Sogar Achmed schien gewaltig beeindruckt zu sein. »Wie ist das möglich?«
»So etwas kann eine Benennerin gewissermaßen von Amts wegen. Nichts, kein Begriff, kein Gesetz ist so stark wie die Kraft, die im Namen eines Dings steckt. Mit dem Namen steht und fällt unsere Identität. Er ist unsere Essenz, unsere persönliche Geschichte, und manchmal kann er das, was wir sind, noch einmal machen, egal, wie sehr wir uns auch verändert haben mögen.«
Achmed warf ihr einen schrägen Blick zu. »In deinem Gewerbe lohnt sich so etwas bestimmt. Wie oft hast du deine Jungfräulichkeit schon verkauft? Wird sie von Mal zu Mal teurer?« Sie war merklich getroffen, was er sogleich bedauerte. Aus Scham legte er einen spöttischen Ton in seine Stimme und sagte: »Oh, es tut mir schrecklich Leid. Habe ich dich verletzt?«
»Nein«, antwortete sie. »Solche Bemerkungen habe ich schon allzu häufig hören müssen. Dass sich Männer immer wieder daneben benehmen und sich selbst zu Idioten stempeln, bin ich gewohnt.«
»He, he, pass bloß auf, Herzchen«, warnte Grunthor scherzhaft. »Ich hab wirklich schon lang nichts Anständiges mehr zwischen die Zähne gekriegt.«
»Na bitte, wieder so ein Beispiel«, entgegnete sie ruhig. »Männer mögen größer sein und mehr Kraft haben, was manche auch ziemlich rücksichtslos ausnutzen, wenn sie mit ihrem Verstand nicht mithalten können. Wer hat wohl die Prostitution erfunden, was meint ihr? Die Frauen? Glaubt ihr, es würde Spaß machen, wenn man tagtäglich herabgewürdigt wird? Was für eine Ironie: Nach Hurendiensten besteht eine enorm starke Nachfrage, aber ohne Not wäre kaum eine Frau dazu bereit.«
Sie betupfte nun die eigene Bisswunde mit ihrem Heilwasser und bot das Fläschchen auch Grunthor an, doch der schüttelte den Kopf.
»Die Männer wollen es so«, fuhr sie fort. »Sie gehen weite Wege und geben viel Geld aus, um ihr Mütchen zu kühlen. Die Frauen aber, die ihnen dabei zu Diensten waren, müssen sich hinterher noch deren Beleidigungen gefallen lassen, und es wird erwartet, dass sie sich schämen, obwohl es doch die Männer sind, die dazu sehr viel mehr Grund hätten. Ich kann das nicht begreifen.
Ein jeder hat Verständnis dafür, dass jemand, wenn er Hunger leidet, Mundraub begeht. Aber für eine Frau, die, aus Not oder weil ihr mit Gewalt gedroht wird, auf den Strich geht, scheint es keinerlei Nachsicht zu geben. Ganz anders steht der Mann da, der ihre Dienste in Anspruch nimmt. Nicht nur, dass er ihr seinen Dank vorenthält, er macht sich auch noch über sie lustig. Für mich steht jedenfalls fest: Ich werde keinen Mann mehr an mich heranlassen. Ihr könnt mich alle mal...«
» ... am Abend besuchen«, kicherte Grunthor, »und am Morgen, am Mittag...«
Mit einem einzigen Wort brachte Rhapsody den Riesen zum Schweigen. Er bewegte zwar noch die Lippen, doch es kam kein Laut darüber hinweg. Die Stimme versagte ihm. Erschrocken sperrte er die Augen auf und starrte auf Achmed.
Achmed streckte den Arm aus und packte sie beim Kragen.
»Was hast du getan? Ihn verzaubert? Mach das sofort rückgängig.«
Rhapsody vorzog keine Miene. »Er ist nicht verzaubert; er kann sprechen, wann er will.«
»Offenbar nich ... oh, offenbar doch. Tut mir Leid, Herzchen, ich wollte dich nicht beleidigen.«
»Schon gut. Wie gesagt, mir sind schon so viele Beleidigungen zu Ohren gekommen, dass mich in dieser Hinsicht nichts mehr kränken kann.«
»Wir zwei wären die Letzten, die dir irgendwelche Vorhaltungen machen würden. Wir halten uns an die Devise ›leben und leben lassen‹. Hab ich Recht, Grunthor?«
Grunthor lachte auf und nickte dann. »Ja, leben und leben lassen, so halten wir’s. Oder besser noch: töten und aufessen. Denn vergessen wir nich, ich bin Sergeant von Beruf. Töten und aufessen gehört zu meinem Handwerk; nun, genau genommen ist es nur das Töten. Darauf folgt dann die Mahlzeit gewissermaßen als Belohnung.«
Nachdem sie auch die eigene Wunde versorgt hatte, faltete Rhapsody das Taschentuch zusammen.
