Ihre Leiber waren so fahl wie die Wurzeln und von dünnen Adern durchzogen, die violett unter der Haut schimmerten, so wie die mit Blut gefüllten, geschwollenen Köpfe. Einer der Würmer fiel ihr auf den Kopf und biss mit kleinen, spitzen Zähnen zu. Rhapsody musste an sich halten, um nicht hysterisch aufzuschreien.
Grunthor hatte ein mächtiges Schwert gezogen, mit dem er das Gewürm in Massen von der Wurzel schälte und es in den Abgrund schickte.
Reaktionsschnell wich sie den herabstürzenden Kadavern aus und starrte auf diejenigen Kriechtiere, die Grunthor unbeschadet passiert hatten und nun auf sie zukamen. Zu Dutzenden. Sie konnte sich ausrechnen, dass, wenn so viele bis zu ihr vordrangen, die Männer über ihr mit Hunderten zu kämpfen hatten.
Unermüdlich schlug Grunthor zu, fand aber noch zwischendurch Gelegenheit, ihr einen Blick zuzuwerfen. »Hier, damit kannst du dich mal auseinander setzen«, sagte er und trat mit der Fußspitze eine sich windende Geschwulst von der Wurzel. Rhapsody konnte ihr nur um Haaresbreite ausweichen. »Nimm dir eins von meinen Schwertern.« Er senkte den Rumpf zur Seite, sodass sie nach einer der Waffen langen konnte, die er auf dem Rücken mit sich trug. Rhapsody schüttelte den Kopf. Sie stocherte gerade auf zwei zuckende Leiber ein, die dicht über ihr an der Wand klebten. »Ich weiß nur mit meinem Dolch umzugehen«, antwortete sie. Kaum hatte sie die beiden Würmer zur Strecke gebracht, da war auch schon ein dritter aufgetaucht, und ehe sie sich versah, spürte sie dessen Zähne im Unterarm. Kreischend versuchte sie das Ungetüm abzuschütteln.
»Dreh dich um«, sagte Grunthor. Rhapsody gehorchte. Der Bolg lehnte sich zurück, streckte den Arm aus, spießte den Wurm gezielt mit der Schwertspitze auf und schleuderte ihn mit einer Drehung aus dem Handgelenk weg. Sie schrie vor Schmerz auf, denn mit dem Untier hatte sich auch ein Stück Haut vom Arm gelöst. »Wenn das hier vorbei ist, werden wir dir ein paar Lektionen erteilen müssen«, sagte er und wandte sich wieder den von oben nachrückenden Massen zu.
»Wenn ich denn dann noch lebe«, murmelte sie.
»Ich bin durch«, rief Achmed und seilte sich ab, um Grunthor Hilfestellung zu leisten.
»Mit dem Rest hier werd ich allein fertig. Hilf lieber der Gräfin«, sagte der Riese, ohne die Klinge zur Ruhe kommen zu lassen.
»In Deckung«, kommandierte Achmed, worauf sich Rhapsody gegen die Wurzel presste und dabei einen Wurm unter der Brust zerquetschte. Sie kniff die Augen zu, als die Cwellanscheiben vorbeiwischten und das Ungeziefer durchpflügten.
»Jetzt kannst du dich wieder bewegen«, sagte die Stimme, die so dünn und rau wie Treibsand klang. Sie öffnete die Augen, atmete tief durch und begegnete Achmeds Blick.
Es war schon eine Weile her, dass sie ihm das letzte Mal ins Gesicht geschaut hatte. Für gewöhnlich kletterte er mit einigem Abstand vorneweg, und so hatte sie ganz vergessen, wie erschreckend er aussah, besonders im Dunkeln.
»Danke«, sagte sie kleinlaut, und ihre Stimme klang wie das Krächzen einer alten Frau. Dann sah sie Blut auf seinem Unterarm. »Du bist verletzt.«
»Scheint so.« Er warf einen Blick auf Grunthor. Der Sergeant nickte. Achmed machte sich wieder auf nach oben, auf seine Position als Anführer.
»Lass dich verarzten. Nicht, dass sich die Wunde noch entzündet.« Sie sprach jetzt in ruhigem Ton und ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihr das Herz raste. Rhapsody wusste aus Erfahrung, dass sie inmitten größter Not verhältnismäßig ruhig blieb, fast kühl. War aber die Gefahr erst einmal vorbei, setzten Symptome der Panik ein.
»Es wird mich schon nicht umhauen«, antwortete der verhüllte Mann. Grunthor schüttelte den Kopf.
