammengenommen reichen nicht heran an das Vergnügen, das du mir bereitet hast. Ich bin jetzt verwöhnt und will meine Lust auch in der nächsten Zeit befriedigt wissen. Bis auf Weiteres wird nun Petunia dafür sorgen müssen. Als Ersatz für dich.«

Rhapsody packte ihn beim Arm. »Dann nimm mich, aber lass das Mädchen.« Sie wusste, was seine letzten Worte zu bedeuten hatten. Er würde das Kind missbrauchen und sich dann seiner entledigen. Michael triumphierte. »Wie rührend. Wer hätte das gedacht? Noch vor zwei Wochen wolltest du mir einen Korb geben. Offenbar hat dich meine Fürsorge zu einem gründlichen Sinneswandel bewogen, nicht wahr, meine Liebe?«

»Ja«, sagte Rhapsody, und das war die bittere Wahrheit. Vieles, woran sie früher fest geglaubt hatte, war in dieser Zeit für immer verloren gegangen.

»Was weißt du schon? Ich hätte ja selbst kaum für möglich gehalten, wie gut ich in Wirklichkeit bin. Tut mir Leid, Rhapsody, aber ich kann dir nicht helfen. Da du wahrscheinlich nicht auf mich warten wirst, kann niemand von mir fordern, dass ich auf dich warte. Sitz auf, Karvolt.« Er wandte sich ab. In einem letzten Akt der Verzweiflung warf sich Rhapsody ihm um den Hals und küsste ihn. Sie spürte, wie sein Herz schneller schlug, als sich seine Überraschung gelegt hatte und er die Arme um sie schlang. Sie schmiegte sich an ihn und flüsterte ihm ins Ohr: »Bitte, Michael, willst du das einer Frau antun, die dich liebt?« Sie wusste, was er von diesem vermeintlichen Liebesgeständnis halten würde. Es war eine rein rhetorische Frage.

Er stieß sie von sich und sah ihr ins Gesicht. »Du liebst mich? Du, Rhapsody? Schwör’s, und ich lasse das Kind bei dir zurück.« Über seine Schulter hinweg sah sie Karvolt im Sattel sitzen; er hatte das wimmernde Kind in Fesseln gelegt und starrte interessiert in ihre Richtung.

»Zuerst soll sie absteigen und ins Haus laufen. Dann schwör ich’s dir.«

»Es muss dir schon Ernst damit sein, Rhapsody. Ich lass nicht mit mir spaßen.«

»Mir ist es sehr ernst damit, ich schwör’s.«

Michael gab Karvolt ein Zeichen, der daraufhin das Mädchen losband und zur Haustür führte, wo es von Nana in Empfang genommen wurde.

»Nun, meine Liebe, was war es, das du mir sagen wolltest?«

Rhapsody atmete tief durch. »Ich schwöre bei meinem Stern, dass ich bis ans Ende aller Tage keinen anderen Mann lieben werde. Reicht dir das jetzt, Michael?« Sein triumphierendes Grinsen machte sie krank. Er beugte sich zu ihr herab und küsste sie.

»Ja«, sagte er leise. »Ich liebe dich auch, und es wird neben dir keine andere bestehen können. Im Bett vielleicht, aber nicht in meinem Herzen. Ich komme wieder, Rhapsody, dann werden wir immer zusammen sein.«

Sie nickte stumm und wunderte sich über die Leichtgläubigkeit dieses rohen Mannes. Aber er konnte ja auch nicht wissen, dass sie keine Liebe mehr zu verschenken hatte. Denn ihr Herz war längst vergeben und mit dem, der es genommen hatte, gestorben.

Die Arme um den Körper geschlungen, sah sie den Trupp davon reiten. Michael drehte sich noch einmal um und winkte ihr lächelnd zu. Als die Reiter außer Sichtweite waren, ging sie hinter einen Busch und erbrach sich.

»Geschmeiß!«

Rhapsody richtete sich verstört auf. Es schien, als hätte Achmed ihre Gedanken gelesen. Dann folgte sie seinem Fingerzeig und erschrak. Von oben kroch entlang der Wurzel ein lebender Wall aus fahlen, zuckenden Riesenwürmern herab, die von der Körperwärme der drei angelockt zu sein schienen. Vor Entsetzen zitternd, schüttelte Rhapsody ihren Dolch aus dem Ärmel. Die Klinge war so lang wie ihre Handfläche, das Heft nur halb so groß. Damit ließ sich wohl kaum etwas ausrichten gegen die Würmer, die gut dreimal so lang waren.

Plötzlich schlang sich ihr von hinten Grunthors Arm um die Taille, so wuchtig, dass ihr die Luft wegblieb. Er setzte sie unterhalb von sich ab und kletterte ein Stück weiter nach oben, wo er eine breite Spalte in der Wurzel fand, die ihm Unterschlupf bot. Rhapsody folgte und suchte Schutz in einem Gestrüpp aus dünnen Ablegern.

Sie hörte die runden Geschosse aus Achmeds Cwellan pfeifend durch die Luft schwirren und betete im Stillen, dass sie nicht auf sie und den Gefährten hageln würden.

»Zieh dein Schwert!«, forderte Achmed den Riesen auf. Das Ungeziefer bewegte sich verblüffend schnell, glitt an der Wurzel entlang nach unten und ließ sich von keiner Unebenheit aufhalten. Die Würmer schwärmten über Achmed hinweg, bedeckten ihn von Kopf bis Fuß. Er ließ die Klinge sausen, so schnell, dass sie nicht mehr zu sehen war. Die Würmer fielen von ihm ab und stürzten in die Tiefe, wobei der eine und andere kurz mit Rhapsody in Berührung kam, bevor sie in der Dunkelheit verschwanden.