»Wenn’s kein Zauberbann war, wie hast du ihm dann die Stimme genommen?«, wollte Achmed wissen.
»Ich habe das Schweigen bei seinem Namen aufgerufen«, sagte sie. »Und es hat sich dann für eine Weile eingestellt. Was macht dein Unterarm?«
»Der scheint wieder in Ordnung zu sein. Vielen Dank.«
»Gern geschehen.«
»Ich störe den artigen Wortwechsel nur ungern, aber ich finde, wir sollten uns langsam wieder in Bewegung setzen«, sagte Grunthor.
»Allerdings.« Achmed stand auf und bugsierte, was noch an toten Würmern auf dem Vorsprung lag, mit dem Fuß über den Rand. »Mir geht allmählich die Munition aus.«
Rhapsody zog den Kopf ein, um den herabfallenden Kadavern auszuweichen. Dann packte sie Blume und Kräuter zusammen und machte sich, Achmed und dem Riesen folgend, wieder an den Aufstieg, der immer noch kein Ende nehmen wollte.
11
Du bist der Schmutz, auf dem ich steh, der Kehricht unter meinen Füßen, versuche nur, dich mir zu widersetzen, du wirst es schrecklich, schrecklich büßen.
Der Sergeant lässt sich nicht verspotten. Egal, wie er auch zu dir steht, sprich du nur ja nicht schlecht von ihm, sonst wird der Hals dir umgedreht.
Rhapsody schmunzelte in sich hinein, als Grunthors tönender Bass unter ihr verhallte. Dem Bolg-Sergeanten . waren offenbar die Truppen durchgegangen, Truppen, über deren Art und Zusammensetzung noch spekuliert werden mochte. Jedenfalls schien er sich mit seinen Marschgesängen die Zeit vertreiben zu wollen, und ihr, Rhapsody, eröffneten sie einen interessanten Blick auf die Militärlaufbahn des Bolgs. Vor allem aber lernte sie ihr Glück zu schätzen, bislang von ihm verschont geblieben zu sein.
Ein kleines Dickicht aus dünnen Wurzeln bot ihnen einen geeigneten Platz für eine Rast. Rhapsody nahm die Gelegenheit wahr und massierte, um sich ein wenig aufzuwärmen, die Arme mit hastiger Hand. Gleichzeitig versuchte sie, den nervösen Herzschlag zu beruhigen, doch das flaue Gefühl in der Magengrube und das als Kloß im Hals steckende Grausen ließen sich nach wie vor nicht abschütteln. Endlich, nach unübersehbar langer Zeit, war das Ende des Schachts fast erreicht. Über ihnen wölbte sich eine riesige finstere Kuppel, wo Rhapsody den Himmel wähnte. Vielleicht ist es draußen dunkel, dachte sie, ahnte aber sehr wohl, dass der Anstieg länger als eine Nachtspanne gedauert hatte.
»Wartet«, rief Achmed, als er sich dem Rand der Öffnung näherte. Grunthor und Rhapsody hielten an und sahen seinen Schatten das letzte Stück am Wurzelturm emporklettern, der zur Öffnung des Schachtes hin noch einmal weit ausladend in die Breite ging, so sehr, dass der Blick nach oben verborgen war.
Rhapsody schaute zu Grunthor hinüber. Im Laufe der sich endlos hinziehenden Reise hatte sie immer mehr Zutrauen zu ihm gefasst. Sogar seinem Gefährten gegenüber war sie inzwischen ein wenig freundlicher gestimmt, auch wenn sie ihm noch nicht verziehen hatte und er ihr nach wie vor ein Rätsel war. Jetzt, da es so schien, als wäre das gemeinsame Ziel bald erreicht, wurde ihr bewusst, dass der riesige Bolg mitnichten das Ungeheuer war, vor dem man ihr als Kind Angst gemacht hatte, sondern im Gegenteil ein Mann, der etliches mehr zu bieten hatte als so manch andere.
»Grunthor?«
Der Sergeant schlug die bernsteinfarbenen Augen auf. »Ja, Herzchen?«
»Für den Fall, dass wir am Ende nicht mehr dazu kommen, uns in aller Form zu verabschieden, möchte ich dir jetzt schon einmal von Herzen für alles danken.«
Schmunzelnd blickte Grunthor empor zu der Stelle, an der Achmed verschwunden war. »Nichts für ungut, Euer Liebden.«
»Es tut mir Leid, wenn ich dich anfangs mit meinen dummen Vorurteilen über deinesgleichen beleidigt haben sollte.«
Grunthors Schmunzeln wurde merklich breiter. »Nett von dir, aber keine Bange, ich hab ein ziemlich dickes Fell. Und außerdem muss ich sagn, dass du für eine Liringlas gar nich mal so übel bist. Ich kenne sonst kaum ein Völkchen, das dermaßen ungenießbar wäre wie die Lirin.«