»Sie hat Recht. Wer weiß, auf welchem Mist die Würmer rumgekrochen sind. Vielleicht waren sie das Nutzvieh unsrer kleinen Zwergenfreunde.«
Achmed schien einen Augenblick lang nachzudenken, rutschte dann an der Wurzel zurück, bis er neben ihr auf dem kleinen Vorsprung stand. »Na schön, aber beeil dich.«
»Hast du etwa eine Verabredung einzuhalten?«, entgegnete sie und zog den Wasserschlauch aus ihrem Gepäck. Daraufhin nahm sie seinen Unterarm in die Hand und wendete ihn nach oben. Die Wunde war tief und blutete stark. Vorsichtig tröpfelte sie etwas Wasser darauf. Sie spürte, wie er sich verspannte, obwohl er nicht mit der Wimper zuckte.
Grunthor rückte näher und sah zu, wie sie ein Fläschchen öffnete, dem ein scharfer Geruch nach Essig und Gewürzen entstieg. Rhapsody befeuchtete ein sauberes Taschentuch mit der Hamamelis-Thymian-Lösung und betupfte die Wunde damit. Achmed versuchte, sich ihr zu entwinden.
»Halt still. Ich muss noch üben«, ulkte sie.
»Wie beruhigend.« Er winselte, als die übel riechende Flüssigkeit die Wunde benetzte und heftig zu brennen anfing. »Ich hoffe, dir ist klar, dass ich dich auch mit einem Arm erschlagen kann, falls du es darauf abgesehen haben solltest, mich zum Krüppel zu machen.«
Rhapsody blickte zu ihm auf und schmunzelte. Ihr Gesicht war verschmiert und blutig nach dem Kampf, doch die Augen leuchteten hell. Achmed verspürte ein Stechen im Innern, so sehr er es auch zu ignorieren versuchte. Grunthor hatte Recht. Ihr Lächeln war beeindruckend.
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Wunde und summte eine Melodie, die sich als ein Sirren in der Luft ausbreitete. Der Schmerz ließ nach, und ihm war, als würden helle Schwingungen von der Wunde gespiegelt.
»Hör auf damit!«, verlangte er in barschem Ton. »Das tut mir in den Ohren weh.«
Sie lachte. »Wenn ich aufhöre, ist die ganze Wirkung dahin. Das Lied hat Heilkraft.«
Rhapsody summte weiter, und aus der wortlosen Melodie wurde ein Lied. Sie sang einen Text in einer für ihn fremden Sprache.
»Oh, wie hübsch«, kommentierte Grunthor. »Ich geh mal davon aus, dass wir dieses stinkende Loch bald verlassen ham. Falls wir dann keine Arbeit finden, könnte uns Ihro Gnaden vielleicht ein paar Liedchen beibringen, womit wir dann als Troubadoure über Land ziehn. Ich seh uns schon: Schlangen-Achmed und Ochsenfrosch.«
Rhapsody hörte auf zu singen und sagte: »Gute Idee. Lasst mich raten... du, Achmed, singst Tenor.«
Als Antwort erntete sie einen mürrischen Blick. Sie nahm den Verband von der Wunde. »Ihr zwei solltet wirklich ein bisschen mehr Respekt vor der Musik haben. Sie ist sehr wirksam, als Waffe wie auch in jeder anderen Hinsicht.«
»Stimmt. Meine Singstimme ist nervtötend. Das hat man ihr schon oft bescheinigt.«
Rhapsody lachte hell auf. »Macht euch ruhig lustig. Aber es wird wahrscheinlich die Musik sein, die uns hier herausholt, Musik in der einen oder anderen Form.«
»Nur, wenn du uns mit deinem Geträllere so sehr auf den Geist gehst, dass ich dir ein zweites Paar Beine mache.«
»Musik ist nichts anderes als ein Wegweiser durch die Schwingungen, aus denen die Welt gemacht ist«, entgegnete Rhapsody. »Wer einen solchen Wegweiser hat, findet sich überall zurecht.« Sie öffnete ihre Tasche und holte eine getrocknete Blüte daraus zum Vorschein. »Erinnert ihr euch? Ihr nanntet es einen Taschenspielertrick, was natürlich nicht stimmt. Es lässt sich auch jetzt noch, nach so langer Zeit, wiederholen.« Ohne die spöttischen Blicke der beiden zur Kenntnis zu nehmen, legte sie die Blume in Achmeds Hand und sang leise deren Namen. Ihn Erwartung seiner Reaktion fing sie zu schmunzeln an.
Grunthor beugte sich über ihre Schulter und sah, wie die Blütenblätter wieder frisch wurden und sich neu entfalteten. Trotz des Gestanks nach abgestandenem Wasser und Körperschweiß war der zarte Duft der Schlüsselblume wahrzunehmen.
»Das funktioniert wohl auch nur mit Blumen, oder?«
»Nein, das klappt immer und mit allem.« Sie nahm den Verband vom Arm und sah, dass sich die Wunde geschlossen hatte und fast nicht mehr zu erkennen war. Wo soeben noch ein tiefer Schnitt geklafft hatte, zeigte sich jetzt nur noch eine dünne rosafarbene Spur, und auch die war nach einer Weile restlos verschwunden.